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Ein Laboratorium der Demokratie

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? 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Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz „Wie ein Film in Zeitlupe“ 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Frauen in der Bürgerbewegung der DDR und während der Friedlichen Revolution Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Eine Audio-Zeitreise. 1. Vorboten von Umbruch und Mauerfall 2. Schabowski und die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 3. Grenzübertritt am 10. November 4. Begrüßungsgeld 100 D-Mark 5. Den Anderen anders wahrnehmen 6. Stereotypen 7. Was bedeutet uns der Fall der Mauer? 8. Emotionen 9. Sprache Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Brecht & Galilei: Ideologiezertrümmerung Die Zweite Generation jüdischer Remigranten im Gespräch Ausgaben vor 2013 Bau- und Planungsgeschichte (11+12/2012) Architektur als Medium der Vergesellschaftung Landschaftsarchitektur im Zentrum Berlins Kunst im Stadtraum als pädagogische Politik Dresden – das Scheitern der "sozialistischen Stadt" Bautyp DDR-Warenhaus? Ulrich Müthers Schalenbauten Medizinische Hochschulbauten als Prestigeobjekt der SED Transitautobahn Hamburg–Berlin Literaturjournal Aufarbeitung (10/2012) "Es geht nicht um Abrechnung ..." "Ein Ort, der zum Dialog anregt" Eckstein einer EU-Geschichtspolitik? Schwierigkeiten mit der Wahrheit Personelle Kontinuitäten in Brandenburg seit 1989 "Geschlossene Gesellschaft" Kulturelite im Blick der Stasi Experten für gesamtdeutsche Fragen – der Königsteiner Kreis Friedrich II. – Friedrich der Große Literaturjournal Deutsch-deutscher Literaturaustausch (8+9/2012) Eine gesamtdeutsche Reihe? Die Insel-Bücherei Versuche deutsch-deutscher Literaturzeitschriften Geschiedene Gemüter, zerschnittene Beziehungen Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das MfS Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands Die Leipziger Buchmesse, die Börsenvereine und der Mauerbau Die Publikationskontroverse um Anna Seghers' "Das siebte Kreuz" Westdeutscher linker Buchhandel und DDR Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen" Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke Eine deutsch-deutsche Koproduktion: die "OB" Dokumentation: "Ein exemplarisches Leben – eine exemplarische Kunst" Literaturjournal Nach dem Mauerbau (7/2012) Der ewige Flüchtling Der Warenkreditwunsch der DDR von 1962 Die Entstehung der "Haftaktion" Leuna im Streik? Mit dem Rücken zur Mauer Der Honecker-Besuch in Bonn 1987 Ein Zufallsfund? Literaturjournal Politische Bildung (6/2012) Antikommunismus zwischen Wissenschaft und politischer Bildung Subjektorientierte historische Bildung Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft "Hallo?! – Hier kommt die DDR" Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärken Keine einfachen Wahrheiten Literaturjournal Sport (5/2012) Sportnation Bundesrepublik Deutschland? Marginalisierung der Sportgeschichte? Dopingskandale in der alten Bundesrepublik Hooliganismus in der DDR "Erfolge unserer Sportler – Erfolge der DDR" Literaturjournal Nachkrieg (4/2012) Jüdischer Humor in Deutschland Die SED und die Juden 1985–1990 "Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten Kriegsverbrecherverfolgung in SBZ und früher DDR Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau Eklat beim Ersten Deutschen Schriftstellerkongress Workuta – die "zweite Universität" Dokumentation: Die Rehabilitierung der Emmy Goldacker Kaliningrader Identitäten "Osten sind immer die Anderen!" 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Ein Laboratorium der Demokratie

Steffen Mau Sabine Rennefanz

/ 10 Minuten zu lesen

Corona könnte ein "Vereinigungsgenerator" sein. Aber auch ein Frustgenerator mit langlebigen Folgen, wenn es nicht gelingt, "das pandemische Moratorium des Alltags" zu verlassen. Im Gespräch mit Sabine Rennefanz warnt der Soziologe Steffen Mau vor einem "sich selbst verstärkenden negativen Kreislauf" politischen Nichtmehr-Engagements und plädiert dafür, Ostdeutschland "viel stärker zu einem Laboratorium der Demokratie zu machen".

