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„Ihr Völker der Welt“

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. 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Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? 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Die "Auskunftspersonen" der Stasi – Der Fall Saalfeld Geschlossene Venerologische Stationen und das MfS Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts Alltag und Gesellschaft Fußball mit und ohne Seele München 1972: Olympia-Streit um das „wahre Freundesland“ Afrikas Das religiöse Feld in Ostdeutschland Repräsentation Ostdeutschlands nach Wahl 2021 Die Transformation der DDR-Presse 1989/90 Das Elitendilemma im Osten "Affirmative Action" im Osten Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion Die Bundestagswahl 2021 in Ostdeutschland Deutsch-deutsche Umweltverhandlungen 1970–1990 Der Plan einer Rentnerkartei in der DDR "Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Deutsch-ausländische Ehen in der Bundesrepublik Verhandelte Grenzüberschreitungen Verpasste Chancen in der Umweltpolitik Der dritte Weg aus der DDR: Heirat ins Ausland Und nach Corona? 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Die Insel-Bücherei Versuche deutsch-deutscher Literaturzeitschriften Geschiedene Gemüter, zerschnittene Beziehungen Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das MfS Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands Die Leipziger Buchmesse, die Börsenvereine und der Mauerbau Die Publikationskontroverse um Anna Seghers' "Das siebte Kreuz" Westdeutscher linker Buchhandel und DDR Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen" Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke Eine deutsch-deutsche Koproduktion: die "OB" Dokumentation: "Ein exemplarisches Leben – eine exemplarische Kunst" Literaturjournal Nach dem Mauerbau (7/2012) Der ewige Flüchtling Der Warenkreditwunsch der DDR von 1962 Die Entstehung der "Haftaktion" Leuna im Streik? Mit dem Rücken zur Mauer Der Honecker-Besuch in Bonn 1987 Ein Zufallsfund? 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„Ihr Völker der Welt“

Joachim Jauer

/ 9 Minuten zu lesen

"Schaut auf diese Stad!" rief Ernst Reuter 1948 angesichts der russischen Blockade von Berlin um Hilfe. "Heute ist Berlin Kyiv", appelliert der ehemalige ZDF-Osteuropakorrespondent Joachim Jauer (81). Ein Kommentar zu Russlands Krieg gegen die Ukraine aus Zeitzeugenperspektive.

Vor russischen Bomben unter einer zerstörten Brücke Schutzsuchende in einem Vorort von Kiew am Fluß Irpin, 5. März 2022. (© picture-alliance/AP, Emilio Morenatti)

In den letzten April- oder ersten Maitagen 1945 krochen wir aus dem Luftschutzkeller. Tage der Befreiung von Hitlers Terrorregime durch den Opfergang, den Kampf von ungezählten Russen. Meine Mutter war mit uns drei Kindern im Keller meiner Großeltern untergekommen. Zuvor hatten wir tagelang im sogenannten Gesundbrunnenbunker beim Berliner Humboldthain Zuflucht gesucht. Ich war noch nicht einmal fünf Jahre alt. Mitte Mai kamen Russen auf unseren Hinterhof in Berlin Pankow. Sie haben zuerst nach Nazis gesucht, doch das weiß ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter.

Sehr gut aber erinnere ich mich daran, dass auf dem Hof eine Art Feldküche aufgebaut wurde. Eine mit uns Kindern besonders freundliche junge Russin teilte aus einem in meiner Erinnerung „riesigen“ Kessel Suppe aus, an alle, auch an die etwa 50 Bewohner des Hauses, Dazu gab es schwarzes Kastenbrot und wir Kinder erhielten in die Hände jeweils eine Kelle Schmalz. Meine Mutter berichtete oft, wie viel Angst sie vor russischen Eroberern hatte, doch die Soldaten waren freundlich bis neutral, ein Offizier sprach ziemlich gut Deutsch und wollte, so meine Mutter, mehrfach ein kleines Goethe-Gedicht aufsagen.

Nur wenige Jahre später eine andere Welt. Wir wohnten nun im Französischen Sektor nur knapp 200 Meter vom Sowjetsektor entfernt. Unter der Wollank-Brücke an der Grenze zwischen den Bezirken Wedding, West und Pankow, Ost hindurch sah man – aufgebaut auf einem mehrere Meter hohen Gestell – ein Porträt des Genossen Stalin, direkt neben einem kleinen Franziskanerkloster, dessen Kapelle wir jeden Sonntag besuchten. Und schon war meine Heimatstadt gespalten – in den „westlichen“ Westen und den „russischen“ Sektor.

