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Griechische Migration nach Deutschland

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Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? 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Griechische Migration nach Deutschland

Ioannis Zelepos

/ 13 Minuten zu lesen

Die Präsenz von Griechen in Deutschland hat eine lange Vorgeschichte. Dabei waren die Gründe für eine Migration nach Deutschland vielfältig – einen großen Anteil stellten Arbeitsmigranten zu Beginn der 1960er Jahre. Ioannis Zelepos skizziert die Entwicklung der Zuwanderung ebenso wie die gesellschaftlichen Integrationsmöglichkeiten einer sich stets wandelnden Diaspora.

Griechische Gastarbeiter verfolgen 1967 im Haus der griechischen Gemeinde in Hannover am Radio die neuesten Nachrichten aus ihrem Heimatland (© picture alliance/dpa, Foto: Wolfgang Weihs)

Historischer Rückblick

Die ältesten Spuren griechischer Migration nach Deutschland gehen auf das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit zurück. Die Einwanderung beschränkte sich damals jedoch auf vereinzelte Kleriker und Gelehrte, die im Austausch mit deutschen Humanisten wie Martin Crusius (1526 bis 1607) standen, sowie auf Glücksritter, die in Mitteleuropa eine bessere Zukunft suchten. Seit dem 18. Jahrhundert kam es im Zuge der Intensivierung des Balkanhandels zur Bildung griechischer Kaufmannskolonien zunächst in Österreich, später auch in Schlesien und Sachsen mit Zentren in Breslau, Chemnitz und insbesondere Leipzig, wo Pelzhandel und -verarbeitung wichtige Betätigungsfelder waren. Als bedeutende Universitätsstadt war Leipzig zugleich Anziehungspunkt einer damals ebenfalls zunehmenden Bildungsmigration aus Griechenland und entwickelte sich schließlich gemeinsam mit Halle zu einem wichtigen Publikationszentrum griechischer Bücher im Zeitalter der Aufklärung. Griechische Studenten besuchten zu dieser Zeit in wachsender Zahl auch andere deutsche Hochschulen, wobei insbesondere die Universität München eine bedeutende Rolle spielte, wo dies unter anderem durch einen bayerischen Philhellenismus begünstigt und nach Einsetzung Ottos von Wittelsbach als erstem König des unabhängigen Griechenland (1832) auch aktiv gefördert wurde.

Abgesehen von der studentisch-akademischen Migration nach Deutschland, die sich bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen fortsetzte, kam es im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer wachsenden Zuwanderung griechischer Unternehmer. Diese entwickelten vielfältige Handelsaktivitäten und etablierten sich dabei nicht zuletzt im Tabakgewerbe, dessen wichtigste Zentren in Dresden und Hamburg lagen. So gab es in der Hansestadt 1923 trotz der durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen verursachten wirtschaftlichen Einbrüche nicht weniger als 65 griechische Unternehmen, darunter drei Zigarettenfabriken und mehr als 30 Tabakhändler beziehungsweise -makler.

Teils aus wirtschaftlichen Gründen, teils durch Assimilation bedingt, erwies sich eine sichtbare Präsenz von Griechen in Deutschland in der Folgezeit allerdings als rückläufig. Ein Tiefpunkt in dieser Entwicklung wurde während des Zweiten Weltkrieges erreicht, wenn man von den Zwangsdeportationen der deutschen Besatzer in Griechenland sowie der Anwerbung von Fremdarbeitern für das "Großdeutsche Reich" absieht. Letztere bewirkte, dass im Zeitraum von 1942 bis 1944 insgesamt rund 20.000 Griechen ins Reich kamen, um der erdrückenden wirtschaftlichen Not in ihrer von den Deutschen besetzten Heimat zu entgehen.

Junge Griechen im LBH-Ausbildungswerk in Leipzig, 1951 (© Bundesarchiv, Bild 183-09887-0007, Foto: Illner)

Ein eigenes Kapitel griechischer Zuwanderung nach Deutschland bildet schließlich die politisch motivierte Migration von Angehörigen des kommunistischen Lagers nach Ostdeutschland während des griechischen Bürgerkrieges 1946 bis 1949. Es handelte sich dabei um 1240 Kinder, die zunächst in Radebeul bei Dresden untergebracht wurden, sich später als Erwachsene in verschiedenen Städten Sachsens und Thüringens niederließen (unter anderem Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, Erfurt, Leipzig, Bautzen und Zwickau) und nach 1974 beziehungsweise 1981 zum größten Teil nach Griechenland zurückkehrten.

