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Ostberlin, Chinas "Großer Sprung nach vorn" und die Kulturrevolution | Deutschland Archiv | bpb.de

Ostberlin, Chinas "Großer Sprung nach vorn" und die Kulturrevolution Fake News-Journalismus à la DDR

Axel Berkofsky

/ 13 Minuten zu lesen

Anfangs schenkte Walter Ulbricht der chinesischen Propaganda und Statistiken Glauben, dass China binnen weniger Jahre mehr Weizen und Stahl als die USA produzieren sollte. Aus der Begeisterung wurde Ablehnung, als sich herausstellte, dass der "Große Sprung nach vorn" nicht Millionen Tonnen Stahl und Weizen produzierte, sondern 40 Millionen Chinesen das Leben kostete. Auch bei der Bewertung von Maos Kulturrevolution lag die SED daneben.

Ein Lastwagen mit Roten Garden, Fahnen und Transparenten in Peking (undatiert). Rotgardisten waren Kampftrupps maoistischer Jugendlicher, die Mao Zedong in den Anfangsjahren zur Durchsetzung der Kulturrevolution (1966-1976) in China verhalfen. (© picture-alliance/dpa)

Einleitung

Dem „Großen Sprung nach vorn“ (1958–1962) – in der Menschheitsgeschichte (bisher) wohl eine der katastrophalsten von Menschenhand initiierte Landwirtschafts- und Industrialisierungskampagne – fielen bis zu 40 Millionen Chinesen zum Opfer. Es handelt sich hier um die gleiche Kampagne, die von Walter Ulbricht, dem Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED, und den von der Partei kontrollierten DDR-Staatsmedien anfangs als großer Erfolg im Kampf gegen den westlichen Imperialismus gefeiert wurde – und das noch, als selbst Mao Zedong, der Vorsitzende der kommunistischen Partei Chinas, bereits Ende 1959 einsehen musste, dass der Sprung zu einer landesweiten Hungersnot geführt hatte.

Maos Kulturrevolution (1966-1976) wurde in Ostberlin hingegen von Anfang an sehr kritisch beurteilt, allerdings nicht, weil diese Millionen von Opfern kostete und das Land in einem von den Roten Garden initiierten Chaos und Terror versinken ließ. Vielmehr warnte Ostberlin in seiner staatlich gelenkten und kontrollierten Presse etliche Male davor, dass die Kulturrevolution und das Propagieren der vermeintlich „falschen“ Version des Marxismus-Leninismus den von der Sowjetunion geführten Kampf gegen den westlichen Imperialismus schwächen würde. Der Terror, das Töten und das Foltern durch die Roten Garden von 1966 bis 1969 wurden nur am Rande thematisiert. In Teilen wohl auch deswegen, weil in den ersten drei Jahren der Kulturrevolution das landesweite Chaos und die Gewalt derart explodierten, dass der Zugang zu belastbaren Informationen für ausländische Journalisten in China ohne Zweifel begrenzt war.

Der Große Sprung nach vorn – Katastrophe mit Ansage

Mitte der 1950er-Jahre entschied Mao, dass eine Steigerung von Chinas Stahl- und Landwirtschaftsproduktion durch eine radikale Kollektivierung zu erreichen sei. China sollte fortan gemäß Mao auf „zwei Beinen laufen“: Schwerindustrie und Landwirtschaft. Der Sprung hatte seine Anfänge im Jahre 1956 in der Provinz Henan, wo viele kleine Bauernhöfe in eine große Landwirtschaftskooperative eingegliedert wurden. Mao war begeistert, und Ende 1957/Anfang 1958 wurden daraufhin die ersten Volkskommunen in den Provinzen Henan und Hebei eingerichtet. Zuerst im Verwaltungsbezirk Xushui, wo der Parteioffizielle Zhang Guozhong Landbewässerungsprojekte im Stile einer Militärkampagne organisierte. Er rekrutierte zu diesem Zweck 100 000 Arbeiter_innen, die in Bataillonen und Zügen im Akkord rund um die Uhr arbeiteten.

