Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion | Birgit Frost am 10.03.2017

Didacta 2017: Themen, Trends, Tools

Welche Themen im Bereich Digitale Bildung werden aktuell diskutiert? Wer vertritt welche Standpunkte und welche Tendenzen und Entwicklungen lassen sich insgesamt beobachten? Das Team von werkstatt.bpb.de war auf der Didacta 2017 in Stuttgart und hat einige zentrale Punkte für Sie zusammengetragen.

Podium auf der Didacta 2017: Welche Kompetenzen brauchen unsere Schülerinnen und Schüler im digitalen Zeitalter?Podium auf der Didacta 2017: Welche Kompetenzen brauchen unsere Schülerinnen und Schüler im digitalen Zeitalter? (bpb / bearbeitet / Lizenz CC BY-SA 4.0)


Wer vom 14. bis 18. Februar über die Didacta 2017 spazierte, dem war schnell klar: Das Thema Digitale Bildung beschäftigt Schulen, Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Das Fachmagazin didacta widmete diesem Themenbereich die Sonderausgabe didacta DIGITAL zum Lehren und Lernen mit neuen Technologien, und keines der Messeforen kam ohne Podien oder Vorträge zur Digitalstrategie der Bundesregierung, Medienkompetenzen oder neuen Online-Tools und Apps im Bildungsbereich aus.

Welche Kompetenzen brauchen Lernende im digitalen Zeitalter?

Diese Frage diskutierte beispielsweise ein Podium des Forums Bildung mit
  • Prof. Joachim Kahlert (LMU München)
  • Bernd Sibler (Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst Bayern) und
  • Philippe Wampfler (Lehrer, Dozent, Autor und Blogger).
Das Schlagwort „Kompetenzorientierung“, das nicht mehr die Vermittlung bestimmter Inhalte, sondern die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten der Lernenden in den Mittelpunkt stellt, wurde schon Anfang des Jahrtausends in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz verankert. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten treten nun mit der zunehmenden Digitalisierung in den Vordergrund?

Philippe Wampfler stellte zunächst klar, dass es nicht per se analoge oder digitale Kompetenzen gebe. Eine Notiz könne man sich beispielsweise auf beiden Wegen machen, die Kompetenz bestehe im Falle der digitalen Notiz lediglich in der Bedienung des entsprechenden Geräts.

Als zentrale Fähigkeit, die alle Schülerinnen und Schüler beherrschen müssten, identifizierten die drei Podiumsteilnehmenden eine ausgeprägte Medienkompetenz kombiniert mit einer Werteerziehung. Prof. Kahlert betonte, dass traditionelle Fähigkeiten wie soziale Kompetenzen ihre Gültigkeit im digitalen Zeitalter nicht verloren hätten; hinzu käme heute die Anforderung, sich angesichts des großen digitalen Angebots zurechtzufinden, klug mit digitalen Medien und Inhalten umgehen zu können und sich in der digitalen Interaktion mit anderen an gewissen Werten zu orientieren. Bernd Sibler sah es als unerlässlich an, im „postfaktischen Zeitalter“ alternative Informationen bewerten und einordnen zu können und eine Art „Knigge“ für den Umgang mit digitalen Medien einzuhalten. Philippe Wampfler bestätigte, dass Werteerziehung ein integrativer Bestandteil von Medienkompetenz sei und ergänzte, dass Lernende bei der Navigation in der digitalen Welt eine Filterkompetenz entwickeln müssten, um glaubwürdige von unglaubwürdigen Inhalten zu trennen. Von großer Bedeutung sei dabei von der Schulzeit an der Aufbau eines persönlichen diversen Netzwerks, dessen Wissen und Urteilen man vertrauen und an dem man sich angesichts der ungefilterten Informationsflut im Web orientieren könne.

Wie sieht die Digitalstrategie in unserem Land aus?

Die Umsetzung einer Digitalstrategie in den kommenden Jahren war Thema gleich zweier Podien des Forums Bildung. Welche Strategie wir benötigen, diskutierten gemeinsam
  • Klaus Hebborn (Beigeordneter des Deutschen Städtetags) als Vertreter der Kommunen,
  • Dr. Ilka Hoffmann (Vorstandsmitglied der GEW und Leiterin des Organisationsbereichs Schule) als Vertreterin der Lehrenden,
  • Patrick Neiss (Vorstandsmitglied des Verband Bildungsmedien e. V.) als Vertreter der Bildungsmedienanbieter und
  • Dirk Loßack (Staatssekretär im Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein) als Vertreter der Länder.
Dirk Loßack stellte klar, dass die Kommunen für die Sachausstattung der Schulen zuständig sind und die Länder für die Lehrenden-Fortbildungen. Die Beteiligung des Bundes würde in den Ländern je nach deren finanzieller Ausstattung unterschiedlich aufgenommen. Klaus Hebborn ergänzte, dass die Rollenaufteilung in der Praxis nicht trennscharf sei, Länder und Kommunen hier eng zusammenarbeiten und der Bund unterstützen müsse.

