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Die anderen Leben. Generationengespräche Ost Über die Entstehung des Buches und Auszüge aus zwei Gesprächen

Dörte Grimm Sabine Michel

/ 33 Minuten zu lesen

Die Autorinnen berichten von der Arbeit am Buch und ihren Lesungen. Mit Auszügen aus den Kapiteln „Ich fühle mich aber nicht wie ein Nazi“ und „Ich wollte, dass du ein glückliches Kind bist“.

(© Ostkreuz, Ute Mahler )

Ost-West-Debatten sind im öffentlichen Diskurs derzeit wieder präsenter als in den zurückliegenden Jahren. Blickt man in die Zeitungen und verfolgt die Veröffentlichungen der vergangenen Jahre, so fällt auf, dass die Debatte geprägt ist von mahnenden Stimmen, die fürchten, die Erinnerung an die DDR als Diktatur und an die Menschen unterdrückenden Mechanismen könnte verblassen.

Diese Sorge ist durchaus berechtigt, denn einerseits wird der Diskurs an einer hauchdünnen Grenze zwischen dem Erklären der Repressionen und der Überbetonung des alltäglichen Glücks geführt. Andererseits zeichnen die Wahlprognosen für die kommenden Landtagswahlen im Osten ein Bild, das ausgerechnet jener Partei den Rücken stärkt, die genau diese Narrative der ostdeutschen Gefühle instrumentalisiert, indem sie den Diktaturcharakter der DDR relativiert und die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Vergangenheit nährt. Doch so berechtigt diese Befürchtungen über die Art des Umgangs mit der DDR-Vergangenheit und der Transformationszeit nach 1989/90 auch sind: Sie hinterlassen bei den Menschen Fragen nach der Berechtigung und Bewertung der eigenen Biografie und ihren Erinnerungsbildern. Mit den 2023 erschienenen Sachbüchern von Dirk Oschmann und Katja Hoyer sind nun zwei sehr verschiedene, aber polarisierende Publikationen erschienen, die umstrittene, aber doch andere Ansätze und Perspektiven in den Ost-West-Diskurs einbringen. Die anhaltend vorderen Plätze auf den Bestseller-Listen zeigen, dass es hier eine Leerstelle, ein Bedürfnis in der Gesellschaft gibt, welches vorher keinen Resonanzraum gefunden hat.

Warum ist dieses Buch entstanden?

Wir setzen uns seit Jahren in unseren dokumentarischen Kinofilmen mit ostdeutscher Realität und ihren Prägungen bis heute auseinander. Erzählen „Zonenmädchen” (Sabine Michel) und „Die Unberatenen” (Dörte Grimm) von unserer eigenen Generation, so untersuchte „Montags in Dresden” (Sabine Michel) exemplarisch Biografien im Epizentrum der Pegida-Bewegung in Dresden. Der aktuelle Dokumentarfilm „Frauen in Landschaften“ (Sabine Michel) zeigt anhand von vier ostdeutschen, sehr unterschiedlichen Politikerinnen der Dritten Generation eine weibliche Perspektive auf die deutsche Geschichte nach 1989 bis heute. Von Sabine Michel ging nach dem Kinostart von „Zonenmädchen“ der Impuls aus, für spezielle Generationengespräche das Medium und vom Film zum Buch zu wechseln.

Zitat von Sabine Michel zu ihren Erfahrungen während des Drehs von „Zonenmädchen“:

Zitat

„Hatte es sich während der Dreharbeiten zu „Zonenmädchen“ als schwierig herausgestellt, mit unseren eigenen Eltern zu bestimmten Themen ihres Lebens in der DDR und in den Jahren nach der Friedlichen Revolution ins Gespräch zu kommen, stand ich auch später in den Filmvorführungen vor einem geteilten Publikum. Da saßen die Eltern, meistens die Mütter, und da saßen die Kinder, und ich befand mich in einer Art Mittlerinnenposition zwischen den Generationen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern sie fragten mich nach den Empfindungen des jeweils anderen. Damals dachte ich, dass ich ein Gesprächsprojekt initiieren möchte, wo die beiden Generationen exemplarisch in Gespräche über bestimmte Themen gebracht werden. Es hat dann noch relativ lange gedauert, bevor ich Dörte Grimm kennenlernte und daraus unser erster gemeinsamer Gesprächsband „Die anderen Leben – Generationengespräche Ost“ wurde.“

