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Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine Recherche Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine andere Sicht "Begriffliche Unklarheiten" Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR "Schicksale nicht Begriffe" Mauerbau und Machtelite Zwangseingewiesene Mädchen und Frauen in Venerologischen Einrichtungen Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek Politisch inhaftierte Frauen in der DDR Ein widerständiges Leben: Heinz Brandt Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr von Dietmar Mann Die politische Justiz und die Anwälte in der Arä Honecker Geraubte Kindheit – Jugendhilfe in der DDR Haftarbeit im VEB Pentacon Dresden – eine Fallstudie Zwischen Kontrolle und Willkür – Der Strafvollzug in der DDR Suizide in Haftanstalten: Legenden und Fakten Die arbeitsrechtlichen Konsequenzen in der DDR bei Stellung eines Ausreiseantrages Max Fechner – Opfer oder Täter der Justiz der Deutschen Demokratischen Republik? Die "Auskunftspersonen" der Stasi – Der Fall Saalfeld Geschlossene Venerologische Stationen und das MfS Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts Alltag und Gesellschaft München 1972: Olympia-Streit um das „wahre Freundesland“ Afrikas Das religiöse Feld in Ostdeutschland Repräsentation Ostdeutschlands nach Wahl 2021 Die Transformation der DDR-Presse 1989/90 Das Elitendilemma im Osten "Affirmative Action" im Osten Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion Die Bundestagswahl 2021 in Ostdeutschland Deutsch-deutsche Umweltverhandlungen 1970–1990 Der Plan einer Rentnerkartei in der DDR "Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Deutsch-ausländische Ehen in der Bundesrepublik Verhandelte Grenzüberschreitungen Verpasste Chancen in der Umweltpolitik Der dritte Weg aus der DDR: Heirat ins Ausland Und nach Corona? 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Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte Der ehemalige Verleger Christoph Links über den vergessenen Mikrokosmos kleiner Projekt- und Unternehmensgründungen in der DDR Anfang 1990

Christoph Links

/ 8 Minuten zu lesen

Verläuft Geschichte wirklich immer nur in kausalen Ketten, wie sie auf den ersten Blick logisch scheinen? Oder helfen nicht viele zweite Blicke um Geschichtsverläufe und deren Entwicklungsmöglichkeiten besser zu ergründen und beschreiben? Zum Beispiel, wenn es wie Falle Ostdeutschlands 1990 um den Aufbau neuer Kleinprojekte und Existenzen ging. Reflexionen von Christoph Links, der schon Ende 1989 einen der ersten unabhängigen Verlage in der DDR in die Spur gebracht hat.

Der Berliner Verlagsgründer Christoph Links erhielt 2016 auf der Leipziger Buchmesse den Kurt-Wolff-Preis, jährlich vergeben für Kleinverleger von der Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene. Die Friedliche Revolution in der DDR hatte am 1. Dezember 1989 zur offiziellen Abschaffung des staatlich kontrollierten Druckgenehmigungsverfahrens geführt und zur allgemeinen Erlaubnis, private Verlage zu gründen. Dies ermöglichte Christoph Links die Gründung seines unabhängigen Sachbuchverlages, der am 24. Januar 1990 ins Handelsregister eingetragen wurde. Seine Auszeichnung 2016 erfolgte mit der Begründung, da er durch seine verlegerisches Schaffen „mit großer Konsequenz und ohne Scheu vor brisanten Themen die Deutschen in Wort und Bild mit ihrer jüngeren Geschichte und gegenwärtigen Rolle in der Weltgesellschaft" konfrontiere. (© picture-alliance/dpa, Hendrik Schmidt)

Das Modell einer „kontrafaktischen Geschichtsschreibung“ ist für die Umbruchjahre nach 1989/90 von besonderem Reiz, da nicht nur alternative Konzepte und Ideen entwickelt wurden, sondern es auch alternative praktische Aktionen gab, die sich unter den neuen Verhältnissen dann allerdings nicht behaupten konnten, die es aber verdient haben, genauer betrachtet zu werden.

Wir haben das in unserem Ende 1989 gegründeten Verlag stets begleitet, zunächst mit der detailreichen Chronik der Wende – Die Ereignisse in der DDR zwischen 7. Oktober 1989 und 18. März 1990 (1990, 1994, 1999) und dann mit dem Buch Das wunderbare Jahr der Anarchie – Von der Kraft des zivilen Ungehorsams 1989/90, das 2004 und 2009 in zwei Auflagen erschien. Dort wird beispielsweise die Gründung von Kontrollräten in staatlichen Institutionen wie dem Rundfunk der DDR behandelt: Plötzlich haben nicht mehr die alten Chefredakteure, sondern frei gewählte Redakteursräte darüber entschieden, was gesendet wird und was nicht.

