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Zwischen Aufnahme, Kontrolle und Gefährdung

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Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. 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Zwischen Aufnahme, Kontrolle und Gefährdung "Mädchenhandel" und Sittlichkeitsdiskurse im Umfeld des Jugendauffanglagers Westertimke

Sascha Schießl

/ 17 Minuten zu lesen

Sascha Schießl thematisiert die vielfältigen Aufgaben und Funktionen von Lagern in den 1950er Jahren. Der Fall des Jugendauffanglagers Westertimke zeigt, wie sehr diese Einrichtungen Kristallisationspunkte für Sittlichkeits- und Moraldiskurse sein und der Ausgrenzung und Kontrolle "gefährdeter" Betreuter dienen konnten.

Lager in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Verfallene Baracken des ehemaligen Lagers Sandbostel (Wikimedia, Oxfordian Kissuth) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Lager waren ein integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschaft. Obwohl die alliierte Befreiung der Konzentrationslager die Institution "Lager" dauerhaft hätte delegitimieren können, hatte diese bereits wenige Jahre nach Kriegsende gesellschaftlich eminent wichtige Funktionen übernommen. Waren Lager im "Dritten Reich" allgegenwärtig, galt dies ebenso für die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Die ersten nach Kriegsende neu errichteten oder auf den Fundamenten diverser Vorläuferinstitutionen entstandenen Durchgangs- und Flüchtlingslager, alliierten Internierungslager und Camps für Displaced Persons waren zumeist Provisorien, um unmittelbare Folgen des "Dritten Reiches" zu bewältigen.

Einige dieser Provisorien entwickelten sich im Laufe der Jahre zu Dauereinrichtungen. Andere Lager wurden geschlossen und unzählige neu eingerichtet. Im Jahr 1955 existierten bundesweit einschließlich Westberlin insgesamt 3.064 Lager, in denen knapp 400.000 Personen untergebracht waren. Einrichtungen mit einer kurzen Verweildauer waren Grenzdurchgangslager wie Friedland oder Piding sowie Notaufnahmelager wie Uelzen-Bohldamm, Berlin-Marienfelde oder Gießen. In den Bundesländern bestanden nachgelagerte Durchgangslager, etwa Unna-Massen in Nordrhein-Westfalen, sogenannte Notunterkünfte Ost und Wohnlager. Insbesondere die beiden letztgenannten Einrichtungen dienten dazu, jene provisorisch zu beherbergen, die die Länder nach dem vereinbarten Verteilungsschlüssel aufzunehmen verpflichtet waren, denen sie aber in Zeiten akuten Wohnungsmangels noch keinen Wohnraum zur Verfügung stellen konnten. Über 80.000 Lagerbewohner wohnten schon seit 1946 oder früher in einer provisorischen Unterkunft, die Mehrzahl aber mindestens zwei Jahre.

Mit ihren vielfältigen Funktionen waren die Lager immer auch Kristallisationspunkte kontroverser Debatten und Aushandlungsprozesse. In Friedland etwa waren Fragen von Zugehörigkeit, Heimat und Identität von großer Bedeutung. Hier registrierten die Behörden zunächst jene Flüchtlinge und Vertriebenen, die in Folge des deutschen Rassen- und Vernichtungskrieges ihre bisherige Heimat im östlichen Europa verlassen mussten und nun in das besetzte Deutschland kamen. Nach dem Ende der Vertreibungsmaßnahmen nahm Friedland dann vor allem Aussiedler aus Polen auf, die sich von den Flüchtlingen und Vertriebenen - vereinfacht gesagt - durch ihre verzögerte und zumindest dem Anspruch nach regulierte, internationalen Abkommen folgende Ausreise aus Ost- und Ostmitteleuropa unterschieden. Lager wie Friedland waren damit die ersten Orte, in denen geklärt werden musste, welche Rechte die Bundesrepublik jenen zubilligte, die sie formal als Deutsche oder deutsche Volkszugehörige aufnahm, welche gesellschaftliche Rolle sie ihnen zuwies und wie sich diejenigen verhalten sollten, die ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden wollten.