Griechische Arbeitsmigration nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Präsenz von Griechen in Deutschland hat – wie zu sehen war – zwar eine lange Vorgeschichte, blieb aber bis Mitte des 20. Jahrhunderts zahlenmäßig unbedeutend. Dies änderte sich grundlegend mit dem Zuzug griechischer Arbeitsmigranten, die sich seit Beginn der 1960er Jahre als sogenannte Gastarbeiter dauerhaft oder vorübergehend in Westdeutschland niederließen und deren Zahl bis 1976 auf vermutlich über eine halbe Million stieg. Ihre Zuwanderung wurde von einem im März 1960 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Griechenland geschlossenen Anwerbeabkommen ausgelöst und in der Folgezeit von beiden Staaten befördert. Auf deutscher Seite wollte man damit dem Arbeitskräftemangel in der schnell expandierenden einheimischen Industrie entgegenwirken und hatte zu diesem Zweck schon mit Italien (1955) und Spanien (1960) entsprechende Abkommen abgeschlossen, worauf weitere folgten (Türkei 1961, Portugal 1964, Tunesien 1965 und Jugoslawien 1968). Der griechischen Regierung ging es dagegen darum, mit der Arbeitsmigration ein Ventil für die notorische Unterbeschäftigung in der eigenen Wirtschaft zu schaffen, auf diese Weise soziale Konfliktpotenziale zu entschärfen und damit indirekt auch zur Stabilisierung des zehn Jahre nach Ende des Bürgerkrieges immer noch prekären politischen Status Quo beizutragen. Nicht zuletzt lag die Arbeitsmigration nach Westdeutschland ganz auf der Linie der von Griechenland damals eifrig betriebenen Anbindung an die noch junge Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), was sich 1961 auch im Assoziierungsvertrag niederschlug.

Das Anwerbeabkommen von 1960 war als formales Regelwerk zur Kontrolle und Lenkung der Arbeitsmigration konzipiert. Es enthielt dementsprechend detaillierte Bestimmungen zur Vermittlung und Auswahl geeigneter Bewerber, Ausstellung von Arbeitsgenehmigungen, Übernahme von Reisekosten, Unterbringung, medizinischen Versorgung sowie arbeitsrechtlichen Gleichstellung der Migranten, für welche Anstellungsverträge von zunächst einem Jahr vorgesehen waren, die üblicherweise schon vor der Übersiedlung geschlossen wurden.

Dieses Abkommen, mit seiner starken Betonung der regulierenden Funktion des Staates, war in seiner Form neuartig und bildet die Realität griechischer Arbeitsmigration nach Deutschland in dieser Zeit nur unzulänglich ab, da es in der Praxis zahlreichen Einschränkungen unterlag. Beispielsweise kamen damals nur etwa die Hälfte aller griechischen Zuwanderer im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Deutschland, während die übrigen auf anderen Wegen migrierten, sei es aufgrund persönlicher Einladung durch einen deutschen Arbeitgeber (in der Regel auf Vermittlung eines bereits dort angestellten Verwandten oder Landsmanns), im Zuge von Familienzusammenführung oder einfach nur mit einem Touristenvisum. Ein beachtlicher Anteil griechischer Gastarbeiter wechselte zudem nach ihrer Ankunft aus verschiedenen Gründen mehrfach Arbeitgeber und Wohnort. Die meisten ließen sich in den westlichen und südlichen Bundesländern nieder, wo die Schwerpunkte von Metallverarbeitung, Auto- und Elektroindustrie lagen, an erster Stelle in Nordrhein-Westfalen (etwa ein Drittel), gefolgt von Baden-Württemberg (etwa ein Viertel) und Bayern (annähernd ein Fünftel).