Ilka Hoffmann kritisierte die Fokussierung des Bundes auf Pilotschulen und forderte die Förderung besonders der rückständigen Schulen. Über die Digitalisierung jubelten nur diejenigen Lehrenden und Schulen, die bereits auf dem Weg seien. Andere seien überfordert, auch die müsse man „mitnehmen“. Hoffmann betonte die Prozesshaftigkeit der Entwicklungen, kritisierte einen gewissen Aktionismus und die Tendenz, alles gleichzeitig umsetzen zu wollen, dies führe zu Überforderung.

Nach Klaus Hebborn werde die Rolle der Lehrenden angesichts digitaler Medien im Unterricht nicht unwichtiger, sondern im Gegenteil noch bedeutsamer werden: Die Begleitung individuellen Lernens sei anspruchsvoller als Frontalunterricht. Seine Einschätzung, der Fortbildungsbedarf der Lehrenden werde sich mit dem „Nachwachsen“ junger Kolleginnen und Kollegen von selbst erledigen, stieß bei den Mitdiskutierenden auf Widerspruch: Digitale Affinität sei nicht altersabhängig, so Patrick Neiss. Er forderte mehr Mittel für Lehrenden-Fortbildungen und auch mehr Angebote, nicht nur staatlicher Natur, sondern auch von Seiten weiterer Anbieter.

Dirk Loßack befürwortete ergänzend eine Kultur des Teilens von digitalem Wissen unter Lehrenden. Er betonte auch, dass Lernen ein hochsozialer Prozess sei und nicht ohne Lehrende funktionieren werde. Eine totale Digitalisierung des Unterrichts sehe er nicht, sondern digitale Komponenten als Ergänzung.

Ilka Hoffmann sieht die Schulen wie die Lehrenden in der Rolle des lebenslangen Lernens und wünschte sich diesbezüglich ebenfalls eine bessere Kooperation zwischen den Lehrenden. Das Engagement von Wirtschaftsunternehmen im schulischen Bereich kommentierte sie sehr kritisch. Die Politik müsse die Lehrenden hier begleiten, die Schule als öffentlicher Bereich müsse vor kommerziellen Interessen geschützt werden.

Neben den großen Themen Digitalkompetenzen und Digitalstrategie wurden viele weitere Aspekte digitaler Bildung im Rahmen anderer Podien, Gesprächsrunden und Präsentationen diskutiert. Interessant fanden wir unter anderem ein Podium des Initiativbüros „Gutes Aufwachsen mit Medien“, bei dem Einigkeit darüber herrschte, dass im Zeitalter der Digitalisierung eine Netzpolitik für Kinder unabdingbar sei und es die Darstellungen von Vielfalt, die Möglichkeiten der Partizipation und den Bildungsanspruch von Kindermedien zu stärken gelte. Außerdem hinterfragte die Diskussionsrunde „Digitale Revolution im Klassenzimmer?“ beim Forum didacta aktuell den Begriff der „Revolution“ in Bezug auf die digitale Umstrukturierung des Bildungsbereichs und machte einmal mehr die Prozesshaftigkeit dieser Entwicklung deutlich.

Tools und Apps für individuelles Lernen

Neben den thematischen Diskussionsrunden machten auch die Messeaussteller deutlich: Digitale Tools und Apps lassen sich immer besser in den Unterricht integrieren und ermöglichen ein individuelles Lernen und die gezielte Förderung von Schülerinnen und Schülern. Im Rahmen eines „Flipped Classrooms“ können sie von Lernenden für die eigenständige Erarbeitung von Unterrichtsinhalten genutzt werden. Viele kommerzielle Anbieter stellten ihre digitalen Produkte vor, die sich von Organisations-Tools für Lehrende über Anwendungen zur Erstellung von Erklärvideos bis hin zu digitalen Lernspielen für alle Fächer erstreckte. Auch die Schulbuchverlage bieten längst digitale Lernmedien an, setzen angesichts der auf der Messe aufgebauten „Buchläden“ jedoch weiterhin sichtbar auf das analoge Schulbuch.

Mit der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern mithilfe digitaler Medien beschäftigte sich auch das Barcamp des Verbands Bildungsmedien e. V. gemeinsam mit dem Twitterchat EDchatDE. Verschiedene Sessions beschäftigten sich mit der Frage, wie Lehrende eine hilfreiche e-Didaktik entwickeln und wie analoge und digitale Medien sinnvoll kombiniert werden können.

Die genannten Veranstaltungen und Angebote im Rahmen der Didacta sind lediglich Schlaglichter im Bereich Digitale Bildung. Das zeigt einmal mehr die Relevanz des Themas Digitale Bildung und macht deutlich, dass viele Ebenen – Politik und Wirtschaft, Lehre und Lehrendenbildung, Lernen und Erziehung – daran beteiligt und miteinander verwoben sind. Auch wenn in Umsetzung unterschiedliche Ansichten vorgetragen werden, herrscht grundlegende Einigkeit: Die Digitalisierung der Schulen muss kommen!


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