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Ein urdemokratischer Impuls, der bis ins Heute reicht

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Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? 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Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine Recherche Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine andere Sicht "Begriffliche Unklarheiten" Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR "Schicksale nicht Begriffe" Mauerbau und Machtelite Zwangseingewiesene Mädchen und Frauen in Venerologischen Einrichtungen Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek Politisch inhaftierte Frauen in der DDR Ein widerständiges Leben: Heinz Brandt Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr von Dietmar Mann Die politische Justiz und die Anwälte in der Arä Honecker Geraubte Kindheit – Jugendhilfe in der DDR Haftarbeit im VEB Pentacon Dresden – eine Fallstudie Zwischen Kontrolle und Willkür – Der Strafvollzug in der DDR Suizide in Haftanstalten: Legenden und Fakten Die arbeitsrechtlichen Konsequenzen in der DDR bei Stellung eines Ausreiseantrages Max Fechner – Opfer oder Täter der Justiz der Deutschen Demokratischen Republik? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Ein urdemokratischer Impuls, der bis ins Heute reicht

Gregor Gysi

/ 9 Minuten zu lesen

"Heute möchte ich den damaligen Demonstrierenden danken, dass sie den Mut hatten, dafür einzustehen, die Verhältnisse in der DDR gründlich in Richtung Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verändern". Eine "ungehaltene Rede" von Gregory Gysi, er war von Ende 1989 bis 1993 letzter Vorsitzender der SED-PDS und ihrer Nachfolgepartei PDS, und 1990 Mitglied der letzten Volkskammer der DDR.

Damals noch ohne Parteivorsitz: Der Ost-Berliner Rechtsanwalt Gregor Gysi am 4. November 1989 auf einer Demonstration gegen den diktatorisch herrschenden SED-Machtapparat und für Meinungsfreiheit und Demokratie, zu der Ost-Berliner Kunst- und Kulturschaffende eingeladen hatten.

(© picture-alliance, ZB Andreas Altwein)

Der Grundstein für die Ereignisse vor nunmehr über 30 Jahren, die 1990 zur ersten frei gewählten Volkskammer und durch sie zur Deutschen Einheit führten, wurde mit den von Michail Gorbatschow eingeleiteten Entwicklungen von Perestrojka und Glasnost gelegt. Es ist aber auch an die Rolle von Solidarność in Polen, an die Flucht in bundesdeutsche Botschaften und an die Grenzöffnung in Ungarn als weitere Grundlagen zu denken.

Es ist interessant, auf die Unterschiede zwischen der Erhebung am 17. Juni 1953 zu der Erhebung der Bevölkerung im Jahre 1989 hinzuweisen. Natürlich waren die Medien der alten Bunderepublik und von West-Berlin voll von den Ereignissen am 17. Juni 1953. Der Tag wurde dort sogar ein Feiertag. Aber merkwürdigerweise spielte diese Erhebung in den französischen, britischen und anderen westlichen Medien eine viel geringere Rolle. Mir ist klar geworden, dass das daran lag, dass man dort der deutschen Bevölkerung noch kein Selbstbestimmungsrecht nach der Nazi-Diktatur und dem 2. Weltkrieg zubilligte.

Die einen hatten eben die westlichen Besatzungsmächte, und die anderen sollten sich damit abfinden, die sowjetische Besatzungsmacht zu haben. Ganz anders waren die Reaktionen im gesamten Westen 1956 beim Aufstand in Ungarn und 1968 beim Einmarsch gegen den Prager Frühling. 1989 hatte sich die Situation nun aber grundsätzlich verändert. 1953 fuhren die Panzer der Sowjetunion gegen die Streikenden und Demonstrierenden auf. 1968 in der CSSR auch. Daran war 1989 nicht zu denken. Gorbatschow stand nicht gegen, sondern eher an der Seite der Demonstrierenden.

