Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Jürgen Koller

Eklat beim Ersten (gesamt-)Deutschen Schriftstellerkongress in Ost-Berlin

Der US-amerikanische Journalist Malvin J. Lasky und der kulturelle Kalte Krieg

"Der Eiserne Vorhang im Parkett"

Interessant ist, dass es gerade zwischen den ausländischen Gastrednern zu den schärfsten Kontroversen kommen sollte. In einem Gespräch, das 1979 von der Monatszeitschrift des DDR-Schriftstellerverbandes, "Neue Deutsche Literatur" abgedruckt wurde, räumte Sergeij Tulpanow, der ehemalige Leiter der Informationsabteilung der SMAD, ein, dass 1947 auf einer russisch-deutschen Konferenz in Ahrenshoop im Vorfeld des Kongresses die Argumentationen für die kommunistischen Autoren bis ins Detail vorbesprochen worden waren, um – so Tulpanow – nicht dem westlichen Muster folgen zu müssen, "die Russen liefern das Essen … und wir liefern die Ideologie".

Die Bühne der Kammerspiele wurde zur Arena der ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West. Die Wortbeiträge der ausländischen Gäste wurden immer bissiger und polemischer. "Der Spiegel" fasste die Kontroversen mit den Worten zusammen: "Der eiserne Vorhang quietschte hörbar mitten im Parkett."[9]

Den Auftakt machte der russische Dramatiker Wsewolod Wischnewski, Autor des Films "Wir von Kronstadt", der mit mehrreihiger Ordensspange auf dem Zivilanzug wild gestikulierend von der "schwarzen Reaktion auf der einen Seite" und den "Millionen einfacher Menschen auf der anderen Seite, die für Frieden und Demokratie kämpfen", sprach.[10] In seiner agitatorischen Rede warf Wischnewski den ehemaligen Alliierten vor: "Die reaktionären Kräfte in Washington und London wollen einen Eisernen Vorhang schaffen (…) Brüder, Genossen, wir wissen darauf zu antworten! Wenn ihr uns braucht, ruft um Hilfe, und wir werden gemeinsam kämpfen".[11]

Und dann kam es zu einem Eklat, der den ganzen, auf Harmonie ausgerichteten Schriftstellerkongress zum Kippen bringen sollte. An das Rednerpult trat ein junger, untersetzter US-Amerikaner mit Spitzbart und breitem Scheitel, Lenin nicht unähnlich, und erst 27 Jahre alt. Er sprach fließend deutsch, aber mit hörbar englischem Akzent. Niemand im Saal hatte bis dato von Melvin J. Lasky etwas gehört, keiner wusste, wie er überhaupt auf die Rednerliste gekommen war. Er reagierte auf Wischnewskis Diskussionsbeitrag, der die Autoren aufgerufen hatte, "Schulter an Schulter mit der Sowjetunion gegen den amerikanischen Imperialismus zu kämpfen". Lasky, Autor und Journalist des linksliberalen New Yorker "Partisan Review", eines Blattes, das den im Saal Anwesenden gewiss nicht bekannt war, äußerte sich eingangs kritisch zu "kleingeistigen amerikanischen Bürokraten und ihre(r) inoffizielle(n) Kontrollausübung" und den "engstirnigen Mittelklassemoralisten". Er verwies auf John Steinbeck, William Faulkner, John Dos Passos und den Afroamerikaner Richard Wright, die mitunter in ihrer Heimat Angriffen ausgesetzt gewesen seien.

Jahrzehnte später (1995) erklärte Lasky in Jena, wenn er "an dieser Stelle aufgehört hätte, hätten die sowjetischen Autoren und die deutschen Kommunisten sich mit einer Ovation bedankt". Doch in Ost-Berlin ging er dazu über, die Unfreiheiten in der Sowjetunion scharf und konsequent zu benennen und an das Los kritischer sowjetischer Autoren zu erinnern: "Ich möchte sagen, dass wir uns solidarisch fühlen mit den Schriftstellern und Künstlern Sowjetrusslands. Auch sie kennen den Druck und die Zensur. Auch sie stehen im Kampf um kulturelle Freiheit. Und ich glaube, wir alle müssen ihnen unsere offenherzige Sympathie entgegenbringen."[12] Der junge Amerikaner belegte seine Ausführungen auch mit Namen in der Sowjetunion drangsalierter sowjetischer Autoren, so etwa "Michail Soschtschenko, der giftiger Abschaum" für das Regime sei, oder "Sergeij Eisenstein, dem man einen Mangel an Berücksichtigung ästhetischer Prinzipien sozialistischer Kunst" vorwarf, und schließlich "Georgi Alexandrow (Philosoph), dessen 'Lehrbuch der Geschichte der westeuropäischen Philosophie' eine sklavische Bewunderung westlichen Denkens" darstelle. Dass Alexandrow bis 1947 Leiter der Propagandaabteilung der KPdSU gewesen und erst dann in Ungnade gefallen war, war Lasky wohl nicht bekannt[13], doch die Mehrzahl der Zuhörer dürfte bei seiner Aufzählung wohl eher die Schicksale von Isaak Babel ("Budjonnys Reiterarmee") oder von Boris Bilnjak ("Die Geschichte vom nichtausgelöschten Mond") im Gedächtnis gehabt haben. Beide Literaten waren im Zuge der Stalinschen "Säuberungen" liquidiert worden.

