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„Putin verwandelt alles in Scheiße“

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 42 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Sieben Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Vier Ansichten über ein Buch, das es nicht gibt "Es war ein Tanz auf dem Vulkan" Föderalismus und Subsidiarität „Nur sagen kann man es nicht“ Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Der Friedensnobelpreis 2022 für Memorial Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik Alles nach Plan? Drei Gedanken über Werner Schulz „Wie ein Film in Zeitlupe“ 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit Der Weg zum 9. November 1989 „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? Berlin – geteilte Stadt & Mauerfall Berliner Polizei-Einheit Die Mauer. 1961 bis 2021 The Wall: 1961-2021 - Part One The Wall: 1961-2021 - Part Two "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" Mauerbau und Alltag in Westberlin Der Teilung auf der Spur The Games at the Gate Der Mauerfall aus vielen Perspektiven Video der Maueröffnung am 9. November 1989 Die Mauer fiel nicht am 9. November Mauersturz statt Mauerfall Heimliche Mauerfotos von Ost-Berlin aus Ost-West-Kindheiten "Niemand hat die Absicht, die Menschenwürde anzutasten" Berlinförderung und Sozialer Wohnungsbau in der „Inselstadt“ Wie stellt der Klassenfeind die preußische Geschichte aus? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. Juni Augenzeugenbericht Kultur und Medien Einmal Beethoven-Haus und zurück Heimat ist ein Raum aus Bytes Der Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ostdeutschland Die Demokratisierung von Rundfunk und Fernsehen der DDR Die Stasi und die Hitler-Tagebücher Ein Nachruf auf Walter Kaufmann Die Tageszeitung »Neues Deutschland« vor und nach 1990 Wie ein Staat untergeht Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR Reaktionen auf die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ „Mitteldeutschland“: ein Kampfausdruck? Gesundheitsaufklärung im Global Humanitarian Regime The British Press and the German Democratic Republic Kulturkontakte über den Eisernen Vorhang hinweg "Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk“ "Flugplatz, Mord und Prostitution" SED-Führung am Vorabend des "Kahlschlag"-Plenums Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. 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„Putin verwandelt alles in Scheiße“

Wladimir Kaminer

/ 8 Minuten zu lesen

Der Berliner Schriftsteller Wladimir Kaminer über Wladimir Putins Krieg und die Sorge, dass Russen in Deutschland jetzt ein Kainsmal fürchten müssen. Auch die, die diesen Krieg gar nicht wollen.

Der Autor, der deutsch-russische SchriftstellerWladimir Kaminer, bei einer Friedensdemonstration auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen von Neuruppin am 5. März 2022. In seiner"Russendisco" in einem einstigen Mig-Hangar legte er ausschließlich ukrainische Popmusik auf. (© bpb / Holger Kulick)

Es ist zum Weinen. Meine Tante aus Cherson hat mir ein Video geschickt, aus dem Autofenster gefilmt: abgebrannte russische Panzer vor der Einfahrt in die Stadt, eine Kolonne der russischen Angriffstruppen hat es erwischt. Überall lagen Körperteile auf der Landstraße, berichtete sie, es roch nach verbranntem Fleisch. Merkwürdigerweise sammeln die russischen Angriffstruppen ihre Leichen nicht, laut offizieller russischer Propaganda gibt es diesen Krieg nicht und dementsprechend auch keine gefallenen Soldaten.

Mein Freund Yuriy berichtete, vor seinem Haus in Charkiw steht ein russischer Panzer auf der Siegesallee, zu Ehren des Sieges über Nazideutschland 1945 genannt. Das letzte Mal sind hier vor 80 Jahren die Panzer der Faschisten gefahren, sie wurden von der russischen Armee zerschlagen und verjagt. Nun sind es russische Panzer, die Tod und Zerstörung in die Ukraine bringen und niemand ist da, der sie zu vertreiben hilft, nur die Ukrainer selbst kämpfen für ihre Heimat. Oder fliehen. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor russischen Bomben.