Die Mobilität der Neuankömmlinge innerhalb des Aufnahmelandes betraf nicht nur die Individualmigranten, sondern auch die im Rahmen des Abkommens Zugewanderten, die zur Erfüllung der Anwerbekriterien oftmals falsche Angaben zu ihrer handwerklich-technischen Qualifikation gemacht hatten – die meisten von ihnen waren bis dahin nur in der Landwirtschaft tätig gewesen. Hinzu kommt die temporäre Remigration griechischer Zuwanderer, die in den Anfangsjahren noch sehr verbreitet war. So waren bis 1964 zwischen 30 und 40 Prozent von ihnen wieder nach Griechenland zurückgekehrt, und insgesamt migrierten 58 Prozent der griechischen Arbeiter in Deutschland mindestens zwei oder dreimal. Dies entsprach einer – explizit nicht auf Dauer angelegten – Pendel-Migrationsstrategie, die einem spezifischen Muster folgte und in sehr ähnlicher Form beispielsweise auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei griechischen Auswanderern in die USA zu beobachten war, welche sich in dieser Hinsicht von anderen europäischen Migrantengruppen – wie etwa Iren, Polen oder Italienern – signifikant unterschieden.

Die obengenannten Faktoren machen die Ermittlung des exakten Umfangs der griechischen Arbeitsmigration in dieser Periode praktisch unmöglich, und die für den Zeitraum von 1960 bis 1976 genannte Zahl von 623.320 Personen kann nur als Annäherungswert verstanden werden. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die damalige Zuwanderung ein erhebliches Ausmaß erreichte. Als gesichert kann gelten, dass sie im Zeitraum von 1955 bis 1977 annähernd 84 Prozent der griechischen Arbeitsmigration nach Westeuropa sowie 53 Prozent weltweit ausmachte. Der Anwerbestopp von 1973 führte zu einem spürbaren Rückgang, da mit ihm Neuzuzüge praktisch nur noch im Rahmen von Familienzusammenführungen möglich waren. Mit der Gewährung persönlicher Freizügigkeit für griechische Staatsbürger 1988 kam es jedoch zu einem erneuten starken Anstieg, der durchaus als eine zweite Migrationswelle zu charakterisieren ist. Diese ging zudem mit einem spürbaren Wandel des Beschäftigungsprofils einher: War noch zu Beginn der 1980er Jahre die überwiegende Mehrheit der griechischen Arbeitsmigranten in der Industrie tätig, fiel dieser Anteil bis 1994 auf nur noch 53 Prozent zugunsten eines deutlichen Anstiegs von Selbstbeschäftigung im Dienstleistungssektor – insbesondere im Gastronomiegewerbe – sowie einer wachsenden Zahl von Angestellten mit akademischen Abschlüssen.

Die quantitative Dimension der griechischen Zuwanderung nach Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich sehr gut damit illustrieren, dass im Jahr 2000 zehn Prozent der Gesamtbevölkerung Griechenlands in den vorangegangenen 40 Jahren für einen kürzeren oder längeren Zeitraum in Deutschland gelebt hatte.

Wirtschaftliche Bedeutung

Abgesehen von ihrer demografischen Dimension hatte die griechische Arbeitsmigration nach Deutschland starke wirtschaftliche Auswirkungen, die sich in der Anfangszeit vor allem in Form von Rimessen, das heißt Geldüberweisungen der Arbeitsmigranten in ihre Heimat, niederschlugen. Bereits 1963 lag deren Anteil am privatwirtschaftlichen Devisenzufluss nach Griechenland mit Abstand vor der Handelsschifffahrt und dem damals stark expandierenden Tourismussektor, wobei annähernd 40 Prozent solcher Überweisungen allein aus Deutschland kamen. Bis 1966 nahm ihr Umfang um mehr als das Doppelte zu und blieb auch in der Folgezeit dauerhaft auf hohem Niveau (25 bis 30 Prozent), obwohl sich seit 1968 ein leichter Rückgang einstellte.