Mithin hatten diese es nur noch mit der SED-Führung aufzunehmen. Sie hatten den Mut, diesen Kampf zu versuchen, und sie waren erfolgreich. Ich muss es ganz klar sagen: Die Demonstrantinnen und Demonstranten in Plauen, in Leipzig, in Berlin und vielen anderen Städten haben erfolgreich für Freiheit und Demokratie in der DDR gekämpft. Nicht Helmut Kohl und seine Bundesregierung brachten die Freiheit in den Osten, sondern diese Demonstrantinnen und Demonstranten im Osten selbst. Und mein Anliegen ist es, genauso wie das Anliegen der damaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, eine falsche Geschichtsschreibung, ein Vergessen dieser Leistungen zu verhindern.

Der entscheidende 9. November

Der Interner Link: 9. Oktober 1989 mit der großen Demonstration in Leipzig gilt heute als entscheidendes Symbol des Aufbegehrens. Friedrich Schorlemmer sagte, dass sich in seinen Augen an diesem 9. Oktober auch Weltgeschichte entschied. Ich denke, er hat Recht. Die Menschen, die heute vor 30 Jahren den Mut besaßen, und auf dem Leipziger Ring zur bis dahin größten unangemeldeten Demonstration in der DDR zusammen kamen, haben Geschichte geschrieben.

An diesem Tag ging es noch nicht um die deutsche Einheit, aber es war klar, dass die Verhältnisse in der DDR nicht mehr so weiter bestehen würden, wie in den 40 Jahren zuvor, und dass dies Auswirkungen auf die Verhältnisse in Europa haben würde. Wenn man sich diese Dimension vor Augen führt, wird einem bewusst, welche Leistungen viele Ostdeutsche vor 30 Jahren vollbrachten. Diese Leistungen müssen, ebenso wie die Leistungen der Ostdeutschen in den Jahrzehnten zuvor und in den Jahrzehnten danach, endlich angemessen gewürdigt werden.

Lassen Sie mich nur kurz etwas zu mir selbst sagen. In der DDR habe ich Dissidentinnen und Dissidenten verteidigt, und im Auftrage von Rainer Eppelmann im Mai 1989 Strafanzeige wegen Wahlfälschung bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 beim Generalstaatsanwalt der DDR erstattet. Im September 1989 vertrat ich das Neue Forum, das vom Innenminister der DDR als staats- und verfassungsfeindlich nicht zugelassen wurde. Ich sprach im Deutschen Theater zu den Übergriffen der Polizei gegen Demonstrantinnen und Demonstranten, half bei der Beantragung der großen Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 und sprach dort. Übrigens äußerten sich damals nur Friedrich Schorlemmer und ich indirekt auch kritisch zur Staatssicherheit. Am 6. November forderte ich im Fernsehen der DDR ein umfassendes Reiserecht.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 gab es eine völlig neue Situation in der DDR.

Den Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Demonstrationen, den Mitgliedern des Neuen Forums und anderer oppositioneller Parteien und Organisationen konnte in der DDR nichts mehr passieren. Sie brauchten mich als Rechtsanwalt nicht mehr.

Mein Anliegen: Die SED entstalinisieren

Dass ich mich dann um die SED kümmerte, lag daran, dass sich nun alles gegen sie richtete, schon zurecht, gelegentlich aber auch überzogen. Als ich Vorsitzender dieser Partei wurde, war ihre führende Rolle schon aus der Verfassung gestrichen. Mir und anderen ging es um die Überwindung jeglicher Form des Stalinismus in dieser Partei. Wenn man sich die Entwicklung von der SED bis zur heutigen Linken anschaut, kann man den Grad der Veränderung deutlich feststellen. Später vertraten meine Partei und ich die Interessen vieler Ostdeutscher, die sonst im Bundestag überhaupt nicht vertreten gewesen wären.