Nur mit Masken. Schild am Eingang einer Schule an der Bernauer Straße in Berlin 2021. (© bpb/Kulick)

Sabine Rennefanz: Herr Mau, Corona hat auch eine neue Wortschöpfung hervorgebracht, nicht wütend, sondern „mütend“ – sind Sie mütend?

Steffen Mau: Sicherlich, wie viele andere auch, müde und auch erschöpft von der langen Zeit, die die Pandemie andauert. „Mütend“ ist dafür nicht verkehrt. Im Englischen gibt es die Wortschöpfung „hangry“: eine Verbindung aus „hungry“ und „angry“. Das bedeutet im Kontext der Pandemie wohl, dass man Hunger auf das Leben hat, und man latent aggressiv wird, da dieser derzeit nicht befriedigt wird. Ich glaube, das kann auch jede/r nachvollziehen. Laut vielen Umfragen gibt es plötzlich etwas, was die Stimmung in Deutschland auf einem Tiefpunkt eint – eine Unzufriedenheit quer durch alle Altersgruppen.

Woher kommt dieser wachsende "Wutberg"?

Das hat sich in den vergangenen dreizehn Monaten gedreht, seit März 2020. Wenn man sich im vergangenen Sommer mit verschiedenen Menschen unterhalten hat, gab es ein neues positives Staatsbewusstsein. Da waren viele stolz, dass sie in einem funktionierenden Staatswesen mit rationalen, vernunftbegabten und maßvollen Politikern leben, die Corona verantwortungsvoll angehen. Das hat sich stark gewandelt. Die Politik wurde weniger erfolgreich, sie wirkte mitunter kopflos, aktionistisch, erschwerend kamen im Frühjahr 2021 auch gravierende Fälle von Korruption und Machtmissbrauch ans Licht. Wenn dann noch das Ergebnis des politischen Handelns nicht mehr stimmt, macht sich so ein unterschwelliger Groll breit, der weite Teile der Gesellschaft erfassen kann.

Das lässt sich auch wissenschaftlich erfassen?

Ja. Das mündet nicht überall in eine Fundamentalopposition, aber es gibt einen sehr kritischen und zum Teil gereizten Blick auf „die Politik“. Es passiert dann das, was man auch mit dem Begriff Erregungsdemokratie verbindet: Die Leute schimpfen unaufhörlich und es gibt weniger Möglichkeiten, Stimmungen zu befrieden und konstruktiv zu wenden. Ich denke, ein Stück der angestauten Unzufriedenheit ist durchaus nachvollziehbar, weil die Pandemie doch auch Schwachstellen des staatlichen Handelns und der demokratischen Institutionen freigelegt hat, die vorher vielen nicht bewusst waren.

Welche Schwachstellen meinen Sie genau?