Dies dürfte auf häufigen Familiennachzug zurückzuführen sein, der zusammen mit der Zunahme weiblicher Arbeitsmigration zu einer deutlichen Veränderung des Profils der griechischen Diaspora in Deutschland führte. 1961 bestand diese noch zu 82 Prozent aus Männern im Durchschnittsalter von 25 bis 32 Jahren, die entweder unverheiratet waren oder deren Familien in Griechenland lebten. Von 1965 bis 1970 sank dagegen der Männeranteil auf 55 Prozent, während der Anteil der berufstätigen Frauen bis 1972 auf 85 Prozent stieg. 1972 hatten nur noch 16 Prozent der verheirateten männlichen Arbeitsmigranten Frau und Kinder in Griechenland, während sich 84 Prozent mit ihren Familien inzwischen fest in Deutschland niedergelassen hatten.

Die unabhängige weibliche Erwerbstätigkeit stellte in dieser Form ein neues Phänomen dar, denn in den vorangegangenen Perioden griechischer Auswanderung in den transatlantischen Raum waren Frauen üblicherweise nur in der Rolle von Begleiterinnen im Rahmen traditioneller Familienstrukturen ausgewandert, welche auf diese Weise auch in die Aufnahmegesellschaft übernommen und dort fortgeschrieben wurden. Die neue Rolle griechischer Nachkriegsmigrantinnen in Deutschland und Westeuropa als eigenständige berufstätige Ehefrauen und Mütter trug demgegenüber dazu bei, den damals beginnenden Prozess der Neubestimmung tradierter Geschlechterbeziehungen zu befördern. Dies betraf zunächst die alltägliche Lebenswelt der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten, hatte aber mittelbar auch Rückwirkungen auf ihre Herkunftsgesellschaft, da den Arbeitsmigranten wegen der relativen geografischen Nähe die Möglichkeit zu Besuchen und der Pflege sozialer Kontakte in der Heimat gegeben war.

Nur wenige Träger einer gewollten Integration

Der Familiennachzug der 1970er Jahre trug wesentlich dazu bei, der Präsenz griechischer Arbeitsmigranten Dauer zu verleihen und ihre Kohärenz als Gruppe zu stärken. Hatten diese ihren Aufenthalt bis dahin als grundsätzlich vorübergehend betrachtet, wie es auch ihrem offiziellen Status als Gastarbeiter entsprach, wurde Deutschland für sie nun faktisch wie mental zum neuen Lebensmittelpunkt. Damit erhielt die Frage der Selbstverortung und Integration in der Aufnahmegesellschaft eine zuvor nicht dagewesene Relevanz. Von Seiten des deutschen Staates gab es diesbezüglich zunächst keine spezifischen Maßnahmen, da man noch der Auffassung anhing, der Aufenthalt der Zuwanderer sei nur vorübergehend. Als organisierte Träger von Integration fungierten daher im Wesentlichen die Gewerkschaften, die etwas mehr als die Hälfte der griechischen Arbeitskräfte an sich banden, sowie die Evangelische Diakonie, die schon seit den 1960er Jahren Beratungszentren und Begegnungsstätten für Ausländer eingerichtet hatte und in der Folgezeit ein landesweites Netz mit über 100 griechischsprachigen Sozialarbeitern aufbaute. Mit dem EWG-Beitritt Griechenlands 1981, dem Voranschreiten des europäischen Einigungsprozesses bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt aber auch aufgrund der schrittweisen Neuausrichtung der deutschen Ausländerpolitik entlang der veränderten gesellschaftlichen Realitäten, verbesserten sich auch die institutionellen Rahmenbedingungen für die Integration der Griechen sowie deren rechtlicher Status. Auch der griechische Staat begann in den 1970er Jahren auf die neue Situation zu reagieren, indem er Maßnahmen zur Unterstützung seiner Arbeits-Diaspora ergriff. Dazu gehörte die Schaffung von Beratungsstellen für Arbeitnehmerfragen an einigen konsularischen Vertretungen, die Mitfinanzierung von griechisch-orthodoxen Priestern und Kirchen und auch die Unterstützung von griechischen Kulturträgern in Deutschland.

