Beleuchteter Reichstag

10.11.2016 | Von:
Clemens Maier-Wolthausen, Katharina Barnstedt

Panel 4: "Between Europeanness and Nationalisms"

Samstag, 5. November 2016, 10-12 Uhr

Themen in Panel vier: Die "Generation of Transition" in Bosnien und Herzegowina, die Bedeutung von "civic education" in Rumänien sowie das Wahlverhalten der ostdeutschen "Wendekinder".

Panel 4 "Between Europeanness and Nationalisms": Bedrudin Brljavac, Daniel Kubiak, Hans-Georg Golz, Mihai Stelian Rusu, Mary Kate SchneiderPanel 4 "Between Europeanness and Nationalisms" (v. l. n. r.): Bedrudin Brljavac, Daniel Kubiak, Hans-Georg Golz, Mihai Stelian Rusu, Mary Kate Schneider (© Barbara Klaus)

Referierende:
Bedrudin Brljavac, Department of Political Science, University of Sarajevo, Bosnien und Herzegowina
Daniel Kubiak, Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin, Deutschland
Mihai Stelian Rusu, Department of Journalism, Public Relations, Sociology and Psychology, Lucian Blaga Universität Sibiu, Rumänien
Mary Kate Schneider, Department of Political Science, Loyola University Maryland, Baltimore, USA

Moderation:
Hans-Georg Golz, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn

Bedrudin BrljavacBedrudin Brljavac (© Barbara Klaus)
Den ersten Vortrag im vierten Panel, moderiert von Hans-Georg Golz (Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn) hielt Bedrudin Brljavac (Department of Political Science, University of Sarajevo, Bosnien und Herzegowina) zum Thema PDF-Icon "The Children in the Balkans between democracy and nationalism". Ausgehend von der Feststellung, dass in allen Staaten Südosteuropas, die durch ethnische Konflikte geprägt sind, ein hoher Anteil der Bevölkerung eine starke Unterstützung für nationalistische Bewegungen zeigt, versuchte er die Gründe abseits einfacher Erklärungsmuster wie Rache oder fortgesetztem Ressourcenkampf zu finden. Auf Basis von repräsentativen Umfragen machte Brljavac das in weiten Teilen fehlende Vertrauen in Politiker und politische Prozesse zur Lösung dringender Probleme als Hauptursache dafür aus. Auch mutmaßte er, dass die Jugend aus diesem Grund über wenig kulturelles Potenzial zur Änderung der Verhältnisse und zum Antreiben von Veränderungen verfügt. Für Teile der Jugend in den Balkan-Staaten hat sich die Demokratie noch nicht als zufriedenstellende Regierungsform erwiesen. Stattdessen bilden einfachere, ethnisierte Erklärungsmodelle attraktive Alternativen.

Daniel KubiakDaniel Kubiak (© Barbara Klaus)
Im zweiten Vortrag stellte Daniel Kubiak (Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt Universität Berlin) die Ergebnisse der von ihm und Christian Nestler (Institut für Politik und Verwaltungswissenschaften, Universität Rostock) erarbeiteten Forschungen zum Thema PDF-Icon "When I think of Europe … Wendekinder as a diverse 'Generation of Transformation'" vor. Zunächst machte er die Anwesenden mit dem Konzept und der Gruppe „Dritte Generation Ost“ vertraut. Diese hatte nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt eine umfangreiche Rezeption in den deutschen Medien hervorgerufen. Nach der Definition der Mitglieder handelt es sich theoretisch um 2,4 Millionen Deutsche, nämlich die Alterskohorte, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurde. Die Frage, die Kubiak und Nestler in ihrer Studie beantworten wollen, ist, wie diese Generation Europa und die Nation versteht. Ausgehend von einer Analyse des Wahlverhaltens dieser Generation bei den letzten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die Parteien des rechten Randes unter "Wendekindern" große Zustimmung erfuhren, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass die Generation immer noch zu wenige Hoffnungsträger habe, sondern eher eine durch Misstrauen bestimmte Gruppe sei. Als Schlüssel zur Integration jener jungen Erwachsenen sahen die Autoren eine Intensivierung der allgemeinen und politischen Bildung.

Mihai Stelian RusuMihai Stelian Rusu (© Barbara Klaus)
Im Anschluss daran trug Mihai Stelian Rusu (Department of Journalism, Public Relations, Sociology and Psychology, Lucian Blaga, Universität Sibiu, Rumänien) in seinem Vortrag "Civilizing the Transitional Generation: The Politics of Civic Education in Post-Communist Romania" am Beispiel Rumäniens die Schwierigkeiten vor, welche Transitions-Gesellschaften beim Aufbau einer den Demokratisierungsprozess unterstützenden politischen Bildung und deren damit zusammenhängenden Veröffentlichungen überwinden müssen. Er beschrieb die ersten zaghaften Anfänge, neue Schulbücher nach der Einführung einer liberalen Demokratie zu entwerfen. Dabei machte er auf die Parallelen aufmerksam, die zumindest auf einer konzeptionellen Ebene zwischen den anthropologischen Projekten in autoritären Staaten zur Schaffung eines „Neuen Menschen“ und dem Versuch, eine demokratische Zivilgesellschaft mit geplanten Mitteln zu erzeugen, erkennbar sind. Schulbücher bezeichnete er provokativ als "weapons of mass instruction". Er beschrieb anschließend, dass in Rumänien nach der Einführung der Demokratie die Entwicklung neuer Schulbücher, Curricula und Syllabi noch lange hinter den Erwartungen in der Bevölkerung und in den westlichen Staaten zurückgeblieben war. Erst mit dem ernsthaft betriebenen Projekt einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union sei ein neues historisches Narrativ und ein neuer Begriff der Zivilgesellschaft in den Publikationen der politischen Bildung eingeführt worden. Diese entspräche nun wesentlich eher den in der Europäischen Union vorherrschenden Ansprüchen an eine wertebildende politische Bildung. Man könne die Narrative der Bücher der Periode vor 1998 und die Nachfolgenden mit den beiden Kategorien eines "sacrificial patriotism" und eines "critical patriotism" beschreiben.

Mary Kate SchneiderMary Kate Schneider (© Barbara Klaus)
Mary Kate Schneider (Institut für Politikwissenschaft, Loyola Universität Maryland, Baltimore, USA) schloss das Panel mit ihren Beobachtungen zu den Einstellungen von Schülerinnen und Schülern in Bosnien-Herzegowina gegenüber Mitgliedern anderer Ethnien ab. In ihrem Vortrag "Defining a generation, redefining the nation: Coming of age in post-war Bosnia-Herzegovina" berichtete sie nach einer allgemeinen Einführung in das Bildungssystem in Bosnien-Herzegowina von den Interviews, die sie mit Schülerinnen und Schülern in gemischten und getrennten Schulen in den sechs Städten Banja Luka, Brčko, Sanski Most, Sarajevo, Vareš und Žepče geführt hat. Dabei erwähnte sie auch, dass die Schülerinnen und Schüler häufig ihr Bedauern darüber ausdrückten, dass es praktisch keinerlei Räume für Begegnungen mit Gleichaltrigen anderer Ethnien gibt. Der mangelnde Austausch behindere zudem die Entwicklung einer gemeinsamen bosnischen Identität. Innerhalb der ethnischen Gruppen wäre diese wenig ausgeprägt. Allerdings, so machte Schneider deutlich, würde genauso eine gefestigte Identität zur Konsolidierung des Staatsgebildes Bosnien-Herzegowina dringend benötigt werden.


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