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Vergessene Bomben aus Deutschland

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! 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Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. 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Vergessene Bomben aus Deutschland Niederländische Zeitzeugen über die Bombardierung von Rotterdam in 1940

Manon de Heus Marijke van der Ploeg

/ 13 Minuten zu lesen

Russlands Beschuss von Städten in der Ukraine hat europaweit viele Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachgerufen, als deutsche Truppen zahlreiche Städte bombardierten. Aber in Deutschland wird häufig nur über Bomben alliierter Kräfte, zum Beispiel auf Dresden, Köln oder Hamburg geredet, fast vergessen sind die eigenen Bombardements im angrenzenden Ausland. Zum Beispiel in Rotterdam 1940. Eine Spurensuche von Manon de Heus und Marijke van der Ploeg in den Niederlanden.

Die verwüstete Jonker Fransstraat kurz nach der Bombardierung im Mai 1940. (© Fotograf unbekannt, aus der Sammlung des Stadtarchivs Rotterdam, Dokumentennummer 2001-1500)

Am 14. Mai 1940 bombardierten deutsche Streitkräfte die niederländische Hafenstadt Rotterdam. Zwischen 800 und 900 BürgerInnen verloren auf Anhieb ihr Leben, viele wurden schwer verletzt, und über 25.000 Wohnungen wurden zerstört. Nachfolgend teilen drei niederländische ZeitzeugInnen, Francisca, Joop und Henk, zum ersten Mal Ihre Erfahrungen für deutsche LeserInnen. Dass die beiden Länder sich heute gut verstehen, ist ihnen sehr wichtig. Francisca sagt dazu: „Andere Menschen sollte man niemals hassen. Diese jungen deutschen Soldaten haben das doch alles auch nicht gewollt.“

Mai 1940. Die über 600.000 Einwohner der lebhaften Hafenstadt Rotterdam bereiteten sich auf ein warmes Pfingstwochenende vor. Die vielen Knabenchöre der Stadt übten fleißig für ihre Aufführungen, und Francisca (1932 geboren) konnte es kaum erwarten, ihren achten Geburtstag in der Schule zu feiern. Der Zweite Weltkrieg kam in den Köpfen der RotterdamerInnen noch nicht wirklich vor.

Obwohl die niederländische Regierung zunehmend mit einem Angriff Nazi-Deutschlands rechnete, wurde dies, um Panik zu vermeiden, bewusst nicht der Bevölkerung kommuniziert.

Francisca: „Mein Vater hat als Schillenboer (‚Schalenmann‘) gearbeitet. Mit Pferd und Wagen hat er Obst- und Gemüseschalen bei den Leuten abgeholt und diese anschließend als Viehfutter verkauft. Es wurde schlecht bezahlt, aber wir konnten davon über die Runden kommen. Zu meinem Geburtstag durfte ich ein paar Pralinen für meine LehrerInnen kaufen und die Kinder in meiner Klasse sollten alle ein Toffee bekommen. Ich habe mich riesig darauf gefreut.“

Die Tage vor dem Bombenangriff: Die deutsche Wehrmacht vermiest Francisca den Geburtstag

Wie anders alles gelaufen ist, kann Francisca bis heute kaum verstehen. Am 10. Mai, genau am Tag ihres achten Geburtstags, überfiel Deutschland die neutralen Niederlande an verschiedenen Orten, darunter Rotterdam. Adolf Hitler wollte das Land besetzen, um so über Belgien Frankreich angreifen zu können. Außerdem wollte er vermeiden, dass seine alliierten Gegner die Niederlande als Operationsbasis für Angriffe auf Deutschland nutzen konnten.