Keine klaren Konzepte des griechischen Staats

Diese Maßnahmen folgten jedoch keinem klaren strategischen Konzept und wiesen zudem Widersprüche auf, wie das Beispiel der Bildungspolitik zeigt. Diese beschränkte sich zunächst auf die Entsendung von Lehrpersonal für die Erteilung von muttersprachlichem Ergänzungsunterricht für griechische Schulkinder, die ansonsten ins deutsche Schulsystem eingegliedert wurden, wo es bereits vorbereitende Sprach-Integrationsklassen gab. Nach dem Ende der Militärdiktatur 1974 und insbesondere nach dem Regierungswechsel von 1981 ging man jedoch, auf Grundlage bilateraler Abkommen, dazu über, Schulen in Deutschland einzurichten, die ihre Finanzierung, Lehrpläne und Personal vom griechischen Staat bezogen. Die Abschlüsse, welche in den meisten Bundesländern nicht als gleichwertig anerkannt wurden, sollten auf das Studium an griechischen Hochschulen vorbereiten, wofür 1983 per Gesetz sogar erleichterte Zugangsbedingungen geschaffen wurden. Dies stand der Integration der in Deutschland aufwachsenden Kinder eindeutig entgegen, wurde aber nicht zuletzt deswegen betrieben, weil es den Wünschen eines lautstarken Teils der griechischen Diaspora Rechnung trug. Die schulische Segregation wurde insbesondere von den zahlreichen „Vereinen griechischer Eltern und Erziehungsberechtigter“ in Deutschland angestrebt, deren Vorstellungswelt nach wie vor vom Gedanken einer zukünftigen Rückkehr in die Heimat bestimmt war.

Dies hatte allerdings mit der Zeit immer weniger Bezug zu den tatsächlichen Lebensplanungen von Griechen in Deutschland. Einen deutlichen Indikator dafür liefern die seit Ende der 1980er Jahre stetig rückläufigen Schülerzahlen griechischer Schulen in Deutschland, die schon Ende der 1990er Jahre kaum noch ein Viertel ihrer Zielgruppe erreichten. Seit der Jahrtausendwende wurden auch die Angebote muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts nur noch von knapp der Hälfte aller griechischen Kinder in Deutschland wahrgenommen.

Organisationen der Migrantinnen und Migranten als Integrationshindernis

Zum Verständnis dieser in bildungspolitischer Hinsicht durchaus kritisch zu bewertenden Entwicklung ist die Rolle der griechischen Migrantenorganisationen und ihr Verhältnis zur griechischen Politik zu berücksichtigen, die einige Spezifika aufweist. Anders als in der transatlantischen Diaspora vollzog sich ihre Formierung in Deutschland nicht auf der Basis kirchlicher Gemeindestrukturen, zumal diese zu Beginn der 1960er Jahre noch gar nicht existierten. Ihr Aufbau begann erst später durch die 1963 vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel gegründete Orthodoxe Metropolie Deutschlands mit Sitz in Bonn, die seit 1981 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Die griechischen Gemeinden in Deutschland, die sich bereits 1965 zu einem Dachverband zusammengeschlossen hatten und von denen heute rund 150 existieren, hatten von Beginn an einen rein säkularen Charakter. Dies bedingte, zusammen mit dem Umstand, dass ihre Gründer oftmals dem linken Spektrum angehörten, eine relativ starke Politisierung, was sich unter anderem in einer – im Vergleich zu anderen Migrantengruppen – engeren Anbindung an die deutschen Gewerkschaften äußerte. Hinzu kam, dass die griechischen Gemeinden aufgrund der geografischen Nähe zu Deutschland sowie der vermeintlich baldigen Heimkehrperspektive ihrer Mitglieder schon sehr früh verschiedenen Formen der politischen Einflussnahme aus Griechenland ausgesetzt waren. Auch das griechische Militärregime versuchte von 1967 bis 1974 auf diesem Weg, Kontrolle über seine Landsleute in Deutschland zu gewinnen, wenn auch mit wenig Erfolg, da die Gastarbeitergemeinden weitgehend antidiktatorisch eingestellt waren und oftmals sogar aktiv an der Organisation des Widerstands mitwirkten. In der Ära des Systemwechsels seit 1974 nahm ihre politische Durchdringung jedoch massiv zu, sodass sich die Gemeinden bald zu einem regelrechten Abbild, wenn nicht gar zu exterritorialen Dependenzen des Parteienspektrums in Griechenland entwickelten. Dieses Satellitenverhältnis ermöglichte es ihnen umgekehrt, sich mit eigenen Anliegen im Heimatland Gehör zu verschaffen und somit selbst Teil griechischer Parteipolitik zu werden. Das bedingte aber gleichzeitig auch eine stärkere Orientierung ihrer Aktivitäten auf den griechischen Staat als auf das deutsche Umfeld, sodass der Beitrag dieser Gemeinden zur gesellschaftlichen Integration, entgegen ihrer eigenen Statuten, lange Zeit eher gering blieb und sie zuweilen sogar gegenteilige Wirkung entfalteten.

