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Ist der Osten ausdiskutiert?

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine Recherche Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine andere Sicht "Begriffliche Unklarheiten" Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR "Schicksale nicht Begriffe" Mauerbau und Machtelite Zwangseingewiesene Mädchen und Frauen in Venerologischen Einrichtungen Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek Politisch inhaftierte Frauen in der DDR Ein widerständiges Leben: Heinz Brandt Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr von Dietmar Mann Die politische Justiz und die Anwälte in der Arä Honecker Geraubte Kindheit – Jugendhilfe in der DDR Haftarbeit im VEB Pentacon Dresden – eine Fallstudie Zwischen Kontrolle und Willkür – Der Strafvollzug in der DDR Suizide in Haftanstalten: Legenden und Fakten Die arbeitsrechtlichen Konsequenzen in der DDR bei Stellung eines Ausreiseantrages Max Fechner – Opfer oder Täter der Justiz der Deutschen Demokratischen Republik? Die "Auskunftspersonen" der Stasi – Der Fall Saalfeld Geschlossene Venerologische Stationen und das MfS Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts Alltag und Gesellschaft Fußball mit und ohne Seele München 1972: Olympia-Streit um das „wahre Freundesland“ Afrikas Das religiöse Feld in Ostdeutschland Repräsentation Ostdeutschlands nach Wahl 2021 Die Transformation der DDR-Presse 1989/90 Das Elitendilemma im Osten "Affirmative Action" im Osten Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion Die Bundestagswahl 2021 in Ostdeutschland Deutsch-deutsche Umweltverhandlungen 1970–1990 Der Plan einer Rentnerkartei in der DDR "Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Deutsch-ausländische Ehen in der Bundesrepublik Verhandelte Grenzüberschreitungen Verpasste Chancen in der Umweltpolitik Der dritte Weg aus der DDR: Heirat ins Ausland Und nach Corona? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. Juni Augenzeugenbericht Kultur und Medien Einmal Beethoven-Haus und zurück Heimat ist ein Raum aus Bytes Der Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ostdeutschland Die Demokratisierung von Rundfunk und Fernsehen der DDR Die Stasi und die Hitler-Tagebücher Ein Nachruf auf Walter Kaufmann Die Tageszeitung »Neues Deutschland« vor und nach 1990 Wie ein Staat untergeht Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR Reaktionen auf die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ „Mitteldeutschland“: ein Kampfausdruck? Gesundheitsaufklärung im Global Humanitarian Regime The British Press and the German Democratic Republic Kulturkontakte über den Eisernen Vorhang hinweg "Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk“ "Flugplatz, Mord und Prostitution" SED-Führung am Vorabend des "Kahlschlag"-Plenums Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. 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Ist der Osten ausdiskutiert?

Steffen Mau

/ 8 Minuten zu lesen

Warum es den ostdeutschen Eliten auch nach mehr als dreißig Jahren nicht gelingt, eigene Themen zu setzen.

Der Schriftzug "OST" auf dem Dach der Volksbühne in Berlin ist am 24.06.2017 während der letzten Vorstellung von "Die Brüder Karamasow" entfernt worden. (© picture-alliance/dpa)

"Über wenig haben die Deutschen intensiver gesprochen in den vergangenen dreißig Jahren als über die Lage im Osten, die DDR-Vergangenheit, über die vermeintlichen und realen Ost-West-Unterschiede und deren Auswirkungen", so schrieb der Journalist Alexander Cammann 30 Jahre nach dem Mauerfall. Die Ost-Topoi seien alle laut und meinungsstark verhandelt worden. Ganz anders Jürgen Habermas, Deutschlands wichtigster Denker, einige Wochen zuvor im Interview. Er befand, es hätte "seit Langem informierte und anhaltende Debatten über die Fehler beider Seiten beim Modus der Wiedervereinigung geben sollen".

Ein Gegenstand, zwei unterschiedliche Bewertungen. Aber nur auf den ersten Blick. Während Cammann die Themen Stasi, Polikliniken und die MDR-Nostalgieshows im Blick hat, geht es Habermas um Grundsätzlicheres. Nämlich um die Frage, ob und wie in der Öffentlichkeit konkurrierende Auffassungen zu wichtigen Gesellschaftsfragen debattiert wurden. Immerhin ist die Bewertung der Wiedervereinigung – nicht als Ereignis, aber als politischer, sozialer und ökonomischer Prozess – in Ost und West sehr unterschiedlich.

