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Basisdemokratie: "Wo waren die, die dagegen waren?"

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 35 Analysen & Essays. „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben Transformation und Deutsche Einheit Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten „Ihr Völker der Welt“ „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. 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Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. Juni Augenzeugenbericht Kultur und Medien Die Stasi und die Hitler-Tagebücher Ein Nachruf auf Walter Kaufmann Die Tageszeitung »Neues Deutschland« vor und nach 1990 Wie ein Staat untergeht Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR Reaktionen auf die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ „Mitteldeutschland“: ein Kampfausdruck? Gesundheitsaufklärung im Global Humanitarian Regime The British Press and the German Democratic Republic Kulturkontakte über den Eisernen Vorhang hinweg "Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk“ "Flugplatz, Mord und Prostitution" SED-Führung am Vorabend des "Kahlschlag"-Plenums Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Es gibt keinen Dritten Weg" Frauenbild der Frauenpresse der DDR und der PCI Regionales Hörfunkprogramm der DDR DDR-Zeitungen und Staatssicherheit Eine Chronik von Jugendradio DT64 Die "neue Frau": Frauenbilder der SED und PCI (1944-1950) Die Demokratisierung von Rundfunk und Fernsehen der DDR Der Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ostdeutschland Heimat ist ein Raum aus Bytes Lager nach 1945 Ukrainische Displaced Persons in Deutschland Jugendauffanglager Westertimke Das Notaufnahmelager Gießen Die Gedenkstätte und Museum Trutzhain Die Barackenstadt: Wolfsburg und seine Lager nach 1945 Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten Die Berliner Luftbrücke und das Problem der SBZ-Flucht 1948/49 Migration Fortbildungen als Entwicklungshilfe Einfluss von Erinnerungskulturen auf den Umgang mit Geflüchteten Friedland international? Italienische Zuwanderung nach Deutschland Jüdische Displaced Persons Das Notaufnahmelager Marienfelde Migration aus Süd- und Südosteuropa nach Westeuropa Die "Kinder der 'Operation Shamrock'" Rück- und Zuwanderung in die DDR 1949 bis 1989 West-Ost-Übersiedlungen in der evangelischen Kirche Migration aus der Türkei Griechische Migration nach Deutschland Die Herausforderung der Aussiedlerintegration Die Ausreise aus der DDR Das Spezifische deutsch-deutscher Migration Flüchtlinge und Vertriebene im Nachkriegsdeutschland Interview mit Birgit Weyhe zur Graphic Novel "Madgermanes" Die Migration russischsprachiger Juden seit 1989 Chinesische Vertragsarbeiter in Dessau Arbeitsmigranten in der DDR Gewerkschaften und Arbeitsmigration in der Bundesrepublik Deutschlandforschertagung 2016 Eröffnungsreden Panels und Poster Session Grenzgebiete Die Wende im Zonenrandgebiet Der andere Mauerfall Das "Grüne Band" Alltagsleben im Grenzgebiet Außensichten auf die deutsche Einheit Wahrnehmung des geeinten Deutschlands in Serbien Norwegische Freundschaft mit dem vereinten Deutschland Deutschland im Spiegel des Wandels der Niederlande Österreichs Reaktionen auf die Mühen zur deutschen Einheit Israelische Reaktionen auf die Wiedervereinigung Deutsche Diplomaten erleben den Herbst 1989 Das wiedervereinigte Deutschland aus Sicht der Slowaken Wahrnehmung der deutschen Einheit in Dänemark Die Perzeption der Wiedervereinigung in Lateinamerika Deutsch-polnische Beziehungen Der Blick junger Schweizer auf Deutschland Bulgarien blickt erwartungsvoll nach Deutschland Vom bescheidenen Wertarbeiter zur arroganten Chefin "Gebt zu, dass die Deutschen etwas Großes geleistet haben." 150 Jahre Sozialdemokratie Wehners Ostpolitik und die Irrtümer von Egon Bahr 150 Jahre Arbeiterturn- und Sportbewegung Die Spaltung der SPD am Ende der deutschen Teilung Willy Brandts Besuch in Ostberlin 1985 Deutschlandforschertagung 2014 Einleitungsvortrag von Christoph Kleßmann Tagungsbericht: "Herrschaft und Widerstand gegen die Mauer" Tagungsbericht: Sektion "Kultur im Schatten der Mauer" Interview mit Heiner Timmermann Interview mit Angela Siebold Interview mit Jérôme Vaillant Interview mit Irmgard Zündorf Interview mit Andreas Malycha Die Mauer in westdeutschen Köpfen Multimedia Zeitreisen mit "Kennzeichen D" Der Anfang vom Ende der DDR: Die Biermann-Ausbürgerung 1976 Wendekorpus. 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Basisdemokratie: "Wo waren die, die dagegen waren?"