Eine veränderte Diaspora

Ähnliches ist auch für einen Teil der schier unübersehbaren Zahl von landsmannschaftlichen Organisationen festzustellen, die einen beachtlichen Teil des griechischen Vereinswesens in Deutschland ausmachen. Dies ist allerdings vielfältiger, denn das Spektrum umfasst heute sowohl Sportclubs, studentische und berufsspezifische Organisationen sowie nicht zuletzt eine große Zahl von Bildungs- und Kulturvereinen, die mit ihren verschiedenen Aktivitäten einen ernstzunehmenden Beitrag zur Kulturvermittlung und Integration leisten. In diesem Zusammenhang sind auch die mittlerweile 47 Deutsch-Griechischen Gesellschaften zu erwähnen, deren bereits 1961 gegründeter Dachverband ein seit 1964 ununterbrochen erscheinendes Jahrbuch mit dem Titel "Hellenika" herausgibt. Die Tatsache, dass es sich dabei um eine akademische Publikation handelt, weist zugleich darauf hin, dass es in den 1960er Jahren neben der Arbeitsmigration auch eine Bildungsmigration von Griechenland nach Deutschland gab. Bundesdeutsche Universitäten und Hochschulen lagen damals mit mehr als 5000 griechischen Studierenden im europäischen Vergleich eindeutig an der Spitze, vor Österreich und Italien mit jeweils rund 3500, Großbritannien mit knapp 2300 und Frankreich mit nur knapp 1500.

Krisenbedingt lässt sich seit einigen Jahren eine neue Migration von Griechen nach Deutschland beobachten, die zwar quantitativ bei weitem nicht das Ausmaß vergangener Auswanderungswellen erreicht, aber im Hinblick auf einen drohenden "brain drain" besorgniserregend erscheint, da es sich meist um überdurchschnittlich qualifizierte junge Menschen handelt. Die mittelfristigen Auswirkungen dieser Entwicklung lassen sich heute kaum abschätzen. Sicher ist jedoch, dass die Situation griechischer Migranten in Deutschland heute in vieler Hinsicht besser ist als vor einem halben Jahrhundert, denn Globalisierung, Digitalisierung und nicht zuletzt das Voranschreiten der europäischen Integration haben ihr Heimatland ebenso wie ihr Aufnahmeland pluralistischer gemacht und einander angenähert. Die neue Diaspora ist weit weniger als früher dem Dilemma zwischen Assimilation und (Selbst-)Ghettoisierung ausgesetzt, sondern kann Integration im Sinne von Teilhabe ohne Aufgabe des Eigenen leben.

Zitierweise: Ioannis Zelepos, Griechische Migration nach Deutschland, in: Deutschland Archiv, 23.1.2017, Link: www.bpb.de/241095

Fussnoten

Fußnoten

  1. Siehe Helene Manos, Zu Hamburg in der "Fremde"? Eine Kritik der griechischen Emigrationsideologie, Hamburg 2001, S. 68f.

  2. Siehe Christos Chatziiosif (Hg.), Ιστορία της Ελλάδας του 20ού αιώνα. Τομ. 3/2: Β’ Παγκόσμιος Πόλεμος, Κατοχή – Αντίσταση 1940–1945 [Geschichte Griechenlands im 20. Jahrhundert. Bd. 3/2: Zweiter Weltkrieg, Besatzung – Widerstand, 1940–1945], Athen 2007, S. 206–209.

  3. Siehe Andreas Stergiou, Ανατολική Γερμανία [Ostdeutschland], in: Ioannis Chasiotis, Olga Katsiardi-Hering und Evridiki Ampatzi (Hg.), Οι Έλληνες στη Διασπορά. 15ος–21ος αι. [Die Griechen der Diaspora. 15.–21. Jh.], Athen 2006, S. 147–149.

