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Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten

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Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. 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Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. 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Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten Öffentliche Darstellung und heimliche Überwachung nach dem Mauerbau

Tobias Wunschik

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Tobias Wunschik beschäftigt sich mit den Aufnahmelagern der DDR für West-Ost-Migranten. Im geteilten Deutschland gingen zwischen 1949 und 1988 insgesamt 600.000 Menschen von der Bundesrepublik in die DDR – davon waren 400.000 zuvor bereits nach Westdeutschland geflohen und kehrten dann zurück.

Aufnahmeheim Eisenach (© Bundesarchiv, Bild 183-68348-0001, Foto: Wittig)

I.

Im geteilten Deutschland flüchteten zwischen 1949 und 1988 3,3 Millionen Menschen in die Bundesrepublik. Etwa 400.000 unter ihnen kamen wieder zurück in die DDR. Dahinter standen, zumindest seit der wirtschaftlichen Konsolidierung der Bundesrepublik gegen Mitte der fünfziger Jahre, wohl weniger ökonomische oder politische als vielmehr private Motive. Hinzu kamen noch etwa 200.000 im Westen geborene Bürger, die in den anderen Teil Deutschlands wechselten - so genannte Erstzuziehende, wie sie Ostberlin in Abgrenzung zu den Rückkehrern nannte. Diese Wanderungsbewegung blieb nach der Pionierarbeit von Andrea Schmelz lange Zeit unerforscht; erst Bernd Stöver, Ulrich Stoll und Kim Priemel schenkten ihr wieder Beachtung.

Weil die DDR beim wirtschaftlichen Aufschwung mit der Bundesrepublik nicht mithalten konnte, kamen ab Mitte der fünfziger Jahre immer weniger Menschen. Wenn jedoch die "Abstimmung mit den Füßen" schon nicht zu gewinnen war, wollte das SED-Regime die neuen DDR-Bürger zumindest streng überprüfen, um Spione, politisch Missliebige und Kriminelle herauszufiltern. Seit 1957 sollte daher jeder West-Ost-Übersiedler zunächst in einem Lager oder Aufnahmeheim untergebracht werden; dies betraf etwa 96 Prozent der West-Ost-Migranten des Jahres 1960. 1958 stellte eine Neufassung des Passgesetzes das "illegale Verlassen der DDR" ausdrücklich unter Strafe. Zwar sicherte der Staatsrat im August 1964 den meisten Rückkehrern Straffreiheit zu, doch kamen zwischen Mauerbau und Jahresende 1965 insgesamt nur noch 65.803 West-Ost-Migranten - was etwa dem Durchschnitt eines Jahres vor dem Mauerbau entsprach. Dabei wurden 27 Prozent der Rückkehrer und 58 Prozent der Zuziehenden abgelehnt. Dieses war ein Ausdruck einer strengeren Auswahl als vor dem Mauerbau. Als die DDR dann 1966 das Passierscheinabkommen auf dringende Familienfälle beschränkte, wurde die West-Ost-Migration weitgehend zur Einbahnstraße - die nur noch 2.000 bis 3.000 Personen im Jahr zu nehmen wagten.

Aufnahmeheime bestanden Mitte der sechziger Jahre auf zentralstaatlicher Ebene in Barby, Eisenach, Pritzier und Saasa sowie auf bezirklicher Ebene in Velgast, Militzsee, Loburg, Schmalkalden, Kraftsdorf, Karl-Marx-Stadt, Zirkelschacht, Leipzig, Dresden, Kablenz, Fürstenwalde, Potsdam und Berlin-Weißensee. Dieses Netz ließ sich die DDR mehr als 3 Millionen Mark im Jahr kosten. 1969 waren in den Aufnahmeheimen 285 Mitarbeiter beschäftigt, die als Angestellte der Heime die Migranten versorgten, sie als Mitarbeiter des Pass- und Meldewesens erfassten, sie als Angehörige der Kriminalpolizei vernahmen oder sie als Mitarbeiter des Betriebsschutzes bewachten. Nicht mitgerechnet sind hierbei die Mitarbeiter der Staatssicherheit, die Migranten vernahmen sowie Spitzel anwarben. Obwohl die Heime ihre Plätze bereits reduziert hatten (so etwa das größte, Barby, von 650 auf 260 Betten), waren die Heime mit ihrer Gesamtkapazität von 1.500 Plätzen nicht einmal zu einem Fünftel ausgelastet. Die Migranten mussten dabei durchschnittlich 24 Tage in den zentralen und 38 Tage in den regionalen Aufnahmeheimen bleiben.