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg entstehen innerhalb Europas Flüchtlingsströme solchen Ausmaßes, Die Bilder dieser Flucht wecken das Gedächtnis des Kontinents und sorgen für beispiellose Solidarität der Europäer. Der Verlust des Friedens ist nicht mehr nur die Angst der Alten, die als Kinder den Krieg gesehen, erlebt haben. Der Wert des Friedens wird von den jüngeren Generationen erkannt. Der Krieg, das absolute Böse, das mit keinen Argumenten zu verteidigen, mit keinen „politischen Absichten“ zu erklären ist, kommt dieses Mal aus Russland, einem Land, das einmal meine Heimat war.

Publikum bei Friedensdemonstration in Neuruppin am 5. März 2022. (© bpb / Holger Kulick)

Meine Mutter schaut in Berlin russisches Fernsehen, wahrscheinlich ist Russland das einzige Land, wo über den Krieg nicht berichtet wird, keine brennenden Panzer, keine abgeschossenen Flugzeuge, keine kaputte Häuser, keine Leichen. Keine Massendemonstrationen gegen den Krieg. Am ersten Tag des Einmarsches wurde auf allen Fernsehkanälen in Russland die kurze Ansprache des Präsidenten jede Stunde aufs Neue gesendet. In einer Endlosschleife erklärte er mit einer kleinen „Operation“ die längst überflüssige „Entnazifizierung und Entwaffnung der Ukraine“ durchzuführen. Sein Ziel sei es, dem „Imperium der Lügen“, dem Westen also, eine gescheite Antwort auf seine Intervention gegen Russland zu geben. Natürlich weiß auch in Russland sogar jede Alzheimer-Oma, der Präsident lügt, es ging zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Russland, weder von der Ukraine noch von irgendeinem anderen Land dieser Erde aus. Aber wen interessiert in Russland, was die Omas denken?

Die Politiker des Westens, die vor Beginn des Krieges mit Putin Verhandlungen führten, wussten bestimmt auch, dass der Angriff längst beschlossen sei und sie nur noch belogen, werden, um eine gute Kulisse für den russischen Führer zu machen und trotzdem haben sie gelächelt. Sie dachten wahrscheinlich, diese Spinnerei sei der Ausdruck der geheimnisvollen russischen Seele, die oft selbst nicht weiß, was sie tut. Diese russische Seele hat es heute im Ausland nicht leicht.

Putin = Hitler? Protestplakat vor Russlands Botschaft Unter den Linden in Berlin am 26. Februar 2022. (© bpb / Holger Kulick)

Eine Berliner Mutter hat letzte Woche an die Grundschulleitung geschrieben, ihre Tochter wird wegen ihrer russischen Herkunft gemobbt, sie wird als Putins Schlampe beschimpft, das gehe überhaupt nicht. Die Schulleitung möge bitte die Schüler aufklären. Meine Bekannten wurden neulich aus dem Taxi rausgeschmissen und beschimpft nur weil sie sich auf Russisch unterhielten und der Fahrer ein Ukrainer war. Ich bekomme gut gemeinte Mails von den Einheimischen:

„Sehr geehrter Russe,“ schreibt mir Ewald D., „hoffentlich haben Sie Ihre Koffer schon gepackt; Sie sind bei uns eine unerwünschte Person. Hauen Sie ab, solange es noch gesittet zugeht. Nur ein toter Russe ist ein guter Russe.“

Aus Prag höre ich von Freunden, tschechische Kindergärten und Schulen wurden von Bildungsministerium intern aufgeklärt, wie sie mit den Kindern über den Angriff Russlands auf Ukraine reden sollen. In dem Papier steht: man soll besonders vorsichtig und aufmerksam in den Klassen sein, wo belarussische, ukrainische und russische Kinder zusammen lernen. Die Kinder dürfen aufgrund ihrer Nationalität und ihrer Herkunft nicht benachteiligt werden, die Kinder tragen keine Schuld für das Handeln der Regierungen.