Die Arbeiter_innen und ihre Familien lebten fortan nicht mehr in Dörfern, sondern in separaten Lagern und Barracken. Bauern waren nicht mehr Bauern, sondern „Milizen“. Ende des Jahres 1958 war Chinas Landwirtschaft in den ländlichen Gebieten mit 26 000 Volkskommunen nahezu vollständig kollektiviert. 1957 belief sich Chinas Stahlproduktion auf 5,3 Millionen Tonnen. Bis zum Ende des Jahres 1958, so fantasierte Mao, sollte sich die Produktion verdoppelt haben. 1962 sollten es sogar 100 Millionen Tonnen werden. Mehr als die USA produzierten. Viel zu gut, um wahr zu sein, und ohne jeden Zweifel (zumindest außerhalb des Politbüros der KP Chinas) war absehbar, dass die in Stahlarbeiter umgeschulten und ungeschulten chinesischen Bauern nicht binnen weniger Monate Millionen Tonnen hochwertigen und für den Export geeigneten Stahl produzieren konnten. Die Felder von 40 Millionen Amateur-Stahlarbeitern blieben in der Folge unbestellt, was wiederum dazu beitrug, dass sich die anbahnenden Hungersnöte in ganz China weiter und schneller verbreiteten. Der Historiker und Sinologe Frank Dikötter dokumentiert, dass die „Hinterhofstahlarbeiter“ sich zusätzlichen Drucks in Form von körperlicher Misshandlung, Entzug von Nahrungsmitteln und Bezahlung ausgesetzt sahen, als sich herausstellte, dass nicht einmal ein Drittel der Stahlöfen Stahl von Qualität produzierte.

Jubel in Ostberlin

1958 machten sich das Neue Deutschland und die anderen politisch gelenkten Presseorgane in der DDR daran, einen „Weltrekord“ in falscher Berichterstattung aufzustellen. Die Berichte in ostdeutschen Zeitungen zu den vermeintlichen Fortschritten des Großen Sprungs – dokumentiert durch chinesische Daten und Statistiken, die mit der Wirklichkeit wenig beziehungsweise gar nichts gemein hatten – suggerierten, dass die Steigerung der Stahl- und Weizenproduktion Chinas unglaubliche Ausmaße angenommen hätte. Insbesondere der Korrespondent des Neuen Deutschlands in Peking Lutz Zempelburg (1957– 1960) machte es offensichtlich zu seiner Mission, den Großen Sprung nach vorn nicht nur als spektakulären wirtschaftlichen und industriellen, sondern auch als politischen und ideologischen Erfolg zu feiern.

Im August 1958 schrieb er, dass der Große Sprung dafür gesorgt habe, dass sich die „kapitalistische Bourgeoisie“ einer erfolgreichen „Umerziehungskampagne“ unterziehen musste. Chinas Kapitalisten, berichtete er, würden fortan von den Fortschritten des Großen Sprungs profitieren können. Kapitalisten in Shanghai und ihre 150 000 Klein- und Mittelbetriebe hätten dazu „Selbstumwandlungpläne“ vorgestellt, durch die ihre kapitalistischen in sozialistische Betriebe umgewandelt werden. Solche Pläne gebe es bereits in mehreren chinesischen Städten, und Teil der „Selbstumwandlung“ sei körperliche Arbeit auf Feldern zwecks der „Entgiftung vom Kapitalismus“. Die Pläne gab es in der Tat, aber sie wurden nicht von den Unternehmern vorgeschlagen, sondern ihnen aufgezwungen. Im April 1960 berichtete Zempelburg, dass sich Chinas Stahlproduktion 1959 auf 18 Millionen Tonnen belaufen hätte – angeblich mehr Stahl, als das bereits hoch industrialisierte Japan im gleichen Jahr produzierte. Außerdem behauptete er, dass China seine Industrieproduktion der letzten drei Jahre um (unglaubliche) 300 Prozent steigern konnte. Es war offensichtlich, dass Zempelburg sich dabei darauf beschränkte, chinesische Propaganda und „frisierte“ Statistiken ungeprüft zu zitieren.

