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Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz „Wie ein Film in Zeitlupe“ 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? 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Die Insel-Bücherei Versuche deutsch-deutscher Literaturzeitschriften Geschiedene Gemüter, zerschnittene Beziehungen Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das MfS Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands Die Leipziger Buchmesse, die Börsenvereine und der Mauerbau Die Publikationskontroverse um Anna Seghers' "Das siebte Kreuz" Westdeutscher linker Buchhandel und DDR Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen" Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke Eine deutsch-deutsche Koproduktion: die "OB" Dokumentation: "Ein exemplarisches Leben – eine exemplarische Kunst" Literaturjournal Nach dem Mauerbau (7/2012) Der ewige Flüchtling Der Warenkreditwunsch der DDR von 1962 Die Entstehung der "Haftaktion" Leuna im Streik? Mit dem Rücken zur Mauer Der Honecker-Besuch in Bonn 1987 Ein Zufallsfund? 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Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges

Wolf Biermann

/ 9 Minuten zu lesen

Der Liedermacher Wolf Biermann (85) mit einem Kommentar für das Deutschland Archiv der bpb über Wladimir Putin und seinen Krieg gegen die Ukraine und Europas Demokratien.

Wolf Biermann im Jahr der Krim-Annexion Russlands im Mai 2014 in Kiew. (© Ulrich Schreiber)

Ich war eine atmende Leiche im Sarg. Ich lag da mit Kopfhörern, hörte die Nachrichten die mir der Deutschlandfunk lieferte. Nein falsch: ich lag da wie in einem Vielvölkergrab. Krieg! Es ist Krieg. Und ich bin daran so schuldig wie einst mein Nachbar, der Wandsbeker Dichter Matthias Claudius: gar nicht.

In all den letzten Tagen hatten dermaßen verschiedenen Politiker des Westens, also Macron, Biden, Scholz, Annalena Baerbock auf ihn eingeredet. Alle haben wie Psychotherapeuten versucht, dem Präsidenten Russlands seine Kriegspläne auszureden. Appelle, Vernunftsgründe, Tranquilizer, Belohnungen und Drohungen in mancher Tonart. Putin hat heute Nacht den Dritten Weltkrieg eröffnet, in der Nacht auf Donnerstag, den 24. Februar 2022.

Wladimir Putin in der Nacht auf den 24. Februar 2022 bei der Ankündigung der russischen Okkupation der Ukraine. (© picture-alliance/dpa)

Was tun? Was lassen? Was sagen? Ein paar Gedichte zu all dem habe ich parat, aber keinen Rat zur Rettung vor Putin und seiner Mafia.

In meiner Ratlosigkeit fällt mir ein böses Bonmot des Karl Kraus ein. Dieser penetrante Witzbold formulierte 1933, am Anfang der Nazizeit, in seinem satirischen Magazin Fackel: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“ -

Mir fällt zu Putin erstmal dies ein: Er wird von seinen Verabscheuern „Bloody Wladimir“ genannt. Diesen Titel hat er sich in Tschetschenien erworben, auch in Georgien und Externer Link: Syrien. Er hat gelegentlich in seinem Nebenberuf als Hobby-Historiker den Zerfall des Sowjetischen Imperiums als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Der Zusammenbruch dieser stalinistischen Diktatur ist also aus seiner Sicht „schlimmer“ als der Erste Weltkrieg, sei größer als die ebenfalls geopolitische Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, in dessen Schutz und Schatten der Holocaust überhaupt möglich geworden war. Das ist absurd und zynisch und wundert mich nicht.

Aber nun, in diesem klar ausgesprochenen und mit allen modernsten Waffen ausgebrochenen Krieg, erschüttert mich ein irrer neuer Gedanke: Putin könnte mit seiner absurden Behauptung nun doch auf dialektische Weise Recht behalten. Seine Geschichtslüge könnte sich als eine monströse Wahrheit entpuppen. Vielleicht stimmt es also doch, dass das fast krieglose Ende der Sowjetunion schlimmer gewesen sei als alle Kriegskatastrophen des vorigen Jahrhunderts. Der Hilfshistoriker hat womöglich mehr recht mit seiner These als uns recht ist!