Die Schlacht um Rotterdam begann mit der Bombardierung des Flughafens Waalhaven und der Landung von etwa 600 Fallschirmjägern der deutschen Wehrmacht. Francisca erinnert sich noch sehr gut daran:

Deutsche Fallschirmjäger landen auf den Wiesen in der Nähe des Flughafens Waalhaven am 10. Mai 1940. (© Fotograf unbekannt, aus der Sammlung des Stadtarchivs Rotterdam, gesammelte Postkarten, Dokumentennummer 1968-250)

„Ich wohnte zusammen mit meinen Eltern und vier älteren Geschwistern im Süden der Stadt. Mittlerweile ist alles bebaut, aber damals konnten wir sehr weit schauen – bis zum Flughafen Waalhaven. Als wir früh morgens draußen viel Lärm hörten, sind wir mit der ganzen Familie auf die Straße gegangen. In der Ferne sahen wir Fallschirmjäger, ganz viele. Sie sind einfach so heruntergesegelt.“

Das Hauptziel der Deutschen war die Besetzung der vielen Brücken der Stadt, denn diese waren das Tor zum Regierungssitz Den Haag und der Hauptstadt Amsterdam. Die deutschen Truppen, die nicht nur am Flughafen, sondern an verschiedenen Stellen landeten, bahnten sich langsam ihren Weg zu den Brücken.

Joop (1932 geboren) war zu der Zeit sieben Jahre alt und wohnte bei seinen Großeltern und einer Tante im Norden der Stadt. Er erinnert sich an die vielen deutschen und niederländischen Soldaten sowie an die Mitglieder der niederländischen Nationalsozialistischen Bewegung (die sogenannten NSBler), die wie aus heiterem Himmel überall auftauchten:

„Wir wohnten im dritten Stock und aus dem Schlafzimmerfenster hatten wir einen guten Blick auf unsere Straße. Da liefen immer mehr bewaffnete Kerle durch, das war das erste, was wir vom Krieg mitbekamen.

Joop als 7-jähriger Grundschüler kurz nach Kriegsbeginn. (© privat)

Bei uns in der Straße gab es eine Wäscherei, und davor stand so ein großer Container mit Chlor. Ich erinnere mich, dass zwei NSBler bei diesem Container standen und auf ein paar niederländische Soldaten schossen. Als die Soldaten zurückfeuerten, versuchten die beiden NSBler, sich hinter dem Container zu verstecken. Einer von beiden purzelte dann aber rein und triefte nur so vor Chlor – und wir standen am Fenster und lachten! Ja, das war am ersten Tag des Krieges, ich habe das nie vergessen.“

Francisca sah im Süden der Stadt ebenfalls viele Soldaten laufen. Sie fand es komisch und ungewohnt, aber irgendwie auch spannend: „Wenn man so jung ist, dann weiß man nicht, was Krieg ist. Außerdem wussten wir nicht, was genau alles passierte oder noch passieren würde: Fernsehen oder Radio hatten wir ja auch nicht.“

Joop: „In diesen ersten Tagen waren wir uns der Ernsthaftigkeit eines solchen Krieges noch nicht bewusst. Ich glaube, das muss man erst lernen.“

Der 14. Mai: Joop und sein Onkel schauen sich das zerstörte Zentrum an

Die Deutschen waren davon ausgegangen, dass sie Rotterdam sehr schnell einnehmen würden, so wie sich Putin wohl aktuell bei seinem Angriffskrieg auf die Ukraine verschätzt hat. Aber der Widerstand der Niederländer war größer als erwartet.

Es gelang den deutschen Truppen zwar, die meisten Brücken einzunehmen, aber sie konnten sie nicht überqueren, da sie von den niederländischen Streitkräften am gegenüberliegenden Ufer attackiert wurden. Nach vier Tagen Kampf, mit Niederlagen auf beiden Seiten, fand Hitler, dass es lange genug gedauert hatte: Rotterdam sollte bombardiert werden.

Rotterdam im Jahre 1939, mit linksunten dem Flughafen Waalhaven, das erste Ziel der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940. (© Karte von Rotterdam 1939, aus der Sammlung des Stadtarchivs Rotterdam, Dokumentennummer 1979-177)

Trotz des schönen Wetters hielten sich sowohl Francisca als auch Joop am 14. Mai in ihren Wohnungen auf. Die Leute hatten verstanden, dass ihre Stadt kein sicherer Ort mehr war. Als kurz nach 13 Uhr der Luftalarm ertönte, eilte Franciscas Familie zur Treppe. Sie befolgten damit den Rat des Luftschutzdienstes, der zu Kriegsbeginn seine Arbeit aufgenommen hatte. Diese Organisation informierte die Menschen darüber, was sie im Falle eines Bombenangriffs tun sollten, nämlich sich unter die Treppe setzen.