Im Oktober 1959 feierte die DDR-Führung den Sprung im Rahmen der Feierlichkeiten des zehnjährigen Bestehens der Volksrepublik China. Er sei ein Beleg für den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus. Am Ende des Jahres 1959 begann die DDR-Botschaft in Peking die SED davor zu warnen, dass der Sprung nahezu unweigerlich in eine wirtschaftliche und humanitäre Katastrophe münden würde. Die SED aber hoffte weiterhin, dass Mao aus den Fehlern lernen und diese korrigieren würde. Dokumente des SED Politbüros belegen, dass man offensichtlich noch 1961 daran glaubte, dass sich Chinas Volkswirtschaft nach dem Scheitern des Großen Sprungs an dem Wirtschaftsmodell anderer sozialistischer Länder orientieren würde. Das, so hoffte die SED, werde nach der Abschaffung der Volkskommunen zusammen mit der Einführung des sogenannten sozialistischen Leistungsprinzips in Chinas Wirtschaft geschehen. Die Volkskommunen wurden allerdings auch nach dem Ende des Großen Sprungs nicht aufgelöst, und die Einführung eines Leistungsprinzips, sozialistisch und/oder kapitalistisch, fand erst statt, als Deng Xiaoping Ende der 1970er-Jahre die Macht in China übernahm.

Ulbricht und die Volkskommunen – Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Walter Ulbricht gab sich anfangs begeistert von den Volkskommunen, die de facto nichts anderes bedeuteten als die Enteignung von Millionen von Bauern und ihren Familien, den Zwang, im Akkord zusammenzuarbeiten, und in Gemeinschaftsunterbringungen wie „Legehennen“ zu leben. Anders wurde dieses Vorhaben vom großen Genossen in Moskau, dem Generalsekretär des ZK der kommunistischen Partei der UdSSR, Nikita Chruschtschow, bewertet, der die Volkskommunen in China – wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der negativen Erfahrungen mit radikaler Kollektivierung in der UdSSR in den 1930er-Jahren – als zum Scheitern verurteilt ansah.

Der britische Theaterwissenschaftler Martin Esslin schrieb in der renommierten Zeitschrift China Quarterly 1960, dass die DDR-Führung über die Einführung sogenannter sozialistischer Hausgemeinschaften in der DDR in den späten 1950er-Jahren nachgedacht haben soll. In diesen Hausgemeinschaften sollten die Bewohner_innen Küchen und Badezimmer gemeinschaftlich nutzten. Dieses Gemeinschaftsmodell, schrieb Esslin, sei von den chinesischen Volkskommunen inspiriert worden. Im Juli 1959 gab die SED dem Neuen Deutschland die Anweisung, Ostberlins Begeisterung für Maos Großen Sprung und die Volkskommunen offiziell zu machen. Der Große Sprung der DDR-Landwirtschaft, schrieb die Zeitung, wurde erst durch die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) möglich. Dieser Schuss ging allerdings für Ulbricht und die SED nach hinten los, als ostdeutsche Bauern vom Großen Sprung hörten, Alarm schlugen und fürchteten, dass Ulbricht mit dem Gedanken spielen könnte, Volkskommunen auch in der DDR einzuführen. Ulbricht ruderte daraufhin sofort zurück und stellte klar, dass die Volkskommunen „China-spezifisch“ seien. Er bestand im Juni 1960 im Neuen Deutschland außerdem darauf, dass die LPG in der DDR in keinster Weise eine Vorstufe zu den Volkskommunen in China seien. Nicht zuletzt deswegen, weil zuvor der chinesische Direktor des chinesischen Pavillons während einer Landwirtschaftsmesse in der DDR genau das angedeutet hatte.

Ostberlin und die Kulturrevolution

Im August 1966 gab Mao Zedong einer Million Studierenden – viele von ihnen wurden zu den gewaltbereiten Roten Garden – auf dem Tiananmen-Platz in Peking das Signal zu einer Kampagne, das Land von seinen vermeintlichen Feinden zu befreien: Kapitalisten, Revisionisten, Landbesitzer, Bourgeoisie, hochrangige Parteifunktionäre wie Deng Xiaoping, Liu Shaoqi und Lin Biao inbegriffen. Im Ergebnis dieser Kampagne wurden Millionen chinesische Mitbürger_innen terrorisiert, gefoltert und getötet sowie Fabriken, Schulen und Universitäten besetzt. zusammen mit dem wirtschaftlichen und sozialen Kollaps Chinas und der nahezu kompletten internationalen Isolation des Landes.