Entmachtung alter Strukturen und Schaffen neuer Transparenz

Die Entmachtung der früheren Chefs und die Schaffung transparenter Strukturen hatten so viel Anziehungskraft, dass viele westdeutsche Journalistinnen und Journalisten kamen und fragten, ob sie mitarbeiten können, weil sie so hierarchiefrei noch nie arbeiten konnten. Andernorts entstanden Genossenschaften, die leer stehende Gebäude übernahmen und produktiv umnutzten – für neu entstandene Kleinbetriebe oder für künstlerische und andere freie Projekte. Es bildeten sich Komitees, die verhinderten, dass sich alte Bonzen Immobilien einverleibten oder ehemalige Stasi-Mitarbeiter Einfluss im neuen Politikbetrieb erlangten.

Unsere Verlagsgründung im Dezember 1989 fällt auch in diese Zeit. Wir wollten ein Podium schaffen für all die Journalistinnen/Journalisten und Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler, die jahrelang recherchiert und geforscht hatten, aber nicht publizieren konnten, weil ihre Ergebnisse nicht ins vorgegebene parteipolitische Bild passten. Doch wie finanziert man einen unabhängigen Verlag, wenn man selbst kein Geld hat?

Wir mussten uns ein neues Modell überlegen und haben um Unterstützerinnen/Unterstützer geworben, die bereit waren, ihr Geld nicht pekuniär verzinst zu bekommen, sondern mit den Büchern, den Neuerscheinungen unseres Hauses, zufrieden waren. Dieses Modell der stillen Teilhaber und ihrer „Bücherzinsen“ lief so lange gut, bis das Finanzamt kam und von uns rückwirkend für zehn Jahre Kapitalertragssteuer haben wollte – für alle zuvor ausgegebenen Bücher.

Neue Unternehmensmodelle, die nicht ins DIN-Norm System der Bundesrepublik passten

Unser Modell gab es im bundesdeutschen System einfach nicht und wurde daher nicht akzeptiert. Das Problem konnte nach langen Verhandlungen schließlich dadurch gelöst werden, dass wir die Einlagen auf Darlehensverträge umgestellt haben und fortan jährlich Bescheinigungen über unsere „Bücherzinsen“ ausstellten, die dann in die Jahressteuererklärungen der Unterstützerinnen/Unterstützer eingingen. Deutlich schlechter erging es alternativen Schulgründern in Ost-Berlin, die nach monatelangen Vorbereitungen im September 1990 die erste Gesamtschule in der noch existierenden DDR eröffneten und am 4. Oktober 1990 von der Gesamtberliner Schulbehörde mitgeteilt bekamen, dass ihr eigenständiges Bildungskonzept nicht dem nunmehr geltenden West-Berliner Schulgesetz entspräche. Alle Lehrerinnen und Lehrer, die keinen pädagogischen Abschluss nach bundesdeutschem Standard hatten, mussten entlassen werden, die Schule wurde wenige Wochen nach ihrer hoffnungsvollen Gründung kurzerhand geschlossen.

Aufbruch einer neuen Graswurzelbewegung

Nachdem sich im Verlauf der 1990er Jahre herausstellte, dass die ostdeutschen Landschaften wohl doch nicht so schnell erblühen würden und in den frisch sanierten Innenstädten kaum noch junge Menschen anzutreffen waren, da es durch die massenhafte Schließung von Betrieben immer weniger Arbeit gab und die Abwanderung in den Westen zunahm, entstand eine neue Graswurzelbewegung unter den Zurückgebliebenen. Einige begannen, leerstehende Häuser eigenständig in Gebrauch zu nehmen, die Industrieruinen für neue Zwecke kreativ zu nutzen und auf dem Lande alternative Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften zu gründen.

Kreativ Zukunft erfinden

Um die Vielfalt der neu entstandenen Initiativen festzuhalten und zu dokumentieren, haben wir 2009 zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution einen Band mit dem Titel Zukunft erfinden – Kreative Projekte in Ostdeutschland herausgegeben. So konnten wir zeigen, dass es im Osten nicht nur Frust gab und gibt, sondern auch eine Vielfalt inspirierender Vorhaben. Zu lesen ist etwa von einer sächsischen Gemeinde, die ihren Strom selbst erzeugt und mit den Einnahmen unter anderem einen Kindergarten finanziert, wodurch die Abwanderung etwas gebremst werden konnte.

In Leipzig schafft der Verein HausHalten sogenannte Wächterhäuser, indem die Besitzer*innen leer stehender Wohnimmobilien davon überzeugt werden, ihr Eigentum vorübergehend mietfrei alternativen Projekten zu überlassen, wodurch diese vor Vandalismus geschützt sind und neue Räume für Kreative entstehen.

