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Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Gerhard Sälter

Zu den Zwangsräumungen in Berlin nach dem Mauerbau 1961

III.


Zwangsräumung von Häusern an der Bernauer Straße, August 1961.Zwangsräumung von Häusern an der Bernauer Straße, August 1961. (© Ullsteinbild, Foto: Jung)
Die Zwangsumsiedlungen in Berlin betrafen hauptsächlich Gegenden an der Grenze zwischen den Stadtbezirken Treptow und Neukölln sowie zwischen Mitte und Wedding und dort besonders die Bernauer Straße. Dort gehörten die Häuser auf der einen Straßenseite zu Ost-Berlin und die Gehwege davor bereits zu West-Berlin.[12] Die Räumungen geschahen dort in mehreren Wellen. Zunächst wurden im August Wohnungen geräumt, die im Erdgeschoss lagen und die deshalb die besten Fluchtchancen boten. Die Bewohner, und das zeigt das Provisorische, das diesen Maßnahmen im August noch anhaftete, wurden zunächst innerhalb der Bernauer Straße in Wohnungen umgesiedelt, die in den oberen Geschossen lagen und aus denen die Bewohner bereits geflohen waren. Außerdem wurden die ersten Familien, die als politisch unzuverlässig galten oder verdächtigt wurden, eine Flucht vorzubereiten, ganz aus der Bernauer Straße entfernt. Hierbei spielten Denunziationen eine gewisse Rolle, wenn Nachbarn die Ost-Berliner Ordnungskräfte auf solche Fluchtneigungen hinwiesen. Die ersten Räumungen, die im Westen wahrgenommen wurden, erfolgten am 21. August, weitere folgten in den nächsten Tagen.[13]

Die zweite und größte Welle fand Ende September 1961 statt. Seit dem 14. September begann die Volkspolizei erneut damit, Bewohner einzelner Häuser an der Sektorengrenze umzusiedeln. Eine Woche später, am 20. September, begann in der Harzer Straße an der Grenze zwischen den Bezirken Treptow und Neukölln die von Volkspolizei, SED-Ordnern und Freiwilligen durchgeführte vollständige Zwangsräumung der Grenzhäuser. Dort bildeten wie in der Bernauer Straße die Vorderseite der Häuser die Grenzlinie. Schon am ersten Tag der Aktion mussten 250 Familien ihre Wohnungen räumen.[14]

Am selben Tag, als in der Harzer Straße die Räumungen bereits begannen, wurde in einer Lagebesprechung des zentralen Einsatzstabes für den Mauerbau beschlossen, auch in der Bernauer Straße "unzuverlässige Elmente" schnell und vollständig aus ihren Wohnungen zu entfernen, um weitere "Fälle des Abseilens" zu verhindern. Insbesondere Generalmajor Willi Seifert, stellvertretender Innenminister, forderte in der Sitzung am 20. September, in der Bernauer Straße, "wo die Grenzlinie entlang der Hausgrundstücke verläuft", seien "entschiedene Maßnahmen" zu treffen. Hier müsse entweder eine "vollständige Räumung oder schnellere Räumung unzuverlässiger Elemente erfolgen."[15] Offensichtlich entschieden die Verantwortlichen sich kurzfristig für eine vollständige Räumung.

Die Räumungen selbst wurden vom Zentralen Stab angewiesen, in den Details jedoch in konkurrierender Planung von der soeben gebildeten 1. Grenz¬brigade und der Bezirksleitung Berlin der SED geplant.[16] Die Bezirksleitung wollte in den Stadtbezirken Mitte, Treptow und Pankow 982 Wohnungen räumen und mindestens 1.220 Einwohner zwangsweise in andere Wohnungen verbringen lassen. Allein aus der Bernauer Straße sollten nach diesen Planungen etwa 500 Haushalte geräumt werden.[17]

