Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Fabian Riedel

"Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten

Der Jurist Dr. Walter Neye (1901–1989). Eine Fallstudie

Die Gartenstadt Atlantic war 1935 mit der beauftragten Baufirma, der Berlinischen Boden-Gesellschaft, wegen erheblicher baulicher Mängel in einen Rechtsstreit getreten.[25] Im Hauptprozess vor dem Landgericht Berlin drängte die BBG darauf, einem für die "Atlantic" sehr unvorteilhaften Vergleich zuzustimmen. Neye hatte im Vorfeld sowohl Sperber als auch von Massenbach versichert, keinen derartigen Vergleich mit der BBG abzuschließen, schloss ihn am 10. März 1937 dennoch überstürzt ab, obwohl er keine Vollmacht besaß. Die für die BBG unvorteilhaften, strittigen Punkte wurden in dem Vergleich nicht geregelt. Vielmehr schien Neye mit der BBG und ihrem inzwischen vollständig "arisierten" Vorstand in vorsätzlicher Weise zum Nachteil der "Atlantic", die er zu vertreten vorgab, zusammenzuwirken. Als klar wurde, dass der Vergleich mit dem vollmachtlosen Neye einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten würde, entschieden sich die Vertreter der BBG letztlich dafür, den Hauptprozess ungeachtet des Vergleichs fortzuführen.

Als die öffentlich rechtliche Wohnungsbaukreditanstalt einen alten, bei der Gartenstadt Atlantic längst als nachgelassen abgeschriebenen Zinsen- und Amortisationsbetrag von rund 92.500 Reichsmark neu geltend machte, zeigten sich abermals die Arisierungsabsichten des nationalsozialistischen Apparats Berlins. Wolfgang Schirmer und Alfred Mock gelang es zwar am 8. Oktober 1937, die WBK zum Stillhalten zu bewegen, indem der Rückstand an bevorzugter Stelle im Grundbuch zusätzlich hypothekarisch gesichert, langfristig amortisiert und mit den üblichen Hypotheken der WBK verzinst werden sollte.[26] Zwischenzeitlich aber ersuchte Schirmer Wolffsohn, die 951.000 Reichsmark Aktien der Gartenstadt Atlantic auf seinen Namen zu hinterlegen oder an ihn herauszugeben. Diesen erneuten Versuch, die Gartenstadt Atlantic zu übernehmen, konnte Wolffsohn abermals verhindern. Am 11. November 1937 berief er eine Generalversammlung ein, bei der Schirmer und Mock abberufen und an ihrer statt Wolfgang Fischer als Aufsichtsratsvorsitzender und wiederum Wolf von Massenbach als Vorstand installiert wurden.[27]

Schirmer und Mock, erbost über ihre Abberufung, legten der WBK umgehend nahe, keinerlei Rücksicht auf die Gartenstadt Atlantic und deren jüdische Eigentümer zu nehmen. Die WBK widerrief daraufhin die am 8. Oktober getroffene Abmachung.[28] Auf Antrag der WBK wurde am 23. November beim Amtsgericht Wedding die Zwangsversteigerung und Zwangsverwaltung jener Grundstücke der Gartenstadt Atlantic angeordnet, welche die WBK beliehen hatte. Anschließend gelang es zwar dem neuen Aufsichtsrat Fischer, die WBK zum Stillhalten und zur Einstellung der Zwangsvollstreckungsmaßnahmen zu bewegen. Ausdrückliche Bedingung hierfür war allerdings, dass die Gartenstadt Atlantic sich ihrerseits verpflichten musste, der BBG im immer noch laufenden Prozess vor dem Landgericht Berlin entgegenzukommen und mit ihr den ursprünglich gewünschten Vergleich abzuschließen.[29]

Damit geriet Karl Wolffsohn eine aussichtslose Situation. Er sah sich konfrontiert mit unannehmbaren Forderungen einerseits der nationalsozialistischen Behörde WBK und andererseits der inzwischen vollständig "arisierten" BBG. Zudem wurde Wolffsohn bereits am 15. August 1938 von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen, weil er sich bei der Überführung der Atlantic-Aktien in "arische" Hände arglistig verhalten habe.[30]