War in Friedland eine Zurückweisung sehr selten, eine Überprüfung der Ankommenden aber gesellschaftlich von großer Bedeutung, kam einem Lager wie Uelzen in weit stärkerem Maße eine Auswahlfunktion zu. Hier mussten diejenigen, die aus der DDR flohen, ein Notaufnahmeverfahren durchlaufen, das gerade in den ersten Nachkriegsjahren für viele Antragsteller mit einer Ablehnung endete. Neben solchen Fragen von Aufnahme und Zugehörigkeit entzündeten sich anhand der Lager vielfältige Debatten von hoher gesellschaftlicher Relevanz in der frühen Bundesrepublik. Während in Friedland erinnerungspolitische Standortbestimmungen dominierten und Uelzen von der deutsch-deutschen Frage geprägt war, waren andere Lager Ausgangspunkt von Devianz- und Sittlichkeitsdiskursen. Fragen von Sexualmoral, Anstand und Jugendwohl hatten spätestens seit dem Kaiserreich bürgerliche Wertevorstellungen geprägt und Einfluss auf gesellschaftliche und politische Debatten gewonnen. Wie das Beispiel der niedersächsischen Jugendauffanglager Sandbostel und Westertimke zeigt, waren diese Diskurse auch noch Ende der 1950er überaus wirkmächtig.

Sittlichkeitsdiskurse und Lager. Die Debatte um die Abwerbungen in Westertimke

Die 1952 eingerichteten Jugendauffanglager Sandbostel und Westertimke nahmen alleinstehende männliche und weibliche Jugendliche auf, die zumeist über Berlin aus der DDR geflohen waren. Zu dem Personenkreis zählte, wer noch keine 24 Jahre alt war und das Notaufnahmeverfahren nicht gemeinsam mit Familienangehörigen durchlief. Außerdem musste die Person ledig, geschieden oder verwitwet sowie kinderlos sein und die Familie, bei der er oder sie bislang gewohnt hatte, in der DDR leben. In den Auffanglagern wurden die Jugendlichen für etwa zehn Tage untergebracht, befragt, untersucht, beraten und betreut, bis das Notaufnahmeverfahren abgeschlossen war. Anschließend kamen sie zumeist in Einrichtungen des aufnehmenden Bundeslandes unter, etwa in Übergangswohnheimen oder anderen Jugendlagern, bis ihnen Arbeits- oder Lehrstellen oder Studienplätze vermittelt wurden. Bis Ende der 1950er Jahre durchliefen über 160.000 junge Männer und Frauen die beiden Auffanglager.

Zunächst waren Sandbostel und Westertimke keine Orte, die in einer breiten Öffentlichkeit größere Beachtung fanden. Dies änderte sich im Sommer 1958, als der NDR-Hörfunk berichtete, Jugendliche würden im Umfeld der Lager in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse abgeworben. Diese Missstände, denen die Behörden nur mit Schwierigkeiten entgegentreten könnten, bedeuteten eine "Gefährdung" der Jungen und Mädchen, weil sie mittelfristig in die Jugendkriminalität abzugleiten drohten. In den folgenden Wochen griffen zahlreiche Zeitungen die Thematik auf und schilderten die Versuche von Abwerbern, die Jugendlichen für dubiose Arbeitsverhältnisse in Betrieben, Werbekolonnen oder der Landwirtschaft zu gewinnen.

Zumeist konzentrierten sich die Zeitungen aber auf das Mädchenlager Westertimke und beschrieben in einem oftmals skandalisierenden Ton, wie gerade an den Wochenenden unzählige zwielichtige Gestalten das Mädchenlager ansteuerten. Einige von ihnen suchten nach "amourösen Abenteuern", andere waren "Mädchenfänger" oder "[ü]ble Schlepper". Die Dorfkneipe von Westertimke wurde in den Zeitungsartikeln zur "Genickschuß-Bar" stilisiert, in der Mädchen alkoholisiert und dazu gebracht würden, dubiose Arbeitsverträge zu unterzeichnen. "Meist ist darin von einer Stellung als ‚Hausdame’ die Rede; in Wirklichkeit werden die Mädchen für ein Unternehmen eingefangen, das Taxi-Girls vermittelt." Der aus dem englischen Sprachraum stammende Begriff "Taxi-Girl" bezeichnete eine junge Frau, die in einem Nachtlokal angestellt war und von den Gästen pro Tanz bezahlt wurde. Der Übergang zur Prostitution war dabei fließend. Auch überregionale Blätter widmeten sich den Gefahren für die jungen Frauen, nach der Abwerbung in den Tanzlokalen, Nacktbars oder Bordellen der Großstädte zu enden. Nur wenige Zeitungen wiesen darauf hin, dass viele Schilderungen überzeichnet waren.

Die Vorstellung der Abwerbung junger Frauen in Bordelle und bordellartige Etablissements verfing, ob imaginiert oder aus tatsächlichen Missständen erwachsen, zu einer Zeit, in der der seit dem späten 19. Jahrhundert diskutierte, mit vielen Phantasien aufgeladene "Mädchenhandel" öffentlich immer wieder thematisiert wurde. War weitgehend unklar, in welchem Umfang es einen Mädchenhandel in der Bundesrepublik gab, schienen die Zustände in Westertimke nun dessen Existenz zu bestätigen. Einzelne Zeitungen scheuten auch nicht davor zurück, zu erklären, wie sie Einsicht in die Methoden des Mädchenhandels gewonnen hatten: "Wie geht das vor sich? Ganz einfach - es ist in jedem Drei-Groschen-Schmöker oder Kriminalreißer […] nachzulesen."

Die aufgeregten Presseberichte verfehlten ihre Wirkung nicht. Während sie bei manchen Werbern und Neugierigen offenbar erst das Interesse an Westertimke weckten, alarmierten sie auch die Politik. Das Bundesvertriebenenministerium und das bayerische Arbeitsministerium baten bei ihren niedersächsischen Kollegen um Auskunft. Auch der niedersächsische Landtag wurde auf das Problem aufmerksam. Als Reaktion auf die Missstände verbesserte die Lagerleitung die Absicherung Westertimkes. Das niedersächsische Vertriebenenministerium wiederum intensivierte die Pressearbeit. In den kommenden Wochen erschienen dann auch vermehrt positive Berichte über Westertimke.

Die Wahrnehmung junger Frauen in Westertimke

Die zweifellos dramatisierten Missstände im Umfeld der Lager repräsentierten für manche Zeitgenossen zunächst die negativen Seiten des Wirtschaftswunders. So bezeichnete das katholische Boulevardwochenblatt Neue Bildpost die Abwerber als "Hyänen des Wirtschaftswunders". Aber auch das offizielle System der Werbungen und Arbeitsvermittlungen stand mitunter in der Kritik, weil, so die zeitgenössische Befürchtung, eine unpassende Arbeitsstätte oder eine schlechte Unterbringung die Jugendlichen enttäuschen und dem Kommunismus in die Arme treiben konnte. Diese Gefahr wog umso schwerer, da junge Zuwanderer für die Zeitgenossen aufgrund ihrer politischen und gesellschaftlichen Prägung in der DDR ohnehin als nicht systemkonform galten. In den Augen der Fürsorger waren die Zuwanderer umso materialistischer ausgerichtet, je länger sie in der DDR gelebt hatten, während junge Frauen in dieser Sicht immer weniger den klassischen Geschlechterrollen entsprachen.

Im Falle Westertimkes zeigte die Berichterstattung nachdrücklich, wie sehr der transitorische Zustand der Betreuten mit Fragen der Sexualmoral verbunden war. In den Fokus solcher Debatten gerieten Lager nicht zuletzt, weil sie mit ihrer fluktuierenden Belegung außerhalb des klassischen Sozialgefüges standen und ihre Bewohner oder die dort Betreuten von Teilen der Gesellschaft mitunter als Gefahr für Moral, Sitte und Anstand von der Gesellschaft aufgefasst wurden. Im Falle der Zustände rund um die Jugendlager waren für die meisten Medien die Werber die Verantwortlichen. In dieser Sicht waren insbesondere die jungen Frauen unschuldige Opfer gerissener und profitgieriger Männer. Sie waren "unerfahren" und liefen als "Ahnungslose" Gefahr, "geblendet" zu werden. Der hier durchscheinende Topos des leicht verführbaren, weil naiven und willenlosen Mädchens stand in einer ebenso langen Tradition bürgerlicher Moralvorstellungen wie das entgegengesetzte Bild der sexuell verdorbenen, oftmals verwahrlosten jungen Frau, die aufgrund ihrer Haltlosigkeit potenziell Geschlechtskrankheiten verbreitete, Familien zerstörte und damit eine Gefahr für die Gesellschaft darstellte. In den Zeitungen schien dieses zweite Bild mitunter ebenfalls durch. Für das bereits zitierte katholische Boulevardblatt Neue Bildpost war "ein Großteil der vergnügungssüchtigen Mädchen" beim Anblick der Autokolonnen "nicht mehr zu halten." Die Westdeutsche Allgemeine, die fast dieselben Worte verwendete, erklärte darüber hinaus, angesichts der reichen Männer "vergessen viele der Mädchen die zarten Bande, die sich im Lager Berlin zwischen ihnen und den gleichzeitig geflüchteten Jungen geknüpft haben."