Russischer Demonstrant am 28. Februar 2022 Unter den Linden. Weit über 100.000 Menschen protestierten an diesem Tag in Berlin gegen Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. (© ARD-Tagesschau)

Das stimmt, die Kinder können nichts für den Blödsinn der Erwachsenen. Und die Eltern? Werden wir uns von dieser Schuld jemals befreien können?

Ganz egal wie es mit dem russischen Präsidenten weiter geht, ob er friedlich in seinem Schloss einschläft, von seinen Generälen oder von den Freunden, deren Milliarden in Schutt und Asche verwandelt wurden, beseitigt. Ob die für den Bruderkrieg Verantwortlichen jemals vor einem internationalen Tribunal für Kriegsverbrechen enden oder auf der Bratpfanne in der Hölle, das Kainsmal des Brudermords wird an der russischen Seele kleben bleiben und namhafte Autoren werden die große russische Literatur noch größer machen, Romane voller Selbstreflektion schreiben, nach dem Vorbild von Thomas Mann „Mein Bruder Putin“ oder ähnliches.

Ich werde es nicht tun. Ich habe vor 32 Jahren die Sowjetunion verlassen, sofort als es möglich wurde. Ich hatte keine Ausreisepapiere beantragt und keine Koffer gepackt.

Meine Freunde und ich, wir fühlten uns äußerst unwohl hinter dem Eisernen Vorhang, für uns gab es keine Verbindung nach draußen, nur die Stasileute dürften ins Ausland reisen, und selbst sie dürften ihre Familien nicht mitnehmen, die Familien blieben Zuhause als Geisel. 1990 fing Gorbatschow an mit der Freiheit herumzuspielen, der Eiserne Vorhang ging einen Spalt auf, ein Freund erzählte mir, man könnte gerade mit einem Ausweis und einer Einladung durch die belarussisch- polnische Grenze in die DDR, das dort erstmals demokratisch gewählte „Volkskammer“-Parlament beschloss, Juden aus der Sowjetunion aufzunehmen. Wir sind sofort losgefahren, wir wussten, die Freiheit ist ein seltener Gast in unserer Heimat, sie wird nicht lange bleiben. Früher oder später macht der Vorhang wieder zu. In Ost-Berlin angekommen, war ich beeindruckt wie gut die Einheimischen zu uns waren, wir waren die Träger der geheimnisvollen russischen Seele, die Enkeln von Tolstoi und Dostojewski und natürlich Tschingis Aitmatow, den berühmtesten Träger der russischen Seele in der DDR. Die Ostdeutschen hatten Russisch in der Schule gehabt und konnten sogar das Megawort „Dostoprimetschatelnosti“ aussprechen, „Sehenswürdigkeiten“ auf Deutsch. Sie waren alle 1976 in Leningrad zu Besuch, sie sind mit der transsibirischen Eisenbahn durch das größte Land der Welt von West nach Ost gefahren, wurden an jeder kleinen Station von freundlichen Babuschkas mit Pelmeni und Salzgurken versorgt, beinahe für umsonst. Und einige von Ihnen hatten sogar in der Taiga Extremtourismus betrieben, zwei Wochen im Wald nur mit Russen unterwegs! Ich versuchte stets diese Freundlichkeit aufrecht zu erhalten, ich habe nur Gutes erzählt, auch dann, wenn die russische Politik kaum Raum dafür gab.

Es seien bloß vorübergehende Schwierigkeiten, schrieb ich nach jeder Annexion, die Russland in Moldawien, Georgien, Ukraine startete. Die Politiker kommen und gehen, schrieb ich, die Russen sind freundliche, offene, kreative und trinkfeste Menschen, sie haben bloß Pech mit der politischen Führung.