Die Bereitschaft der Menschen vor 30 Jahren, bis dahin Unerhörtes einfach zu tun, mit Massendemonstrationen, neuen Parteien und Organisationen das Machtsystem der SED in Frage zu stellen, ohne es gewaltsam beseitigen zu wollen, folgte einem urdemokratischen Impuls, der auch den heutigen Verhältnissen durchaus guttäte. Die Runden Tische zum Beispiel waren ein demokratisches Instrument, dessen wir uns wieder aktiv erinnern sollten bei der Lösung aktueller Probleme. Die Friedlichkeit hatte zwei Seiten: „Keine Gewalt“ durch Demonstrantinnen und Demonstranten und der Verzicht darauf bei den Soldaten, bei der Polizei nicht gleich, aber später auch. Es ist eine beachtliche Leistung, dass während des Umbruchs kein einziger Schuss fiel von keinem der so genannten bewaffneten Organe der DDR. Beides ist zu würdigen. Nicht Schwarz-Weiß, sondern das große Dazwischen bestimmt den Lauf der Geschichte.

Wenn wir heute die Friedlichkeit des Prozesses hervorheben, gehört dazu die Akzeptanz, dass sich die Machtübergabe eben nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt vollzog und letztlich mit der demokratischen Wahl am 18. März 1990 vollendet wurde.

Der Prozess des Machtwechsels geschah im Dialog und nicht mit rigoroseren Konsequenzen für die alten Machthaber. Manchen erscheint das inkonsequent, aber aus meiner Sicht zeigt sich gerade darin eine demokratische Kraft und Reife, die zugleich dafür sorgte, dass der Alltag für die Menschen weiter lief. Dazu passte auch, dass Bürgerrechtler Einzug in die Regierung von Hans Modrow einzogen.

Dann kam es zur deutschen Einheit, die die errungene Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ein deutlich besseres Waren- und Dienstleistungsangebot sowie die frei konvertierbare Währung für die Ostdeutschen sicherte. Man darf auch die folgenden Instandsetzungen vor allem von Stadtzentren, der Infrastruktur, von Denkmälern und Wohnungen nicht vergessen. In der DDR gab es aber andererseits in sozialer, leider nicht in politischer Hinsicht mehr Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur, und keine Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Mieten, wenngleich viele Wohnungen auch in keinem besonders guten Zustand waren. Kündigungen von Arbeitsverhältnissen und Wohnungen oder gar Zwangsräumungen waren eine Rarität.

Aber zum Kapitalismus passen bestimmte Dinge nicht. Trotzdem dürfen wir nie vergessen, was durch die Einheit zunächst gesichert und dann auch gewonnen wurde. Sie war und bleibt ein historisch wichtiges Ereignis, das die große Mehrheit unserer Bevölkerung begrüßte und begrüßt.

Die Art und Weise aber, wie sie vollzogen wurde und wird, hatte und hat Fehler.

Ein Stück Ost- und Westeuropa wurden vereinigt. Man hätte dies – so wie es Gorbatschow vorschlug – auch nutzen können, um weder Osteuropa noch Westeuropa zu bleiben.

Verpasst - eine neutrale Vermittlerolle Deutschlands in Europa

Man hätte neutral und zu dem wesentlichsten Vermittler weltweit bei Konflikten werden können. Egal, ob es um den Konflikt Israel – Palästina, Russland – Ukraine oder andere geht. Stattdessen hat man sich entschieden, nicht nur in der NATO zu bleiben, sondern unsere Soldatinnen und Soldaten weltweit zu entsenden. Die erste RolleVermittlerrolle statt der Rolle eines Weltpolizisten wäre vielen, auch mir, schon aus historischen Gründen deutlich sinnvoller erschienen. Sie scheint mir auch mehr den Wünschen der Demonstrantinnen und Demonstranten vom 9. Oktober 1989 zu entsprechen. Eine solche Rolle zu spielen, kann man übrigens auch heute noch als NATO-Mitglied anstreben.