Im thüringischen Sondershausen wird eine Kirchenruine durch die tatkräftige Mitarbeit vieler in ein Bürgerzentrum verwandelt, sodass die verloren gegangene Kommunikation wieder in Gang kommt. Die Belegschaft eines Fahrradwerkes, das ein US-Investor schließen will, entscheidet sich, den Betrieb in eigener Verantwortung weiterzuführen. Es wird eine Genossenschaft ins Leben gerufen, um in einem abgelegenen Erzgebirgsstädtchen einen Bürgerkonsum zu betreiben, damit Ältere wieder selbst einkaufen gehen können und nicht auf Lieferungen aus der Kreisstadt angewiesen sind.

In Brandenburg wird ein Weinberg bepflanzt und eine alte Kulturlandschaft wiederbelebt, in Sachsen-Anhalt entstehen sozial-ökologische Modellsiedlungen. In strukturschwachen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, die vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt wurden, wird mit Bürgerbussen experimentiert, in Ost-Berlin übernehmen Anwohnerinnen und Anwohner aufgegebene Bibliotheken in Eigenregie, vielerorts bilden sich neue Netzwerke, es gibt sogar eigenständige Regionalwährungen.

Drei Anregungen und was daraus geworden ist

Am Ende des prallen Buches findet sich das Plädoyer einer Initiativgruppe für neue politische Strategien im Umgang mit der Krise, in dem unter anderem drei Empfehlungen ausgesprochen werden: Es sollte ein Fonds zur Förderung bereits bestehender Projekte geschaffen werden, die konkrete Probleme vor Ort nachhaltig lösen. Für solche Projekte wird zweitens eine Plattform des Erfahrungsaustauschs angeregt und die Regierung wird drittens aufgefordert, neue Wege zur Absicherung freiwilliger sozialer Arbeit zu unterstützen und das bürgerschaftliche Engagement gezielt zu stärken.

Zunächst gelang es durch mehrere regionale Treffen, die Akteurinnen und Akteure miteinander in Kontakt zu bringen, die sich teilweise schon durch den Dokumentarfilm „Neuland“ von Holger Lauinger kannten. Parallel dazu entstand eine Webseite, die über mehrere Jahre vom Bundesverband Deutscher Stiftungen unterstützt wurde. Die Politik griff das Thema „Bürgerarbeit“ auf ihre Weise auf und startete 2011 über die Arbeitsämter ein dreijähriges Pilotprojekt, mit dem Arbeitslose in den Kommunen sinnvoll beschäftigt werden sollten. Da es jedoch nicht gelang, die Betroffenen anschließend mehrheitlich in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren, wurde das Projekt 2014 leider wieder beendet. Für freiwillige Bürgerarbeit gibt es bis heute keine einheitliche Regelung, ein Entgelt für Ehrenamtler oder Bürgerarbeiter wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Die einzige der drei Empfehlungen, die langfristig und nachhaltig umgesetzt wurde, war die einer finanziellen Förderung tragfähiger alternativer Projekte vor Ort. Die Robert Bosch Stiftung hat diesen Impuls aufgegriffen und 2012 das Neulandgewinner-Programm „Zukunft erfinden vor Ort“ aufgelegt. 24 der darüber geförderten Projekte konnten wir 2017 in dem Band Neuland gewinnen – Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten vorstellen. Dazu gehören beispielsweise der Generationenbahnhof im sächsischen Erlau, wo ein stillgelegtes Gebäude zum neuen Dorfmittelpunkt wurde, die Werkstatt des guten Lebens in Wangelin (Mecklenburg-Vorpommern), in der regionale Produkte erzeugt und Fortbildungen in Lehmbauweise angeboten werden, oder die Freiwilligen-Agentur Altmark in Stendal (Sachsen-Anhalt), die sich um die Vernetzung des bürgerschaftlichen Engagements in der Region kümmert. Das Projektbüro Neulandgewinner beim Berliner Thünen-Institut für Regionalentwicklung kümmert sich um den Erfahrungsaustausch und die Unterstützung der Aktivisten sowie die Fortführung des Programms. 2022 ging es in die sechste Förderrunde.

Nachahmen anstiften

Gewiss, manch andere alternativen Projekte sind auf der Strecke geblieben, sie wurden nicht im historischen Gedächtnis verankert. Aber es gab und gibt ungeahnt viele kreative Ideen und produktive Ansätze, die es lohnt, näher zu betrachten und auch historisch zu würdigen. Wir haben versucht, mit unseren Büchern einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, auch, um zum Nachahmen anzustiften.