Noch 1946 und 1947 war unsere Mutter mit uns drei Kindern Richtung Oranienburg gefahren. Wir sammelten Kienäpfel, Mutter schnitt aus den Stubben gefällter Kiefern Kleinholz. Auf dem Weg zu dem Waldstück mussten wir am ehemaligen KZ Sachsenhausen vorbei. Hinter dem Zaun starrten uns Männer an. Auf dem Wachtturm standen Soldaten der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Russen hatten das deutsche KZ-Lager übernommen und hielten dort ehemalige Nazis und Mitläufer aber auch „Kapitalisten“ und „verdächtige Kritiker“ gefangen.

Später hat mich mein Vater 1948, während der Blockade Berlins durch die Sowjetunion, zum Platz vor dem Reichstagsgebäude mitgenommen. Ernst Reuter habe ich mit seinem Hilfs-Appell an „Die Völker der Welt“ vor hunderttausenden West-Berlinern gehört: „Schaut auf diese Stadt!“ Die Blockade wurde aufgehoben.

Die russischen Besatzer, einst Befreier, halfen nun mit ihrer Militärmacht der ungeliebten SED beim „Aufbau des Sozialismus“. Russische Panzer erstickten am 17. Juni 1953 den Aufstand der Arbeiter in Ost-Berlin. Von meiner Schule in der Tiergartenstraße aus war ich zum Potsdamer Platz gelaufen und sah das „Haus Vaterland“ in Flammen. Vor russischen Panzern, die rings um Berlin in der „Zone“ tausendfach stationiert waren hatten die West-Berliner Angst, besonders nach dem „Chruschtschow-Ultimatum“ 1958, mit dem der Westteil der Stadt der Sowjetischen Zone gewaltsam eingegliedert werden sollte. Am 4. November 1956 hatte ich in der Schülerzeitung „Agora“ des Berliner Goethe-Gymnasiums bereits meinen ersten politischen Kommentar geschrieben. Sicher in ungelenken Sätzen verurteilte ich den Einmarsch der „Roten Armee“ in Budapest, die den Freiheitskampf der Ungarn mit Panzern niederwalzte.

Dann war ich Zeuge des Mauerbaus und seiner Folgen, sah Ende Oktober den sowjetischen Panzer an der Sektorengrenze beim Checkpoint Charlie, ihm Gegenüber ein Panzer der US-Armee.

Eskalation im Kalten Krieg, mitten in Berlin: Am 28. Oktober 1961 stehen sich am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße US-amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber.
Foto/©: AP. (© Associated Press )

Ich wurde Journalist bei RIAS Berlin und dann beim ZDF. Jahre später sah ich wie die Deutschen meiner Generation hilflos zu, dass alle Hoffnungen auf Alexander Dubceks Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“, dass der „Prager Frühling“ 1968 brutal beendet wurde. Filmaufnahmen für die erste Dokumentation über Alltag der DDR in Potsdam musste ich in diesen Tagen vorzeitig abbrechen. Auf der von Stasi-Autos begleiteten Fahrt zurück nach Ost-Berlin und dann bis zur innerstädtischen Grenze sah ich endlose Kolonnen sowjetischer Militärfahrzeuge und Panzer. Am nächsten Morgen meldete RIAS Berlin den Einmarsch der „Roten Armee“ in Prag. Ich lebte vier Jahre lang als ZDF-Korrespondent in Ost-Berlin, während der damals noch hoffnungslosen Jahre in der DDR, wurde als Journalist aus dem Westen auch in die sowjetische Botschaft unter den Linden „zu Informationen“ eingeladen.

Die Gespräche mit Russen waren meist höflich, ziemlich verklemmt und distanziert. Mit der Wahrheit nahmen es in der Epoche des Kalten Krieges beide Seiten nicht so genau. Treffen der sogenannten „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ in der DDR beobachtete ich als parteilich verordnete Beziehungsübungen. Sowjetische Kasernen oder Militäranlagen waren für westliche Kameras absolut tabu.

Im Dezember 1981 erlebte ich als journalistischer Reisebegleiter von Bundeskanzler Schmidt bei der Begegnung mit Honecker in Güstrow die Verhängung des Kriegsrechts gegen Polens Solidarnosc. Der „Kalte Krieg“ war nie wirklich kalt. Nach 1953 Berlin, 1956 Budapest, 1961 Mauerbau, 1968 Prag und 1981 Polen schien die sowjetische Atom-Macht ungebrochen.

Doch dann war ich zu Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Zeiten 1988 in Moskau, wo am Gebäude der Zeitung „Iswestija“ ein riesiges Stalin-Porträt hing. Aus der Tabakspfeife des Diktators quoll Rauch, der aus tausenden kleinen Totenköpfen zusammengesetzt war. Zum ersten Mal seit dem Oktober-Putsch der Kommunisten 1917 konnte, durfte „im russischen Frühling“ öffentlich geweint, getrauert oder wütend dagegen protestiert werden, was seit Lenins und Stalins Zeiten unzähligen Sowjetbürgern, Russen, angetan worden war. Auch die Zeit des Gegenübers von sowjetischen SS-20 und amerikanischen Pershing 2-Raketen ging zu Ende. Die Menschen riefen einen Russen, „Gorbi“, zu Hilfe, die Berliner Mauer fiel.

Wenige Monate zuvor konnte ich – inzwischen Ost-Europa-Korrespondent – die Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ am 2. Mai 1989 durch ungarische Pioniere im Fernsehen zeigen. Kurz danach im Juni nahm mein Kamerateam kaum zu glaubende Bilder auf. Ich berichtete, wie die ersten Einheiten der Südgruppe der Sowjetarmee, Panzer auf Eisenbahnwagen und insgesamt 70.000 Soldaten, von zahlreichen Zuschauern mit Beifall auf „Nimmer-Wiedersehen“ verabschiedet, Ungarn verließen.

Mal Tyrannen, mal Aggressoren, mal Diplomaten, lange Zeit Besatzer

Sowjets, Russen, mal Tyrannen, mal Aggressoren, mal Diplomaten, lange Zeit Besatzer, nur kurze Zeit Gorbatschow, aber immer – in heutigem Deutsch niedlich formuliert – Influencer, erst im geteilten, dann im vereinten Deutschland und Europa.

All das war plötzlich wieder in meinem Kopf, als ich die "Rede an die Nation" des russischen Präsidenten Putin am Montag, dem 21. Februar abends im Fernsehen sah, als er sich die Geschichte der Ukraine für seinen Krieg drei Tage später zurechtbog: "Die heutige Ukraine wurde voll und ganz und ohne jede Einschränkung von Russland geschaffen, genauer: vom bolschewistischen, kommunistischen Russland..." Ich habe unziemliche Vergleiche mit der NS-Zeit stets verurteilt. Und das gilt (galt) ganz besonders für die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion, Russland, Weißrussland und Ukraine, in denen nationalsozialistischer Terror gewütet hatte.

Unvergesen: Babyn Jar

Dennoch unter dem Eindruck der Drohungen Putins erinnerte ich mich auch an Orte der deutschen Barbarei, besonders an das Massaker im Tal von Babyn Jar, das vor den Toren von Kiew liegt, und spätestens jetzt wollte ich mein Gedächtnis über den Beginn der nationalsozialistischen „Militär-Operationen“ auffrischen, die genauen Daten von 1938 – Einmarsch von Hitlers Armee in die Tschechoslowakei ? – und schaute bei Wikipedia nach. (ZITAT)Die Sudetenkrise oder sudetendeutsche Krise im Jahr 1938 war ein vom nationalsozialistischen Deutschland provozierter und eskalierter internationaler Konflikt mit dem Ziel, die staatliche Existenz der Tschechoslowakei zu zerstören und ihre böhmischen und mährischen Landesteile dem deutschen Reichsgebiet einzuverleiben. Konrad Henlein und die von ihm geführte Sudetendeutsche Partei als Vertreter der deutschen Minderheit arbeiteten dabei mit Adolf Hitler und der NS-Führung zusammen.

Sofort fiel mir auf: Staat und Jahr, handelnde Personen, sowie Absicht des Aggressors damals wären auf schreckliche Weise spiegelbildlich mit den Tagen von 2022 austauschbar. Die Tage nach dem 21. Februar gaben dem ungeheuerlichen Verdacht Recht. Als Putins hunderttausendfache Militärmaschine von ihren angeblichen „Manövern“ Tage später in die Ukraine eingebrochen war, hatte sich der russische Außenminister und Tatsachenverdreher Lawrow vor aller Welt endgültig als Lügner entlarvt.

Michail Gorbatschow hatte einst mit Glasnost – zu Deutsch: Offenheit, Kritik – der Wahrheit über die finstere Stalin-Vergangenheit und die elende kommunistische Gegenwart den Weg geebnet. Putin hat die Verfolgung von Wahrheit und seine Lügen zum Motor einer verbrecherischen Politik gemacht. Es begann in Russland selbst. Kritische Aktivisten und Journalisten waren ihres Lebens nicht mehr sicher.

Die übersehenen Warnsignale

Der Mord an der Publizistin Anna Politowskaja im Oktober des Jahres 2006 war eines der ersten Warnsignale. Putin steuerte in seiner zweiten Amtszeit als Präsident in die Diktatur, in den Medien vornehmer als autoritär geführte Demokratie bezeichnet. Deutschlands Ex-Kanzler, Förderer und Nutznießer der russischen Gaslieferungen, Gerhard Schröder, nannte seinen Freund Putin einen „lupenreinen Demokraten“. Es folgten Geheimdienstmorde an Kritikern im Ausland. Putin-Gegner Boris Nemzow wurde im Februar 2015 in Sichtweite des Kremls beim Spaziergang erschossen. Der wahrscheinliche Auftraggeber, der Ex-Geheimdienst-Offizier Putin gab sich ahnungslos.

Zuvor hatte der Kreml-Herrscher die ukrainische Krim überfallen, mit grünen Männern, die sich als Selbstverteidiger russisch-sprachiger Krim-Bewohner ausgaben. Panzer, die nicht als russische Kriegsmaschinen gekennzeichnet waren, unterstützten die völkerrechtswidrige Annexion. Das störte den Bau der Gaspipeline Nordstream 2, der 2011 mit Angela Merkel und dem russischen Ministerpräsidenten Medwedjew feierlich vereinbart worden war, nicht. Gegen den Protest fast aller deutscher Nachbarn wurde – gewissermaßen an der Ukraine vorbei – weitergebaut. „Wandel durch Handel“ hieß die hoffnungsvolle Devise.

Der Giftanschlag auf Putins prominentesten Gegner, Alexei Nawalny, im Sommer 2020 und seine Rettung in der Berliner Charité ging wochenlang durch unsere Nachrichten. Unbekannte, sicher Putins Geheimdienstler hatten Nawalnys Unterhose mit Nowitschok-Nervenkampfstoff getränkt. Der genesene Nawalny wagte es, in seine Heimat Russland zurückzukehren, wurde prompt verhaftet und sitzt seitdem in einem Spezial-Gefängnis.

Gerade hat er von dort seine russischen Landsleute zu Demonstrationen gegen Putins Krieg aufgerufen. Und von zahlreichen Demonstrationen aus vielen Städten Russlands wird täglich berichtet. Auch auf dem Puschkin-Platz in Moskau stehen sie wieder am Denkmal des großen russischen Dichters in stummem Protest wie zu Stalins Zeiten, stumm, weil es gefährlich ist das Wort Krieg laut zu sagen. Es gibt das andere Russland, auch wenn die ehrenhafte Organisation „Memorial“ von Putins willfähriger Justiz als „ausländischer Agent“ erst vor kurzem verboten wurde. Spätestens da war klar, dass der Diktator sein Land innenpolitisch derart unterdrückt, dass seine dann „Spezial-Operation“ genannten Verbrechen öffentlich nicht mehr Krieg genannt werden sollten. Aber was soll das denn bitteschön anderes als Krieg sein, was derzeit in Kiew und andernorts in der Ukraine geschieht, verursacht durch russische Truppen?

(© picture-alliance/AP, Efrem Lukatsky)

Erinnerung an Ernst Reuters Worte

Und ich sitze jeden Abend vor dem Fernseher: Bilder von Menschen in U-Bahn-Stationen oder Kellern, zusammengedrängt voller Angst. Ich weiß noch, wie das war im Gesundbrunnenbunker oder in Großvaters Luftschutzkeller. Ich höre wieder die Schreie der Frauen und das dumpfe Stöhnen der Männer, wenn die Bunkerwände bei Bombeneinschlag in Berlin damals und heute in Charkiw, Mariupol oder Kyiv zittern.

Aber ich höre auch wieder jene Worte Ernst Reuters aus dem Jahr 1948, als mich mein Vater mit vor den Reichstag nahm:

„Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.“

Da sagte Ernst Reuter am 9. September 1948 während der Blockade Berlins durch die Sowjetunion.

Damals Berlin – heute Kyiv? Charkiv? Mariupo!? Cherson und viele andere Orte in unserem europäischen Nachbarland? Wo Menschen noch immer in der schrecklichen Angst vor Bomben und Soldaten leben müssen, und wo absehbar ist, dass über drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 bald ein feindbildgeprägter neuer zwischen Menschen wächst. Welch Wahnsinn anno 2022 mitten in Europa.

Zitierweise: Joachim Jauer, "Ihr Völker der Welt", in: Deutschland Archiv, 5.3.2022, www.bpb.de/505872.

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen". Darunter sind:

Weitere Betrachtungen aus unterschiedlichsten Perspektiven werden folgen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. die Übersetzung von Putins Rede auf: https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/putin-rede-21.2.2022/, letzter Zugriff 5.3.2022.

Weitere Inhalte

Joachim Jauer war ZDF-Korrespondent in der DDR. Er war Jahre lang verantwortlich für das Magazin Kennzeichen D. 1989 berichtete er über den Fall des Eisernen Vorhangs, die DDR-Fluchtbewegung und wurde Chronist der Revolutionen in Osteuropa. Er ist Autor der Bücher "Urbi et Gorbi" und "Kennzeichen D - Friedliche Umwege zur deutschen Einheit".