MfS-Hausausweis Wladimir Putins, ausgestellt 1985. Putin arbeitete seinerzeit als KGB-Hauptmann in der Dresdener KGB-Zentrale, im Februar 1990 kehrte er im Rang eines Oberstleutnants nach Moskau zurück. Das Dokument fand sich 2018 in Aktenbeständen der Dresdener Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde. (© BArch, ehem. BStU-Außenstelle Dresden)

Dies sind meine Überlegungen: Ohne Glasnost und Perestroika mit dem Reformer Gorbatschow, das versteht sich, kein Apparatschik Jelzin an der Macht. Ohne den keine Selbstauflösung der Sowjetunion. Ohne Jelzin nicht dessen politischer Total-Erbe Putin als neuer Zar. Der selbstherrliche Staatspräsident ernannte am 31. Dezember 1999, also am letzten Tag des Jahrtausends, als letzte Amtshandlung und eigenmächtig wie ein Zar, den Geheimdienstoffizier Wladimir Putin aus Leningrad zu seinem Nachfolger im Kreml. Der sympathische Säufer Boris Jelzin war dabei stocknüchtern, denn er ließ sich Putins Ermächtigung bezahlen. Und das war sein Preis: Mit der allerersten Amtshandlung erließ Wladimir Putin ein unbegrenztes Dekret: die totale Straffreiheit für alle wirtschaftlichen und politischen Verbrechen Jelzins - inklusive dessen korrupter Familienbande.

Und nun komme ich endlich zu meiner logischen Schlussfolgerung: Wenn Putin jetzt die westliche Welt mit ihren verschiedenen Demokratien in einen Dritten Weltkrieg treibt, dann kann diese zweckpessimistische Voraussage meiner Bilanzballade im 80. Jahr wahr werden:

Zitat

Der Mensch wird sich selbst vertreiben / Von Mutter Erde: Im Letzten Krieg / Hilft keine Vernunft mehr, kein Beten / - ein toter Stern wird der Erdball sein / Planetchen, nackt unter Planeten

Und auf diese Weise würde Putin dann doch recht behalten: Eine selbstausgerottete Menschheit wäre noch schlimmer als diese und jene Weltuntergänge im vorigen Jahrhundert. So nannte die Putinsche Endlösung Karl Kraus vor hundert Jahren sein Theaterstück: „Die letzten Tage der Menschheit“.

Eine der ersten dokumentierten Explosionen in diesem Angriffskrieg am frühen Morgen des 24. Februar 2022 nahe dem Fluss Dnepr in Kiew durch russischen Beschuss. (© picture-alliance, AP, Mary Ostrovska )

Der vielleicht deutscheste Dichter Heinrich Heine schrieb in seinem Gedicht „Enfant Perdu“ „Nur Narren fürchten nichts ...“ also Ängste hatte ich immer wieder genug und kann manches Liedchen davon singen: ich bin nun mal einer, der den Weltkrieg knapp überlebt hat. In den Hamburger Bombennächten 1943 hatte ich, was Wunder, gar keine Angst vorm Krieg, denn wir waren ja schon mitten drin. Der riesige Feuerofen brannte. Die RAF (Royal Air Force) des Generals Arthur "Bomber-Harris" hatte sich einen sinnigen Code-Namen ausgedacht: „Gomorrha“.

Wie konnte ein Kind im Inferno einer brennenden Stadt die Tragödie erfassen. Gar nicht. Ich war sechs Jahre alt. Aber diese Hölle hat sich scharf eingebrannt in mein Gedächtnis. Ich sah alles. Und mich wundert heute noch, dass ich mich immerhin schon darüber wunderte, dass kein Mit-Kind im Feuersturm weinte. Wenn der Schrecken zu groß ist und keine Hilfe in Aussicht, dann lohnt es sich nicht mehr, um Hilfe zu schreien.

Ich krallte mich stumm an die Hand meiner Mutter Emma. Wir hatten Glück. Sie zog mich durch die schwarzen Gewässer des Nordkanals in Hammerbrook aus dem Feuer. Anders gesagt: der Poet Biermann ist ein gebranntes Glückskind.

Über dreißig Tausend Menschen verbrannten und erstickten in diesen zwei Nächten unter dem Englischen Bombenhimmel. Jetzt aber erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine lähmende Angst vor dem Krieg. Treffender gesagt: Ich habe nicht die Ängste, sondern die Angst hat mich.

Blick auf Ruinenfelder im infolge des Zweiten Weltkriegs ausgebrannten Hamburg, aufgenommen im Mai 1945, (digital koloriert). (© picture-alliance/akg)

Mir muss keiner verklaren, dass Krieg noch schlimmer ist als ein Friede unter dem Knüppel. Dennoch passt zu mir nicht der alte Spruch: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Für mich galt immer umgekehrt: Gebranntes Kind sucht das Feuer! Und darum singe ich in meiner Ballade „Die Elbe bei Hamburg“:

Zitat

Seit jenem Tag hat mir der Glücksgott meinen Stern bewahrt / Doch blieb ich immer, in der Liebe wie im Haß, verflucht / Durch allen Wandel bin und bleib ich auch mit weißem Bart / Gebranntes Kind, das neugierselig nach dem Feuer sucht.