Ilko-Sascha Kowalczuk

/ 9 Minuten zu lesen

Die repräsentative Demokratie im Osten hat einen schweren Stand und zwar seit 1990, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Das Meckern höre nie auf, vor allem seitens derer, die damals schwiegen oder von Demokratie nur als Basisdemokratie träumten.

"Wir pfeifen auf die SED- Rettet die DDR!" - Das Büro der Bürgerbewegung Neues Forum in Torgau im Januar 1990. (© dpa)

Unter der Überschrift Externer Link: "Das Ende der Revolution" veröffentlichte die Berliner Zeitung am 8. April 2020 eine Rede von Klaus Wolfram, die er im November 2019 an der Akademie der Künste gehalten hatte. Wolfram bemerkte, die Stimmungslage sei nach seiner Ansprache "scharf getrennt" gewesen. Die Anwesenden fielen "entlang der Linie ihrer Herkunft" in zwei Lager. Ostdeutsche erkannten ihre Situation wieder, Westdeutsche waren ratlos oder empört.

Das wundert mich. In den vergangenen Monaten habe ich an vielen Debatten landauf, landab über Deutschlands und Europas Weg seit 1989 teilgenommen. Bei diesen Debatten konnte ich keine Ost-West-Lager mehr ausmachen. Ich habe viele Freunde nach ihren Eindrücken über Wolframs Vortrag befragt. Ich fand unter ihnen keinen, der sich in dem Geschriebenen von Wolfram wiederfand. Die Absolutheit von Wolframs Behauptung stimmt also nicht.

Klaus Wolfram gehörte zu den Aktivisten vom Neuen Forum auch dann noch, als es sich ab etwa Februar 1990 politisch überlebt hatte, weil die politischen Ziele vom September 1989 erreicht worden waren. Verdienste erwarb er sich auch mit der Gründung der Wochenzeitung die andere und des Verlags BasisDruck, der Anfang März 1990 den ersten Bestseller nach dem Mauerfall herausbrachte – die Dokumentation "Ich liebe Euch doch alle" mit Stasi-Dokumenten zum Jahr 1989.

Nun behauptet er, die Stasi-Debatte sei eine West-Erfindung gewesen, auch der Begriff "Unrechtsstaat" und die Bezeichnung "totalitär" seien dem Osten aufgezwungen worden. Nein, die Debatte war in den frühen Neunzigern eine Ost-Ost-Debatte, die der Westen am liebsten mit dem Wegschließen der Stasi-Akten ein für alle Mal beendet hätte. Ich glaube nicht, dass Klaus Wolfram das vergessen hat.

Der Aufbruch vom Herbst 1989 war auch der Versuch, die Hoheit über die eigene, von den SED-Kommunisten okkupierte Vergangenheit zurückzuerlangen. Es bedurfte keiner westlichen Bevormundung, um zu wissen, in was für einem politischen System man gelebt hatte. Protagonisten des Neuen Forums wie Rolf Henrich, Bärbel Bohley, Werner Schulz, Katja Havemann oder Joachim Gauck, die aus anderen politischen Milieus als Klaus Wolfram kommen, haben das mit solchen Begriffen gekennzeichnet, die Wolfram als westlich kontaminiert tituliert. Er unterschlägt das in seinem Selbstgespräch, um seiner Grundthese, der Westen befinde sich in einem Dauerselbstgespräch und unterjoche den Osten, Geltungskraft zu verleihen. Natürlich, die Stasi-Debatte lief irgendwann aus dem Ruder, ich habe das in den vergangenen fünfzehn Jahren häufig öffentlich kritisiert.

Klaus Wolfram schreibt: Am Anfang steht der 10. September 1989, die Gründung des Neuen Forums, verkörpert durch eine Frau, durch Bärbel Bohley. Das Ziel war mit Händen greifbar: eine basisdemokratisch ausgerichtete Gesellschaft. Utopien schienen sich in Realität aufzulösen. Die Menschen hatten sich darauf, so Wolfram, seit den 1970er-Jahren vorbereitet. In der DDR orientierten sich, glaubt er, die Menschen aneinander und nicht an Hierarchien. Das schlug nun voll durch. Zuletzt hockte nur noch die Regierung in der "Nische". Der Herbst 1989 war in Wolframs Durchblick die logische Konsequenz der DDR-Geschichte.