Francisca: „Meine Mutter wollte erst nicht mitkommen. Sie saß im Wohnzimmer und stopfte Socken, das haben die Frauen früher noch gemacht. Wir haben sie natürlich gerufen: Moe, jetzt komm endlich, bitte! Meine Schwester war auch noch nicht da, sie hat erst ihre Katze gesucht. Irgendwann sind sie dann beide gekommen und wir alle saßen zusammen unter der Treppe. Was wir gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, wir haben einfach abgewartet. Meine Eltern waren ziemlich gefasst, sie wollten uns natürlich keine Angst machen.“

Auch Joop kroch mit seinen Großeltern und mit seiner Tante unter die Treppe, zusammen mit den anderen Einwohnern des Gebäudes. Joop: „Wir saßen da alle ziemlich eng aufeinander, und die Stimmung war sehr angespannt. Ein Nachbar betete, ein anderer Nachbar lachte laut. Und eine Nachbarin, die war nervlich völlig am Ende und hat nur noch geschrien. Es hat einen massiven Eindruck hinterlassen. Nachdem der Luftalarm die Lage wieder als ‚sicher’ eingestuft hatte, sind alle langsam wieder in die eigene Wohnung gegangen.“

Der Bombenangriff, der von ungefähr 13:27 bis 13:40 Uhr dauerte, hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen und zahlreiche Großbrände entfacht: Das Zentrum von Rotterdam wurde komplett zerstört. Zwischen 800 und 900 Einwohner starben, mehr als 25.000 Wohnungen wurden zerstört und circa 80.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Sowohl Franciscas als auch Joops Wohnung wurden nicht getroffen, aber die gigantischen und schrecklichen Auswirkungen des Angriffs sahen sie noch am selben Tag mit eigenen Augen.

Francisca: „Wir sind natürlich direkt nach der Bombardierung raus gegangen, alle Nachbarn standen draußen. Es war sehr warm, und es wehte eine Menge verbranntes Papier durch die Straße, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Wir haben Lastwagen voll mit toten und verletzten Menschen gesehen, die zum Krankenhaus bei uns in der Nähe gefahren sind. Ja, das haben wir alles gesehen.“

Joop: „Am Abend des 14. Mai sagte mein Onkel zu mir: ‚Komm, wir gehen mal schauen.‘ Wir sind zusammen in die Innenstadt gelaufen und überall hat es gebrannt. Ich sah einen toten Menschen auf der Straße liegen, und es hat einfach überall so gestunken. Von der Jonker Fransstraat war nichts mehr übrig: Die Häuser waren platt, es war ein großes Chaos. Aus dem Kanal wurde Wasser gepumpt, um die vielen Brände zu löschen. Irgendwann sagte mein Onkel zu mir: ‚Lass uns nach Hause gehen.‘ Das haben wir dann auch schnell gemacht. Ich war sieben Jahre alt, und es ist jetzt über achtzig Jahre her, aber die Bilder von diesem Abend habe ich immer noch im Kopf.“

Der Große Markt (‚Grotemarkt‘) in der Innenstadt von Rotterdam in Trümmern im Mai 1940. (© Fotograf unbekannt, aus der Sammlung des Stadtarchivs Rotterdam, gesammelte Postkarten, Dokumentennummer PBK-2541)

Trotz der Bombardierung und ihrer schrecklichen Folgen ging das Leben erstmal weiter – zumindest für Francisca und die Leute, die noch ein Zuhause hatten.

Francisca: „Zum Abend gab es wie immer was Gestampftes, und wir mussten pünktlich ins Bett. Ja, meine Damen, was hätten wir sonst machen sollen? Es musste doch irgendwie weitergehen.“

Der 14. Mai: Henk und seine Familie verlieren alles

Henk wurde 1935 geboren. Sein Vater hatte einen Gemüseladen im Zentrum von Rotterdam, wo er neben frischem Obst und Gemüse auch Limonade und verschiedene Dosenwaren verkaufte. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre hatte auch die Niederlande hart getroffen, und Henks Familie konnte gerade so über die Runden kommen. Zu viert wohnten sie in der kleinen Zweizimmerwohnung hinter dem Laden. Als am 14. Mai der Luftalarm ausbrach, haben sie sich genauso wie die Familien von Francisca und Joop unter der Treppe, die zu den Wohnungen im Obergeschoss führte, verkrochen. Es bedeutete ihre Rettung.