  4. Siehe Ioannis Zelepos, Ο Ευρωπαϊκός προσανατολισμός της Ελλάδας και η μεταναστευτική πολιτική της κυβέρνησης Καραμανλή στην οκταετία ’55–’63 [Die europäische Orientierung Griechenlands und die Migrationspolitik der Regierung Karamanlis 1955–1963], in: Konstantinos Svolopoulos, Konstantina Botsiou and Evanthis Hatzivassiliou (Hg.), Konstantinos Karamanlis in the Twentieth Century, Conference, Zappeion, Athens 5–9 June 2007, Bd. 3, Athen 2008, S. 113–123.

  5. Siehe Erich Schill, Das Recht der ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland, Baden-Baden 1965, S. 222–227 (Anhang) mit Vertragstext.

  6. Siehe Lina Ventoura, Ομοσπονδιακή Γερμανία [Bundesrepublik Deutschland], in Chasiotis u. a. (Hg.), S. 140.

  7. Siehe Ventoura, [Bundesrepublik Deutschland] (Anm. 6), S. 138; vgl. Klaus Unger, Die Rückkehr der Arbeitsmigranten. Eine Studie zur Remigration nach Griechenland, Saarbrücken 1983; vgl. Cay Lienau, 50 Jahre Anwerbeabkommen: Die griechische Gastarbeiterwanderung und ihre Auswirkungen auf Herkunfts- und Zielgebiete, in: Hellenika, Neue Folge 5 (2010), S. 28–43.

  8. Siehe dazu Theodore Saloutos, Causes and Patterns of Greek Emigration to the United States, in: Perspectives in American History, 7 (1973), S. 390; Charles Moskos, Greek Americans. Struggle and Success, New Brunswick 1989.

  9. Siehe Ventoura, [Bundesrepublik Deutschland] (Anm. 6), S. 135. Es handelt sich dabei um die in diesem Zeitraum registrierten amtlichen Wohnsitzmeldungen von Griechen in Deutschland.

  10. Siehe Ioannis Chasiotis, Επισκόπηση της ιστορίας της Νεοελληνικής Διασποράς [Überblick über die neugriechische Diasporageschichte], Thessaloniki 1993, S. 135.

  11. Siehe Ventoura, [Bundesrepublik Deutschland] (Anm. 6), S. 139.

  12. Siehe Zelepos, [Die europäische Orientierung] (Anm. 4), S. 122.

  13. Siehe Ventoura, [Bundesrepublik Deutschland] (Anm. 6), S. 140.

  14. Vgl. Jutta Lauth Bacas, Fremder Frauen Wege. Eine ethnologische Fallstudie mit griechischen Migrantinnen, Zürich 1994.

  15. Vgl. Matthäus Kardamakis, Zur sozialen Kommunikation der ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland, untersucht am Beispiel der griechischen Gastarbeiter, München 1971.

  16. Siehe Ventoura, [Bundesrepublik Deutschland] (Anm. 6), S. 144; vgl. Georgios Afratis, Struktur und Situation der Privatschulen des griechischen Staates in Bayern, dargestellt am Beispiel Nürnbergs, Nürnberg 2001, S. 197ff.

  17. Vgl. die Homepage des Bundesverbandes Griechischer Gemeinden in Deutschland, Externer Link: http://oekg.de/de, letzter Zugriff am 16.11.2016.

  18. Vgl. die Homepage der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften, Externer Link: www.vdgg.de, letzter Zugriff am 16.11.2016.

  19. Siehe Chasiotis, [Überblick…] (Anm. 10), S. 142.

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PD Dr.; Institut für Byzantinistik, Byzantinische Kunstgeschichte und Neogräzistik in München. Historiker und Kulturwissenschaftler (2011 Venia für Südosteuropäische Geschichte und Neogräzistik von der Universität Wien). Forschungsschwerpunkte sind u. a. Geschichte und Kultur Griechenlands und Zyperns im 19. und 20. Jahrhundert, griechische Popularmusik der Moderne und religiöse Kulturen und Identitätsdiskurse im frühneuzeitlichen Südosteuropa.