Ist der Osten, ist die deutsche Einheit ausdiskutiert? In der Menge vielleicht schon, in der Sache aber noch nicht.

Der Soziologe und ehemalige Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, Wolf Lepenies, beklagte schon Anfang der 90er-Jahre die "Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit", sprach gar vom "Desaster der interpretierenden Klasse". Weltpolitisch war der Fall der Berliner Mauer eine Zäsur, aus bundesrepublikanischer Binnenperspektive aber ein "Festival der Selbstbestätigung", was die Bereitschaft zu grundsätzlichen Debatten und Selbstbefragungen schmälerte. Für die Politik des Weiter-so trage aber nicht nur die politische Klasse der Bundesrepublik Verantwortung, sondern auch die Ostdeutschen selbst, die sich in Politikverzicht übten. Müde von der "Überpolitisierung" des Lebens in der DDR, aber auch gefangen in einer Duldungsstarre angesichts der Umbruchsturbulenzen, gelang es ihnen nicht, eine selbstbewusste Diskurshaltung einzunehmen.

Unpolitische Nachwendegeneration

Für meine eigene Ost-Generation, die sogenannten 89er (jene, die 1989 zwischen 17 und 25 Jahre alt waren), prophezeiten Jugendforscher damals allerdings ein stark politisiertes Bewusstsein. Im Kontrast zur "Generation Golf", den letzten Teenagern der alten Bundesrepublik, versprach man sich von den jungen Ostdeutschen eine feine Antenne für gesellschaftliche Verkrustungen und kein Einrichten im apolitischen Wohlstandskomfort. Allein, diese Erwartung wurde enttäuscht. Die 1989er des Ostens forderten weder ihre Elterngeneration noch die politischen Verhältnisses der alten Bonner Republik heraus. Die Orientierung auf das private Glück stand noch weit vor jedem Versuch, sich eine eigene politische Agenda zu geben.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber noch immer liegt einiges im Argen. Die Debatten treten auf der Stelle, kommen immer wieder auf dieselben Themen zurück. Etwa die Frage, ob die DDR nun ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht? Oder die Frage, ob sich mit der Wiedervereinigung das nationale Glück vervollkommnete oder der Osten durch den Westen "übernommen" wurde? Oder die Frage, ob die Bürgerrechtler die Friedliche Revolution "gemacht" hätten, während der Rest der DDR nur passiv "hinter der Gardine" gestanden habe oder nicht?

Oder die Frage, ob die rigide Privatisierungspolitik der Treuhand unvermeidbar war oder eine fehlgelaufene Politik mit gesellschaftlichen Flurschäden als Hinterlassenschaft? So wichtig diese Themen, so überschaubar der Neuigkeitswert der Antworten. Das liegt vor allem daran, dass sich die Kombattanten in ihre Deutungsgräben eingeschaufelt haben. Viele der Beteiligten kennen sich lange, die Argumente des Für und Wider wurden mantraartig ausgetauscht. Aber mit alten Reflexen lassen sich neue Debatten nicht führen.

Es fehlt der Schwung

Aber warum ist alles so festgefahren, warum fehlt der Schwung, sich neue Perspektiven zu erobern? Natürlich hat das etwas mit dem unterschiedlichen Erleben der DDR zu tun, mit Verstrickung und Widerstand. Bürgerrechtler lassen sich ungern von anderen sagen, was "ihre" Revolution gewesen sein soll. Erika und Max Mustermann aus Ostdeutschland pochen hingegen auf die eigene Sicht und das eigene Erleben. Auch der Beitritt hat viele Erfahrungsgesichter. Selbst wenn die Vereinigungsbilanz der großen Mehrheit der Ostdeutschen positiv ausfällt, sparen sie nicht mit Kritik. Die Gestalter der Wiedervereinigung wiederum verschanzen sich hinter der Überzeugung, das Beste herausgeholt zu haben. Aus der Kritik an dem Weg in die Einheit machen sie einen "Widerwillen gegen die Einheit", stellen vergangene Entscheidungen als alternativlos dar. Und der Westen winkt oft müde ab, manche sind gar genervt vom ewig weinerlichen Ossitum und möchten sich keine Ost-West-Debatte aufdrängen lassen. Davon habe man doch nun schon genug gehört. Lieber verteilt man Haltungsnoten in Sachen Demokratie.

