Beleuchteter Reichstag

8.2.2011 | Von:
Bogdan Musial

Die westdeutsche Ostpolitik und der Zerfall der Sowjetunion

Verzögerter Zerfall


Der steigende Export von Energierohstoffen in die westlichen Länder sicherte der Sowjetunion einen breiten Zustrom an Devisen. Im Jahre 1967 beliefen sich die Einnahmen aus dem Ölexport auf eine Milliarde Dollar, zehn Jahre später auf 7,5 Milliarden, um 1981 auf 15 Milliarden Dollar zu steigen. Nicht weniger wichtig waren die Einnahmen aus dem Gasexport. In den 1970er-Jahren und zu Beginn der 80er-Jahren sicherte der Export der beiden Rohstoffe Moskau 60–80 Prozent seiner Deviseneinahmen.[22]

Seit den 1960er-Jahren sicherten diese Einnahmen die Mittel zur Aufrechterhaltung des sowjetischen Imperiums und seiner Wirtschaft und ersetzten die Einnahmen aus der Landwirtschaft, die sich bereits in diesem Jahrzehnt im radikalen Niedergang befand. Auch die Ausbeutung der Ostblockländer, die zum sowjetischen "Wirtschaftswunder" entscheidend beigetragen hatte, war nicht mehr in großem Stil möglich.[23]

Die Devisen für Energierohstoffe ermöglichten es den Sowjets, Anlagen, Maschinen und Technologie für den weiteren Ausbau der Gas- und Erdölindustrie einzukaufen, wobei ein Drittel dieser Lieferungen aus der BRD kam, die übrigen aus Italien, Frankreich und Japan. Darüber hinaus importierten die Sowjets in zunehmendem Maße Getreide – ein deutliches Indiz für die katastrophale Lage ihrer Landwirtschaft – und Industrieartikel wie Schuhe und Textilien. Die Exporteinnahmen verlangsamten den wirtschaftlichen Niedergang der Sowjetunion, erhielten die gigantische Armee und die Rüstungsindustrie über viele Jahre aufrecht, finanzierten den Partei-, Terror- und Propagandaapparat. Hinzu kamen weitere Ausgaben wie der kostspielige Krieg in Afghanistan und die finanzielle Unterstützung von kommunistischen Regimen in anderen Ländern. Allein für die Rüstung gab die Sowjetunion 1989 etwa ein Drittel ihres Budgets aus.[24]

Die Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung und deren Export zögerten den wirtschaftlichen Zerfall der Sowjetunion zwar hinaus, konnten sie aber nicht davor retten. Im Jahre 1987 stellte ein Experte von Gosplan, der obersten Planungsbehörde in der UdSSR, während einer internen Konferenz fest: "Ohne Samotlor [enorme Öl- und Gasfelder in Westsibirien, die 1965 entdeckt worden waren] hätte das Leben uns gezwungen, die wirtschaftlichen Reformen vor 10–15 Jahren einzuführen."[25] Die Rede war von den Reformen Michail Gorbatschows, die mit dem Niedergang der Sowjetunion endeten.

Fußnoten

22.
V. M. Kudrov, Ekonomika Rossii v mirovom kontekste [Russlands Wirtschaft im globalen Kontext], Sankt Peterburg 2007, S. 417; Nadja Kampaner, Evropejskaja energobezopasnost i uroki istorii [Europäische Energiesicherheit und Lehren der Geschichte], in: Rossija v globalnoj politike, 6/2007, http://www.globalaffairs.ru/numbers/29/8831.html (14.10.2010).
23.
Jegor T. Gajdar, Dolgoje vremja [Lange Zeiten]. Rossija v mire, Moskva 2005, S. 335; Marija Slavkina, Vlijanie neftegazovogo kompleksa na socjalno­ekonomičeskoje razvitje SSSR v 1945–1991 gg [Der Einfluss des Öl­ und Gaskomplexs auf sozialökonomische Entwicklung der UdSSR], Avtoreferat. Ms., Moskva 2006, S. 9; Bogdan Musial, Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht, Berlin 2010, S. 49.
24.
Bogdan Musial, Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht, Berlin 2010, S. 449–451.
25.
Zit.: V. M. Kudrov, Ekonomika Rossii v mirovom kontekste [Russlands Wirtschaft im globalen Kontext], Sankt Peterburg 2007, S. 417.

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