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Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz „Wie ein Film in Zeitlupe“ 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. Juni Augenzeugenbericht Kultur und Medien Einmal Beethoven-Haus und zurück Heimat ist ein Raum aus Bytes Der Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ostdeutschland Die Demokratisierung von Rundfunk und Fernsehen der DDR Die Stasi und die Hitler-Tagebücher Ein Nachruf auf Walter Kaufmann Die Tageszeitung »Neues Deutschland« vor und nach 1990 Wie ein Staat untergeht Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR Reaktionen auf die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ „Mitteldeutschland“: ein Kampfausdruck? Gesundheitsaufklärung im Global Humanitarian Regime The British Press and the German Democratic Republic Kulturkontakte über den Eisernen Vorhang hinweg "Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk“ "Flugplatz, Mord und Prostitution" SED-Führung am Vorabend des "Kahlschlag"-Plenums Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Es gibt keinen Dritten Weg" Frauenbild der Frauenpresse der DDR und der PCI Regionales Hörfunkprogramm der DDR DDR-Zeitungen und Staatssicherheit Eine Chronik von Jugendradio DT64 Die "neue Frau": Frauenbilder der SED und PCI (1944-1950) Lager nach 1945 Ukrainische Displaced Persons in Deutschland Jugendauffanglager Westertimke Das Notaufnahmelager Gießen Die Gedenkstätte und Museum Trutzhain Die Barackenstadt: Wolfsburg und seine Lager nach 1945 Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten Die Berliner Luftbrücke und das Problem der SBZ-Flucht 1948/49 Migration Fortbildungen als Entwicklungshilfe Einfluss von Erinnerungskulturen auf den Umgang mit Geflüchteten Friedland international? 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Die Insel-Bücherei Versuche deutsch-deutscher Literaturzeitschriften Geschiedene Gemüter, zerschnittene Beziehungen Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das MfS Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands Die Leipziger Buchmesse, die Börsenvereine und der Mauerbau Die Publikationskontroverse um Anna Seghers' "Das siebte Kreuz" Westdeutscher linker Buchhandel und DDR Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen" Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke Eine deutsch-deutsche Koproduktion: die "OB" Dokumentation: "Ein exemplarisches Leben – eine exemplarische Kunst" Literaturjournal Nach dem Mauerbau (7/2012) Der ewige Flüchtling Der Warenkreditwunsch der DDR von 1962 Die Entstehung der "Haftaktion" Leuna im Streik? Mit dem Rücken zur Mauer Der Honecker-Besuch in Bonn 1987 Ein Zufallsfund? 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Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen

Jörg Baberowski

/ 9 Minuten zu lesen

Erst wenn die Entflechtung des Imperiums auch in den Köpfen der Menschen vollzogen ist, kann es einen Frieden geben, der den nächsten Tag überdauert, analysiert Prof. Jörg Baberowski. Der Historiker und Totalitarismusforscher lehrt an der Humboldt-Universität in Berlin.

Putin = Hitler? Protestplakat vor Russlands Botschaft Unter den Linden in Berlin am 26. Februar 2022. (© bpb / Holger Kulick)

Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt und hat uns aus dem Schlaf gerüttelt. Wer hätte es vor einigen Tagen für möglich gehalten, dass Russlands Präsident den Befehl erteilen würde, die Ukraine nicht nur anzugreifen, sondern auch zu okkupieren, zu dem einzigen Zweck, um eine Re­gie­rung aus dem Amt zu bringen, die ihm missfällt?

Niemals hätte geschehen dürfen, dass die Ukraine, dieses versehrte und vernarbte Land mit brachialer Gewalt heimgesucht wird, dass alles zunichte gemacht wird, was in den vergangenen Jahren erreicht worden ist. Und dennoch ist es geschehen. Der Krieg ist wie das Wunder in der Theologie. Alle glauben an das immerwährende Recht und daran, von ihm für alle Zeit geschützt zu sein, und dann kommt plötzlich Unvorhergesehenes, Unerhörtes, Verstörendes in die Welt, und bald schon gelangt auch dem letzten Realitätsverweigerer zu Bewusstsein, dass die Welt ein ganz anderer Ort ist, als er sich ihn vorgestellt hat.