Also wagte ich mich in das Feuer des Kampfes gegen die Parteibonzen der SED-Diktatur. Ich war immer dafür, dass man sich wehren muss, mit Worten, mit Wahrheiten, mit Geld, aber auch mit Waffen. Ich jedenfalls habe die Heil-Hitler-Deutschen nur überlebt, weil Soldaten aus Russland, England und den USA kämpften und starben, damit ich Kommunistenbalg und Judenkind in der Nazizeit am Leben bleiben konnte. Und genau darum konnte ich auch niemals ein strammer Pazifist sein.

Jetzt haben wir doch alle Angst vorm nächsten Krieg. Putin droht jetzt allen Unterstützern der Ukraine unverhohlen mit seinen Atomwaffen. Ach! und es gibt ja nicht nur dümmliche Klugscheißer, sondern auch sehr sehr kluge. Und ihre Klugheit macht ihre Dummheit noch dümmer. Jetzt im Medienwald wabern und wuchern die klügelnden Ratschläge im Nachhinein: „Hätte der Westen doch ... , hätte die NATO nicht nach 1989 ...die Merkel hätte im Grunde den Putin lieber ...“

Zynisches Bild einer verschworenen Präsidenten-Allianz vor 22 Jahren: Wladimir Putin (M), Alexander Lukaschenko aus Belarus (r) und Leonid Kutschma, der damalige Präsidenten der Ukraine, läuten am 3. Mai 2000 Friedensglocken, als sie zu vorgezogenen Feiern zum Gedenktag des Endes des Zweiten Weltkrieges (9. Mai) auf dem einstigen Schlachtfeld von Kursk bei Prochorowka zusammenkommen, um eine Denkmal zu enthüllen. Bei Prochorowka brach im Sommer 1943 die letzte große Offensive der Armeen Hitler-Deutschlands auf sowjetischem Gebiet zusammen. In der so genannten Schlacht um Kursk lieferten sich deutsche und russische Einheiten die bisher schwerste Panzer-Schlacht der Geschichte. Allein auf sowjetischer Seite starben bei diesen Gefechten nach Schätzungen russischer Militärhistoriker etwa eine halbe Million Soldaten. (© picture-alliance/dpa, epa Tass)

Das immerhin weiß ich: Dieser Machtmensch aus Leningrad ist kein Paranoiker, der hat keine Angst vorm Westen, sondern ausschließlich vor seinem eigenen Volk. Er hat sich das Volk wörtlich zu eigen gemacht: auch ´ne Art Volkseigentum. Durch nationalistische Propaganda und rationalen Terror.

Dieser allmächtige Feigling hat panische Angst vor dem Erfolg der Demokratien in all den ehemaligen Ländern des Ostblocks. Und da liegt sein Schweinehund begraben! Angst hat er vor dem lebenden Drachentöter Alexei Nawalny und vor dem Beispiel solcher inspirierenden Märtyrerinnen und Märtyrern wie Anna Politkowskaja und Boris Nemzow. Diesen tiefsitzenden Angsthass können wir ihm mit keinen Zugeständnissen wegtherapieren.

Es gibt, vermute ich, ein Schlüsselerlebnis in Putins Leben. Das passierte 1989 in Dresden, als er dort, mit nur einer Pistole bewaffnet, sich allein einer Meute endlich mal mutig gewordener Wut-Sachsen gegenüber sah, die seine KGB-Villa stürmen wollten. Er hat ihnen gedroht zu schießen, und die gelernten Untertanen trollten sich. Nie will Putin wieder Leute vor sich haben, die ihn fortjagen oder lynchen könnten.

Proteste am 24. Februar 2022 in New York gegen die russische Militärinvasion in die Ukraine. (© picture-alliance/AP, John Minchillo)

Ein klugdummer Meinungsmogul belehrte uns vor paar Tagen, dass der Westen zu naiv sei im Machtspiel gegen Putin. Dieser Expertise muss ich zustimmen. Ich spiele gern mal Schach. Es ist ja ein lehrreiches Gleichnis für Machtpolitik: man opfert einen Bauern, um einen Läufer zu schlagen, einen Springer, um eine Dame zu erwischen. Und man verkalkuliert sich dabei, weil der Gegner ja auch bis Drei zählen kann.

In der aktuellen Lage aber scheint mir das uralte Gleichnis vom Schachspiel fast irreführend. Wenn ich die weltpolitischen Strategien der Demokratien gegenüber den Diktaturen in aller Welt beobachte, denke ich oft: Diktatoren wie Putin und Xi Jinping spielen Schach, aber der Westen würfelt und spielt Mensch-ärgere-Dich-nicht. Zugleich aber ist die Freiheit in den Demokratien das überlegene Lebenselixier. Freiheit tut auch weh, denn sie funktioniert mühsamer als der Terror in totalitären Diktaturen. Ich denke dabei an die effektive Bekämpfung der Corona-Pandemie und an die bunten Bilder der Olympischen Spiele in China.

Ach, ich kann all das bündiger in Gedichten sagen und besser in Lieder singen.

Vor paar Monaten widmete ich ein Lied der tapferen Marija Koleshnikowa, die nun wohl die 11 Jahre Knast in Minsk absitzen muss, wenn sie nicht vorher ermordet wurde von Putins Kanaille Alexandr Lukashenka.

Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa am 6. September 2021 in Minsk vor Gericht, wegen ihrer friedlichen Proteste gegen das Regime Lukaschenko zu 11 Jahren Haft verurteilt, ihr Mitstreiter Maksim Znak aus der Opposition von Belarus zu zehn Jahren. (© picture-alliance/dpa, Sputnik | Viktor Tolochko)

Kleines Lied von den bleibenden Werten

1.

Die großen Lügner, und was

Na, was wird bleiben von denen?

- nu was schon, was was was was was:

daß wir ihnen geglaubt haben!

Die großen Heuchler, und was

Na, was wird bleiben von denen?

- daß wir sie endlich durchschaut haben!

2.

Die großen Führer, und was

Na, was wird bleiben von denen?

- nu was schon, was was was was was:

daß sie endlich gestürzt wurden!

Und ihre Ewigen Großen Zeiten

Na, was wird bleiben von denen?

- daß sie erheblich gekürzt wurden!

3.

Sie stopfen der Wahrheit das Maul mit Brot

- mit Peitsche und mit Zuckerbrot

- mit Gnaden-Brot und Fladenbrot

Und was wird bleiben vom Brot ?

- daß es gegessen wurde!

Und dies zersungene Lied,

Und was wird bleiben vom Lied?

- ewig bleiben wird von meinem Lied

daß es vergessen wurde.

Mich fragte vor paar Tagen ein Journalist: Warum gibt es mehr Verständnis für Russland in der ehemaliger DDR als im Westen und bei Ihnen? Ich wußte keine Antwort ... und rettete mich in das schnoddrige Couplet meines Sonetts „Angela Merkel ins Poesiealbum“

Zitat

Der Wiedervereinigungsrausch ist passé - gelernten Sklaven tut Freiheit halt weh.

Ich will mich, trotz aller kompliziertesten Kompliziertheit, auch immer wieder entscheiden, so wie es in der Bibel steht: „Eure Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein! ...“ Ich blutjunger Greis sage also „Nein!“ zu dieser Putin-Diktatur. Und „Ja“: deren Zusammenbruch will ich noch selber und bei wachem Verstand erleben.

Wolf Biermann für das Deutschland Archiv der bpb am 24./25. Februar 2022.

"Stop Putin - Stop War" - Proteste von Ukrainerinen und Ukrainern in Berlin. (© bpb / Holger Kulick)

Zitierweise: Wolf Biermann, "Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges", in: Deutschland Archiv, 25.2.2022, www.bpb.de/505558.

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen". Darunter sind:

Weitere Betrachtungen aus unterschiedlichsten Perspektiven werden folgen.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann (85) siedelte 1953 von Hamburg in die DDR über und veröffentlichte 1960 erste Lieder und Gedichte. Vom überzeugten Kommunisten wandelte er sich zu einem scharfen Kritiker der Sozialistischen Einheitspartei SED und der DDR, weswegen 1965 ein Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn verhängt wurde. 1976 wurde ihm nach einem Konzert in Köln die Wiedereinreise in die DDR verweigert, und er wurde ausgebürgert. Diese Entscheidung des SED-Politbüros löste in der DDR breite Proteste aus und führte zur Ausreise bzw. Ausbürgerung zahlreicher weiterer KünstlerInnen. Mehr unter diesem Externer Link: Link.