Oft, wenn ich Russendisko in Sachsen oder in Brandenburg veranstaltete, kamen ältere Menschen wie zum Karneval in sowjetische Uniformen verkleidet.

Putin als Narr. Kaminers Publikum bei seinem Auftritt in Neuruppin. (© bpb / Holger Kulick)

Meine Tochter wurde stets mal eine Mütze mit Stern, mal ein Armeegürtel angeboten. Sie, in Berlin geborene und aufgewachsene Pazifistin, ekelte sich vor dem Zeug, auch meine Armeejahre in Russland waren nicht die schönsten des Lebens.

Okay, dachte ich, wahrscheinlich sehen wir hier die Folge des Stockholmsyndroms. Die Besatzer sind gegangen, haben, bevor sie wegzogen, ihre Uniformen gegen Kleingeld den ehemals Besetzen dagelassen, die befreiten Besetzen ziehen die Uniformen der Besatzer an, um auf karnevalistische Art ihre Befreiung zu feiern, so eine komplizierte philosophische Theorie haben wir erschaffen, um die Vorliebe der Einheimischen für sowjetische Uniformen zu erklären.

Doch die Wahrheit war viel schlichter. Die Zeit der Besatzung war die beste Zeit ihres Lebens, ihrer Kindheit und Jugend, und die hat man nur einmal im Leben. Sie haben als Kinder auf dem Militärterritorium gespielt und dürften vom Dach des Hangars mit dem Schlitten runterfahren, dafür haben sie den armen Soldaten Wodka aus der Kaufhalle gebracht, weil sie sich von den Kasernen nicht entfernen dürften. Die Soldaten gaben immer reichlich Trinkgeld, die russische Seele war für ihre Großzügigkeit bekannt. Ist schon schade um sie.

"Stop Putin - Stop War" - Proteste von Ukrainerinen und Ukrainern in Berlin. (© bpb / Holger Kulick)

Vor Jahren bezeichnete jemand Putin als Anti-Midas. Der König von Phrygien verwandelte laut Mythos alles, was er anfasste, in Gold. Putin verwandelt alles in Scheiße. Nun hat er sich eingebunkert. Belogen von Generälen, die ihm einen Blitzkrieg versprachen, von Propagandisten, die ihm pausenlos erzählten, wie die Ukrainer und die ganze Welt ihn mögen, von den Waffenproduzenten, die schon wieder alles Geld geklaut und nur das alte Zeug geliefert haben, versucht der Oberst in Handarbeit die Situation an der Front zu retten. Dabei darf ihm selbst der Verteidigungsminister, wie jüngst ein Foto zeigte, an seiner langen einsamen Tafel nicht zu nahe kommen, er ist ein Ex-Jäger, hat eine schwere Hand.

Die Zeit wird vergehen, die Schuldfrage wird ausdiskutiert und Russland findet auf Umwegen über kurz oder lang seinen Weg nach Europa wieder. Möglicherweise kehren auch die Extremtouristen in die Taiga zurück. Aber das Kainsmal wird man von der geheimnisvollen russischen Seele nicht mehr wegkratzen können.

Zitierweise: Wladimir Kaminer, Putin verwandelt alles in Scheiße, in: Deutschland Archiv, 6.3.2022, www.bpb.de/505791.

Zu allen weiteren Texten in der Rubrik Externer Link: "Zeitenwende? Stimmen zum Ukrainekrieg und seinen Folgen". Darunter sind:

Weitere Betrachtungen aus unterschiedlichsten Perspektiven werden folgen.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Wladimir (Wiktorowitsch) Kaminer aus Berlin (1967 in Moskau geboren) ist ein deutscher Schriftsteller und Kolumnist sowjetischer Herkunft. Seine Erzählbände Militärmusik und Russendisko machten ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt. Seit dem Angriffskrieg Russland hat er seine DJ-Auftritte umbenannt, nicht mehr "Russendisko" sondern "Ukrainedisko".