Gerade dieses zweite Bild war in den späten 1950er Jahren in den Köpfen niedersächsischer Verwaltungsbeamter und Fürsorger noch fest verankert. Gegenüber dem Bundesvertriebenenministerium erklärte der Leiter von Sandbostel und Westertimke, die Zahl derjenigen, die die Lager eigenmächtig verließen und nicht zurückkehrten, sei trotz gewisser jahreszeitlicher Schwankungen mit durchschnittlich etwa drei Prozent konstant geblieben. Er müsse aber darauf hinweisen, dass "ein grosser Teil der Jugendlichen, die sich überhaupt abwerben lassen, früher oder später aus den Wohn- und Arbeitsplätzen […] ausbrechen würden, weil es sich hier zumeist um asoziale Typen oder sozialpädagogische Fälle handelt." Der Lagerleitung bereite daher deren Abwerbung "keine besonders grossen Sorgen". Bedauerlich seien die Zustände hingegen wegen des Eindrucks, den diejenigen gewannen, die sich nicht abwerben ließen. Die Caritas-Fürsorgerin in Westertimke, Frau Birnbaum, erklärte, aufgenommen würden einerseits "sehr viele Mädchen aus guten Familien", andererseits "kommen natürlich auch Dirnen und Streunende, und die verderben das Gesamtbild."

Für die Lagerleitung waren aber weit mehr als drei Prozent der Jugendlichen problematisch. Der Lagerleiter beklagte während einer Fachbesprechung im August 1959, die "Qualität der Jugendlichen, besonders der weiblichen Jugendlichen, [sei] stark abgesunken", eine Formulierung, die ganz in der Tradition völkischen und sozialhygienischen Gedankenguts stand. Laut Lagerleiter verbrächten ein Fünftel der in Westertimke untergebrachten Mädchen "trotz aller nur erdenklichen fürsorgerischen Maßnahmen" die Wochenendnächte außerhalb des Lagers.

Derartige Vorbehalte hatten ganz praktische Auswirkungen auf die in Sandbostel und Westertimke betreuten Jugendlichen. Zwei Jahre vor der Debatte erhob das hessische Innenministerium beim niedersächsischen Vertriebenenministerium Einspruch gegen die in Westertimke niedergeschriebene Bewertung einer jungen Frau, die in ein Durchgangslager des Bundeslandes weitergeleitet worden war. Die Fürsorger in Westertimke hätten in den Akten notiert, "[d]as Mädchen sei "ein unsympathischer, einfacher Typ", habe "etwas Hastiges und Nervöses an sich" und neige "zu Freundschaften mit unangenehmen Elementen." Das hessische Innenministerium erklärte dazu, in den Augen ihres Landesjugendamtes sei eine solche Beurteilung nach einem kurzen Lageraufenthalt nicht nur voreilig, sondern könne auch dazu führen, dass die nächste Betreuungsstelle voreingenommen handele. Auch die Bewertung der Jugendlichen mit sogenannten pädagogischen Noten sei "nicht angebracht." Im Zuge der Nachforschungen des Vertriebenenministeriums räumte die Lagerleitung in Westertimke zunächst einen Übertragungsfehler ein - das Mädchen sei nicht als "unsympathischer", sondern lediglich als "wenig sympathischer einfacher Typ" charakterisiert worden - und erklärte, die Fürsorger seien grundsätzlich angewiesen, bei der Vergabe negativer Bewertungen vorsichtig zu sein.

Die Notenvergabe verteidigte die Lagerleitung nachdrücklich. Sie sei gerade auch ein Wunsch der Fürsorger in den nachgelagerten Heimen, die dankbar seien für diese "wertvolle Unterstützung in ihrem Bestreben, den Jugendlichen rechtzeitig und durchgreifend zu helfen." Mögen die Noten den Fürsorgerinnen und Fürsorgern in manchen Fällen die Arbeit erleichtert haben, trugen sie aber vor allem zur Stigmatisierung eines Teils der betreuten Jugendlichen bei. Immerhin reichten die Noten von "I = besonders gut beurteiltes Mädchen, für jede Förderung geeignet" über "III = undurchsichtig oder labil, im allgemeinen Heimsichtungszeit", bis hin zu "IV = gefährdetes Mädchen" und "V = ausgesprochen asoziales oder streunendes Mädchen". Welche Förderung eine junge Frau (oder ein junger Mann) in der Bundesrepublik erhielt, konnte somit bereits in den Jugendlagern Westertimke und Sandbostel vorentschieden werden. Maßgeblich war der Eindruck, den die Fürsorgerin oder der Fürsorger von dem oder der Beurteilten gewann. Eine negative Bewertung konnten dabei gerade auch jene jungen Männer und Frauen erhalten, die nicht den Sittlichkeits- und Wertevorstellungen der Fürsorger und der Verwaltungsbeamten entsprachen, weil sie, was nicht verboten war, womöglich das Lagergelände verließen und erst am nächsten Tag zurückkehrten. Wenn also der Lagerleiter die "gesunkene Qualität" der Jugendlichen bemängelte und bemerkte, etwa zwanzig Prozent der Mädchen verbrächten trotz fürsorgerischer Maßnahmen die Nächte außerhalb des Lagers, lässt sich vermuten, dass er vor allem an die Fälle mit den Noten III bis V dachte.