All das geschah im Namen der von Mao und seiner vierten Frau Jiang Qing ausgerufenen Kulturrevolution, die selbst der nordkoreanische Diktator Kim Il-sung als eine „komplett verrückte Idee“ bezeichnete. Die ostdeutsche Presse allerdings hatte offensichtlich die Anweisung bekommen, weniger über die dramatischen Konsequenzen der Kulturrevolution in China zu berichten als vielmehr zu beklagen, dass diese eine gegen die Sowjetunion und die von ihr geführte Gemeinschaft sozialistischer Staaten gerichtete Kampagne sei. Dazu kam die Warnung, dass die in China praktizierte und vermeintlich falsche Version von Marxismus-Leninismus den Kampf der sozialistischen Staatengemeinschaft gegen den westlichen Imperialismus gefährde.

Mitte 1966 begann die ostdeutsche Presse davon zu berichten, dass die Roten Garden damit begonnen hätten, „Kapitalisten“, „Konterrevolutionäre“ und sonstige Feinde inner- und außerhalb der Partei zu verhaften. Journalismus haarscharf an der Realität vorbei, da die Gewaltorgien der Roten Garden 1966 und in den Folgejahren willkürlich waren und zu keiner Zeit klar definierte Ziele hatten. Das SED-Politbüromitglied Gerhard Schürer schrieb im Neuen Deutschland im September 1966, dass Chinas Kommunistische Partei im Namen der Kulturrevolution die Arbeiterklasse von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen und sich daher nicht mehr als eine Partei der Arbeiter und Bauern bezeichnen dürfe.

Dieser Vorwurf wurde in der ostdeutschen Presse in den Jahren 1966 bis 1969 unzählige Male wiederholt. Zudem wurde postuliert, dass China es unter Mao verpasst habe, den von der Volksbefreiungsarmee praktizierten „Kriegskommunismus“ in einen zeitgemäßen Sozialismus unter Anwendung der „korrekten“ Version von Marxismus-Leninismus zu überführen. Ein Kommunismus, den der Chinahistoriker Roland Felber 1979 treffend als chinesischen „Kasernenkommunismus“ bezeichnete.

Im Oktober 1966 berichtete die Berliner Zeitung von den Eindrücken ostdeutscher Touristen auf Reisen in China. Eine DDR-Reisegruppe war zwei Monate nach Ausbruch der Kulturrevolution, zu einer Zeit, in der sich die Beziehungen zwischen Ostberlin und Peking stetig verschlechterten (und sich 1967 und 1968 weiter negativ entwickeln sollten, inklusive Gewalt gegen ostdeutsches Botschaftspersonal in Peking), in China unterwegs. Die Touristengruppe, so berichtete die Berliner Zeitung, sah, wie Maos Rote Garden Bauern auf den Feldern terrorisierten und misshandelten. Ende Oktober 1966 berichtete die Neue Zeit von Demonstrationen vor der sowjetischen Botschaft in Peking.

Seinerzeit – schenkt man der Zeitung Glauben – demonstrierten Studierende und Rote Garden gegen den Rauswurf chinesischer Studenten und Studentinnen aus Universitäten in der Sowjetunion. Die Berliner Zeitung behauptete jedoch, dass sie lediglich gezwungen wurden, ihre Studien in der Sowjetunion zu unterbrechen, um diese nach einem Jahr wiederaufnehmen zu können. Ende November des gleichen Jahres berichtete das Neue Deutschland über Zusammenstöße zwischen Arbeitern und den Roten Garden in Peking. Die Arbeiter, so die Zeitung, rebellierten gegen die Kulturrevolution und die damit verbundene Besetzung und Schließung von Fabriken in China – gefolgt von der Klarstellung in der Berliner Zeitung im Januar 1967, dass die Arbeiterproteste in China gegen die Kulturrevolution und die Zusammenstöße mit den Roten Garden (von der Presse auch als „Maotruppen“ bezeichnet) nicht, wie es die chinesische Propaganda behauptete, im Rahmen eines angeblichen sowjetischen Revisionismus zu verstehen sei.

Es bedurfte zugegebenermaßen keiner Klarstellung in der ostdeutschen Presse, dass chinesische Arbeiter und Bauern nicht im Namen eines wie auch immer gearteten sowjetischen Revisionismus, sondern gegen die Schließung ihrer Fabriken und den Verlust ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Der große Bruder in Moskau wurde gegen Kritik aus Peking um jeden Preis verteidigt, und zugegebenermaßen hatte das, was Peking als Revisionismus bezeichnete, nichts mit dem zu tun, gegen was die Fabrikarbeiter demonstrierten. Im November 1966 rechnete Walter Ulbricht höchstpersönlich mit Maos Kulturrevolution ab. Er beschuldigte Mao der „Spalterpolitik“, die die militärische Aggression der USA in Vietnam begünstige. Das gehe, so Ulbricht, auf Kosten des gemeinsamen Kampfes der sozialistischen Staatengemeinschaft gegen den US-Imperialismus und führe dazu, dass Chinas Außenpolitik gekennzeichnet sei von „chauvinistischem Großmachtstreben“ und Nationalismus.