Inbesondere weil der erhoffte Zuspruch ausblieb, wurden etliche Lager und Heime geschlossen, so im Sommer 1972 Blankenfelde und Pritzier. Die deutsch-deutschen Grundlagenverträge führten nicht automatisch zu mehr West-Ost-Migranten, doch gingen jährlich 1.000 bis 1.200 schriftliche Voranfragen aus der Bundesrepublik ein. Um die Kräfte zu bündeln, wurde dann im April 1979 das Zentrale Aufnahmeheim Röntgental (mit einer Kapazität von 117 Betten) eröffnet. Im Gegenzug wurden dann auch Saasa und Barby geschlossen; neben einigen Bezirksheimen blieb auf zentraler Ebene lediglich Molkenberg bestehen, bis es 1986 in das neue Haus 11 in Röntgental verlegt wurde.

Tabelle

II.

Auch das neue Aufnahmeheim unterstand zwar dem Ministerium des Innern, doch hinter den Kulissen zog die Staatssicherheit die Strippen. Sie hatte zur Errichtung von Röntgental beigetragen und steuerte das Reglement vor Ort. Leitende Kader im Ministerium des Innern kooperierten mit der Geheimpolizei, und als Leiter Röntgentals fungierte ein Offizier in besonderem Einsatz, Roland Stegbauer. Bei einer Belegung mit durchschnittlich nur 12 West-Ost-Migranten unterstanden ihm 114 Mitarbeiter, die der Hauptabteilung Kriminalpolizei, dem Bereich Innere Angelegenheiten und dem Betriebsschutz angehörten. Stegbauer nicht untergeordnet waren die 19 Hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit, die in Röntgental Vernehmungen führten und unter den vorgenannten Beschäftigten 26 Zuträger führten (22,8 Prozent). In dieser Stärke waren die verschiedenen Abteilungen der Staatssicherheit sonst nur in besonders bedeutsamen Diensteinheiten des Ministeriums des Innern präsent.

Die Beschäftigten sollten dem SED-Regime treu ergeben sein sowie möglichst keine "Westverwandtschaft" besitzen. Weil die Praxis oft eine andere war, führte die zuständige Hauptabteilung VII in den achtziger Jahren etwa 25 Überwachungsmaßnahmen (in Form einer Operativen Personenkontrolle/OPK) jährlich überwiegend gegen die Mitarbeiter Röntgentals durch. Und 1977 liefen gegen die seinerzeit 72 Mitarbeiter Barbys immerhin sieben OPKs. So wurde beispielsweise ein Vernehmer der Kriminalpolizei ab 1987 in OPK bearbeitet, weil er trotz eines Gehalts von 1.700 Mark wegen Unterhaltszahlungen in finanziellen Schwierigkeiten steckte und deswegen als erpressbar galt. Es wurden dann sieben Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf ihn angesetzt, Zweitschlüssel von Dienstzimmer und Wohnung gefertigt sowie sein Telefon abgehört - letztlich ergebnislos. Dagegen wurde selbst ein Kraftfahrer Röntgentals entlassen, da er in "negativen Kreisen" verkehrte. Und die Staatssicherheit überprüfte selbst zeitweilig eingesetzte Handwerker sowie sämtliche 700 Einwohner der Gemeinde Röntgentals.