Neun Tage später kam es zu einem zweiten Vergleich mit der BBG, den die WBK erzwungen hatte[31] und den die Gartenstadt Atlantic und deren inhaftierter Eigentümer Wolffsohn unter normalen Verhältnissen niemals abgeschlossen hätten. Die BBG wurde nun von den außergewöhnlich hohen und aufgrund positiver Gutachten höchstwahrscheinlich durchsetzbaren Regressansprüchen der Gartenstadt Atlantic und Karl Wolffsohns befreit.

Karl Wolffsohn wurde mit der Auflage, innerhalb von vier Wochen Deutschland zu verlassen, am 13. Februar 1939 aus der "Schutzhaft" entlassen. Als ihm zugetragen wurde, dass ein Devisenverfahren gegen ihn drohe, traf er überstürzt alle Vorbereitungen für eine Emigration nach Palästina. Jedoch konnte er die erforderlichen Ausreiseunterlagen nicht mehr rechtzeitig vor Ablauf der Einreisegenehmigung nach Palästina erhalten und floh mit seiner Familie dorthin, wo er am 6. April 1939 eintraf. Ebenso wie die Familie Wolffsohn flohen von 1933 bis Anfang 1939 insgesamt 80.000 Juden aus Berlin in eine ungewisse Zukunft.[32]

1949 kehrte Karl Wolffsohn wieder zurück nach Deutschland, um vor den Behörden seine Ansprüche auf die "arisierten" Besitztümer geltend zu machen. Der Familie gelang es, durch jahrelange Wiedergutmachungsprozesse die Gartenstadt Atlantic in ihr Eigentum zurückzuführen.[33] Karl Wolffsohn sollte das Ende der Prozesse nicht mehr erleben. Er starb am 6. Dezember 1957 in Berlin.

Walter Neyes Bedeutung bei der "Arisierung" der Gartenstadt Atlantic blieb zeitlebens für ihn ohne rechtliche Konsequenz. Im Gegenteil: Sein nationalsozialistischer Dienstherr bewertete seine Tätigkeit in Berlin als höchst erfolgreich. Am 15. Juni 1938 wurde er im Amtsgerichtsbezirk Charlottenburg zum Notar bestellt. Der Landgerichtspräsident gab am 30. November 1939 eine Stellungnahme über Neyes Tätigkeit als Notar ab: Neye sei "gewandt und kenntnisreich" und "habe seine Geschäfte ordnungsgemäß geführt und seine Urkunden sachlich einwandfrei abgefasst". Die Beurteilung endete mit dem Satz: "In charakterlicher Hinsicht ist mir Nachteiliges über ihn nicht bekannt", und der damals üblichen Standardformel: "Die Mitgliedschaft in der NSDAP und dem NSRB geben mir die Gewähr für seine politische Zuverlässigkeit."[34]


Fußnoten

25.
Der Aktienbesitz der BBG wurde schrittweise bis Juli 1938 zu 61 % »arisiert« : vgl. Martin Krauß, Die »Arisierung« der Berlinischen Boden-Gesellschaft, in: Biggeleben u. a. (Anm. 16), S. 188.
26.
Wehner (Anm. 9), Bl. 8.
27.
Ebd., Bl. 9.
28.
Ebd., Bl. 9, 26.
29.
Ebd., Bl. 26.
30.
Ebd., Bl. 22.
31.
Ebd., Bl. 25.
32.
Schreiber (Anm. 16), S. 47f.
33.
Michael u. Rita Wolffsohn, »Warum machen Sie das?«, in: Zohlen, Fränkel (Anm. 10), S. 11–15.
34.
Personal- und Befähigungsnachweisung, BLHA, Rep. 4A Personalia Nr. 9958, Teil 1, Bl. 14.

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