Ein weiterer Fehler bestand darin, dass die Bundesregierung und der Bundestag nicht bereit waren, mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes irgendetwas an der Symbolik des Landes zu verändern. Weder beim Namen des Landes noch bei der Hymne noch bei der Fahne noch beim Emblem noch bei der Bezeichnung irgendeiner Bundesbehörde.

Man war auch nicht bereit, entsprechend Art. 146 des Grundgesetzes dieses durch eine neue Verfassung, die in einem Volksentscheid hätte bestätigt werden müssen, für das vereinigte Deutschland zu ersetzen. Wenn man aber zwei Völker, auch wenn es zwei deutsche Völker sind, miteinander vereinigt und dem einen Volk sagt, dass es nicht wert ist, dass auch nur ein Komma an der Symbolik des anderen und dann vereinigten Landes verändert wird, löst man tiefe psychologische Folgen der Demütigung aus, die bis heute wirken.

Fehlende Gleichstellungspolitik

Weiter weigerte sich die Bundesregierung, Besseres aus dem Osten, wie zum Beispiel die höhere Gleichstellung der Frauen, die Polikliniken, oder die Berufsausbildung mit Abitur für ganz Deutschland zu übernehmen. Das hätte das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestärkt. Und die Westdeutschen hätten durch uns auch eine Steigerung ihrer Lebensqualität erfahren. Das aber haben sie nicht erlebt.

Stattdessen wurde der Osten nur nach dem Bilde des Westens geformt, ohne die Kompetenzen und Erfahrungen der Ostdeutschen – gerade auch beim Umbruch – als Chance für das gesamte Land zu begreifen. Damit nahm man den demokratischen Selbstbefreiungsdrang großer Teile der DDR-Bevölkerung weder ernst noch erwies man ihm den verdienten Respekt.

Es ist nach 30 Jahren nun höchste Zeit, dies zu korrigieren. Auch mit gleichen Löhnen in gleicher Arbeitszeit und gleichen Renten für die gleiche Lebensleistung in Ost und West. Außerdem muss es endlich gemäß Art. 36 des Grundgesetzes so viele Ostdeutsche in Führungspositionen der Bundesbehörden geben, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Der Bevölkerungsanteil liegt bei 17 Prozent, der bei den Führungskräften nur bei 1,7 Prozent.

Ein neues ostdeutsches Bewusstsein?

Ich will nicht weiter darauf eingehen, dass auch die künstlerischen, wissenschaftlichen und anderen Eliten nicht vereinigt wurden, dass der Überschuss an westdeutschen Eliten viele Leitungsfunktionen im Osten übernahm, so dass auch ein Gefühl der Fremdbestimmung entstand, etwas, was wiederum dem Selbstbewusstsein der Demonstrierenden vom 9. Oktober 1989 zutiefst widerspricht.

Der SED-Führung ist es nicht gelungen, ein DDR-Bewusstsein in der Bevölkerung vertieft zu verankern, der Bundesrepublik schon. Heute gib es ein ostdeutsches Bewusstsein nach dem Motto: ich bin ostdeutsch, wer ist mehr.

Letztlich war es auch ein Fehler, die Treuhandanstalt so zu gestalten, dass die ostdeutsche Wirtschaft nur passgerecht gemacht wurde für die westdeutsche, anstatt eine eigenständige zuzulassen und zu entwickeln.

Die Demonstrierenden in dieser Zeit wollten das Gegenteil von dem, wofür heute diejenigen stehen, die neue Mauern errichten wollen, Hass gegen Andersdenkende verbreiten, nationalen Egoismus predigen. Deshalb haben diese nicht das geringste Recht, sich auf die Wende, auf den Selbstbefreiungsdrang der Menschen und schon gar nicht auf den damaligen friedlichen Charakter der gewaltigen Umwälzungen zu berufen.

Seit dem 9. Oktober 1989 habe auch ich einen Erkenntniszugewinn erfahren. Heute möchte ich den damaligen Demonstrierenden danken, dass sie den Mut hatten, dafür einzustehen, die Verhältnisse in der DDR gründlich in Richtung Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verändern.