Es gab lange so etwas, was man „permissiven Konsens“ nennt. Die Bürger sind weitgehend einverstanden und fragen nicht genauer nach, solange es halbwegs läuft. Wenn es dann nicht mehr läuft, dreht sich das schnell um. Es sind ja in der Tat viele handwerkliche Fehler passiert, in der Kommunikation, bei der Schnelligkeit und Verbindlichkeit der Entscheidungsfindung, bei der Beschaffung von Impfstoff und Masken, bei der föderalen Abstimmung oder in der Schulpolitik. Das summiert sich und verstärkt den Impuls zu meinen, dass man von der Politik nicht mehr viel erwarten kann. Keine gute Ausgangslage in einem Wahljahr. Außer für Populisten, denen solch eine Meckergrundstimmung gerade recht kommt. Wir sehen es jetzt auch, wie die AfD das wittert und den Austritt aus Europa postuliert, das Gefühl ausnutzend, dass man selbst als EU-Fan inzwischen an der mangelnden Effizienz verzweifelt und sich fragt, ob das Pandemiemanagement ohne die EU nicht besser funktioniert hätte. Wenn es manchen autoritären Regimen gelingt, zum Beispiel eine effektive Impfkampagne zu organisieren oder das Virus durch andere Maßnahmen zurückzudrängen, dann gerät man argumentativ in die Defensive. Das Versprechen der Demokratie ist ja nicht nur das der Beteiligung an der politischen Macht, sondern auch das des guten Regierens. In der Politikwissenschaft gibt es den Begriff der Output-Legitimität. Das ist die Legitimität, die die Politik dadurch gewinnt, dass sie Probleme löst und effektiv handelt. In dieser Hinsicht gibt es eine wahrnehmbare Enttäuschungshaltung.

Liegt das nicht auch daran, dass eine Reihe Staaten außerhalb der EU, so die USA und Großbritannien, sichtbar schneller impfen?

Ja, vordergründig wirkt da die EU manchmal schon auch wie ein lahmer Haufen, ohne Augenmerk darauf, worauf es in solchen Situationen ankommt. In unserem System werden Routinen gut abgearbeitet, Verwaltungsakte durchgeführt, Entscheidungen vielfach abgesichert und reglementiert. Das funktioniert im Normalbetrieb gut, aber weniger in einer Krise, wenn man Pragmatismus an den Tag legen und auch einmal Vorpreschen muss, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Mit Verwaltungshandeln allein lässt sich eine Krise kaum lösen, da kann man sie höchstens bürokratisch verstolpern.

Ist diese Wut, die man jetzt spürt, erst in den vergangenen Monaten entstanden oder gibt es da tiefere Ursachen?

An den Rändern der Gesellschaft hat sich schon länger einiges abgesetzt, ob das jetzt esoterische Zirkel sind, Reichsbürger oder die Pegida-Bewegung. Corona ist ein Kristallisationspunkt, wo sich Gruppen verbinden, die früher nichts miteinander zu tun hatten. Vielleicht zerfällt das nach der Pandemie auch wieder, das lässt sich jetzt noch nicht beurteilen. Es gibt aber auch darüber hinaus Erfahrungen im Umgang mit den staatlichen Instanzen, die zu Enttäuschung und Unmut geführt haben. Diese Menschen wechseln dann womöglich in eine mentale Haltung des Nörglertums, aus der man schwer wieder rauskommt. Wenn man erst mal so ein mentaler Eckensteher geworden ist, bleibt man oft am Rand und beobachtet argwöhnisch das Geschehen. Da sehe ich schon einen Vergleich mit der Wiedervereinigungssituation.

Inwiefern?

Da sind Menschen 1989 aufgestanden und haben sich engagiert, dann gab es durch den Institutionen- und Elitentransfer von West nach Ost relativ wenige Möglichkeiten mitzumachen und dann haben sich viele in eine passive Rolle zurückbegeben. Hatten ihre Meinung, aber grummelten. Das waren schon 1992 etwa 70 bis 80 Prozent, die eine Unzufriedenheit ausdrückten. Auch diese Klage, Bürger zweiter Klasse zu sein, begann schon damals, viele Texte in diesem Buch machen das sehr deutlich. Das sind mentale Einstellungen, die sich verhärten und festsetzen können. Deshalb ist die Pandemie nicht nur ein Gesundheitsthema, sondern auch ein Thema für die Demokratie insgesamt.

Wenn ich in der Nörgel-Ecke drin bin: Wie komme ich da wieder raus?