Ich weiß nicht, welche DDR Klaus Wolfram meint, aber die reale Honecker-Ära wohl nicht. Was er da über das Sozialverhalten dichtet, mag in linken Theorieseminaren auf größte Zustimmung stoßen. In eher empirisch orientierten Kreisen würde man nach den Beweisen fragen. Schnell würde sich herausstellen, dass es die dafür nicht gibt. Die DDR-Gesellschaft war eine extrem an Hierarchien orientierte. Diktaturen funktionieren anders nicht.

Und die SED-Diktatur hat lange gut funktioniert. Eine Bedingung dafür war, dass die absolut meisten Menschen mitmachten, sich einrichteten, sich abduckten. Die einen aus innerer Überzeugung. Die anderen als strukturelle Opportunisten, ohne die Diktaturen nirgends auskommen. Es geht nicht darum, solche Überlebensstrategien zu kritisieren. Aber das Schlimmste an Diktaturen sind nicht allein ihre Richter und Parteifunktionäre, ihre Geheimpolizisten und Politiklehrer, ihre Armeeoffiziere und Verbandsfunktionäre, sondern die schweigenden, duldenden, petzenden, wegsehenden Nachbarn und Arbeitskollegen. Genau jene, die Wolfram nun so heroisiert und zu den stillen Helden hochstilisiert.

2007 gab es in der Robert-Havemann-Gesellschaft eine Debatte, die die kleine Gesellschaft mit dem größten Archiv der DDR-Opposition an den Rand ihrer Existenz brachte. Klaus Wolfram hatte diese Gesellschaft bis dahin mitgeprägt. Es ging darum, eine Konzeption für eine geplante Open-Air-Ausstellung auf dem Alexanderplatz zu diskutieren. Die Ausstellung sollte die Revolution von 1989 würdigen.

Wolfram legte eine Konzeption vor, die die These enthielt, die er immer noch vertritt: Die Revolution von 1989 war dem Neuen Forum zu danken, die Mehrheit wollte eine basisdemokratische Gesellschaft und erst durch den Mauerfall und dann die Volkskammerwahlen am 18. März 1990 wurden die ursprünglichen Revolutionsideen überwölbt.

Wolfram setzte sich mit seiner Konzeption nach harten Debatten und vielen gegenseitigen Drohungen nicht durch. Er zog sich aus der Havemann-Gesellschaft zurück. Gezeigt wurde auf dem Alex eine Ausstellung, die die Revolution mit ihrer gesamten Vorgeschichte und in ihrer gesamten Breite würdigte. Über 1,5 Millionen Besucher in wenigen Monaten ließen die Ausstellung zum größten Erfolg der Havemann-Gesellschaft werden.

Geheimverhandlungen mit der PDS

Die Revolution von 1989 hatte mehrere innen- und außenpolitische Gründe. Das System war ab Sommer 1989 durch Zehntausende Flüchtlinge nachhaltig destabilisiert worden. Es bedurfte einer Opposition, um die Stimmung im Lande politisch zu kanalisieren – auch das braucht jede Revolution: organisierte Gruppen, die das Konzept des Handelns in der Hand halten. Die Opposition organisierte und stellte Öffentlichkeit her. All das hatte sie in den Jahren zuvor erlernt. Nun, im Sommer und Herbst 1989, konnte sie das Erlernte ausspielen. Die Stärke der Opposition bestand darin, dass sie politisch heterogen war, dass sie viele Angebote unterbreitete, sodass fast jeder, der wollte, etwas politisch Passendes für sich fand.

Das Neue Forum war wichtig, keine Frage. Aber allein hätte es die Sammlungsbewegung, die erklärtermaßen weder ein konkretes gesellschaftspolitisches Ziel, noch ein Programm, noch eine realpolitische Idee aufwies, nicht geschafft. Das war im Herbst 1989 ihre Stärke und ab Januar 1990 ihre Schwäche. Und Bärbel Bohley, die Mutter der Revolution? Als sie die Maueröffnung kritisierte, zeigte sich, dass sie sich und mit ihr ein Teil des von ihr begründeten Neuen Forums wieder in einer politischen Minderheitsposition befand. Sie stand für die Moral des Herbstes, nicht für realpolitische Absichten.