Von der ostdeutsch geprägten SED/PDS/Die Linke hat man aus den bekannten Gründen – eigene Verstrickung, politische Selbsterhaltungsinteressen, ideologische Beißhemmung – keine tiefschürfende Auseinandersetzung mit der DDR erwarten dürfen. Zu sehr war sie damit beschäftigt, die eigene Wählerschaft nicht zu verprellen und im vereinten Deutschland Fuß zu fassen, und zu leicht war es, sie mit "Rote-Socken-Kampagnen" zu diskreditieren. Leidenschaftlich war sie aber immer dann, wenn es darum ging, die Misere der Wiedervereinigung zu beklagen. Die AfD versucht sich seit geraumer Zeit als Sammelbecken all derer, die sich mit Ressentiment gegen gesellschaftliche Veränderungen stemmen. Das "Vollende die Wende" von in München oder Lünen geborenen Spitzenpolitikern der AfD kann man allenfalls als dünkelhafte Trittbrettfahrerei verstehen, mit der versucht wird, sich eines Ostdiskurses zu bemächtigen.

Und die einst diskursstarken Bürgerrechtler sind im vereinten Deutschland in eine Schleife des Immergleichen hineingeraten. Aus den einstigen Protagonisten des Aufbruchs sind, mit Verlaub, erinnerungspolitische Traditionalisten geworden. Sie melden sich immer dann kraftvoll zu Wort, wenn es darum geht, das eigene Vermächtnis zu verteidigen. So wichtig diese Wortmeldungen im Einzelnen, so überraschungsarm und monothematisch bleiben sie oft. Eine Allzuständigkeit ist sicherlich keine Tugend, aber zu all den drängenden Themen, von der Globalisierung bis hin zur Digitalisierung (man denke an die Frage der digitalen Überwachung), kamen kaum intellektuelle oder politische Impulse mehr, für das Rassismusthema oder die neue Identitätspolitik gilt dasselbe. Selbst die Linien und Spannungen der großen Transformationen in Ost- und Mitteleuropa haben uns Ivan Krastev, Philipp Ther und Swetlana Alexandra Alexijewitsch besser erklärt und in die internationale Diskussion hineingebracht als die ostdeutschen Bürgerrechtler.

Jenseits der Nostalgie

Die vielfach konstatierte Elitenschwäche des Ostens ist schließlich ein besonders gravierender Grund für die schwächelnde Diskursfähigkeit. Ob im Feld der Kultur, der Wissenschaft, der öffentlichen Verwaltung oder der Wirtschaft – mit nur wenigen Personen in herausgehobenen Positionen fehlen die Sprecherinnen und Sprecher, die eigene Themen setzen könnten. In den Medien wiegt dieser Mangel an den Führungspersönlichkeiten – in den Chefredaktionen, den Herausgeberschaften oder Intendanzen – doppelt schwer, weil hier die Themen gesetzt, Titelgeschichten gemacht werden. Die Kehrseite des Elitendefizits ist eine Artikulationsschwäche des Ostens. Auch deshalb bleibt der Osten, der vieles miteinander bereden müsste, bis heute auffallend einsilbig.

Im gesamtdeutschen Resonanzraum sind die hörbaren Stimmen zu leise und zu begrenzt, um wirklich ein Spektrum von Meinungen und Perspektiven aufzufalten. Diejenigen, die zur politischen Elite wurden, begnügten sich damit, die Ostdeutschen auf den öffentlichen Bühnen zu erklären oder sich als Dolmetscher zwischen Ost und West zu gerieren. Spitzenpolitiker wie Angela Merkel oder Joachim Gauck haben sich schon von Amtes wegen nicht als Ostdeutsche profiliert. Die Ministerpräsidenten der Ostländer melden sich vor allem dann zu Wort, wenn es etwas zu verteilen gibt. So klug und beredt er auch sein mag, ob Wolfgang Thierse als "Mundwerk des Ostens" – schon diese klassensprecherhafte Bezeichnung ist entblößend – das Diskursfeld als Ein-Mann-Betrieb zu beackern vermag, darf man getrost bezweifeln. Aber ohne große Debatte, ohne die Verschränkung der Perspektiven wird es kaum gelingen, zu einem neuen politischen Bewusstsein zu kommen, welche die Erfahrung von Trennung und Einheit, von Diktaturerfahrung und Transformation in sich aufnimmt.