Dazu bräuchte man ein gesellschaftliches Projekt, auf das man sich positiv beziehen kann. Sowas haben wir im Moment nicht. Es gibt sogar eine Angst vor der Zukunft, eine gewisse Düsternis. Jürgen Habermas hat einmal von der „Erschöpfung der utopischen Energien“ gesprochen. Das kann man wohl heute auch als Beschreibung eines allgemeinen Stimmungsbildes heranziehen. Die Leute wollen raus aus der Krise, das pandemische Moratorium des Alltags verlassen, aber ein Mehr an Zukunftsvorstellung ist bislang nicht erkennbar. Da fehlt uns gesellschaftlich eine programmatische Idee, wo es hingehen soll. Das sozialdemokratische Projekt hat sich erschöpft, das neoliberale Projekt hat viele frustriert zurückgelassen. Bei der wichtigen ökologischen Frage ließe sich das vielleicht entwickeln, aber nur, wenn sie eine breite Bindekraft entfaltet und nicht zu sehr auf eine Angstrhetorik setzt, die auch lähmen kann. Joe Biden versucht es gegenwärtig mit den Themen der Infrastruktur und der massiven öffentlichen Investitionen. Wichtig wäre ein emphatisches Konzept der Chancen, das viele Menschen mitnimmt.

Meinen Sie, man sollte in eine Partei eintreten, sich engagieren, um nicht mehr so wütend zu sein?

Dazu braucht es vermutlich schon mehr, eine größere Idee, einen Zukunftsbegriff, damit man nicht nur das Gefühl hat, man wurstelt sich von einem Tag zum nächsten durch. Diese Idee muss einem das Gefühl vermitteln, es gibt einen Sinn und eine positive Richtung, so dass es lohnt. Und dann sind Leute auch bereit mitzumachen. Wenn man hingegen das Gefühl hat, dass Politik nicht mehr ist als die Wiederholung des Immergleichen, das Abarbeiten von Problemen oder ein sich drehendes Personalkarussell, wird das die Nörgler nicht aus der Ecke herausholen.

(© picture-alliance, Geisler-Fotopress )

Könnte es sein, dass die Stimmung sich bis zur Wahl im September 2021 wieder bessert?

Da ist sicher noch Bewegung drin. Aber ich sehe schon auch die Gefahr einer wachsenden Distanzierung von Politik. Die Parteien sind heute schwächer als vor 20 Jahren, sie sind nicht mehr so breit in der Gesellschaft verankert, schon gar nicht an den Orten, wo es notwendig wäre. Sie funktionieren nicht mehr über das Wohngebiet, über die Arbeit oder den Kleingartenverein.

Auch die AfD profitiert bisher offenbar kaum von der Fruststimmung. Warum?

Sie hat eine sehr uneindeutige Position zur Pandemie. Es gibt ja zwei Arten von Frust, den der harten Corona-Leugner und den derjenigen, die sich mehr Schlagkraft der politischen Maßnahmen wünschen. Letzte sind zahlenmäßig stärker, würden aber nicht die AfD wählen. Und dann gibt es noch einen großen Frust derjenigen, die sich Sorgen um die Gesundheit machen und zugleich große wirtschaftliche Nöte haben. Das ist kein geringer Teil, viele Selbstständige, Freischaffende, Künstler. Sie sind verärgert und auch verunsichert, weil sie die sozialen Kosten der Pandemie auf besondere Weise schultern, die die Gemeinschaft als Ganzes schultern müsste. Es ist für mich unverständlich, warum Gewerbetreibende in Berlin ihre Miete in gleicher Höhe weiterzahlen müssen und man die Vermieter nicht an den Kosten beteiligt. Der Immobilienmarkt ist sicherlich der Bereich, in dem im letzten Jahrzehnt am meisten Gewinne gemacht wurden.

Warum gibt es da keine Kostenverlagerung?