Dass aber nicht nur ein kleiner Teil der Ankommenden kritisch beäugt wurde, zeigt sich an den ärztlichen Untersuchungen in den Lagern. Bis 1959 wurden alle Jugendlichen in Westertimke und Sandbostel auf "ansteckende Krankheiten, insbesondere auf Geschlechtskrankheiten" untersucht. Gleiches galt für die Ankommenden in den anderen bundesdeutschen Durchgangslagern, beispielsweise auch für Aussiedler in Friedland. Als den Ärzten in den Lagern rechtliche Bedenken kamen, ging man in Sandbostel und Westertimke dazu über, "körperliche Inspektionen" nur noch bei jenen vorzunehmen, die ihnen "als geschlechtskrank verdächtig" erschienen. In einer Besprechung einigten sich Lagerärzte, Vertreter der Landesflüchtlingsverwaltungen und der Gesundheitsbehörden darauf, nur noch in Verdachtsfällen Untersuchungen vorzunehmen. Allerdings blieb ein Ermessensspielraum bestehen. Immerhin war in der Lagersituation das Sexualverhalten des oder der Einzelnen gar nicht zu klären, sondern darüber nur anhand subjektiver Einschätzungen des Auftretens und Verhaltens und damit mutmaßlich auf der Grundlage bürgerlicher Moral- und Normvorstellungen zu urteilen.

Fazit: Lager und Diskurse in den 1950er Jahren

In den 1950er Jahren waren Lager auf drei Ebenen bedeutsam für die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Sie waren erstens funktionale Einrichtungen, um Menschen in der Bundesrepublik aufzunehmen und notwendige Formalia zu erledigen. Gegebenenfalls wurden die Aufgenommenen für längere, mitunter auf unabsehbare Zeit in Lagern oder lagerähnlichen Unterkünften beherbergt. Zweitens konnten Lager zum Gegenstand (erinnerungs)politischer, moralischer und gesellschaftlicher Debatten und Aushandlungsprozesse werden. Im Fall Westertimkes entpuppte sich die Aufregung um die Missstände als kurzlebige Mediendebatte. Das tatsächlich vorhandene Problem der Abwerbung schien nicht fortzubestehen. Als 1959, ein Jahr nach dem Skandal, die Verlegung der Jugendlager nach Uelzen und Friedland beschlossen wurde, war die Frage der Abwerbung von Jugendlichen kein Thema mehr. Gleichwohl offenbarte der Fall Westertimke, wie die Gesellschaft mit jenen umging und jene wahrnahm, die in den 1950er Jahren über Durchgangslager in die Bundesrepublik kamen.

Drittens schließlich verweisen die Debatten auf die weitergehenden Aufgaben der Lager. So war die vielfach beschworene Gefährdung stets doppeldeutig. Der Begriff konnte sich zum einen auf die sittlichen und emotionalen Gefahren beziehen, denen die Jugendlichen durch die Gesellschaft ausgesetzt waren, zum anderen aber auch die Bedrohung der moralischen und gesundheitlichen Integrität der Gesellschaft durch verwahrloste Jugendliche meinen, insbesondere der - oft so wahrgenommenen - sexuell verworfenen jungen Frauen. Indem die Jugendauffanglager Gegenstand dieses Moraldiskurses wurden und mit der Erwartung konfrontiert wurden, für eine entsprechende Betreuung der Jugendlichen zu sorgen, kam diesen Einrichtungen eine Aufgabe zu, die nicht ihrer Struktur entsprach. Die an sie gestellten Anforderungen, aber auch das Selbstverständnis der dort tätigen Akteure erinnerten viel eher an Erziehungsheime. Auch wenn die Jugendauffanglager deren Funktionen nicht übernehmen konnten, prägten sie doch in gewisser Weise mit, welche Erwartungen die Gesellschaft an die Ankommenden stellte und welche Rolle diese ihnen zudachte.