Die Rede Laskys, im sowjetischen Sektor Berlins vorgetragen, schlug wie eine Bombe unter den Zuhörern ein und die Empörung unter den sowjetischen, aber auch unter den linientreuen kommunistischen Autoren war entsprechend groß. Es gab wütende Zwischenrufe, der Kongress schien im Lärm unterzugehen. Valentin Katajew sagte mit schneidender Schärfe ins Mikrofon, er sei "endlich einem Kriegstreiber in Fleisch und Blut" begegnet. Und von Walter Ulbricht wurde später der Satz überliefert: "Lasky ist der Mann, der den Kalten Krieg begonnen hat."[14]

Aber nicht nur der Amerikaner Melvin J. Lasky hatte die Sowjets in Bedrängnis gebracht, sondern auch die Deutsch-Engländerin Eva-Maria Brailsford, Frau des Philosophen Noel Brailsford. Sie fragte nach dem Verbleib der verschwundenen Studenten der Berliner Humboldt-Universität und ergänzte, dass man nicht von Frieden und Verständigung sprechen könne, wenn auch nach dem Ende der Nazi-Zeit weiter verschleppt würde. Der Dramatiker Friedrich Wolf erwiderte daraufhin erbost, dass er jede Debatte über neonazistische Umtriebe ablehne.

Eine nüchterne Einschätzung des Auftritts von Lasky auf dem Kongress traf Jahre später der Literaturwissenschaftler Hans Mayer: "Den spitzbärtigen Mann, der jetzt ans Rednerpult trat, kannte niemand. (…) Ein Amerikaner offensichtlich, wie der Akzent verriet. (…) Lasky machte seine Sache recht gut. (…) Er sprach treuherzig, so daß man auf der Hut sein musste. Er hielt sich nicht lange auf mit der Literatur: sein Thema waren die sowjetischen Schriftsteller, die am Kongreß teilnahmen. Er war mitfühlend (…) endlich einmal hatten sie Gelegenheit, ganz frei zu reden und ihre Meinung zu sagen, weil das – leider, leider – in der Sowjetunion nicht möglich sei. (…) Die Unruhe im Saal wuchs immer mehr. Das also hatte man vorbereitet. (…) In Berlin war nichts mehr zu machen. Der Kongreß schleppte sich hin bis zu seinem Ende."[15]

Lasky bekannte 1985, dass der Diskussionsleiter Günther Birkenfeld ihn auf die "Rednerliste (…) schmuggelte, um ein Gegengewicht zu den drei unverhofft von den sowjetischen Behörden präsentierten Großschriftstellern (Wischnewski, Katajew, [Boris] Gorbatow) aus Moskau zu bilden."[16]

Die Rede Laskys glich einer Initialzündung, die dazu beitrug, den "kulturellen Kalten Krieg" zu verschärfen und den lange schon schwelenden Spannungen zwischen den einstigen Alliierten zum Ausbruch zu verhelfen. Noch während der Kongress tagte, wurde der Kulturbund im amerikanischen Sektor von Berlin verboten.


Fußnoten

9.
Parlament des Geistes/Kongreß mit Rissen, in: Der Spiegel, 41/1947.
10.
Ebd.
11.
Reinhold u. a. (Anm. 2), S. 245 u. 247.
12.
Ebd., S. 300.
13.
Anne Hartmann/Wolfram Eggeling, Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ und der frühen DDR, Berlin 1998, S. 53.
14.
Siedler (Anm. 3), S. 313.
15.
Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen, Frankfurt a. M. 1982, S. 391.
16.
Eine Kulturmetropole (Anm. 6), S. 35.

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