Am Anfang der Pandemie gab es die Hoffnung, dass diese Krise die Menschen eher zusammenrücken lässt und zu mehr Solidarität führt. Was ist daraus geworden? Diese Hoffnung hatte ich auch. Es gibt auch historische Beispiele, dass es Kollektivierungen geben kann, die durch Krisenerfahrungen zustande kommen. Zum Beispiel wurden so der britische Sozialstaat und der Nationale Gesundheitsdienst durch einen Masterplan von William Beveridge 1942 erfunden. Es war die Kriegserfahrung, die die unterschiedlichen Klassen zusammengeführt hat. Sie saßen zusammen im Bunker und haben festgestellt, sie gehören zusammen und die Lehre daraus war, einen Sozialstaat in einem sehr marktliberalen Staat aufzubauen. Das wird jetzt sicher nicht passieren. Man wird aber auch mit radikalen Kürzungskonzepten im Gesundheitswesen nicht mehr durchkommen. Es gibt allerdings keine neue Solidaritätswelle, dazu ist die Spannung der Pandemie zu groß und die Unterschiedlichkeit der Krisenerfahrung auch. Da bricht sicher etwas ein Stück auseinander und kann in eine neue Besitzstandswahrung münden.

Inwieweit führt die Pandemie zu mehr Ungleichheit?

Das ist in Deutschland kaum erforscht, da sind andere Länder wie Großbritannien oder die USA weiter. Die Daten, die wir haben, zeigen aber schon, dass sich Disparitäten reproduzieren und verstärken. Ungleichheit ist aber nicht nur bei den Folgen, sondern auch bei den Infektionsrisiken relevant. Wir haben sehr gute virologische Expertise in den Beratungsgremien, aber kaum Survey-Forscher, die große Umfragen machen. Wenn sie eine Stichprobe von Infizierten mit einem Überblick zur Wohnsituation, Einkommen, Tätigkeiten und anderen Merkmalen hätten, könnte man gute Aussagen darüber machen, wo man sich infiziert, wer gefährdet ist, was typische Übertragungswege sind. Das alles hat man bis heute nicht bewerkstelligt, so dass es an entscheidungsrelevanter Evidenz fehlt. Über die Sozialstruktur der Pandemie ist fast nichts bekannt.

Hat die Pandemie Ost- und Westdeutschland näher zusammengebracht?

Eine gemeinsame Krise ist immer auch ein Vereinigungsgenerator, weil eine neue Krise das Alte, das Trennende auch überlagert. Die Pandemie lief zunächst sozialstrukturell von oben nach unten, erst waren Menschen betroffen, die in sehr teuren Skigebieten Urlaub gemacht haben, inzwischen trifft es eher untere Schichten und Menschen im Grenzgebiet. Ich glaube, viele in Sachsen und Thüringen haben noch mal mehr verstanden, dass sie Teil Europas sind, wie abhängig sie von Arbeitskräften aus Tschechien und Polen sind.

Können Sie erläutern, was Sie mit Vereinigungsgenerator meinen?

Die Unterschiede in den Bewusstseinsformen werden weniger. Ich finde es zwar schade, dass der 30. Jahrestag der Vereinigung im vergangenen Jahr mehr oder weniger untergegangen ist. Zugleich gibt es viel mehr gemeinsame Probleme, die man lösen muss. Es gibt auch keine spezifisch ostdeutsche Haltung zur Pandemie, die Ministerpräsidenten Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern und Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt haben doch sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Wir haben ja kein erkennbares ostdeutsches Kollektiv, das sich in allem einig ist. Ostdeutsch-Sein ist eher eine Erfahrungsschicht neben anderen. Der einzige Unterschied ist vielleicht nur die Haltung zum russischen Impfstoff. Da gab es im Osten nach meiner Beobachtung doch von Anfang an eine größere Offenheit.

Aushang an einer aufgrund der Corona-Pandemie geschlossenen Kneipe in Berlin-Mitte im Frühjahr 2020. (© bpb/kulick)

Bei der Bundestagswahl werden nahezu alle Spitzenkandidaten aus dem Westen sein. Was sagt das über den Zustand des Landes aus?