Zitierweise: Gregor Gysi, "Ein urdemokratischer Impuls, der bis ins Heute reicht“, in: Deutschland Archiv, 02.10.2020, Link: www.bpb.de/316600. Weitere "Ungehaltene Reden" ehemaliger Parlamentarier und Parlamentarierinnen aus der ehemaligen DDR-Volkskammer werden nach und nach folgen. Eine öffentliche Diskussion darüber ist im Lauf des Jahres 2021 geplant. Es sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

In dieser Reihe bereits erschienen:

- Sabine Bergmann-Pohl, Interner Link: "Ein emotional aufgeladenes Parlament"

- Rüdiger Fikentscher, Interner Link: "Die 10. Volkskammer als Schule der Demokratie"

- Gregor Gysi - Externer Link: Ein urdemokratischer Impuls, der buis ins Heute reicht

- Hinrich Kuessner Interner Link: „Corona führt uns die Schwächen unserer Gesellschaft vor Augen“

- Klaus Steinitz, Interner Link: "Eine äußerst widersprüchliche Vereinigungsbilanz"

- Richard Schröder -Interner Link: "Deutschland einig Vaterland"

- Maria Michalk, Interner Link: "Von PDS-Mogelpackungen und Europa?"

- Markus Meckel, Interner Link: "Eine Glücksstunde mit Makeln"

- Hans-Peter Häfner, Interner Link: "Brief an meine Enkel"

- Konrad Felber, Interner Link: "Putins Ausweis"

- Walter Fiedler, Interner Link: "Nicht förderungswürdig"

- Hans Modrow, Interner Link: "Die Deutsche Zweiheit"

- Joachim Steinmann, "Interner Link: Antrag auf Staatsferne"

- Christa Luft, Interner Link: "Das Alte des Westens wurde das Neue im Osten"

- Dietmar Keller, "Interner Link: Geht alle Macht vom Volke aus?"

- Rainer Jork, Interner Link: "Leistungskurs ohne Abschlusszeugnis"

- Jörg Brochnow, Interner Link: "Vereinigungsbedingte Inventur"

- Gunter Weißgerber, "Interner Link: Halten wir diese Demokratie offen"

- Hans-Joachim Hacker, Interner Link: "Es gab kein Drehbuch"

- Marianne Birthler - Interner Link: "Das Ringen um Aufarbeitung und Stasiakten"

- Stephan Hilsberg - Interner Link: "Der Schlüssel lag bei uns"

- Ortwin Ringleb - Interner Link: "Mensch sein, Mensch bleiben"

- Martin Gutzeit, Interner Link: "Gorbatschows Rolle und die der SDP"

- Reiner Schneider - Interner Link: "Bundestag - Volkskammer 2:2"

- Jürgen Leskien - Interner Link: "Wir und der Süden Afrikas"

- Volker Schemmel - Interner Link: "Es waren eigenständige Lösungen"

- Stefan Körber - "Interner Link: Ausstiege, Aufstiege, Abstiege, Umstiege"

- Jens Reich - Interner Link: Revolution ohne souveränes historisches Subjekt

- Carmen Niebergall - Interner Link: "Mühsame Gleichstellungspolitik - Eine persönliche Bilanz"

- Susanne Kschenka - Interner Link: "Blick zurück nach vorn"

- Wolfgang Thierse - Interner Link: "30 Jahre später - Trotz alldem im Zeitplan"

- u.a.m.

Mehr zum Thema:

- Die Interner Link: Wahlkampfspots der Volkskammerwahl

- Die Interner Link: Ergebnisse der letzten Volkskammerwahl

- Film-Dokumentation Interner Link: "Die letzte Regierung der DDR"

- Analyse von Bettina Tüffers: Interner Link: Die Volkskammer als Schule der repräsentativen Demokratie, Deutschland Archiv 25.9.2020

Fussnoten