III.

Wenn potentielle DDR-Bürger aus den Westen bei verschiedenen Stellen von Staat und Partei um Aufnahme ersuchten, wurden der Staatsrat oder das Büro Honecker, das Ministerium des Innern sowie die Staatssicherheit involviert. Förmlich formulierte dann das Ministerium des Innern Antwortschreiben, während zugleich eine Rückinformation an das Zentralkomitee der SED erfolgte. Ersuchten Personen um Wiederaufnahme, die von Westreisen nicht zurückgekehrt waren, war die für strafrechtliche Untersuchungen verantwortliche Linie IX des Ministeriums für Staatssicherheit zu beteiligen.

Unterbringung und "Durchleuchtung" in einem Heim blieb kaum einem Betroffenen erspart. Alle Migranten mussten bei Ankunft ihre Devisen ganz oder teilweise den DDR-Behörden überlassen, wodurch die Staatskasse der DDR zwischen 1981 und 1985 fast 7,5 Millionen D-Mark einnahm. Die Migranten durften während ihres Aufenthaltes das Aufnahmeheim nicht verlassen, mit Ausnahme etwa eines Arztbesuchs, wobei ein Mitarbeiter Röntgentals den Betreffenden nicht aus den Augen ließ.

Der Tagesablauf begann mit Wecken um 6:30 Uhr, ab 8 Uhr folgten Vernehmungen und Nachtruhe war für 22 Uhr angeordnet. Von verheerender Wirkung waren besonders die Verhöre durch Volkspolizei und Staatssicherheit. So wurden die Angehörigen einer Familie nach Möglichkeit getrennt voneinander, gleichzeitig und mehrfach hintereinander befragt um Widersprüche aufzudecken. Zuletzt wurden außerdem zwei von drei Aufnahmeersuchenden abgehört. Diese "Durchleuchtung" war derart bedrückend, die Lebenssituationen teils so ausweglos und die Migranten mitunter psychisch derart instabil, dass sich in den achtziger Jahren sich mindestens fünf Personen das Leben nahmen und drei weitere dies versuchten.

Ausweislich der oben stehenden Tabelle bearbeitete die Staatssicherheit 3,2 Prozent der West-Ost-Migranten des Jahres 1969 operativ, verhaftete 0,5 Prozent sofort und wollte 2 Prozent als IM anwerben. Nicht erfasst sind die Zurückweisungen sowie spätere Verhaftungen. Im Jahr 1987 bearbeitete der Mielke-Apparat demgegenüber 6,4 Prozent aller West-Ost-Migranten und warb (in den ersten neun Monaten des Jahres 1986) fast 3 Prozent der Migranten als IM (13 von 453 Personen). Sofern diese Momentaufnahmen aussagekräftig sind, zogen die wenigeren Aufnahmeersuchenden offenbar eine immer intensivere Überwachung auf sich. Deswegen - und weil offenbar nur noch aussichtsreiche Kandidaten kamen - wurden 1986 auch höchstens 16 Prozent abgelehnt.

In einer OPK wurde beispielsweise eine 26-jährige Frau bearbeitet, deren Mann als entschiedener Gegner des SED-Regimes galt - weswegen sie in Röntgental verhört wurde. Um noch mehr zu erfahren, wurde sie in die DDR aufgenommen, mehrere Tage observiert und durch mindestens vier weitere IM beobachtet; die friedliche Revolution verhinderte die Klärung der Vorwürfe. Da West-Ost-Migranten in den späten achtziger Jahren meist nur noch 14 Tage in Röntgental blieben, wurden ohnehin viele erst am neuen Wohnort "durchleuchtet". Und gerade weil sie so genau beobachtet wurden, gingen in den sechziger Jahren durchschnittlich 8,5 Prozent aller registrierten Straftaten auf West-Ost-Migranten zurück, obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur 3,2 Prozent betrug.