Ein langer Weg

Sabine Michel hatte zwar in ihren Filmgesprächen angefangen, erste Kontakte zu möglichen interessanten Gesprächspartner:innen zu knüpfen, doch es gestaltete sich trotz zugesicherter Anonymität und viel Zeit für differenzierte Gespräche nicht einfach, Familien zu finden, die sich wirklich miteinander ins Gespräch wagten. Theoretisch wussten wir um die Hürden aus unseren eigenen Familien, doch wie schwer es tatsächlich fast allen Familien fallen würde, sich zu erinnern und darüber zu reden, ohne zu streiten, hat uns sehr berührt. Wir konnten viele überzeugen und ermutigen, waren aber auch immer wieder mit Absagen konfrontiert, manchmal erst kurz vor dem geplanten Gespräch.

Zusammen haben wir innerhalb von zwei Jahren für unseren ersten Gesprächsband „Die anderen Leben. Generationengespräche Ost” zehn aufwühlende Begegnungen zwischen der Zweiten Generation, den Eltern, und der Dritten Generation, den sogenannten Wendekindern, initiiert und dokumentiert. Der Bogen der Geschichten reicht dabei von der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis ins Heute.

Zwischen 2019 und 2022 lasen wir in vielen ost- und westdeutschen Städten aus unserem Gesprächsband und stießen in den Veranstaltungen immer wieder neue Gespräche an. Natürlich gibt es viele ostdeutsche Familien, in denen intensiv gesprochen wird und in denen es nach dem Mauerfall zu keinem Schweigen über bestimmte Themen kam, das sich bis in die Gegenwart zieht. In denen Geschichte und das Verständnis darüber in einem kommunikativen Miteinander verhandelt wird. Doch unser Eindruck, besonders in den ländlichen Regionen, ist, dass eine Verständigung der Generationen untereinander, der offene Dialog, das Streiten um eine Meinung und das Stehenlassen-Können einer anderen nach wie vor nicht richtig eingeübt ist. Dafür sind mehr Übung, Räume und Vorbilder notwendig.

Es sind verschiedene Erinnerungen, „Vergangenheits-Gedächtnistypen“, die uns in den Lesungen immer wieder begegnen und die wir auch in den Analysen des Historikers für Neuere und Zeitgeschichte, Martin Sabrow, wiedergefunden haben. Ein großer Teil unserer Besucher:innen findet sich im sogenannten Arrangement-Gedächtnis wieder, das durchaus vom „richtigen Leben im falschen“ weiß. Es gibt viele glückliche Erinnerungen an das alltägliche Leben in der DDR, aber offen darüber zu sprechen fällt vielen Menschen schwer, wie sie uns im halböffentlichen Rahmen unserer Lesungen immer wieder erzählt haben. Denn das Narrativ, besonders im öffentlichen Diskurs, wurde bis vor kurzem oft bestimmt durch diejenigen, die den Unterdrückungscharakter der DDR-Diktatur und ihre Überwindung durch die Friedliche Revolution in den Vordergrund stellen.

Eine weitere kleine Gruppe unserer Besucher:innen, die in keine der beiden Kategorien passt, ist diejenige der alten Genossen und Genossinnen oder ihrer Sympathisant:innen. Sie erinnern die DDR von ihren Anfängen her, als Versuch, eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen. Auch wenn es eine Mauer und Unterdrückung gab, versuchen sie, vor allem die guten Seiten der Gesellschaftsordnung zu sehen. Welche massiven Auswirkungen die Wirkungen eines diktatorischen Staates jedoch bis in die kleinste Zelle hatten und wie schwer es bis heute fällt, darüber ins Gespräch zu kommen, erzählt das Kapitel „Ich wollte, dass du ein glückliches Kind bist“, von Sabine Michel.

Und auf keiner unserer Lesungen haben diejenigen gefehlt, die meinten, das sei doch jetzt alles so lange her und würde keine Rolle mehr spielen. Hier scheint sich ein Klischee zu bestätigen: Diese Stimmen kamen zum größten Teil aus den alten Bundesländern.