Bei einer Massenaktion in der Bernauer Straße mussten am 24. September etwa 2.000 Menschen ihre Häuser verlassen und wurden zum Teil vorerst in Notunterkünften, zum Teil aber auch in Wohnungen untergebracht, die durch die Massenflucht im Vorfeld des Mauerbaus frei geworden waren. 50 bis 80 Häuser wurden im Lauf des Vormittages geräumt. Die Räumungen wurden in den nächsten Tagen in zahlreichen Einzelaktionen fortgesetzt, bei denen jeweils ein Haus oder ein Häuserblock geräumt wurden. Auch Wohnungen in den Seitenstraßen der Bernauer Straße waren davon betroffen.[18] Nachdem Ende September die Räumungen für einige Tages ausgesetzt wurden, begannen sie seit dem 6. Oktober erneut und wurden bis zum 19. Oktober fortgesetzt. Allein am 17. Oktober wurden in der Bernauer Straße noch einmal zehn Gebäude geräumt.[19]

Am 21. Oktober konnte der Stabschef der 1. Grenzbrigade für die Zwangsumsiedlungen an der innerstädtischen Sektorengrenze Vollzug melden.[20] Allerdings war die Aktion noch nicht vollständig abgeschlossen. An den Grenzen zu den West-Berliner Bezirken Neukölln und Kreuzberg wurden sie bis Ende Oktober fortgesetzt, und auch in der Bernauer Straße wurden noch einzelne Häuser geräumt, so etwa das Pfarrhaus der Versöhnungskirche am 23. Oktober. Ende Oktober und Anfang November wurden in den Seitenstraßen weitere Räumungen beobachtet.[21] Die genaue Anzahl der in Berlin zwischen dem 13. August und Anfang November umgesiedelten Menschen ist bisher nicht bekannt.


Fußnoten

12.
Christian Bahr, Mauerstadt Berlin. Brennpunkt Bernauer Straße, Berlin 2009.
13.
Der Tagesspiegel, 22., 25. u. 29.8.1961.
14.
Torsten Diedrich, Die Grenzpolizei der SBZ/DDR (1946–1961), in: Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke (Hg.), Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, S. 201–224, hier 219; Der Telegraf, Der Tagesspiegel, Der Tag, 21.9.1961.
15.
Protokoll über die Lagebesprechung des zentralen Stabes, 20.9.1961, zit.: Werner Filmer/Heribert Schwan, Opfer der Mauer, München 1991, S. 374.
16.
Zur Bildung der Berliner Grenzbrigaden Gerhard Sälter, Zur Restrukturierung von Polizei-einheiten der DDR im Kontext des Mauerbaus, in: Archiv für Polizeigeschichte 13 (2002), S. 66–73.
17.
Stellungnahme der Abt. Sicherheitsfragen gegenüber Honecker über die Räumung von Gebäuden in der Berliner Innenstadt, 11.10.1961, BArch, DY 30/IV 2/12/80, Bl. 2, 5–8.
18.
Der Tagesspiegel 26. u. 28.9.1961; Der Telegraf, 26.9.1961; Der Tag, 26.9.1961; Verletzungen der Menschenrechte. Unrechtshandlungen und Zwischenfälle an der Berliner Sektorengrenze seit Errichtung der Mauer (13.08.1961–15.08.1962), Hg. Bundesmin. f. Gesamtdeutsche Fragen, Bonn/Berlin 1962, S. 14.
19.
Der Tagesspiegel 7., 15., 17. u. 18.10.1961; Der Tag, 7., 12. u. 18.10.1961; Berliner Morgenpost, 15., 18. u. 19.10.1961; Der Telegraf, 18.10.1961. Betroffen waren am 17.10. Wohnungen in den Gebäuden Bernauer Straße 8, 9, 10a, 15, 16, 23, 40, 41, 42, sowie Brunnenstraße 138 und 139.
20.
MdI, Bereitschaftspolizei, Stabschef der 1. Grenzbrigade (B), Bericht über die Räumung von Häusern an der Staatsgrenze zu Westberlin, 31.10.1961, BA-MA, VA-07/8447, Bl. 118.
21.
Berliner Morgenpost, 24. u. 26.10. sowie 8.11.1961; Der Tagesspiegel, 26.10. u. 5.11.1961; Der Tag, 31.10.1961; Der Telegraf 4.11.1961.

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