Das Neue Forum war von Anfang an ein politisch heterogenes Gebilde. Hier die Basisdemokraten, dort die Konservativen; hier diejenigen, die Parteien ablehnten, dort jene, die eine Partei anstrebten; hier die Befürworter einer schnellen deutschen Einheit, dort die Freunde einer eigenständigen DDR. Klaus Wolfram gehörte zu einer besonders kleinen Gruppe, die 1990 mit Gregor Gysi über eine Zusammenarbeit von PDS und Neuem Forum verhandelten, mehr oder weniger Geheimverhandlungen übrigens, weil die meisten im Neuen Forum solche Verhandlungen nicht sonderlich amüsiert hätte.

Die Revolution von 1989 ist von einer kleinen Minderheit politisch Engagierter "gemacht" worden. Sämtliche Zahlen von Demonstrationsteilnehmern und Unterzeichnern von Aufrufen wurden im September und Oktober aus guten Gründen hochgejazzt. Wenn man heute die Leute so reden hört, hat man den Eindruck, alle waren dabei. Wenn aber alle dabei waren, wo waren dann die, die dagegen waren? Wolfram glaubt, die gab es nicht, außer diese Regierung in der "Nische". Tatsächlich war nur eine Minderheit "dabei", wenige Hunderttausend bis Ende Oktober. Aber auch nur eine Minderheit des Regimes war noch aktivierbar, um aktiv "dagegen" zu sein. Wie in jeder Revolution stand die absolute Mehrheit dazwischen und wartete ab.

Am Wochenende vom 4./5. November 1989 kippte das Regime praktisch: Die Grenze zur CSSR war wieder offen, und jeder, der wollte, konnte von der CSSR direkt in die Bundesrepublik ausreisen. Das taten dann auch ein paar Zehntausende an diesem Wochenende. Die DDR war eine andere geworden. Fünf Tage später fiel aus Versehen die Mauer, obwohl sie bereits offen war.

Anders als Klaus Wolfram glaubt, ist es auch jetzt nicht zu einer basisdemokratischen Massenwelle gekommen. Die Absetzung von Betriebsleitern und die Wahl neuer geschah von Mitte Dezember 1989 bis in das späte Frühjahr 1990 durchaus vereinzelt, eine Massenbewegung, wie von ihm behauptet, gab es nirgends. Die Revolution fand außerhalb der Betriebe statt. Und auch das Lieblingsbeispiel Bischofferode – die Kali-Kumpel von 1993 mit ihrem Hungerstreik – eignet sich gerade nicht für Wolframs These: Die Kumpel wollten nicht in Wolframs Paradies leben – hier im Eichsfeld holte die CDU seit 1990 immer ihre absolut besten Ergebnisse, teilweise zwei Drittel aller Stimmen, am 18. März 1990 75 Prozent!

Kein basisdemokratischer Aufbruch

Die Wahlen am 18. März 1990 hatten nur eine Frage zum Gegenstand: Auf welchem Wege kommt die deutsche Einheit? Jeder Zweite entschied sich für Helmut Kohls schnellsten Weg. Wolfram konstruiert eine konservative Hälfte, die Kohl wählte, und eine linke Hälfte, die sich um SPD, PDS und Bürgerbewegung versammelt hätte. Keine Ahnung, wie er dazu kommt und dann auch noch behauptet, das sei die gleiche Hälfte, die heute in Thüringen links wähle. Es ist eine Behauptung, die nichts mit der Realität zu tun hat. Die PDS stand damals in einem scharfen politischen Kontrast zu SPD und Bürgerbewegungen, daraus einen politisch homogenen Block zu basteln, ist keck.

Klaus Wolfram macht das nicht absichtslos. Denn sein Grundthese zielt auf etwas anderes ab. Sie behauptet, der Westen habe nichts anderes als Entmündigung und Belehrung gebracht. Auch wenn das völlig überzogen ist, eigentlich müsste er von Selbstentmündigung reden. Aber auch das wäre unsinnig. Denn irgendwie müsste das Wahlergebnis vom 18. März erklärt werden.
Sicher, die zum Teil dramatischen Folgen der Währungsunion konnten die meisten Menschen nicht vorhersehen, aber es war die Wahl einer deutlichen Gesellschaftsmehrheit, genau diesen Weg zu gehen. Ihr Ziel bestand darin, die bundesdeutsche Gesellschaft, den bundesdeutschen Staat, das bundesdeutsche Gesamtsystem nachzuahmen und zwar eins zu eins und ohne jedes Experiment. Das war keine Hälfte der Gesellschaft, das waren mindestens 75 Prozent aller Wähler, denn die SPD wollte das grundsätzlich auch – und diese Entscheidung fiel am 18. März in der DDR.