IV.

Schon die Abwanderung vor dem Mauerbau ließ sich propagandistisch kaum verwerten. Vorzüglich passte es hingegen in das Weltbild des Regimes, wenn geflohene DDR-Bürger zurückkehrten oder geborene Bundesbürger zuzogen. West-Ost-Migranten wurden daher offensiv umworben und konnten geschönte Autobiographien veröffentlichen. Rückkehrer berichteten der Tagespresse etwa, sie hätten "die ganze Härte des Bonner Regimes zu spüren" bekommen und "immer Hunger" gehabt. Solche Propagandaschriften wurden trotz sinkender Zahlen von West-Ost-Migranten bis in die sechziger Jahre produziert. Und 1963 sowie 1965 drehte die DEFA sogar Kurzfilme, in denen beispielsweise eine 21-Jährige im Aufnahmeheim Eisenach erzählt, dass sie im Westen als Animierdame in einer Bar arbeiten musste. Demgegenüber seien die ostdeutschen Aufnahmeheime, so hieß es in einschlägigen Ratgebern, "in keiner Weise eine Parallele zu den berüchtigten westdeutschen 'Flüchtlingslagern'."

1965 wurde gar einem britischen Journalisten gestattet, über Barby zu berichten, doch nannte dieser die Motive einiger Migranten (Schulden, Vorstrafen etc.) beim Namen und ließ die Trostlosigkeit des Lagerlebens durchblicken. Möglicherweise durch diesen Misserfolg befördert - und weil immer weniger Personen kamen -, enthielt sich das SED-Regime fortan eines offensiven Umgangs mit dem Thema. Die wichtigste Tageszeitung des Landes brachte fast 15 Jahre lang keinen einschlägigen Artikel, so wie die Grenze überhaupt meist verschwiegen wurde.

Erst am 5. März 1985 berichtete das Neue Deutschland mehrspaltig, 20.000 Übergesiedelte würden in die DDR zurückkehren wollen und nannte einige von ihnen namentlich. Vermutlich ließ sich die Ausreisewelle im Vorjahr nicht leugnen - und ein leichter Anstieg der Rückkehrerzahlen trug wohl dazu bei, dass das SED-Regimes jetzt auf einen Propagandaerfolg hoffte. Dem Artikel "mit besonderer Anstrengung" zugearbeitet und "die Mehrzahl der in der Veröffentlichung [des Neuen Deutschlands] genannten Personen" ausgewählt hatte indes die Staatssicherheit. In den letzten beiden Jahren, so lobte sich die Geheimpolizei, seien "wesentlich bessere Ergebnisse bei der Prüfung auf Eignung von Personen für öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zur Zurückdrängung von Antragstellungen auf Ausreise" erzielt worden.

Als indes westliche Journalisten, u.a. Ulrich Stoll, die angeblichen Rückkehrwilligen interviewen wollten, war (vermutlich von ostdeutscher Seite so instruiert) kein einziger zu Aussagen bereit. Andere verneinten sogar, entsprechende Ersuchen gestellt zu haben. Möglicherweise fürchteten sie berufliche oder private Nachteile. Das DDR-Fernsehen nahm daraufhin davon Abstand, einen Film zu diesem Thema zu drehen. Das "Filmstudio Agitation" der Staatssicherheit drehte 1986 zwar einen Streifen, in dem Zugezogenen schleppend von ihren Motiven berichten, da sie wohl unter Druck standen, doch der Film wurde bis 1989 nicht gesendet.

V.

Bereits vor dem Mauerbau kapitulierte das SED-Regime bei seinem Versuch, mehr geflohene DDR-Bürger und Bundesbürger zur Übersiedlung nach Ostdeutschland zu bewegen. Weit überzogene Feindperzeptionen, insbesondere die Furcht vor dem Einschleusen von Spionen, führten zu einer immer intensiveren Durchleuchtung von immer weniger West-Ost-Migranten. Erst mit enormer zeitlicher Verzögerung wurden Aufnahmeheime in der DDR geschlossen und die Kapazitäten teilweise in Röntgental konzentriert. Die Überwachung und Abschottung des Heimes von Außenwelt und Öffentlichkeit, das Stärkeverhältnisse zwischen den Migranten und ihren Bewachern sowie die Akribie der Überprüfung zeugen einmal mehr von der weit überzogenen Sicherheitsdoktrin des Mielke-Apparates. Obwohl die Ausreisewelle im Vorfeld der friedlichen Revolution auch mehr Rückkehrer mit sich brachte, wollte die Staatssicherheit bis zuletzt den Überblick behalten. Das Ministerium des Innern wies unmittelbar nach dem Mauerfall an, das Aufnahmeverfahren auf maximal drei Tage zu verkürzen und die Staatssicherheit wollte die zuständigen Abteilungen personell aufstocken. Diese Reflexe gingen durch den Fortlauf der Ereignisse freilich ins Leere.

Zitierweise: Tobias Wunschik, Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten. Öffentliche Darstellung und heimliche Überwachung nach dem Mauerbau. In: Deutschland Archiv Online, 07.02.2013,Link: http://www.bpb.de/156215

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/1949-1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer, Düsseldorf 1994, S. 45.

  2. Vgl. Andrea Schmelz, Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges. Die West-Ost-Migration in die DDR in den 1950er und 1960er Jahren, Opladen 2002, S. 45-48. Einen extremen Sonderfall stellen rund 600 Fälle von Entführung durch die Staatssicherheit dar. Vgl. Karl-Wilhelm Fricke, Entführungsaktionen der DDR-Staatssicherheit und die Folgen für die Betroffenen, in: Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur", Band II/1, S. 1169-1208; Susanne Muhle, Auftrag: Menschenraub. Das MfS und seine inoffiziellen Mitarbeiter im „speziellen Westeinsatz“; http://www.stiftung-aufarbeitung.de/uploads/pdf/muhle.pdf [1.10.2012].

  3. Vgl. Schmelz (Anm. 2), Bernd Stöver, Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler, München 2009; Ulrich Stoll, Einmal Freiheit und zurück. Die Geschichte der DDR-Rückkehrer, Berlin 2009; Kim Christian Priemel (Hg.), Transit/Transfer. Politik und Praxis der Einwanderung in die DDR 1945-1990, Berlin 2011.

  4. Vgl. Schmelz (Anm. 2), S. 188-190, 225.

  5. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 83.

  6. Vgl. Schmelz (Anm. 2), S. 207.

  7. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 85, 214.

  8. Vgl. Instruktion des Ministeriums für Staatssicherheit vom 15.11.1965; BStU, MfS-Bdl/Dok. 3349.

  9. Vgl. Gerhard Neumeier, "Rückkehrer" in die DDR. Das Beispiel des Bezirks Suhl 1961 bis 1972, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Nr. 1/2010, S. 69-91.

  10. Vgl. Befehl 65/72 des Ministerium des Innern vom 9.6.1972; BStU, MfS-BdL/Dok. 010615.

  11. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 85; Stellungnahme der Abteilung 3 der Hauptabteilung VII vom 19.4.1978; BStU, MfS HA VII 519, Bl. 10-15.

  12. Vgl. Dienstanweisung 1/79 des Ministers für Staatssicherheit vom 9.3.1979; BStU, MfS-BdL/Dok. 6818. S.a. Ordnung 134/86 des Ministers des Innern über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 11773.

  13. Vgl. Dienstanweisung 1/79 des Ministers für Staatssicherheit vom 9.3.1979; BStU, MfS-BdL/Dok. 6818. S.a. Ordnung 134/86 des Ministers des Innern über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 11773.