Man will sich nicht eingestehen, dass Putin es getan hat, aus dem einzigen Grund, weil es ihm und seiner Gefolgschaft gefallen hat, diesen Krieg zu entfesseln, der alles in Frage stellt, was man in Europa für gewiss halten durfte: dass man zwar mit Gewalt drohen, sie aber am Ende aus vernünftigen Gründen nicht sprechen lassen dürfe. Putin führt einen Krieg, der vom Geist der Rache, der Vergeltung und männlicher Stärke erfüllt ist, der aller Welt demonstriert, dass die totgeglaubten Mächte wieder auferstanden sind und sich holen, was sie beanspruchen. Sie tun es, weil sie können, was sie wollen, und weil sie wissen, dass man zwar in der Ukraine, aber nicht im Westen Europas zu kämpfen versteht.

Wir haben vergessen, dass Drohung, Erpressung und kriegerische Gewalt immer schon Handlungsoptionen waren, und wir haben verdrängt, dass es Menschen gibt, die sie ergreifen, wenn sie sich davon einen Gewinn versprechen.

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Im Grunde ist der Hinweis auf den Geisteszustand des Angreifers nur das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit.

Manche erklären Putin nun für verrückt. Wer nicht handele wie sie selbst, so muss man solche Erklärungen wohl verstehen, kann offenbar gar nicht verstanden werden. Im Grunde ist der Hinweis auf den Geisteszustand des Angreifers nur das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit.

Wahr ist vielmehr, dass Putin Chancen und Risiken sehr wohl abgewogen und die Entscheidungsträger in den Ländern des Westens richtig eingeschätzt hat. Vor ihnen fürchtet er sich nicht, weil bislang er derjenige ist, der darüber befand, worauf die anderen reagieren müssen. Solange er die Initiative in seinen Händen behält, entscheidet er über den nächsten Schachzug. Ein einziger Mensch kann den Weltenlauf verändern, indem er eine Entscheidung trifft, die nicht nur mit dem Status quo radikal bricht, sondern Tatsachen schafft, die niemand ignorieren kann. Auch diese Lehre kann man aus dem Geschehen ziehen, das sich gerade vor unseren Augen vollzieht und auf das wir offenbar keine zureichende Antwort finden.

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Der Krieg verändert alles, auch den Angreifer, der, wenn er keine Rückzugsoption hat, alles auf eine Karte setzen muss, um nicht unterzugehen.

Aber auch Putin könnte die Souveränität über den Ausnahmezustand verlieren. Denn jeder Angreifer, der die Brücken hinter sich abgebrochen hat, befindet sich auf offenem Feld, von dem er nicht weiß, ob an seinen Rändern womöglich der Abgrund auf ihn wartet. Der Krieg ist eine riskante Versuchung, und wer ihn beginnt, muss wissen, dass jeder Schuss das Tor zu einer neuen, unbekannten Welt öffnet. Der Krieg verändert alles, auch den Angreifer, der, wenn er keine Rückzugsoption hat, alles auf eine Karte setzen muss, um nicht unterzugehen. Was geschieht, wenn der Angriff misslingt, sich festfährt, wenn Soldaten desertieren, sich weigern, auf Gegner zu schießen, die sie nicht für ihre Feinde halten, wenn Zivilisten getötet werden, und die Bilder der Toten und Verstümmelten sich auch in Russland verbreiten?

Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass sich ein Triumph der russischen Waffen am Ende als Pyrrhussieg erweisen könnte. Die russische Armee mag die Ukraine niederwerfen. Aber können Putins Helfer sie auch besetzen und der Bevölkerung ihren Willen aufzwingen? Daran bestehen zumindest große Zweifel. Sollte sich der Widerstand versteifen und die russische Armee in einen Zermürbungskrieg verwickelt werden, würde bald auch in Russland die Machtfrage aufgeworfen. Putin und seine Ratgeber nehmen dieses Risiko in Kauf, denn sie wissen natürlich, dass sie auch mit ihrer eigenen Macht spielen, und sie mö­gen ahnen, dass es um sie geschehen sein könnte, wenn der Krieg, den sie entfesselt haben, verloren geht.

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Man sollte die Entschlossenheit solcher Tatmenschen nicht unterschätzen, die um nichts in der Welt nachgeben werden, wenn sie dadurch ihr Gesicht und ihre Macht verlieren.

Deshalb können sie nicht zurück, sie müssen gewinnen, oder sie werden untergehen. Man sollte die Entschlossenheit solcher Tatmenschen nicht unterschätzen, die um nichts in der Welt nachgeben werden, wenn sie dadurch ihr Gesicht und ihre Macht verlieren. Die Gefolgsleute müssen sich von Putin befreien, müssen ihn aus dem Amt entfernen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr, um dem Schrecken ein Ende zu machen.

Es ist das Dilemma autoritärer Herrscher, dass sie in ihrer Umgebung nur zu hören bekommen, was sie hören wollen. Sie immunisieren sich gegen die Wirklichkeit, werden blind für das Geschehen, das sich vor aller Augen vollzieht. Putin versteht nicht, dass die Ukraine des Jahres 2022 nicht mehr die Ukraine des Jahres 2014 ist, dass sich die Bürger selbst im Osten des Landes mit der staatlichen Ordnung arrangieren, weil sie in ihr einen Platz finden konnten. Der alte Gegensatz von Nation und Imperium löst sich langsam auf; wer Russe sein will, kann es auch als ukrainischer Staatsbürger sein, weil ihm nicht abverlangt wird, den Nationalismus der Eindeutigkeit anzubeten.

In vielerlei Hinsicht hat die Entfaltung bürgerlicher Verhältnisse die Ukraine stabilisiert. Putin mag geahnt haben, dass die Ukraine für immer verloren gehen würde, aber er glaubte wohl auch, es sei das Ziel der westlichen Staatengemeinschaft, sich der Ukraine für ihre strategischen Zwecke zu bedienen, Russland einzukreisen, es klein und nichtig zu machen. Zum ersten Mal geriet Putin, der kühl kalkulierende Techniker der Macht, außer sich. Aus seiner Fernsehansprache, mit der er den Angriff zu legitimieren versuchte, sprach Leidenschaft, Hass und verletzte Ehre, die Wut über den Verlust des Imperiums und der Ukraine, jenem Ort, mit dem sich die meisten Russen eng verbunden fühlen und der im Gründungsmythos des russischen Reiches fest verankert ist.

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Kiew ist nicht irgendein Ort. Im nationalen Mythos Russlands ist er die Geburtsstätte des Imperiums.

Kiew ist nicht irgendein Ort. Im nationalen Mythos Russlands ist er die Geburtsstätte des Imperiums. Odessa, die Krim, der Dnjepr sind auch für Russen Sehnsuchtsorte, die mit Erinnerungen an eine untergegangene Welt, aber auch mit gemeinsam erbrachten Opfern in den Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden sind. So wie die Ukraine für Russen kein fremdes Land ist, so ist auch Russland für die meisten Ukrainer kein feindliches Territorium. Millionen Russen und Ukrainer leben jenseits der Grenzen, in der Ukraine und in Russland. Russlands Schmerz über den Verlust des Imperiums ist groß, weil seine Bürger keinen Weg gefunden haben, diesen Schmerz auf produktive Weise zu bewältigen, weil sie nichts aufzubieten haben, was jenseits der russischen Grenzen für plausibel gehalten werden könnte.

Nationalstaaten, die sich aus Imperien herauslösen, also durch Sezession zur Welt kommen, müssen sich hingegen behaupten. Ihre Eliten legen sich Geschichten zurecht, in denen sich die Nation als Ort der Unschuld, das Imperium als Ort der Unterdrückung präsentiert. Für sie ist die Sowjetunion der Hort allen Übels. Deshalb auch werden ihre Denkmäler entfernt, ihre Festkalender entrümpelt, ihre Helden aus dem Gedächtnis gelöscht, und ihre Geschichte wird umgeschrieben. Der Stalinismus wird in eine russische Veranstaltung verwandelt, obgleich insgeheim doch alle wissen, dass die Sowjetunion ein bolschewistisches, aber kein russisches Projekt war.

