Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Sebastian Lindner

Mauerblümchen Kulturabkommen

Arbeitspläne


Nach der Unterzeichnung am 6. Mai 1986 galt es, das "Abkommen zwischen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und der Regierung der Bundesrepublik Deutschland über kulturelle Zusammenarbeit" mit Leben zu füllen. Bei den Verhandlungen waren Jahresarbeitspläne festgelegt worden, in denen 100 Projekte aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur verbindlich vereinbart wurden. Einen kompletten Arbeitsplan gab es erstmals für das Jahr 1988. Für die Jahre 1986 und 1987 wurden Einzelmaßnahmen vorgeschlagen, die man im Anhang des Kulturabkommens fixierte. Nach dem Inkrafttreten des Kulturabkommens konnten viele dieser Projekte angegangen werden.

Darunter befand sich zum Beispiel die Ausstellung "Positionen – Malerei aus der Bundesrepublik Deutschland", die im Herbst 1986 im Alten Museum in Ost-Berlin gezeigt wurde. Zu besichtigen waren Werke von Horst Antes, Willi Baumeister, Raimund Girke, Gotthard Graubner, Anselm Kiefer, Konrad Klapheck, Ernst Wilhelm Nay, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Emil Schuhmacher und Günther Uecker. Beachtenswert und so etwas wie ein Lackmustest für die Belastbarkeit des Abkommens: Drei der präsentierten Künstler – Graubner, Richter und Uecker – hatten die DDR in den 1950er- und 60er-Jahren verlassen und konnten nun wieder relativ problemlos dort ausstellen.

Eine erlesene Auswahl des jeweils anderen deutschen Büchermarktes präsentierten 1988 und 1989 gegenseitige Buchausstellungen, die durch mehrere Städte in Ost und West tourten. Besonders für die DDR ein heikles Terrain, waren doch viele der in der westdeutschen Ausstellung präsentierten Titel in der DDR heiß begehrt, aber auf normalen Wegen nicht erhältlich. Ebenso wurden Bücher von DDR-Autoren gezeigt, die aber in der DDR nicht oder nur zensiert erscheinen durften. Zuerst zeigte der bundesdeutsche Buchhandel seine Ausstellung in der DDR, dann folgte die Präsentation der DDR in Bundesrepublik – und das aus gutem Grund. Klaus Höpcke, 1973–1989 stellvertretender Minister für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, erinnert sich: "Wenn wir erst unsere Bücher in der Bundesrepublik gezeigt hätten und da irgendein Skandal passiert wäre, wäre überhaupt nicht auszuschließen gewesen, dass darauf einige mit einem unguten Reflex geantwortet und gesagt hätten: 'Abbruch der Ausstellung!'"[17]

An den ausgehandelten Arbeitsplänen fällt die Fokussierung des Austauschs auf die Metropolen auf. Manfred Ackermann, langjähriger Koordinator der deutsch-deutschen Verhandlungen im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen und 1981–1986 Mitarbeiter an der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, erklärt dies so: "Zunächst darf man nicht vergessen, was für ein Stau da war. Wenn man sich jetzt in die Situation eines Theaters in Köln versetzt, so wollten die auch mal das Theater in Leipzig kennenlernen und nicht das Theater in Plauen. Es gab auch auf unserer Seite einen starken Bedarf, die großen bekannten Ensembles, die großen Namen im Universitätsbereich kennen zu lernen. Das war nicht nur der Osten, der das wollte. Im Osten hatte es die Funktion, ihren besten Leuten auch offiziell Westkontakte zu ermöglichen."[18]

Die "Tage der Kunst und Kultur aus Nordrhein-Westfalen" in Leipzig im November 1989 waren als vorläufiger Höhepunkt der in den Jahresplänen verabredeten kulturellen Kontakte geplant. Durch die Ereignisse des Herbstes '89 wurden sie eher ein ungeplanter Abschluss des deutsch-deutschen Kulturaustausches auf der Grundlage des Abkommens. Am Abend des 9. Novembers 1989 eröffnete Johannes Rau, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, die Ausstellung "Zeitzeichen". Im Rahmen der Präsentation fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die aber hinter der neuen Situation, die sich durch den Fall der Mauer ergeben hatte, zurücktreten mussten. In deren Folge ergab sich nun eine Flut von Möglichkeiten für einen kulturellen Austausch ohne Reglementierung für das freudetaumelnde Deutschland.


Fußnoten

17.
Interview d. Vf. m. Klaus Höpcke, 7.3.2002.
18.
Interview d. Vf. m. Manfred Ackermann, 7.3.2002.

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