Eine moralische Beurteilung der in den Lagern Betreuten sowie des durch ihre Anwesenheit geschaffenen Umfeldes, beschränkte sich nicht nur auf junge Frauen in Westertimke. Die in der frühen Nachkriegszeit verbreitete Kriminalisierung der vielfach mit "Asozialen" assoziierten Lagerbewohner durch die Nachkriegsgesellschaft erwies sich als langlebig. Eine Ministerialrätin des Bundesvertriebenenministeriums erklärte noch 1960, "in sehr abgelegenen Lagern" Bayerns mit einer langen Unterbringungsdauer würden "die Menschen mit der Zeit asozial werden." In dieser Perspektive konnten Lager die längerfristig dort Einquartierten in Außenseiter verwandeln, die aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft nicht in die Gesellschaft zu integriert waren.

Zitierweise: Sascha Schießl, Zwischen Aufnahme, Kontrolle und Gefährdung. "Mädchenhandel" und Sittlichkeitsdiskurse im Umfeld des Jugendauffanglagers Westertimke. In: Deutschland Archiv Online, 10.05.2013, Permalink: http://www.bpb.de/159420

Fussnoten

Fußnoten

  1. Einführend: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur. 2 Bände, Göttingen 1998, Joel Kotek/Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2001. Für die weit verbreiteten Lager zur ideologischen Schulung siehe etwa Andreas Kraas, Lehrerlager 1932-1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung, Bad Heilbronn 2004.

  2. Alf Lüdtke hat darauf hingewiesen, der vieldeutige Begriff "Lager“ stehe im Deutschen, aber auch in anderen Sprachen, seit dem NS-Regime für „den konkreten Ort wie das Symbol von grenzenloser Brutalität und Völkermord“; vgl. Alf Lüdtke, Lager – Lagerleben, Überleben?, in: Sowi. Sozialwissenschaftliche Informationen 29 (2000), Nr. 3, 139-143, hier S. 139.

  3. Mathias Beer: Lager als Lebensform in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Zur Neubewertung der Funktion der Flüchtlingswohnlager im Eingliederungsprozess. In: Jan Motte/Rainer Ohlinger/Anne von Oswald (Hg.), 50 Jahre Bundesrepublik – 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte. Frankfurt am Main und New York 1999, S. 56-75.

  4. Statistisches Bundesamt, Die kriegsbedingten Lager und ihre Insassen im Jahre 1955, Stuttgart 1957, u.a. S. 6-8.

  5. Siehe hierzu ausführlicher Sascha Schießl, Das Lager Friedland als Tor zur Freiheit. Vom Erinnerungsort zum Symbol bundesdeutscher Humanität, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 84 (2012), S. 97-122.

  6. Arne Hoffrichter, Heinrich Albertz und die SBZ-Flucht. Zur Rolle Niedersachsens, der Presse und des Durchgangslagers Uelzen-Bohldamm im Prozess der Notaufnahmegesetzgebung 1949/1950, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 84 (2012), S. 377-409.

  7. Schießl, Das Lager Friedland als Tor zur Freiheit (Anm. 5); Hoffrichter, Heinrich Albertz und die SBZ-Flucht (Anm.6).

  8. Siehe etwa Peter Becker, Verderbnis und Entartung. Eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis, Göttingen 2002; Lutz Sauerteig, Krankheit, Sexualität, Gesellschaft. Geschlechtskrankheiten und Gesundheitspolitik in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999.

  9. Eine angemessene Diskussion der Forschung zu der Thematik ist hier nicht zu leisten. Für die Sittlichkeitsdiskurse der frühen Bundesrepublik siehe Sybille Steinbacher, Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik, München 2011. Die entsprechenden Diskurse um die Jugendgefährdung skizziert Julia Ubbelohde, Der Umgang mit jugendlichen Normverstößen, in: Ulrich Herbert (Hg.) Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980, S. 402-435.

  10. Zum größeren Kontext dieser Fluchtbewegung und zum Notaufnahmeverfahren siehe Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/1949 - 1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer, Düsseldorf 1994 und Frank Hoffmann, Junge Zuwanderer in Westdeutschland. Struktur, Aufnahme und Integration junger Flüchtlinge aus der SBZ und der DDR in Westdeutschland (1945-1961), Frankfurt am Main 1999.

  11. Vgl. die Definition im Schreiben des Bundesvertriebenenministeriums (BMVt) an die Leiter des Notaufnahmeverfahrens in den Lagern Berlin-Marienfelde, Gießen, Uelzen-Bohldamm vom 22. Juni 1956, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 21.