Henk fährt mit seinem Fahrrad durch den Putselaan im Süden der Stadt. (© privat)

Henk: „Eine Brandbombe schlug im Hinterhof ein, wodurch unsere Wohnung und das Geschäft fast komplett zerstört wurden. Alles, was sich in den Regalen befand, von Konserven über Limonade bis hin zum Essig, lief an den Wänden herunter. Es war ein riesiges Chaos, alles lag kaputt auf dem Boden. Außerdem begann es sofort zu brennen. Wir sind schnell über die Trümmer geklettert und sind nichts wie raus.

Ein paar hundert Meter weiter hatte mein Vater ein Lager, wo ein Lastenfahrrad stand. Das hat er schnell geholt, und meine Mutter hat sich mit meiner kranken Schwester - sie hatte die Masern - reingesetzt, ich bin neben die beiden gekrochen. Mit uns vorne in der Ladebox ist mein Vater in den Norden der Stadt gefahren – raus aus dem Zentrum, denn das brannte lichterloh. Die Leute im Norden waren unglaublich freundlich und hilfsbereit und ein Herr Weersma hat sein Rotterdamer Herz sprechen lassen: Er hat uns reingelassen und zwei Wochen bei sich aufgenommen.“

Am nächsten Morgen ging Henks Vater sofort wieder zu seinem Laden, um zu sehen, ob noch irgendetwas gerettet werden konnte. In den Trümmern fand er seine Geldkiste mit lauter verbrannten Scheinen und geschmolzenen Münzen. Das sehr bescheidene Vermögen, das er sich über die Jahre aufgebaut hatte, war innerhalb von 13 Minuten komplett vernichtet worden. Henks Eltern mussten wieder bei null anfangen, und sie entschieden sich dazu, die Kinder bei den Großeltern unterzubringen. Henk zog zu seinem Opa im Süden der Stadt, seine Schwester zu den anderen Großeltern im Südosten. Die Bombardierung veränderte Henks Leben sowie das Leben der meisten Niederländer, denn es führte zur Kapitulation des Landes.

Viele leere Plätze in der Schule

In den 1940er-Jahren gab es selbstverständlich noch keine Sozialen Medien, und die meisten NiederländerInnen besaßen noch kein Telefon. Die Menschen wussten also nicht, ob die Familie, Freunde oder Kollegen die Bombardierung überlebt hatten. So ging es auch der Familie von Henk:

„Die Familie meiner Mutter sowie die Familie meines Vaters lebten auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, also im Süden der Stadt. Sie sahen den Großbrand in der Innenstadt und wussten natürlich, dass wir genau dort wohnten. Telefon gab es nicht wirklich, also wusste keiner irgendwas. Sie haben sich unglaublich viele Sorgen gemacht. Erst nach ein paar Tagen erfuhren sie, dass wir noch lebten.“

Wie es ihren Klassenkameraden und Freunden aus der Schule ging, wussten Francisca, Joop und Henk ebenfalls lange Zeit nicht.

Joop: „Den Jungs aus meiner Nachbarschaft ging es gut, denn unsere Ecke wurde ja nicht getroffen. Aber die andere Seite von Crooswijk, ab der Jonker Fransstraat, die wurde komplett vernichtet. Erst als wir wieder in die Schule konnten, erfuhren wir, wie es allen ging. Manche Plätze in der Klasse waren leer und einige LehrerInnen kamen nicht mehr. In dem Knabenchor, in dem ich damals sang, fehlten auch einige.“

Francisca kurz nach dem Krieg. (© privat)

Da Franciscas Schule ab dem 10. Mai von deutschen Truppen besetzt wurde, musste erst eine neue Schule für die SchülerInnen gefunden werden. Das dauerte mehrere Wochen. Auch bei ihr in der Klasse blieben mehrere Plätze frei; einige Kinder hatten Gliedmaße verloren. „Man wusste sofort: die Bomben haben sie erwischt.“

Henk verlor nicht nur sein Zuhause, sondern auch seine Schule: Sie wurde ebenfalls bombardiert und komplett zerstört. Als er bereits bei seinen Großeltern wohnte und mit seiner Tante durch die verwüstete Innenstadt lief, sah er auf einmal eine seiner Lehrerinnen vorbeiradeln.

„Ich habe sie gerufen und als sie mich sah, hat sie sofort ihr Fahrrad zur Seite geschmissen und ist zu mir gerannt. Sie hatte keine Ahnung, welche ihrer SchülerInnen den Angriff überlebt hatten und hat sich riesig gefreut, mich zu sehen. Ich vergesse nie, wie sie mich an dem Tag mit Küssen übersät hat.“

Gedenkveranstaltungen oder Erinnerungsmomente für die SchülerInnen, die beim Bombenangriff gestorben waren, gab es nicht. Auch nicht später, als der Krieg im vollen Gange war. Joop: „Dafür war es wahrscheinlich zu normal. Es ist einfach nur schlimm.“

Erst im April 2022, 82 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden, wurden die Namen der 1.150 Menschen veröffentlicht, die zwischen dem 10. und 14. Mai in Rotterdam ums Leben kamen. Die Externer Link: Übersicht im Internet ist eine weitere Dokumentation des Elends eines Krieges. Das jüngste Opfer, Clasina van Druten, war 19 Tage alt, das älteste, Francina Bouman, 91 Jahre.

Eine von Bomben zerstörte Cafetaria in der Goudsesingel an der Ecke zur Jonker Fransstraat im Mai 1940. (© Fotograf unbekannt, aus der Sammlung des Stadtarchivs Rotterdam, Dokumentennummer 2001-2169)

Krieg in den Köpfen der Menschen

Alle drei ZeitzeugInnen in diesem Artikel haben die Bombardierung sowie den Zweiten Weltkrieg überlebt, aber vergessen werden sie es nie.

Francisca: „Das Testen des Luftalarms ist für mich immer noch beängstigend. Ja, das ist es wirklich. Es bringt einfach so viele Erinnerungen zurück. Jedes Mal, wenn ich zur Schule lief und dieser Alarm ging los, habe ich mich so erschrocken. Ich bin dann immer ganz schnell zurück nach Hause gerannt, zu meiner Mutter. Wo meine Mutter war, war ich sicher, so hat sich das jedenfalls angefühlt. Aber zum Glück vergisst man diese Momente als Kind auch wieder. Sonst trägt man es ja sein ganzes Leben mit sich herum. Ich glaube nicht, dass der Bombenangriff oder der Krieg mich traumatisiert hat. Nein, das nicht. Aber ich erinnere mich noch sehr genau daran und werde es auch nie vergessen.“

Joop hat das Gefühl, dass die Erinnerungen an das Passierte schlimmer werden, je älter er wird, zusätzlich getriggert durch die aktuellen Kriegsbilder aus der Ukraine:

„Ich bin mit 17 zur Marine gegangen und bin dann natürlich viel zur See gefahren. In der Zwischenzeit habe ich studiert und meinen Doktortitel gemacht. Meine Frau und ich haben auch in Curaçao gelebt und waren ständig unterwegs. Es gab einfach genug Ablenkung, um nicht ständig an den Krieg zu denken. Aber jetzt, als Rentner, überfällt es mich immer öfter. Wenn ich nachts aufwache, dann kommen die Gedanken. Komm, schlaf jetzt weiter, denke ich mir, es ist schon so lange her. Aber das haut nicht hin.“ Francisca redet viel über die Vergangenheit. Mit ihrem Enkel, der Lehrer ist, und manchmal auch an Schulen. Das Letztere ist ihr sehr wichtig. Eine Frage, die fast immer gestellt wird, ist: Dann müssen Sie die Deutschen doch hassen, oder?

„Natürlich habe ich früher auch mal Rotmoffen gesagt. Das sagte nach dem Krieg ja fast jeder, es war ein übliches Schimpfwort. Aber natürlich hasse ich die Deutschen nicht. Mein Mann hatte Familie in Deutschland, und wir haben sie regelmäßig besucht. Es waren wahnsinnig liebe Leute. Man kann andere Menschen doch nicht hassen? Ich jedenfalls nicht. Und diese jungen deutschen Soldaten, die wollten das doch auch nicht? Sie mussten, das ist etwas ganz anderes.“

Joop sieht das ähnlich. In den späten Fünfzigerjahren wurden er und seine Frau gebeten, einen deutschen Vater und seine Tochter, die im Urlaub waren, vierzehn Tage bei sich aufzunehmen. Bekannte von Joop betrieben eine Pension, die aber war voll besetzt. Die Bitte wurde sehr vorsichtig formuliert und abgeschlossen mit der Frage: Oder möchten Sie lieber keine Deutschen in Ihrer Wohnung haben?

„Natürlich haben wir es gemacht, wir sind sogar immer noch befreundet. Es ist erstaunlich, wie lange es dauert, bis Krieg aus den Köpfen der Menschen verschwindet. Dass man 13 Jahre nach dem Krieg davon ausgeht, dass ich eventuell lieber keine Deutschen bei mir aufnehme, ist schon auffällig. Ich glaube, das ist, was Krieg mit sich bringt: die Annahme, dass sich Menschen, die sich noch nie gesehen haben und sich gar nicht kennen, hassen.“

Der Krieg in der Ukraine

Der aktuelle Krieg in der Ukraine berührt alle drei sehr stark.

Eine ukrainische Frau weint vor einem Wohnhaus, das im Kiewer Stadtteil Obolon durch einen russischen Luftangriff beschossen wurde. (© picture-alliance, abaca | Lafargue Raphael/ABACA)

Joop: „Krieg ist einfach nur schrecklich. Als das alles in der Ukraine losging, wurde manchmal so gelassen darüber gesprochen: Ja, vielleicht marschieren die Russen wirklich ein … Ich konnte nur denken: Wenn ihr wüsstet, was so ein Einmarsch bedeutet… Was es wirklich bedeutet, wenn sie mit Panzern und Granaten und all diesen modernen Waffen einmarschieren… Ich mag kaum daran denken.“

Henk: „Am 24. Februar 2022 wurde die Ukraine bombardiert. Genau an dem Tag bin ich 87 Jahre alt geworden. Der Angriff hat mich zutiefst berührt. Wir hatten damals das große Glück, dass wir in Rotterdam selbst unterschlüpfen konnten. Wir mussten zwar unser Zuhause verlassen oder haben es verloren, aber wir waren immer noch in unserer Stadt, in unserem Land. Für die Menschen in der Ukraine ist das ganz anders. Sie müssen weg aus ihrer Heimat und können vielleicht nie mehr zurück. Der Gedanke erschüttert mich, es ist viel schlimmer als das, was ich erlebt habe. In den letzten Jahren wird viel darüber geredet, dass wir dankbar sein sollen, dass wir in Freiheit leben. Nun, das erleben wir gerade aufs Neue. Es ist wirklich ein großes Glück, frei zu sein.“

Zitierweise: Manon de Heus und Marijke van der Ploeg, „Vergessene Bomben aus Deutschland“, in: Deutschland Archiv, 07.5.2022, Link: www.bpb.de/508046.

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen".

Fussnoten

Fußnoten

  1. De Anne Frank Stichting, De Duitse inval in Nederland, https://www.annefrank.org/nl/anne-frank/verdieping/de-duitse-inval-nederland/, letzter Zugriff am 12.04.2022.

  2. Vgl. Gerard Groeneveld, Rotterdam Frontstad. 10-14 mei 1940, Nijmegen 1996, S. 16.

  3. Vgl. https://stadsarchief.rotterdam.nl/apps/stadsarchief.nl/zoek-en-ontdek/themas/slachtoffers-bombardement/hulp-gevraagd/, letzter Zugriff am 3.5.2022.

Weitere Inhalte

MSc, Manon de Heus (1985) ist eine niederländisch-deutsche Soziologin und Journalistin. Zusammen mit Marijke van der Ploeg veröffentlichte sie 2019 ihr erstes Buch: Das Pfand meiner Mutter. Geschichten über das Leben in der DDR. Manon de Heus lebte lange Zeit in Berlin und wohnt seit 2020 in Dresden.

MA, Marijke van der Ploeg (1984) ist eine niederländische Historikerin und Texterin. Sie lebte sechs Jahre lang in Berlin und wohnt momentan in Portugal. Zusammen mit Manon de Heus veröffentlichte sie 2019 ihr erstes Buch: Das Pfand meiner Mutter. Geschichten über das Leben in der DDR.