Mit der rasanten Installation westdeutscher Strukturen nach 1990 sind die Auseinandersetzungen mit dieser Zeit innerhalb Ostdeutschlands sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb der Familien weitgehend ausgeblieben. Wenn es eine medial vermittelte Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit gab, dann oft aus einer westdeutschen Sicht, die viele Ostdeutsche nicht aus ihrem eigenen Erleben kannten und in der die Art ihres Andersseins und der Brüche in ihren Lebensläufen nach 1989/90 meist als minderwertig und selbst verschuldet behandelt wurden. Dass die Zeit nach 1989 nicht nur die Öffnung der Grenze und viele Möglichkeiten, sondern auch massive persönliche Einschnitte für jeden einzelnen zur Folge hatte, fand lange wenig Eingang in die gesamtdeutsche Erzählung.

Dieses Gefühl der Negierung ganzer oder Teile von DDR-Biografien, die subjektiv unterschiedlich empfundene Entwertung in den Nachwendejahren und das als Fremdbestimmung wahrgenommene Fehlen ostdeutscher Spitzenkräfte findet sich auch in fast jeder der Biografien jener Menschen, die jahrelang zu den Pegida-Demonstrationen gingen oder sich den Reichsbürgern anschließen. Diese Tendenzen zeigen sich anschaulich im Kapitel „Ich fühle mich nicht wie ein Nazi“ von Dörte Grimm. Sie sind Teil einer politischen Entwicklung in Ostdeutschland, die als Emanzipation verstanden wird, obgleich sie sich gegen die „Falschen“ richtet.

Der Historiker Sebastian Haffner, dessen Analysen in Büchern wie „Geschichte eines Deutschen” oder „Anmerkungen zu Hitler” wie sehr schätzen, sagt sinngemäß, dass, wer etwas über die Intensität von Geschichte erfahren will, nicht in die Biografien von Staatsmännern, sondern in die viel zu raren Biografien unbekannter Privatleute schauen muss. Das haben wir in unserem Gesprächsband „Die anderen Leben. Generationengespräche Ost“ getan.

2024 wird unser zweiter Gesprächsband „Es ist einmal. Enkel und Großeltern Ost im Gespräch“ erscheinen.

Hier folgenden die beiden Auszüge aus zwei Gesprächen, die im Buch abgedruckt sind.

Die anderen Leben

(© Be.bra Verlag, Sabine Michel (privat))

Unsere Gespräche geben Einblicke in Familien und damit in die Seele Ostdeutschlands. Die Eltern und Kinder erzählen von alten und neuen Sehnsüchten, Dazugewonnenem, Verlusten, aber auch von alten und neuen Ängsten und Enttäuschungen. Dafür haben wir überwiegend Eltern und Kinder mit komplizierteren Geschichten und eher schwierigerem Zugang zueinander ausgewählt. Natürlich gibt es viele ostdeutsche Familien, in denen die Generationen gut miteinander kommunizieren. Für dieses Buch erschien es uns wertvoll, darauf aufmerksam zu machen, welche Hürden und Probleme es zu bewältigen gab und gibt und mit welchen Spätfolgen von insgesamt drei deutschen Staatsformen, Mauerfall, Transformation und Nachwendezeit wir es heute zu tun haben.

Das individuelle Selbst-Begreifen wird so als eine bis in die Gegenwart spezifische innerfamiliäre Herausforderung sichtbar, die exemplarisch für die Suche nach einem gesamtdeutschen kollektiven Selbstverständnis steht. Um in die Zukunft blicken zu können, müssen wir die Vergangenheit begreifen. Nur so können aktuelle politische Entwicklungen verstanden und ihnen produktiv begegnet werden.

Die anderen Leben. Generationsgespräche Ost. Sabine Michel & Dörte Grimm in Zusammenarbeit mit Förderband e.V. Kulturinitiative Berlin, erschienen im BeBra Verlag, Berlin 2020, gefördert von der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Zitierweise: Sabine Michel/Dörte Grimm , „Die anderen Leben. Generationengespräche Ost“, in: Deutschland Archiv, 31.08.2023, Link: www.bpb.de/539597

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