  14. Vgl. Arbeitsergebnisse der Aufnahmeheime 1.1969-30.6.1970; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 19-22; Übersicht über die bestehenden Aufnahmeheime; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 23-24; Schreiben des Leiters der Hauptabteilung VII vom 3.5.1971; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 7-8. Die Zwischensumme der Mitarbeiter in den Aufnahmeheimen der Bezirke (Spalte 5) wird im Originaldokument mit 83 angegeben.

  15. Vgl. ausführlich hierzu mit weiteren Nachweisen Tobias Wunschik, Migrationspolitische Hyperthophien: Aufnahme und Überwachung von zuwanderern aus der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, in: Jochen Oltmer (Hrsg.), Migration, Staat und Politik (IMIS-Beiträge Nr. 32/2007), S. 33-60.

  16. Vgl. Sicherungskonzeption der Hauptabteilung VII/3 für das Zentrale Aufnahmeheim vom 31.1.1983; BStU, MfS HA VII Bdl. 455.

  17. 18 Inoffizielle Mitarbeiter für Sicherheit (IMS), 5 Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS), 1 hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter (HIM), 1 Experten-IM (IME) sowie 1 Offizier in besonderem Einsatz (OibE). Vgl. Abteilung 3 der Hauptabteilung VII: Einschätzung des Standes der Vorbeugung vom 19.3.1987; BStU, MfS HA VII/AKG PK 1/2.2., Bd. 7, Bl. 77-113.

  18. Vgl. Tobias Wunschik, Hauptabteilung VII: Ministerium des Innern, Deutsche Volkspolizei (Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden. MfS-Handbuch), BStU, Berlin 2009.

  19. Vgl. Ordnung 134/86 des Ministers des Inneren über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 011773, Bl. 5.

  20. Hauptabteilung VII/3 vom 11.1.1986, 15 S. und 1 Anlage; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  21. Vgl. Jens Müller, Übersiedler von West nach Ost in den Aufnahmeheimen der DDR am Beispiel Barbys, Naumburg 2000, S. 85.

  22. Vgl. BStU, MfS AOPK 183/89.

  23. Vgl. [Abschlußbericht der OPK; Deckblatt fehlend] o.D. [1982/83]; BStU, MfS HA VII 4470, Bl. 32-36.

  24. Vgl. Ordnung 134/86 des Ministers des Inneren über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 011773, Bl. 6.

  25. Vgl. Stoll (Anm. 5), S. 18.

  26. Vgl. BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  27. Vgl. 1. Entwurf der Koordinierungsvereinbarung des Leiter der Hauptabteilung VII und des Leiters der ZKG vom 1.7.1987; BStU, MfS HA VII Bdl. 782; Schreiben der Hauptabteilung VII/3 vom 11.6.1987; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  28. Vgl. Hauptabteilung VII/3 vom 11.1.1986; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  29. Vgl. Claus Hornung, Wo bitte geht’s in die DDR? Überraschende Einblicke in das "Zentrale Aufnahmeheim Röntgental", in: Ute Frevert (Hrsg.), Geschichte bewegt. Über Spurensucher und die Macht der Vergangenheit, Hamburg 2006, S. 39-53, S. 45; Stöver (Anm. 4), S. 120.

  30. Vgl. Claus Hornung, Wo bitte geht’s in die DDR? Überraschende Einblicke in das "Zentrale Aufnahmeheim Röntgental", in: Ute Frevert (Hrsg.), Geschichte bewegt. Über Spurensucher und die Macht der Vergangenheit, Hamburg 2006, S. 39-53, S. 45.

  31. Vgl. Hauptabteilung VII/3 vom 11.1.1986; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  32. Vgl. Abteilung 3 der Hauptabteilung VII: Übersicht der erzielten Ergebnisse vom 12.1.1987; BStU, MfS HA VII 2523, Bl. 26-39.

