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24.4.2012 | Von:
Wolfgang Schlott

Positionen einer europäischen Erinnerungspolitik

Erinnern an den Zweiten Weltkrieg

Troebst/Wolf (Hg.), Erinnern an den Zweiten WeltkriegStefan Troebst/Johanna Wolf (Hg.), Erinnern an den Zweiten Weltkrieg (© Leipziger Universitätsverlag)
Die mit unterschiedlichen Textarten ausgestattete Publikation Stefan Troebsts und Johanna Wolfs entstand auf der Grundlage einer Konferenz, die im Europa-Saal des Auswärtigen Amtes und im Deutschen Historischen Museum in Berlin im Juli 2010 mit Teilnehmern aus zahlreichen osteuropäischen Ländern stattfand.[1] Historischer Bezugspunkt war der 70. Jahrestag des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vom 23. August 1939 wie auch die Zeugnisse der Annäherungen zwischen Deutschland und seinen osteuropäischen Nachbarn nach 1989. Sie bildeten, wie Stefan Troebst (Leipzig) in seiner Grußbotschaft betonte, die grundlegenden Anliegen einer Konferenz, deren Teilnehmer sich mit dem Thema "Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa" in mehrfacher Hinsicht beschäftigten: Referate, Diskussionen und Besichtigungen von Gedächtnisstätten in Berlin verdichteten sich auf diese Weise zu einem Konferenz übergreifenden Diskurs.

Zum Auftakt setzten sich Historiker aus polnischer, russischer und deutscher Perspektive mit dem Stellenwert des historischen Gedächtnisses in ihren Ländern auseinander, wobei Matthias Weber (Oldenburg) erfreulicherweise die geteilte Erinnerung in Europa in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. In der zweiten Runde, in der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an den Holocaust aus deutscher Sicht betrachtet wurde, nahmen zwei Politikwissenschaftler Erfolge und Mängel der deutschen Bewältigungstherapie unter die Lupe. Helmut König (Aachen) verwies auf Kontroversen in der Erinnerungskultur und in der Zeitgeschichtsforschung, wobei er seinen Kollegen bescheinigte, dass sie in den letzten 20 Jahren sich eher mit der Klärung von Sachverhalten als mit der Deutung tragfähiger Narrative beschäftigt hätten. Am Beispiel der langwierigen Diskussion um die Gestaltung des Holocaust-Denkmals konnte Erik Meyer (Gießen) mit seinem Blick auf die Wandlungen in der deutschen Erinnerungspolitik nach 1989 eine Antwort darauf geben, indem er auf die dringend notwendige vergleichende Forschung auf diesem Gebiet aufmerksam machte.

Umso aufschlussreicher waren die kontroversen Einschätzungen des historischen Gedächtnisses in Russland unter der Maßgabe einer nüchternen Bewertung der historischen Wahrheit. Die junge Historikerin Julija Z. Kantor (St. Petersburg) wand sich argumentativ gegen die Glorifizierung der Rolle Stalins im "Großen Vaterländischen Krieg" und gegen die weiterhin vorherrschende Siegesmetaphorik im Dienste der "gelenkten Demokratie". Konstantin Provalov hingegen, Historiker und Diplomat der Putin-Regierung, befürwortete Russlands "konsequent abgestimmte Maßnahmen zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses" (105) mit Hinweisen auf zahlreiche Konferenzen, die dem Sieg über den deutschen Faschismus gewidmet waren. Dass solche "von oben" vorgenommenen Einschätzungen zur Stärkung der Rolle des kollektiven Gedächtnisses in den vergangenen zwanzig Jahren kurioserweise etwas mit dem wenig veränderten kollektiven Bewusstsein der russischen Bürgerinnen und Bürger zu tun haben, verdeutlichte der Soziologe Boris V. Dubin (Moskau). Er bestätigte, dass "drei Viertel der Bürger Russlands … der These zustimmen, dass der Sieg [über Hitlerdeutschland] das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts sei." (116) Das damit verbundene Bild von der Befreiung Europas vom Faschismus sei ein "Aspekt des eigenen Triumphes und der Erlöserrolle Russlands – des sowjetischen und … auch des postsowjetischen." (116).

Ebenso spannend sind die Bewertungen des Zweiten Weltkriegs in der Geschichtspolitik Polens wie auch die Musealisierung dieser Katastrophe nach 1989 aus der Sicht der polnischen Historiker Włodzimierz Borodziej und Piotr M. Majewski. Der eine konzentrierte sich auf die Analyse der wissenschaftlichen Aufarbeitung durch das Institut des Nationalen Gedenkens im Zeitraum 1939 bis 1989, die Exil-Forschung am Beispiel von Jan Tomasz Gross (vgl. dessen Essays "Nachbarn" und "Furcht" über den polnischen Antisemitismus), wie auch die politische nationale Identitätsfindung durch die Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit); der andere gab einen Überblick von der Herausbildung der martyrologischen Museen in der Volksrepublik Polen bis zur Entstehung der ersten narrativen Museen nach 1989. Der zweite Typus mit der Darstellung konkurrierender narrativer Geschichtsbilder soll, wie Pawel Machcewicz erläuterte, mit dem Bau des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig eine Erfahrung des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht der West- und Osteuropäer umsetzen. Wie wichtig die Durchsetzung eines solchen Paradigmenwechsels in der europäischen Erinnerungskultur ist, verdeutlichte sowohl die abschließende Podiumsdiskussion als auch der Beitrag von Andrij Portnov (Kiev), der den Versuch unternahm, einen Vergleich zwischen den kaum entwickelnden Erinnerungskulturen in Belarus, Moldova und der Ukraine anzustellen.

Beide Darstellungsformen, der lebhafte Diskurs über konkurrierende Geschichtsbilder wie auch die bislang bescheidene Bilanz der didaktischen Umsetzung von Erinnerungskultur vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion erweisen sich als ergiebige Ergebnisse einer Konferenz, deren Teilnehmer nicht nur kognitive Einsichten erhielten, sondern auch visuell verdichtete Zeugnisse auf ihren Exkursionen durch die Berliner Mahnmal- und Museumslandschaft kennen lernten.


Fußnoten

1.
Vgl. den Tagungsbericht von Wolfram von Scheliha, Drei Nationen auf der Couch, in: DA 43 (2010) 5, S. 912–915.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

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