Im Februar 1967 berichtete das DDR-Außenministerium, dass die in der DDR verbliebenen chinesischen Studierenden die Absicht hätten, die DDR zu verlassen, um ihren Beitrag zur Großen Proletarischen Kulturrevolution zu leisten. Die ostdeutschen Behörden warnten daraufhin, dass chinesische Studenten und Studentinnen, die an der Kulturrevolution beteiligt seien, nicht in die DDR zurückkehren dürften. Eine wohl eher hinfällige Warnung, da nicht davon ausgegangen werden konnte, dass chinesische Studierende nach einem wie auch immer gearteten Beitrag zur Kulturrevolution vorhatten, ihr Studium in der DDR wiederaufzunehmen. Im August 1968 erteilten die ostdeutschen Behörden den Universitäten des Landes dann doch die Erlaubnis, fortan wieder chinesische Studenten zuzulassen. Wie viele der chinesischen Studierenden seinerzeit an ostdeutsche Universitäten zurückkehrten, ist nicht bekannt, aber es dürften nicht viele gewesen sein.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1968 ebbte die Berichterstattung zur Kulturevolution in der ostdeutschen Presse merklich ab. Die wenigen Artikel konzentrierten sich, wie in den Jahren davor, darauf, die Kulturrevolution als eine gegen die Sowjetunion gerichtete Kampagne zu beschreiben. 1969 berichtete die DDR-Presse über den von Mao Anfang März 1969 entfachten Grenzkonflikt mit der Sowjetunion entlang des Ussuri-Flusses als eine der vermeintlichen Konsequenzen der Kulturrevolution und des von Ulbricht beklagten „chauvinistischen Großmachtstrebens“ Chinas. Seinerzeit gab Mao der Volksbefreiungsarmee den Befehl, die von der Sowjetunion beanspruchte Insel Damanski zu besetzen. Das führte zu einer Serie von militärischen Zusammenstößen und sogar zu Überlegungen in Moskau, den Konflikt mit China durch den Einsatz von Atomwaffen zu entscheiden. Im Juni 1969 erhielt die DDR „Schützenhilfe“ aus Westberlin von Gerhard Danelius, dem Vorsitzenden der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW). Im Namen der SEW und SED beklagte Danelius gegenüber der Zeitung Neue Zeit, dass China unter Mao die „korrekte“ Version von Marxismus-Leninismus durch Maoismus ersetzt habe, und dass sich alle sozialistischen und kommunistischen Parteien dieser Version widersetzen müssten.

Danelius lag allerdings damit mindestens terminologisch daneben, da die KP Chinas im März 1969 im Rahmen ihres 9. Parteikongresses beschlossen hatte, dass das, was „Marxismus-Leninismus Mao Zedong Ideologie“ genannt wurde, fortan die für alle Parteimitglieder verbindliche Ideologie sei. Das jedoch war gänzlich irrelevant, weil Mao sich über die Jahre nie die Mühe machte zu spezifizieren, was Maoismus und/oder „Marxismus-Leninismus Mao Zedong Ideologie“ beinhaltete und wie sie sich von „konventionellem“ Marxismus-Leninismus unterschied. „Mao“, Julia Lovell fasst es treffend zusammen, „blieb zeitlebens ein rudimentärer Marxist. Er hatte keine Zeit für die von Marz verfassten historischen und wirtschaftlichen Analysen und begnügte sich damit, Marx Manifest der Kommunistischen Partei auf die Formel „Klassenkampf, Klassenkampf, Klassenkampf“ zu bringen und propagieren.“

Zitierweise: Axel Berkofksy, "Ostberlin, Chinas „Großer Sprung nach vorn“ und die Kulturrevolution - Fake News-Journalismus à la DDR", in: Deutschland Archiv, 27.04.2021, Link: www.bpb.de/332037

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