Klaus Wolfram gehörte damals zu der Viertel-Minderheit, ich übrigens auch. Er übersieht, dass das nicht eine Minderheit war, sondern zwei: eine wollte eine demokratische DDR, um auf Augenhöhe die Wiedervereinigung anzustreben in einem geeinten Europa. Eine andere Minderheit wollte die alte DDR mit neuem Personal behalten.

Nun behauptet Wolfram aber noch: Kein (!) Ostdeutscher habe je vor oder nach 1989 Demokratie verachtet. Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. In der DDR war man umgeben von Demokratieverächtern, überall: in der Schule, an der Universität, bei der Armee, im Betrieb, in den Medien, kein Ort, nirgends ohne Antidemokraten. Das sollte Folgen haben nach 1989: 75 Prozent wollten so schnell wie möglich in die Bundesrepublik, aber die meisten wussten nicht, wie das neue System funktioniert. Erklärt hat es ihnen auch niemand. Der Westen ging davon aus, sein System sei selbsterklärend.

Die Folge ist, dass die repräsentative Demokratie im Osten einen schweren Stand hat und zwar seit 1990. Das Meckern hörte nie auf: Man könne zwar demonstrieren gehen, hört man oft, aber es ändert sich ja eh nichts. Leider haben die meisten Meckerköppe bis heute nicht begriffen, dass ein System, das jeder Kritik nachgeben würde, untergehen müsste in buchstäblicher Anarchie. Repräsentative Demokratie ist anstrengend, auch das haben viele nicht verstanden, sogar anstrengender als das Leben in einer Diktatur. Dort ist es gefährlicher für jene, die sich nicht abfinden wollen mit den Vorgaben und Regeln.

Damit wären wir bei Wolframs AfD-These. Nein, die Wählerinnen der AfD sind keine Protestwähler, die aus lauter Gram über den Westen der Demokratie einen Denkzettel verpassen wollen und die besseren Demokraten sind, und nein, nicht nur fünf Prozent – wie kommt er auf diese Zahl? – folgen der AfD-Parteiführung. Längst ist erwiesen, dass die AfD genauso ein ostdeutsches wie ein westdeutsches Produkt ist.

Vielleicht ist die AfD weniger ein deutsches Projekt denn ein Globalisierungsergebnis ausgerechnet aufseiten ihrer heftigsten Gegner. Wie dem auch sei, in Sachsen, in Thüringen, in Sachsen-Anhalt haben zuletzt 75 Prozent ihrer Wähler die AfD nicht trotz, sondern wegen ihres nationalistisch-rassistisch-völkischen Programms ihre Stimme gegeben. Das hat mit Demokratie und Denkzetteln nichts mehr zu tun.

Es geht um Rassismus, aber auch um Nationalismus und autoritäre Staatsstrukturen. Und auch hier beginnt die ostdeutsche Geschichte nicht erst 1989. Diese Geschichte reicht weit zurück. Sie wurde nicht gebrochen, weder in der DDR noch nach 1990. Rassismus, Nationalismus und Autoritarismus waren stets mehrheitsfähig, sind es heute in anderen postkommunistischen Staaten ebenfalls. Basisdemokratie noch nie. Wir brauchen neue Foren, um über unsere Zukunft und unsere Verfassung zu diskutieren. Aber wir brauchen keine gesamtgesellschaftliche Basisdemokratie. Die funktioniert nur, wenn alle freiwillig mitmachen. Das aber ist in Freiheit unmöglich zu garantieren.

Die Revolution von 1989 begann als basisdemokratischer Aufbruch und war nach dem Mauerdurchbruch ihr nachdrücklichster Abgesang an basisdemokratische Fantasien. Das haben noch nicht alle verstanden.

Der Beitrag erschien 2020 zunächst in der Serie "Zeitenwende" der Berliner Zeitung. Zitierweise: Ilko-Sascha Kowalczuk, "Wo waren die, die dagegen waren?“, in: Deutschland Archiv, 05.01.2021, Link: Externer Link: www.bpb.de/325077. Weitere Texte und Interviews in dieser Serie folgen. Es sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Weitere Beiträge in dieser Reihe unter: Interner Link: Zeitenwende

Fussnoten