Grafitti an der Berliner Mauer in der Bernauer Straße Anfang 1990. (© Holger Kulick)

Aber was für eine Debatte könnte das sein? Der Idealfall wäre: eine mit Lebendigkeit, Neugier und auch Zuspitzung zwischen Wirtschaftseliten, Wissenschaftlerinnen, Leitartiklern, der Politik, Literatinnen und Literaten, Kulturfunktionären, Spitzenjuristen, den Bürgerrechtlern und, natürlich, den Bürgerinnen und Bürgern. Eine Debatte, die den dominanten Blick des Westens dezentriert und zugleich viele Selbstverständlichkeiten im Osten (etwa den gern in Richtung Westen gemachten Kolonialisierungsvorwurf) befragt. Eine, in der Menschen sich erkennen und zugleich herausgefordert werden, die sie an einem Prozess der Meinungsbildung beteiligt. Eine, die das Auseinanderfallen von offiziöser Geschichtspolitik und Alltagserfahrungen der Menschen zu überwinden weiß. Und eine, die in dem Zusammenkommen von Ost und West ebenso wie in der Migrationsgeschichte eine Quelle gesellschaftlicher Selbstverständigung sieht.

"Empowerment Ost", so hat der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, sein jüngstes Buch betitelt. Er fordert ein Ausbrechen aus den ausgetretenen Diskurspfaden und eine Neuaneignung der Geschichte. Der Osten Deutschlands schleppt nicht nur die wenig aufgearbeitete DDR-Vergangenheit mit sich herum, sondern ebenso die Wunden eines dramatischen Gesellschaftsumbruchs, die noch lange nicht verheilt sind. Dieser Diskurs müsste Abstand nehmen vom "Besprochenwerden der Ostdeutschen" hin zu Debatten unter Beteiligung aller. Es gibt gewiss kein Erkenntnisprivileg der "Ostdeutschen", wenn es um die Fragen der Vereinigung geht, schon gar keine einheitliche Meinung eines unterstellten ostdeutschen Kollektivs, aber eine offene und gut durchlüftete Debatte wäre etwas, was dem vereinten Deutschland drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung gut anstünde.

Einen Opferdiskurs oder eine identitätspolitische Bewusstseinsbildung braucht man dafür nicht, aber den Mut, neue Diskursschneisen zu schlagen, die den Osten nicht nur erklären, sondern zum Ort des Diskurses machen. Denn letztlich sind es auch die bislang ausgebliebenen und wenig akzentuierten Auseinandersetzungen im Osten selbst, aus denen Sprachlosigkeit entsteht. Vielleicht bringen die jüngeren Generationen hier einen anderen Blick jenseits von Nostalgie und Einheitsklagen. Mit seinem Hashtag #baseballschlägerjahre hat der Journalist Christian Bangel im vergangenen Jahr Hunderte animiert, von Erfahrungen mit der rechten Szene in der ostdeutschen Provinz der 1990er zu berichten. So sehr sich damit auch das Bild vom "rechten Osten" zementierte, es war plötzlich ein vielstimmiger und diskussionsstarker Osten wahrzunehmen.

Gegen das routinierte Wegschweigen zeigte sich hier nicht nur die dunkle Seite einer absterbenden DDR, sondern auch der Transformationsschock, der die gesellschaftlichen Verhältnisse taumeln ließ. Es offenbarte sich aber auch, dass die Aufwallung und politische Instrumentalisierung nationaler Gefühle im Zuge des Einheitsprozesses nicht folgenlos geblieben sind. Nicht zuletzt steht die Vereinigung selbst für eine Unternutzung des demokratischen Potenzials, das aus der friedlichen Revolution hervorging, und eine Übernutzung nationaler Mobilisierungsressourcen. Ähnlich lebhaft würde man gern, um Habermas aufzugreifen, gesamtdeutsch nicht nur über Freuden, sondern auch über Fehler, Folgen und Frakturen des Einigungsprozesses diskutieren. 30 Jahre Deutsche Einheit mögen Anlass genug sein, sich der Vereinigungsgeschichte neu zu stellen.

Der Beitrag erschien 2020 zunächst in der Serie "Zeitenwende" der Berliner Zeitung. Zitierweise: Steffen Mau, "Ist der Osten ausdiskutiert?“, in: Deutschland Archiv, 05.01.2021, Link: Externer Link: www.bpb.de/325079. Weitere Texte und Interviews in dieser Serie folgen. Es sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Weitere Beiträge in dieser Reihe unter: Interner Link: Zeitenwende

Fussnoten

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor des Buchs "Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" (Suhrkamp 2019 und bpb 2020 im Rahmen der Interner Link: Schriftenreihe, Band 10490).