  12. Zu den Zahlen für diese und andere Jugendlager siehe Hoffmann, Junge Zuwanderer (Anm. 10), v.a. S. 107.

  13. Schreiben der NDR-Hörfunkredaktion an das Niedersächsische Vertriebenenministerium (Nds. VM) vom 13. August 1958 mit dem Manuskript zu der am selben Tag ausgestrahlten Sendung „Funkbilder aus Niedersachsen“, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 19.

  14. Diese Formulierungen verwendeten in der Reihenfolge der Zitate folgende Zeitungen: Das Geschäft mit deutschem Elend, in: Freie Presse vom 7. Oktober 1958; Mädchenfänger in der 'Genickschußbar' bei Westertimke, in: Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung vom 26. August 1958; "Sklavenhändler" in der Genickschußbar. Und was tut die Behörde?, in: Neue Bildpost, Datierung unklar [Ende August/Anfang September 1958], Ausschnitt in: NLA-HStA Hannover Nds. 385 Nr. 279.

  15. Beispielsweise in: Mädchenfänger in der 'Genickschußbar' bei Westertimke, in: Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung vom 26. August 1958.

  16. Arbeitsverträge in der "Genickschuß-Bar". Werber ködern junge Flüchtlinge, in: Kölner Stadtanzeiger vom 26. August 1958, S. 5.

  17. Für eine zeitgenössische Schilderung siehe: Taxi-Girls mit Gebrauchsanweisung, in: Die Zeit vom 17. November 1949, S. 11

  18. Gefahr für junge Flüchtlinge. Zweifelhafte Arbeitgeber in Westertimke und Sandbostel, in: Die Welt vom 28. August 1958; Die ‚Genickschuß-Bar von Westertimke, in: Süddeutsche Zeitung vom 10. September 1959, S. 3. Der Artikel der Welt basierte auf einer dpa-Meldung, die viele Zeitungen weitgehend übernahmen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete dagegen zurückhaltender, vgl. Eigenmächtig aus dem Lager, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. August 1958, S. 4.

  19. Was ist in Westertimke wirklich los?, in: Ost-West-Kurier, 3. September-Ausgabe 1958, S. 9; vgl. auch Es herrscht Ruhe und Ordnung in Westertimke, in: Ost-West-Kurier, 4. September-Ausgabe 1958, S. 8.

  20. Für frühe Debatten um den Mädchenhandel siehe Esther Sabelus, Die weiße Sklavin. Mediale Inszenierungen von Sexualität und Großstadt um 1900, Berlin 2009.

  21. Beim Kaffee fängt das Unglück an, in: Mittag (Düsseldorf) vom 30. August 1958.

  22. Die steigende Aufmerksamkeit von Werbern durch die Berichterstattung vermutete z.B. der Ost-West-Kurier: Es herrscht Ruhe und Ordnung in Westertimke, in: Ost-West-Kurier, 4. September-Ausgabe 1958, S. 8.

  23. Schreiben des BMVt an das Nds. VM vom 27. August 1958; Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und soziale Fürsorge an das Nds. VM vom 30. August 1958; Schreiben des BMVt an die Lagerleitung des Jugendnebenlagers Westertimke vom 2. September 1958, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 19.

  24. Schreiben des Präsidenten des Nds. Landtages an den Nds. Ministerpräsidenten vom 12. September 1958 (Abschrift) und Schreiben des Nds. Ministerpräsidenten an den Präsidenten des Nds. Landtages vom 1. Oktober 1958,in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 19.

  25. Minister Höft erklärte unter anderem, die „Schlagzeilenredakteure haben geradezu Orgien gefeiert.“ Siehe die Ausführungen des. Nds. Vertriebenenministers im Programm der Pressekonferenz vom 6. Oktober 1958, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 19.

  26. iehe z.B. Zwischen Wahrheit und sensationeller Übertreibung, in: Zevener Zeitung vom 8. Oktober 1958; Die „Genickschußbar“ ist Schwindel, in: Frau im Spiegel vom 4. Oktober 1958, S. 3-7.

  27. „Sklavenhändler“ in der Genickschußbar. Und was tut die Behörde?, in: Neue Bildpost (Anm. 14).

  28. Zu diesem Punkt siehe Ackermann, Der „echte“ Flüchtling, u.a. S. 215-218. Für das offizielle Anwerbungsverfahren in Sandbostel und Westertimke vgl. die entsprechenden Schriftwechsel in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 21.

