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23.4.2012 | Von:
Wilhelm K. H. Schmidt

Workuta – die "zweite Universität"

Zum 85. Geburtstag des Althistorikers Peter Musiolek

Schuldlos wurde der 23-jährige Peter Musiolek 1950 in das Straflagergebiet Workuta deportiert. Die dort und zuvor in der Untersuchungshaft durchlittene Unmenschlichkeit hinderte den später zum hochgeschätzten und politisch integren Hochschullehrer und Wissenschaftler avancierten Musiolek rückblickend nicht, seine dort gewonnene Lebenserfahrung und Charakterstärke zu bewahren.

Kurz vor dem Abschluss meiner Recherchen zu der Dokumentation "Verschworen. Verraten. Verfolgt"[1] fiel mir der archivierte Brief eines ehemaligen Strafgefangenen aus dem russischen Lagergebiet Workuta in die Hände. Darin wurde der Lagerkamerad Peter Musiolek erwähnt, der eine Zeitlang in meinem Wohnort Premnitz gelebt haben soll. Ein ehemaliger Arbeitskollege berichtete mir, dass die Familie Musiolek nach ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland tatsächlich in Premnitz gestrandet war.
Premnitz, Mozartstraße.Premnitz, Mozartstraße 4. Hier war die Familie Musiolek nach ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland 1945 untergekommen. (© Wilhelm K. H. Schmidt)
Ihre Wohnung soll sich in der Premnitzer Mozartstraße befunden haben, just in jenem Haus, in dem ich mit meiner Familie seit 1991 lebe.

Nachforschungen ergaben, dass der damals 19-jährige Peter Musiolek im Premnitzer Kunstseidenwerk im Dezember 1946, nach seiner Entlassung aus kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft, Arbeit als Labortechniker gefunden hatte.

Im September 1948 ging Musiolek gemeinsam mit seinem Freund und Premnitzer Arbeitskollegen Günter Möbius zum Studium der Textilchemie an die Ingenieurschule nach Cottbus. Möbius hatte von seinem ersten Geld nach der Währungsreform 1948 in einem West-Berliner Antiquariat die zweibändige Ausgabe der "Hellas" von Wilhelm Wagner erstanden. Der Bildungshunger der beiden war so groß, dass sie alles, was nach griechischer und römischer Geschichte aussah, verschlangen. "Wir haben die Bibliotheken leer gelesen", sagte mir Günter Möbius in einem Gespräch.
Textilingenieurschule Cottbus 1950.Textilingenieurschule Cottbus, 2. Semester Textilchemie 1950, 2. v.r. Peter Musiolek. (© Archiv Günter Möbius, Breiholz)
Am Freitag, dem 23. Juni 1950, wurde Peter Musiolek ohne erkennbaren Grund vom sowjetischen Geheimdienst festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Möglicherweise war er wegen einer abfälligen politischen Äußerung denunziert worden. Die Bedingungen in der Untersuchungshaft müssen grausam gewesen sein. Selbst ein Hungerstreik führte zu keiner Verbesserung seiner Lage.[2]

Musioleks Eltern, die bis dahin nichts von seinem Verbleib gewusst hatten, entdeckten am 19. Dezember 1950 im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" den Namen ihres Sohnes.
Neues Deutschland, 19.12.1950.Artikel des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" über die Verurteilung von Peter Musiolek u.a. als angebliche US-Spione.
Aus dem Beitrag "Todesurteile gegen amerikanische Spione", erfuhren sie, dass ihrem Sohn, gemeinsam mit 19 anderen Männern die Sammlung von Spionagenachrichten und "Zersetzungsarbeit gegen die Deutsche Demokratische Republik" vorgeworfen worden war. Sechs von ihnen wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt, Musiolek sollte für 15 Jahre ins "Gefängnis", wie es in dem Artikel hieß.[3]

Die staatsfeindlichen Handlungen, die Peter Musiolek vom sowjetischen Militärtribunal unterstellt wurden, konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Dennoch ist in den sowjetischen Prozessakten, die das MfS im Zusammenhang mit einem Reisekaderantrag seines späteren Arbeitgebers 1979 angefordert hatte, folgendes zu lesen: "Hinsichtlich des Musiolek, Peter, wurde während der Untersuchung festgestellt, dass er im September 1949 durch den Werber des amerikanischen Geheimdienstes […] zur Spionage in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands unter dem Decknamen 'Greif' eingesetzt wurde. Bei seiner Werbung erhielt Musiolek den Auftrag, Informationen über Piloten, Funker und Personen, die nicht mit dem demokratischen Regime einverstanden waren, zu sammeln und sie dem Geheimdienst zum Zwecke ihrer Werbung zu übermitteln. Gleichzeitig erhielt M. […] mehrere Deckadressen, die der Aufrechterhaltung der Verbindung zur Geheimdienstzentrale dienten, darunter auch die Anschrift eines Schleuseragenten, sowie Losungstexte für Telegramme […]. Für das M. zur Last Gelegte bekannte er sich schuldig, was durch Zeugenaussage und durch beschlagnahmte Sachgegenstände, wie DA [Deckadressen?] und Telegrammtexte, einer Notiz des Residenten des amerikanischen Geheimdienstes mit dem Decknamen des M. u.a. Briefen […] bewiesen werden konnte.


Fußnoten

1.
Wilhelm K. H. Schmidt, »Verschworen. Verraten. Verfolgt.«, Unangepasstheit, Widerstand und Kollaboration in der stalinistischen Ära Berlin-Brandenburgs, Herzberg (Elster) 2011.
2.
Isolde Stark, Nachruf für Peter Musiolek, in: Bernd Florath u. a. (Hg.), Die Ohnmacht der Allmächtigen. Geheimdienste und politische Polizei in der modernen Gesellschaft, Berlin 1992, S. 13–17.
3.
Todesurteil gegen amerikanische Spione, in: Neues Deutschland, 19.12.1950.

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