Es ist zumindest kein Indikator dafür, wie erfolgreich die ostdeutsche Transformation war. Das ostdeutsche Elitenproblem setzt sich fort, wobei es in anderen Sektoren noch gravierender als in der Politik ist. Insgesamt ist aber interessant, dass sich Frauen aus dem Osten besser als die Ostmänner durchsetzen konnten. In der Politik sind es ja verhältnismäßig viele ostdeutsche Frauen, die erfolgreich sind. Manuela Schwesig, Katrin Göring-Eckardt, Susanne Henning-Wellsow, Franziska Giffey. Die ostdeutschen Frauen sind exponierter als die Männer, was sicher mit der DDR-Erfahrung und der größeren Selbstverständlichkeit beruflicher Selbstverwirklichung zu tun hat. Die ostdeutschen Männer fallen dagegen ab, haben im Vereinigungsprozess und danach größere Schwierigkeiten gehabt, ihre Position zu finden und Selbstbewusstsein auszubilden.

In Ostdeutschland ist auch die Zahl der Nichtwähler sehr hoch, wie kann man das ändern?

Die Zahl der Parteimitglieder ist in Ostdeutschland auch sehr gering. Wenn Sie sich den letzten CDU-Parteitag anschauen, nur zehn Prozent der Delegierten kamen aus dem Osten, weil die Landesverbände sehr viel schwächer sind, was wiederum zu weniger Mitsprache und Repräsentation führt. Das ist wie ein sich selbst verstärkender negativer Kreislauf. Aus meiner Sicht müsste man Ostdeutschland viel stärker zu einem Laboratorium der Demokratie machen, indem man alternative, nicht-parlamentarische Beteiligungsformen ausprobiert. Es gilt ja für alle westlichen Demokratien, dass die Parteimitgliedschaften runtergehen, dass die alten Volksparteien schwächer werden. In Ostdeutschland ist das so weit fortgeschritten, dass man sagen müsste, wir probieren es anders, mit Bürgerforen, Runden Tischen, Bürgerräten, bei denen Plätze verlost werden. Da gibt es schon einiges an Pilotprojekten und Ideen, an die man anknüpfen könnte. Ostdeutschland ein Labor der Demokratie, um die vielen Nichtwähler politisch einzubinden? Warum nicht.

Zitierweise: Steffen Mau, Sabine Rennefanz, "Ein Laboratorium der Demokratie“, in: Deutschland Archiv, 16.04.2021, Link: www.bpb.de/331487. Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Band 10676 in der Schriftenreihe der bpb "Abbruch, Umbruch, Aufbruch. Ostdeutschlands Weg seit 1989", der Ende Mai 2021 erscheint. Eine Kurzfassung hat die Berliner Zeitung am 10. April 2021 veröffentlicht, online unter: www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/soziologe-steffen-mau-man-braucht-ein-positives-zukunftsprojekt-li.151485.

Ergänzend:

- Eine Reflektion von Albrecht von Lucke Interner Link: "30 Jahre später- der andere Bruch: Corona", Deutschland Archiv vom 22. März 2021

- Eine Betrachtung aus dem Mai 2020 von Martin Sabrow über Corona und die Folgen: Externer Link: Geschichte im Ausnahmezustand

Fussnoten

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor des Buchs "Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" (Suhrkamp 2019 und bpb 2020 im Rahmen der Interner Link: Schriftenreihe, Band 10490).

Sabine Rennefanz studierte in Berlin und Hamburg Politikwissenschaften. Nach einem Volontariat im Jahreszeiten-Verlag arbeitete sie als freie Journalistin, u.a. für Die Zeit und die Financial Times Deutschland. Seit 2001 als Redakteurin bei der Berliner Zeitung, in verschiedenen Funktionen, u.a. als London-Korrespondentin. Sie schreibt vor allem über Themen aus Politik und Gesellschaft. Aktuell leitet sie das Ressort Dossier. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Reporterpreis. Sabine Rennefanz schrieb mehrere Bücher. Darunter 2013 „Eisenkinder“. Zuletzt erschien 2019 „Mutter to go“.