Russland fällt es schwer, sich vom Imperium zu verabschieden. Der Zerfall der Sowjetunion war für Millionen Menschen ein tragisches Ereignis, viele wurden zu Ausländern im eigenen Land. Für sie ist es schmerzhaft zu erleben, wie die Mythen, die einst die Völker der Sowjetunion miteinander verbanden, in den Schmutz geworfen, entwertet und entwürdigt werden. Waren denn nicht alle Völker der Sowjetunion Opfer des stalinistischen Terrors gewesen, hatten denn nicht alle gemeinsam Krieg gegen Deutschland geführt? Für die meisten Russen war die Sowjetunion ein Zuhause, in dem sie gern gelebt hatten. Denn ein anderes hatten sie nicht.

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Erst wenn die Entflechtung des Imperiums auch in den Köpfen der Menschen vollzogen ist, kann es einen Frieden geben, der den nächsten Tag überdauert.

Erst wenn die Entflechtung des Imperiums auch in den Köpfen der Menschen vollzogen ist, kann es einen Frieden geben, der den nächsten Tag überdauert. Die Zeit der Entscheidungen ist kurz, die Zeit der Kultur ist lang. Auf diesem Grund säen die Strategen ihren Hass aus, entfesseln Putin und seine Gefolgsleute Konflikte, von de­nen sie sich einen Prestigegewinn, Unterstützung und Loyalität versprechen. Wer darin, wie hierzulande, nur den Gegensatz von Demokratie und Diktatur sieht, hat vom Leben in den ehemaligen Republiken der Sowjetunion nichts verstanden.

Dennoch steht jetzt schon im Zweifel, ob die Instrumentalisierung der Emotionen ihren Zweck erfüllt, ob ein Krieg, der auch die Zivilbevölkerung in der Ukraine härter träfe als es jetzt schon der Fall ist, noch jenen mobilisierenden Effekt hätte, den Putin sich von ihm verspricht. Seine Strategie scheint nicht mehr aufzugehen. Man mag ukrainische Nationalisten und ihre Rhetorik ablehnen, aber die meisten Russen sehen ihre Nachbarn in Odessa, Charkiw und Kiew, mit denen sie eng verbunden sind, nicht als ihre Feinde. In den Großstädten Russlands haben sich viele junge Menschen vom sowjetischen Erbe ohnehin längst verabschiedet. Befände sich Russland im Krieg mit der NATO, es fiele Putin leichter, sich vor der eigenen Bevölkerung für einen aufopferungsvollen Kampf zu rechtfertigen.

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Mit anderen Worten: es ist die Sehnsucht nach dem Imperium, die der Gewalt das Wort gibt und sie zugleich begrenzt.

Mit anderen Worten: es ist die Sehnsucht nach dem Imperium, die der Gewalt das Wort gibt und sie zugleich begrenzt. Darin aber liegen auch Möglichkeiten verborgen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Es gibt nicht mehr als die Hoffnung, dass es gelingen wird, sie zu nutzen. Denn wer nach den Sternen greift, wird, wie stets, das Mögliche verfehlen. Es scheint jetzt noch unvorstellbar: aber es wird ein Leben nach dem Krieg geben, und es verlangt nach au­ßer­ge­wöhn­lichen Menschen, die es nicht sogleich wieder verspielen und die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Ich glaube an Russland und seine Menschen und daran, dass es zu einem Frieden kommen wird, in dem sich alle Völker der ehemaligen Sowjetunion einrichten können, ohne mit ihrer Vergangenheit brechen zu müssen.

Der Autor ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zitierweise: Jörg Baberowski, "Das Imperium in den Köpfen", in: Deutschland Archiv, 3.3.2022, www.bpb.de/505793. Die Erstveröffentlichung einer etwas kürzeren Variante erfolgte am 1. März 2022 unter dem Titel "Ein Krieg, erfüllt vom Geist der Rache" in der Externer Link: FAZ. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen". Darunter sind:

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Fussnoten

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ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. E-Mail Link: baberowskij@geschichte.hu-berlin.de