  29. Dieser Aspekt nach Ackermann, Der „echte“ Flüchtling (Anm. 28), insbesondere S. 234-239; vgl. auch Hoffmann, Junge Zuwanderer (Anm. 10), S. 281.

  30. Zur Wahrnehmung von vielfach Lager durchlaufenden „Illegalen“ und „Asozialen“ in der frühen Nachkriegszeit siehe Ackermann, Der „echte“ Flüchtling (Anm. 28), v.a. S. 79-95.

  31. Diese Charakterisierungen (wieder in der Reihenfolge der Zitate): Beim Kaffee fängt das Unglück an, in: Mittag (Düsseldorf) vom 30. August 1958; Skrupellose Mädchen-Anwerbung, in: Rheinischer Merkur vom 5. September 1958; Das Geschäft mit deutschem Elend, in: Freie Presse vom 7. Oktober 1958.

  32. Zu den zeitgenössischen Gefährdungsdiskursen siehe Ubbelohde, Umgang mit jugendlichen Normverstößen (Anm. 9), S. 403-411. Die Situation jugendlicher Zuwanderer wird hier allerdings nicht thematisiert.

  33. „Sklavenhändler“ in der Genickschußbar. Und was tut die Behörde?, in: Neue Bildpost (Anm. 14).

  34. „Sklavenhändler“ lauern vor dem Tor, in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 10. September 1958.

  35. Schreiben der Leitung des Jugendlagers Sandbostel an das BMVt vom 6. September 1958, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 19. Die von der Lagerleitung genannte Zahl bedeutete nicht, dass all diese Jugendlichen in zwielichtigen Arbeitsverhältnissen landeten, sondern nur, dass sie nicht nachvollziehen konnte, wohin die Jugendlichen aufgebrochen waren.

  36. Aussage von Frau Birnbaum, zitiert in: „Sklavenhändler“ lauern vor dem Tor, in: Westdeutsche Allgemeine vom 10. September 1958.

  37. Aussage von Lagerleiter Endemann laut Niederschrift der Besprechung im Grenzdurchgangslager Friedland am 13. August 1959, hier S. 7f., in: NLA-HStA Hannover Nds. 120 Hild. Acc 111/77, Nr. 5. Ähnliche Bewertungen finden sich auch in einem Bericht einer Fürsorgerin aus Westertimke über die soziale Struktur des Mädchenlagers aus dem Jahr 1956, den Ackermann (Der „echte“ Flüchtling (Anm. 28), S. 238f.) analysiert.

  38. Schreiben des Hessischen Innenministers an den Nds. VM vom 26. Juli 1956, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 23.

  39. Ebd.

  40. Leiter des Jugendlagers Sandbostel an das Regierungspräsidium Stade vom 18. September 1956, in: NLA-HStA Hannover Nds. 380 Acc 30/96 Nr. 23.

  41. Ebd.

  42. Angaben über die Verteilung der in den Jugendlagern vergebenen Noten liegen allerdings nicht vor.

  43. Schreiben des Regierungspräsidenten Stade an das Nds. VM vom 23. Januar 1959, in: NLA-HStA Hannover Nds. 120 Hild. Acc 111/77 Nr. 8/2.

  44. Ebd.

  45. Schreiben des Nds. Sozialministers an das Nds. VM vom 15. Oktober 1959, in: NLA-HStA Hannover Nds. 120 Hild. Acc 111/77 Nr. 8/2.

  46. Hoffmann (Junge Zuwanderer (Anm. 10), hier v.a. S. 265-281) thematisiert zwar den Weg alleinstehender Jugendlicher von den Auffanglagern in die Bundesländer und dortige Heime oder Betreuungsangebote und benennt auch die zeitgenössische Wahrnehmung „sozial-pädagogischer Fälle“. Er interpretiert die Heime aber vornehmlich als Hilfseinrichtungen zur Integration der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt. Den Zwangs- und Kontrollcharakter dieser Einrichtungen, die auch dazu dienten, spezifische bürgerliche Moral- und Wertevorstellungen durchzusetzen, problematisiert er dagegen praktisch nicht.

  47. Aussage der Ministerialrätin Dr. Vogl laut Protokoll der Vorstandssitzung der Friedlandhilfe vom 22. Februar 1960 in Bonn, in: Friedlandhilfe Friedland, Protokolle Friedlandhilfe, ohne Signatur.

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Sascha Schießl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zeitgeschichtlichen Arbeitskreis Niedersachsen (ZAKN) der Georg-August-Universität Göttingen und arbeitet im Aufbauteam des Museums Friedland. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen Erinnerungskultur und den Praktiken der Aufnahme im Lager Friedland.