  33. Vgl. Stoll (Anm. 5), S. 9.

  34. Zeitweise betraf dies angeblich jeden zweiten Rückkehrer, insbesondere wegen "Geheimnisverrats" im Westen. Vgl. Gerhard Neumeier, „Rückkehrer“ in die DDR. Das Beispiel des Bezirks Suhl 1961 bis 1972, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Nr. 1/2010, S. 69-91, S. 91.

  35. Vgl. Bilanz der Hauptabteilung VII 1987: Bearbeitung von Aufnahmeersuchenden R/Z/Ausl.; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  36. Hauptabteilung VII/3: Einschätzung der politisch-operativen Lage vom 10.10.1986; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  37. Im Jahr 1986 ersuchten 587 Personen um Aufnahme, davon 327 in den 14 Bezirksheimen und 260 in Röntgental. Zusammengenommen wurden 492 Migranten aufgenommen und lediglich 54 abgelehnt; 41 Fälle waren am Jahresende noch nicht entschieden. Vgl. Hauptabteilung VII/3: Kurzfassung der erzielten Ergebnisse vom 9.1.1987; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  38. Vgl. BStU, MfS AOP 11830/91, Bd. 3.

  39. Vgl. Bericht der AKG der Hauptabteilung VII über die durchgeführten Untersuchungen in der Abteilung 3 der HA VII vom 15.6.1989, 14 S. und 1 Anlage; BStU, MfS HA VII Bdl. 851, Bd. 4.

  40. Vgl. [Statistik der Straftaten von Rückkehrern und Zuziehenden 1.1.960 bis 30.6.1970]; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 17-18; Stöver (Anm. 4), S. 85.

  41. Vgl. Hope M. Harrison, Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach, Berlin 2011, S. 258.

  42. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 71.

  43. Zit. n. Stoll (Anm. 5), S. 14.

  44. Vgl. Wir kamen in die DDR! Wir blieben in der DDR! Junge Zuwanderer berichten warum sie Westdeutschland den Rücken kehrten, Berlin (Ost) 1964.

  45. Zit. n. Stoll (Anm. 5), S. 14-15.

  46. Ausschuß für Deutsche Einheit, DDR. 300 Fragen, 300 Antworten, 2. Auflage, Berlin (Ost) 1958, S. 148.

  47. Zu Sefton Delmer vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sefton_Delmer [22.9.2011]

  48. Vgl. Sefton Delmer, Spinner, Schuldner, Deserteure, in: Quick Nr. 48/1965, S. 18-22, 128-130.

  49. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 97-99.

  50. Zu den Stichwörtern "Rückkehrer", "Röntgental" und "Barby" erschienen in folgenden Ausgaben des "Neuen Deutschland" Artikel: 20.10.1953, 14.1.1956, 21.4.1956, 4.6.1956, 2.2.1957, 18.10.1958, 28.12.1959, 30.12.1960, 21.10.1963, 12.8.1964, 2.9.1978, 30.1.1982, 13.4.1984, 18.8.1984, 6.3.1985, 8.3.1985, 9.3.1985.

  51. Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 99, 119.

  52. Schreiben des Ministers für Staatssicherheit vom 24.11.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 008391; Hauptabteilung VII/3 vom 11.1.1986; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.

  53. Vgl. Stoll (Anm. 5), S. 7-9, 21.

  54. Vgl. Schreiben des Leiters der Hauptabteilung VII an die Bezirksverwaltungen vom 21.2.1989, BStU, MfS HA VII Bdl. 25.

  55. Vgl. Vorsitzender des Ministerrates an Vorsitzende der Räte der Bezirke vom 11.11.1989, 9 S.; BStU, MfS HA VII Bdl. 995; [Aufgabenstellung der] Abteilung 3 der Hauptabteilung VII o.D. [November 1989]; BStU, MfS HA VII 1359, Bl. 153-155.

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Tobias Wunschik, geboren 1967, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Er veröffentlichte u.a. das Buch "Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF".