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Der erschütterte Fortschritts-Optimismus

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? 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Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz „Wie ein Film in Zeitlupe“ 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Frauen in der Bürgerbewegung der DDR und während der Friedlichen Revolution Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. 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Die "Auskunftspersonen" der Stasi – Der Fall Saalfeld Geschlossene Venerologische Stationen und das MfS Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts Alltag und Gesellschaft Fußball mit und ohne Seele München 1972: Olympia-Streit um das „wahre Freundesland“ Afrikas Das religiöse Feld in Ostdeutschland Repräsentation Ostdeutschlands nach Wahl 2021 Die Transformation der DDR-Presse 1989/90 Das Elitendilemma im Osten "Affirmative Action" im Osten Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion Die Bundestagswahl 2021 in Ostdeutschland Deutsch-deutsche Umweltverhandlungen 1970–1990 Der Plan einer Rentnerkartei in der DDR "Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Deutsch-ausländische Ehen in der Bundesrepublik Verhandelte Grenzüberschreitungen Verpasste Chancen in der Umweltpolitik Der dritte Weg aus der DDR: Heirat ins Ausland Und nach Corona? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Der erschütterte Fortschritts-Optimismus

Andreas Reckwitz

/ 9 Minuten zu lesen

Der tiefe Schock des Westens über den Krieg in der Ukraine hat einen verborgenen Grund, analysiert der Soziologe Andreas Reckwitz. Der seit 1989 herrschende Glaube an einen ewigen Fortschritt in der Welt entpuppe sich als Illusion. Wie kann der erschütterte Liberalismus diese globale Zeitenwende meistern? 

Kriegsspur. Der zerstörte Geschützturm eines russischen Panzers im Dorf Bohdanivka nahe Kiew am 12 April 2022. (© picture-alliance/dpa, EPA | SERGEY DOLZHENKO)

Die russische Invasion in der Ukraine löst in der westlichen Öffentlichkeit ungläubiges Entsetzen aus. Zunächst richtet es sich auf die Ereignisse selbst: den Bruch des Völkerrechts, die humanitäre Katastrophe, die Denkmöglichkeit einer Eskalation der Gewalt bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen. Auf tieferer Ebene hat das Entsetzen jedoch eine komplexere Ursache: Erschüttert scheinen die Grundannahmen der westlich-liberalen Geschichtsphilosophie mit ihrem vorherrschenden Blickwinkel auf den globalen Prozess der Modernisierung. Es stellt sich die dringende Frage, wie wir uns nun politisch und intellektuell neu sortieren.

Geschichtsphilosophie – das klingt nach einer verstaubten, seit Langem überholten Denkweise. Aber man sollte sich nicht täuschen: Als gesunkenes Kulturgut ist die liberale Geschichtsphilosophie insbesondere seit den 1990er-Jahren überaus wirksam.

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Man muss ihre Stoßrichtung rekapitulieren, um den gegenwärtigen Schock besser zu begreifen. Trotz aller Kritik und Selbstkritik wurden nämlich große Teile der westlichen Öffentlichkeit, der Medien, der Politik und der Sozialwissenschaften, in den vergangenen Jahrzehnten von geschichtsphilosophischen Denkmustern geprägt. Deren ideenhistorische Wurzel ist die europäische Aufklärung, systematisch ausbuchstabiert im historischen Idealismus Hegels: Dass der Gang der Geschichte einer Entfaltung der Vernunft entspricht, schien hier festzustehen.

Geschichte, in diesem Verständnis bezogen auf ganze Gesellschaften, folgt also einem Richtungssinn. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Entwicklung zum Besseren: "Vorwärts – nicht rückwärts!" Die Geschichte tritt demnach nicht auf der Stelle, sondern folgt grundsätzlich dem Muster des Fortschritts, das nicht nur Technik und Wissenschaft, sondern auch Recht, Politik und Moral umfassen soll.

Nun ist Hegel lange tot. Und in der Philosophie gab es eine Vielzahl fundamentaler Kritiken, die sich seit dem 19. Jahrhundert am Fortschrittsmodell abgearbeitet haben. In der Zeit der Weltkriege von 1914 bis 1945 – mit dem Holocaust als Tiefpunkt – fiel der liberale Fortschrittsoptimismus vollends in sich zusammen. Aber seit 1945 und insbesondere nach 1990 erlebte er in Westeuropa und Nordamerika in Politik und Öffentlichkeit ein Revival.

Dies geschah nicht zuletzt in Gestalt der Modernisierungstheorien. In den westlichen Sozialwissenschaften bildete sich, ausgehend von den USA, nach dem Zweiten Weltkrieg eine einflussreiche Sicht auf den gesellschaftlichen Wandel heraus, in der das westliche Modell als der Normalfall der Entwicklung erschien: parlamentarische Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft und soziale Sicherung, Pluralismus und Individualismus. Modernisierung, das hieß Verwestlichung, und dies sollte auch für den sich gerade dekolonisierenden globalen Süden gelten. Die einen sind schon so weit, die anderen werden es noch werden, so die Annahme. Dazu passte Alexandre Kojèves posthegelianische Vorstellung einer posthistoire aus den 1950er-Jahren: Dem russisch-französischen Denker zufolge sollte in der damals entfalteten Industriegesellschaft westlichen Typus die letzte Stufe der Geschichte erreicht sein.

Der historische Irrtum 1989

Die Modernisierungstheorie zog in den 1970er-Jahren durchaus Kritik auf sich. 1989 aber fiel die Mauer, und das liberale Fortschrittsmodell schien endgültig gesiegt zu haben. Der kommunistische Rivale – der sich im Übrigen selbst auf seine Weise aus dem aufklärerisch-hegelianischen Arsenal der Geschichtsphilosophie bedient hatte – implodierte. Der Prozess der Globalisierung, der nun einsetzte, wurde im Kern als ein weltweiter Export von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen der liberalen Moderne interpretiert: Es gibt keinen Gegner mehr, keine grundlegenden Konflikte, nur die Entfaltung einer zwingenden Logik.

An der Berliner Mauer nahe dem Potsdamer Platz im Frühjahr 1990 (© Holger Kulick)

Der Begriff der "nachholenden Modernisierung" traf diese Denkweise gut: Ob es um Ostdeutschland ging oder um Mittel- und Osteuropa, um Russland oder um China, um Afrika oder den Nahen Osten – das westlich-liberale Gesellschaftsmodell mit seinem Kapitalismus, seinem Rechtsstaat und seiner Zivilgesellschaft sollte sich überall verbreiten, und auf internationaler Ebene sollte der Multilateralismus herrschen. Dies erschien nicht nur wünschenswert, sondern gleichsam als historische Notwendigkeit. Francis Fukuyama nannte das 1989 – Kojève seinerseits zitierend – das "Ende der Geschichte": Es wird nichts grundsätzlich Neues mehr kommen. Ein Zurück in den überwundenen Zustand ist nicht denkmöglich.

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Nun gibt es kaum eine These, die in der intellektuellen Debatte so viel Widerspruch hervorrief wie die Fukuyamas. Trotzdem scheint der Glaube an den Automatismus der Modernisierung im westlich-liberalen Sinne tief verankert im Gesellschaftsbild insbesondere der mittleren und jüngeren, gebildeteren Generationen in Westeuropa und Nordamerika. Sie hatten ja den Kalten Krieg nicht oder kaum mehr erlebt. Über die genaue Richtung der gewünschten Modernisierung gibt es natürlich kritische Debatten, etwa wenn es um den Neoliberalismus oder die Klimapolitik geht. Aber ein "Zurück in die Welt vor 1989" – mit ihren heißen und kalten Kriegen in Europa – kam als Denkmöglichkeit nicht vor. Hier ist der Schock daher nun besonders groß.

Mit einer solchen modernisierungstheoretischen Perspektive hat der Westen seit 1990 lange Zeit auch auf Russland geschaut: Das Land erschien als zentraler Kandidat der nachholenden Modernisierung. Wenn Russland in den globalen Handel eingebunden sei, sich den Märkten öffne und die zivilgesellschaftlichen Akteure gestärkt würden, dann werde es schon den Weg in Richtung Demokratisierung und Pluralisierung beschreiten, so lautete die Annahme. Mit dem Krieg in der Ukraine ist diese Illusion endgültig zerstoben.

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Nicht nur dass der russische Modernisierungsprozess schon seit Längerem stockt: Nun geht Russland offen zur gewaltsamen Expansion seiner territorialen "Einflusszone" über und kämpft dabei gegen das westlich-liberale Gesellschaftsmodell insgesamt.

Diese Auseinandersetzung mit "dem Westen" wird dabei ideenpolitisch durch Denker wie Externer Link: Alexander Dugin und seine Positionierung einer sich an Tradition, Religion und Volk orientierenden Konservativen Revolution gegen die vorgebliche "Entwurzelung" des westlichen Liberalismus munitioniert.

Aus etwas größerer Distanz stellt sich der Krieg in der Ukraine allerdings nur als der vorerst letzte Stoß dar, der den westlich-liberalen Fortschrittsoptimismus trifft, wie er sich seit dem Epochenbruch von 1989 etablieren konnte. Nun hat es in den letzten Jahren bereits diverse Phänomene gegeben, die nicht in dieses Modernisierungsparadigma passen. Es gilt jedoch offenbar die These des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn über Paradigmen und Anomalien: Mit ein paar Anomalien, die sich nicht ins Weltbild fügen, wird ein Paradigma schon fertig – erst wenn es zu viele sind, wird man zum Umdenken gezwungen.

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Die Anomalien, die der vermeintlichen Zwangsläufigkeit des westlichen Modernisierungsprozesses weltweit widersprechen, sind mittlerweile jedenfalls zahlreich, auch schon vor Russlands Krieg gegen die Ukraine: Der Versuch der amerikanischen Außenpolitik, im Nahen und Mittleren Osten durch Nation-Building eine Modernisierung von oben zu betreiben, ist gescheitert. Das westliche Modell lässt sich offenbar nicht ohne Weiteres in andere soziokulturelle Kontexte exportieren, schon gar nicht mit militärischer Intervention.

Die Europäische Union musste erleben, dass Länder wie Polen und Ungarn Regeln des liberalen Rechtsstaates außer Kraft setzen. Dahinter verbirgt sich in Osteuropa eine in manchen Kreisen verbreitete Enttäuschung hinsichtlich der Folgen der Übernahme des westlichen Modells, wie es Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch Das Licht, das erlosch herausgearbeitet haben: Der Modernisierungsprozess hat hier auch soziale und kulturelle Verlierer hervorgebracht, was den Populismus und Nationalismus gestärkt hat.

Ganz anders und doch ähnlich sieht es in China aus: China ist ein Gewinner der ökonomisch-technologischen "nachholenden Modernisierung" seit 1990. Unter Xi Jinping hat das Land in der Außen- wie in der Innenpolitik jedoch eine scharfe antiliberale Wendung genommen. China bringt sich so als eine Systemalternative zum Westen in Stellung, als Kombination aus Kapitalismus, starkem Staat und konfuzianischer Tradition.

Eine letzte, besonders irritierende Anomalie für den Fortschrittsoptimismus findet sich inmitten des alten Westens: die antiliberale Bewegung des rechten Populismus, die etwa in den USA und Frankreich eine breite Anhängerschaft hinter sich versammelt und hinter der eine Polarisierung zwischen Modernisierungsgewinnern und -verlierern steckt. Die Präsidentschaft Trumps und der Sturm aufs Kapitol Anfang 2021 haben hier Risiken für die Zukunft der liberalen Demokratie aufscheinen lassen, die bis vor Kurzem noch außerhalb des Denkbaren waren.

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Der Ukraine-Krieg ist somit der bislang letzte Mosaikstein für ein neues Bild der Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Dieses lässt die geschichtsphilosophischen Hoffnungen, von denen wir uns häufig allzu optimistisch haben leiten lassen, als Wunschdenken erscheinen. Das gilt besonders für die Deutschen, genauer die Westdeutschen, deren Gesellschaft sich selbst zu Recht als erfolgreiches Produkt einer nachholenden Modernisierung nach 1945 wahrnimmt.

Die weltgesellschaftliche Entwicklung, die vor unseren Augen abläuft, lässt sich aber nicht mehr durch die Brille einer überraschungsfreien posthistoire und einer Modernisierung mit eindeutigem Ziel fassen. Sie verläuft vielmehr nach einer Logik des Konflikts mit regional offenen Ausgängen. Das ist wohl im Kern eine multipolare Welt, in der sich China und Russland – womöglich in einem strategischen Bündnis – gegen den Westen positionieren. Diese grundlegenden Konflikte beginnen die Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu prägen, und sie machen auch vor den Binnenstrukturen der westlichen Gesellschaften selbst nicht halt. Der Westen und das liberale Denken sind dann nicht mehr the only game in town, sondern ein Konfliktakteur unter mehreren.

Drei Konsequenzen werden schon jetzt deutlich:

Es verstärken sich Tendenzen einer Entglobalisierung, die bereits während der globalen Covid-19-Krise zutage traten, als die ökonomische Vernetzung von Gütern, Finanzmitteln und Energieströmen sowie die Mobilität von Personen über nationale Grenzen hinweg eingeschränkt wurden.

Zweitens wird für die Politik, insbesondere in Europa, die Orientierung an Sicherheit – innerer wie äußerer – in einer Weise zu einem Thema, wie man es nach dem Fall der Mauer nicht mehr kannte.

Schließlich entstehen ideologische Konfliktlinien, wie man sie in dieser Grundsätzlichkeit zuletzt in der Zeit vor 1989 erlebte. Aus der Sicht der westlichen Liberalen handelt es sich um den Kampf zwischen Liberalismus und Autoritarismus – Letzteren erkennt man nicht nur in Russland und China, sondern auch in den populistischen Bewegungen in den eigenen Gesellschaften. Zum ideologischen Konflikt gehört, dass die andere Seite hier eine entgegengesetzte Perspektive einnimmt: Darin wird die nationale Verwurzelung der vorgeblichen Entwurzelung und Dekadenz des Liberalismus entgegengestellt.

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Viele fragen sich, ob das der Beginn eines neuen Kalten Krieges sei. So sich ideologische Blöcke künftig feindselig bis hin zur Vernichtungsgefahr gegenüberstehen, ist das nicht unwahrscheinlich. Offen ist aber die Frage, ob das, was wir den Westen nennen, zu einem solchen neuen, hochgerüsteten Systemwettbewerb künftig bereit und in der Lage ist. Denn der Westen ist selbst ein historisch spezielles Phänomen ohne Ewigkeitsgeltung.

Der Externer Link: Kalte Krieg setzte auf westlicher Seite eine hohe ökonomische Prosperität und eine recht starke innere Homogenität voraus, zudem die Bereitschaft der USA, weltweit als Führungsmacht zu agieren.

Dies alles ist so eindeutig heute nicht mehr gegeben: Die westlichen Gesellschaften haben einen schwierigen ökonomischen Strukturwandel hinter sich (Postindustrialisierung) und sind mitten in einem neuen (Klimawandel). Die innenpolitische Polarisierung und die innergesellschaftlichen Probleme sind oft beträchtlich. Die USA ziehen sich seit Längerem aus der Rolle einer global agierenden Supermacht zurück. Und weltweit sind zahlreiche neue geopolitische Akteure entstanden, in Lateinamerika, in Afrika, in Südasien, die sich vermutlich nicht ohne Weiteres in ein neues Denken in Blöcken fügen werden. Dies alles macht die künftige globale Machtkonstellation kaum berechenbar, weil sie weniger festgefügt ist als im Kalten Krieg der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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Und die Geschichtsphilosophie? Man kann Trauer empfinden über den Verlust des Glaubens an die Unvermeidlichkeit einer historischen Entwicklung in jene Richtung, die man als Fortschritt erkannt hat. Aber man muss nüchtern sehen, dass die optimistischen drei Jahrzehnte von 1990 bis 2020, in denen sich dieser Glaube neu etablieren konnte, einer außergewöhnlichen Konstellation entsprangen.

Das heißt freilich nicht, dass man das "Projekt der Moderne" (Jürgen Habermas) im westlich-liberalen Sinne ad acta legen müsste. Aber statt an die zwingende Kraft eines Modernisierungsprozesses und eherne historische Gesetze zu glauben, muss man dieses Projekt neu begreifen und verfolgen: als ein seiner eigenen Schwächen bewusstes normatives und strategisches Projekt, im Wissen um seine Gegner. Wir engagieren uns dafür, auch wenn der weltweite Erfolg in der Zukunft nicht gewiss ist.

Der Autor, Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Beitrag erschien zunächst auf ZEIT ONLINE am 19.3.2022 unter dem Titel "Der Optimismus verbrennt". Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der ZEIT.

Zitierweise: Andreas Reckwitz, "Der erschütterte Fortschritts-Optimismus", in: Deutschland Archiv, 11.4.2022, www.bpb.de/507282.

Wo Hoffnung noch überwiegt: An der John-Lennon-Mauer in Prag haben Einheimische und Touristen zahlreiche Gedichte gegen den Krieg in der Ukraine hinterlassen. Die Aktion steht unter dem Motto: MAKE POETRY - NOT WAR. (© picture-alliance, dpa-Zentralbild | Stephan Schulz)

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen". Darunter sind:

Weitere Betrachtungen aus unterschiedlichsten Perspektiven werden folgen.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Der Autor, Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.