Zitierweise: Christoph Links, "Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte“, in: Deutschland Archiv, 20.09.2022, Link: www.bpb.de/513236. Der Text ist dem Schriftenreiheband SR 10676/I (Ost)Deutschlands Weg I entnommen. Weitere Beiträge zu diesem Thema werden nach und nach folgen. Es sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Ergänzend:

Jarina Kühn, Anna Schwarz, Anna Steinkamp, Externer Link: "Motivationsarten für Unternehmensgründungen in der postsozialistischen Transformation in Ostdeutschland"; Deutschlandarchiv, 21.9.2022

Marcus Böick, Externer Link: Zwöf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt - Die Rolle(n) und Folgen des Wirkens der Treuhand, Deutschlandarchiv, 22.9.2022

Und über die (Plan)Wirtschaft in der DDR vor 1990: Daniel Meis, "Externer Link: Alles nach Plan? Die Planwirtschaft der DDR – Konzept, Umsetzung und Scheitern", Deutschlandarchiv 23.9.2022

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. zum Begriff einer "kontrafaktischen Geschichtsschreibung": Hélene Camarade, Von der Revolution zur Wiedervereinigung - Bilanzen und kontrafaktische Geschichtsschreibung, in: Kowalczuk, Ebert, Kulick, (Ost)Deutschlands Weg I, bpb Bonn 2021, 2. Auflage, S.147-162. Speziell zur Begriffsdefinition formuliert die Autorin auf S. 153:
    "...Die kontrafaktische Geschichtsschreibung macht es möglich, die Fehleinschätzungen einer linearen, teleologisch orientierten Geschichtsschreibung zu korrigieren, bei der Geschichte ausgehend von einem gegebenen Endpunkt oder im Hinblick auf einen immanenten Endzweck geschrieben wird, indem Alternativen aufgezeigt und denkbar gemacht werden. Die Arbeit der französischen Historiker Quentin Deluermoz und Pierre Singaravélou hat kürzlich die Relevanz dieser Herangehensweise besonders für Untersuchungen von Umbruchzeiten und Revolutionen aufgezeigt, eines Ansatzes, der kausale Ketten in Frage stellt, alternative Wege eröffnet oder in ein neues Licht stellt, Perspektivwechsel ermöglicht und dadurch den Verlierern der Geschichte das Wort zurückgibt. Sie ist zudem ein brauchbares Mittel, um sich gewünschter oder gefürchteter Zukunftswege zu vergewissern und dadurch Gefühle der Erleichterung, des Bedauerns oder von Unrecht besser nachvollziehen zu können. Die kontrafaktische Geschichte ist älter als man meinen könnte, und ihre Vor- und Nachteile boten vielfach Anlass zu leidenschaftlichen Debatten. Vor allem wurde sie in der angelsächsischen Wissenschaft in den 1960er Jahren im Rahmen des kliometrischen Ansatzes in den Dienst der Wirtschaftsgeschichte gestellt oder auch im Bereich der internationalen Geschichte angewandt. Die Forschung stützt sich unter anderem auf die Überlegungen Max Webers, der 1906 in „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“ dieser Praxis als einer der Ersten eine theoretische Grundlage gab. Nach Webers Auffassung sollten die Historiker offen zu den Implikationen eines Denkens stehen, welches sie, bewusst oder unbewusst, ohnehin praktizieren, und er entwickelt einen kontrafaktischen „Gedankenprozess“, in dessen Verlauf kausale Zurechnungen überprüft werden. Anhand imaginierter alternativer Verläufe werden die Bezüge zwischen den historischen Tatsachen, Entwicklungen oder Situationen neu überdacht. In den 1980er Jahren interessiert sich der deutsche Althistoriker Alexander Demandt für den kontrafaktischen Ansatz, mit Bezug auf Charles Renouvier, Geoffrey Hawthorn, Karl Jaspers, Hayden White oder auch Reinhard Koseleck. Ab den 1990er Jahren erfreut sich die kontrafaktische Geschichtsschreibung zunehmender Beliebtheit im Rahmen postmodernistischen Denkens, welches das Ende der Ideologien verkündet und die großen Narrative in Frage stellt, wodurch das Interesse auf die „Stimme der Andersdenkenden und [der] Stimmlosen“ gelenkt wird. Insbesondere tragen auch der Zusammenbruch des Kommunismus mit seiner deterministischen Geschichtsauffassung sowie die von Francis Fukuyama angestoßene Debatte über ein mögliches Ende der Geschichte zu dieser Entwicklung bei. [...]."

  2. https://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=4&qry_id=30&maxrows=50, letzter Zugriff 20.9.2022.

  3. Vgl. https://neulandgewinner.de/, letzter Zugriff 20.9.2022.

  4. Vgl. https://neulandgewinnen.de/foerderung/, letzter Zugriff 20.9.2022.

Weitere Inhalte

Jahrgang 1954. Publizist sowie ehemaliger Verleger und Geschäftsführer des Anfang 1990 gegründeten Ostberliner Ch. Links Verlags. Promovierte 2008 an der Humboldt-Universität über die Privatisierung der DDR-Verlage nach der Wende. Die Arbeit erschien 2009 unter dem Titel "Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen".