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29.11.2012 | Von:
Tobias Michael Wolf

Bautyp DDR-Warenhaus?

Deutsche Warenhausarchitektur der Nachkriegszeit im Vergleich

V.

Die städtebauliche Positionierung der Warenhäuser war in der Bundesrepublik überwiegend durch die Einbindung in das städtebauliche Gefüge der Vorkriegszeit geprägt. Zudem kam es nicht zu durchgreifenden Veränderungen, weil das Privateigentum weitestgehend erhalten blieb. In der DDR wuchs die Bedeutung der Warenhäuser zusammen mit deren neuer herausgehobenen Stellung innerhalb des Handelsnetzes. Obwohl 1964 nur sehr grob umrissene Vorgaben für die Standortwahl vorlagen, die lediglich eine Platzierung in den Innenstädten und unter Berücksichtigung der überörtlichen Bedeutung die Verkehrsanbindung und Parkmöglichkeiten forderten, ergab sich in den einzelnen Orten ein klarer Rangzuwachs. Die Bauaufgabe rückte als "Gesellschaftsbau" für wenige Jahre unter die wichtigsten Bauaufgaben im sozialistischen Staat auf.[29] Ideologisch waren Warenhäuser weit mehr als Gebäude für den Verkauf von Waren. Sie rangierten im Schnittpunkt von Handelsfunktion, industrieller Fertigung, Stadtplanung und Bauwesen als idealtypische Verkörperung der Staatswirtschaft der DDR. Vielfach bildete die Errichtung der Warenhäuser den Auftakt zur sozialistischen Umgestaltung der Stadtzentren. Dabei nahmen die Bauten städtebaulich markante und zentrale Punkte ein, an zentralen Plätzen oder Gelenk- und Akzentpunkten wichtiger städtebaulicher Achsen. Dementsprechend wirkte die Verteilung der Bauten im Stadtensemble auch monumentaler. Dazu trug wesentlich die Fassadengestaltung bei.

In der Bundesrepublik fanden, wie schon dargelegt, unterschiedlichste Fassadengestaltungen Anwendung, die sich mit Ausnahme der Netzfassaden durch eine Weiterführung der Konzepte der 1920er-Jahre auszeichneten.[30] So kamen Lochfassaden und Curtain-Walls zum Einsatz. Die Firma Kaufhof ließ durch die hauseigene Bauabteilung unter Leitung von Herman Wunderlich Vorhangfassaden aus Aluminium mit grünen Glasfüllungen ausführen, während für die zur Firma Horten gehörenden Bauten die Netzfassade als einheitliches Erscheinungsbild verbindlich war. Am wenigsten festgelegt waren die Firmen Hertie und Karstadt, die sowohl Band- als auch Lochfassaden ausführen ließen.

Centrum-Warenhaus in MagdeburgMagdeburg, CENTRUM-Warenhaus (Kollektiv Karl-Ernst und Anne-Monika Zorn), 1970–1973 (© Bundesarchiv, Bild 183-M1202-010; Foto: Manfred Siebahn)
In der DDR wurde die Gestaltung der Fassaden in den 1960er-Jahren eng mit den städtebaulichen Vorstellungen verknüpft. So fand stets eine Abstimmung mit den Stadtarchitekten statt, um den Bauten die ihnen zugedachte Rolle innerhalb der sozialistischen Stadtzentren zuweisen zu können. Jede Fassade wurde individuell für das Haus und seine städtebauliche Situation entworfen, zumeist durch bildende Künstler.[31] Zu beachten war lediglich die Umsetzbarkeit und die Einhaltung der Kosten. Zudem sollten wartungsarme, langlebige Gebäudehüllen geschaffen werden. Alle ausgeführten Fassaden und auch das detailliert ausgearbeitete Projekt für den Neubau in Halle-Neustadt folgten der Idee, im Sinne der städtebaulichen Betonung der kubischen Baukörper, plastische, einheitlich wirkende und zusammenfassende Fassadengestaltungen zu schaffen. Dies wurde in Suhl, Berlin, Magdeburg und Halle-Neustadt durch vorgehängte Netze aus Leichtmetall realisiert.
CENTRUM-Warenhaus in DresdenDresden, CENTRUM-Warenhaus (Entwurf Kollektiv Ferenc Simon und Ivan Fokvari, Ausführungsplan und Bauleitung Werner Wunderwald) 1969–1978 (© Bundesarchiv, Bild 183-1982-0721-017; Foto: Ulrich Häßler)
Bei den übrigen Bauten kamen geschlossene Vorhangfassaden aus Beton mit Weißzementzuschlag wie in Cottbus oder eloxiertem Aluminium zur Ausführung. Im Verwaltungsgeschoss wurden Fensterbänder angeordnet. Nur in Dresden wurde die einheitliche, stark plastische, geschlossene Hülle über alle Obergeschosse gezogen. Die notwendige Belichtung der Verwaltungsräume konnte hier in Lichthöfen untergebracht werden.

Die expressiven Strukturen der plastisch gestalteten Fassaden markieren die Grenze der Kunstgattungen Architektur und Plastik. Nur für die ersten Bauten nach 1965 sind die Namen der Entwerfenden überliefert – für Leipzig, Cottbus und Hoyerswerda war Harry Müller aus Leipzig beauftragt, für Suhl Fritz Kühn und für Schwedt dessen Sohn Achim. Die Vergabe der Aufträge für die Fassadengestaltungen erfolgte durch direkte Kontaktaufnahme des Projektierungsbetriebs mit den Gestaltern.[32]
konsument-Warenhaus am Leipziger BrühlLeipzig, konsument-Warenhaus (Kollektiv Günter Walther, Siegfried Kurth, Peter Dick, M. Böhme und E. Winzer, Fassade von Harry Müller), 1966–1968 (© Bundesarchiv, Bild 183-G0823-0205-001; Foto: Wolfgang Kluge)
Ohne Einbindung in den baulichen Entwurfsprozess erhielten diese Pläne und Ansichten der Warenhäuser, wobei die zu gestaltenden Flächen weiß belassen waren. Diese Vergabepraxis lässt sich auf den durch das industrialisierte Bauwesen veränderten Entwurfsprozess und die damit verbundene Entwicklung des Architekten vom Baukünstler zum Projektanten zurückführen. Für die planenden Ingenieure standen Konstruktion und funktionale Aspekte sowie die Einhaltung von Normen bei den Warenhausfassaden im Vordergrund. Die Gestaltung blieb den Künstlern überlassen, wobei offenkundig im Sinne der funktionalistischen Architektur eine moderne serielle Gestaltung gewünscht war.



VI.

Städtebaulich unterschieden sich die Bauten der 1950er- und frühen 60er-Jahre in Ost- und Westdeutschland deutlich voneinander. Während in der Bundesrepublik oftmals kompromisslos moderne Solitäre entstanden, die ihre Funktion im Stadtbild anzeigten, war das Bauen in der DDR vom Wechsel politischer Leitbilder geprägt. Bis 1957 ordneten sich dort die Warenhäuser in die nach traditionalistischen Idealen gestalteten Ensembles ein. Erst in der Folgezeit sind wieder starke Parallelen zur westlichen Entwicklung erkennbar. Rücksichtloses Implantieren der Kaufhauskomplexe in die Innenstadtbereiche führte aber in der Bundesrepublik auch zu umfassenden Protestbewegungen, die ein Umdenken einleiteten.

Beginnend mit dem Karstadt-Warenhaus in der Altstadt von Celle, das ab 1965 nach Entwurf von Walter Brune errichtet wurde, strebte man nun eine verstärkte Einfügung in bestehende Stadtstrukturen an.[33] In den 1970er-Jahren verstärkte sich diese Tendenz der Einbindung in das umgebende Stadtgefüge und der Anpassung an den Baubestand.[34] Dies äußerte sich in der differenzierteren Gestaltung der Gebäudekubaturen von der Dachlandschaft bis hin zu gegliederten, kleinteiligeren Fassaden. Konstruktiv bildeten sich je nach Unternehmen unterschiedliche Typen heraus, denen lediglich die Konstruktion als monolithischer Stahlbetonbau gemein war.

Eindrucksvoll dokumentiert das Horten-Haus in Regensburg, das von der ersten Planung bis zur Fertigstellung 1973 13 Jahre brauchte, den Wandel der städtebaulichen Anforderungen an Warenhäuser.[35] Im Gegensatz zum ersten Entwurf wurde hier ein historisches Gebäude, die klassizistische Alte Wache, wenn auch als Fragment, integriert und die umgebende Gestaltung unter weitgehendem Verzicht auf die Horten-Fassade kleinteilig gestaltet. Einen weiteren Schritt zur städtebaulichen Einfügung ging der Karlsruher Architekt Heinz Mohl mit dem 1973 begonnenen Kaufhaus Schneider in der Altstadt von Freiburg im Breisgau in unmittelbarer Nähe zum Münster.[36] Der Neubau an der Schwelle vom Brutalismus zur Postmoderne nahm prägende Elemente der Altstadtarchitektur wie die Traufständigkeit der geneigten Dächer auf und gruppierte diese Formen mit schlichten modernen Fassaden zu einem stimmigen Bau.

Im Zuge der allgemeinen Denkmalbegeisterung in der Folge des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975 entstanden schließlich in den späten 1970er-Jahren in Würzburg und Nürnberg zwei Warenhäuser, die nach außen nur noch reine Kulissenarchitekturen zeigten und damit ihre Funktion für den Betrachter unsichtbar machten.[37] In den 1980er-Jahren erhöhte sich der Wettbewerbsdruck auf die Warenhäuser durch neue Einkaufszentren in den Zwischenstädten und Stadtzentren. Daher mussten die Warenhäuser versuchen, ihre Attraktivität durch originelle Architektur und neue Verkaufskonzepte im Sinne einer "Erlebniswelt" zu steigern. Die Fassaden wollten nun an die Glanzzeit der Warenhäuser in den Jahren nach 1900 und in den 1920ern anknüpfen. Im Innern kam erstmals als Zitat des klassischen Atriums und der Lichthöfe der historischen Warenhausarchitektur ein zentraler Erschließungskern mit Rolltreppen zur Ausführung.

In der DDR besetzten die Bauten auch in den ausgehenden 1960er- und 70er-Jahren stadtbildprägende Positionen.[38] Einen Einschnitt bedeutete hier erst die unter Erich Honecker ab 1971 vollzogene Wirtschaftsreform unter dem Schlagwort der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik".[39] Dadurch wurde der Wohnungsbau forciert, die Gesellschaftsbauten mit wenigen Ausnahmen zurückgestellt. Insbesondere der Warenhaussektor war davon betroffen. Das 1970 begonnene CENTRUM-Warenhaus in Magdeburg, dessen Planung inklusive der Fassadengestaltung in den Händen des Architektenehepaares Karl-Ernst und Anne-Monika Zorn vom VEB Wohnungsbaukombinat Magdeburg lag, konnte bis 1973 ausgeführt werden.[40] Das im Bau befindliche CENTRUM-Haus an der Prager Straße in Dresden wurde nach Bauunterbrechung ab 1970 erst ab 1973 auf massiven Druck der SED-Bezirksleitung durch den VEB Dresdenprojekt unter Leitung von Werner Wunderwald fertiggebaut und konnte 1978 seiner Bestimmung übergeben werden.[41] In der Folgezeit wurden nur noch zwei klassische Warenhäuser neu errichtet – beide in Ost-Berlin, der "Hauptstadt der DDR".

Der staatliche Prestigebau CENTRUM in Friedrichshain, gegenüber dem Ostbahnhof, wurde durch den schwedischen Baubetrieb SIAB Byggen aus Stockholm entworfen und fällt durch seine mit verschiedenfarbigen Mosaiken aus italienischem Glas verkleideten Fassaden auf.[42] Im Innern wurde der Versuch unternommen, westeuropäische Verkaufsmodelle im Stil von Einzelboutiquen mit einem Verkaufssystem der Firma Umdasch aus Österreich umzusetzen. Das kleinere konsument-Warenhaus im Wohngebietszentrum am Fennpfuhl in Lichtenberg wurde als Typenprojekt für kleine Warenhäuser von beiden Firmen gemeinsam entwickelt.[43] Hier galt es, aus Mangel an Devisen die Haustechnik zu vereinfachen und auf das unbedingt erforderliche Mindestmaß zu reduzieren. Für die Konstruktion wurde die typisierte Stahlbetonskelett-Geschossmontagebauweise angewandt, wobei neue Zusatzelemente entwickelt werden mussten. Durch die lange Bauzeit aufgrund fehlender Baukapazitäten und daraus resultierende mehrfache Umprojektierungen ergaben sich für das Gesamtprojekt unangemessen hohe Kosten von über 100 Millionen Mark.

Vor diesem Hintergrund mussten beide Warenhausbetriebe neue Handelsformen entwickeln, um ihre Kernaufgabe, die Versorgung der Bevölkerung mit Industriewaren, überhaupt umsetzen zu können.[44] So entstand in Frankfurt (Oder) nach dem Scheitern aller Bemühungen um einen Warenhausneubau als Verlegenheitslösung ein konsument-Markt, der von einem polnischen Projektanten geplant wurde. Er bestand aus drei Fertigteilhallen, deren Aufteilung an westlichen Selbstbedienungsmärkten orientiert war.[45] Städtebaulich wurde durch die Errichtung der Hallen auf einem massiven Sockelgeschoss eine Einbindung versucht.

Auch der ab 1974 geplante Neubau des CENTRUM-Warenhauses zwischen Halle und Halle-Neustadt war eine Notlösung, da eigentlich für beide Städte gesonderte Neubauten vorgesehen waren.[46] Er wurde auf der Saale-Insel zwischen der Altstadt und der sozialistischen Neustadt nach einem Entwurf des örtlichen Wohnungsbaukombinates zwischen 1977 und 1981 ausgeführt. Eine einstöckige, langgestreckte Halle wurde dabei durch zwei höhere Kopfbauten eingefasst. Die Konstruktion setzte sich aus Fertigteilen zusammen.

Berlin, Warenhaus am Marzahner TorBerlin, Warenhaus Marzahner Tor (Kollektiv Wolf-Rüdiger Eisentraut), 1988 (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0305-340; Foto: Thomas Lehmann)
Als interessantester Neubau der letzten beiden Dekaden in der DDR auch im Hinblick auf sein neuartiges Konzept und die architektonische Qualität ist das HO-Warenhaus "Basar am Marzahner Tor" anzusehen. Die Planungen für den neuen Stadtteil im Nordosten der Hauptstadt basierten auf der Direktive des IX. Parteitags der SED 1976. Bereits 1977 konnte der Wohnungsbau im bis 1979 als 9. Stadtbezirk bezeichneten Marzahn beginnen. Der erste Entwurf für den zentralen Bereich stammte vom Chefarchitekten der Hauptstadt, Roland Korn, und dem Hauptarchitekten Heinz Graffunder. Er bildete die Grundlage detaillierter Überlegungen. Für den Verkauf von Industriewaren in dem Großwohngebiet war von Anfang an neben mehreren Kaufhallen und einem Kaufhaus auch ein Warenhaus vorgesehen. Zunächst war beabsichtigt, das gemeinsam durch VVW CENTRUM und ZU konsument projektierte Berliner Warenhaus wiederzuverwenden und 1979 mit den Bauarbeiten zu beginnen. Nach diversen Verzögerungen kam es bis 1983 zur Umplanung des Bezirkszentrums auf der Grundlage eines städtebaulichen Wettbewerbs. Er führte zur Aufgabe des Warenhausbaus in der vorgesehenen Form. Als Sieger des Wettbewerbs von 1979 entwarf das Kollektiv von Wolf-Rüdiger Eisentraut unter Einbeziehung der ursprünglichen Zentrumsplanungen Roland Korns und Heinz Graffunders ein neuartiges Konzept, das alle wichtigen Gesellschafts- und Versorgungsbauten an einer Fußgängermagistrale, der Marzahner Promenade, aufreihte.[47] Als Gliederung sah Eisentraut eine fast zwei Kilometer lange bandartige Struktur vor, die im Norden am Lindenring ein Stadtteilzentrum mit dem im Süden gelegenen Gebiet am Helene-Weigel-Platz verband.

In diesem Zentrum wurde ein HO-Kaufhaus eingeplant, wobei zur Kosteneinsparung und Bauzeitverkürzung industrielle Bauelemente aufgenommen wurden, deren Sortimente um standortbezogene Elemente erweitert werden konnten. Dies betraf in Marzahn vor allem die Entwicklung eines 45-Grad-Eckriegels für die angewendete Stahlbetonskelett-Montagebauweise. Zudem übernahm man modifizierte Bauelemente, wie Sheddächer, aus dem Industriebau. Bei der Gebäudetechnik wurden weitgehende Einsparungen durch den Verzicht auf Klimatisierung und Rolltreppen erreicht. Entgegen den Vorgaben der Warenhausunternehmen zu funktionellen Abläufen und baulicher Gestaltung wurde erstmals in der DDR die Verkaufsfläche auf zwei spiegelsymmetrische Bauten verteilt. Faktisch bestand das von der HO-Stadtorganisation betriebene Warenhaus am Marzahner Tor also aus zwei dreigeschossigen Häusern, nämlich einem Bekleidungshaus im Westen und einem Haus für Hauswirtschaft und Technik im Osten. Zwischen den Bauteilen platzierte Eisentraut einen viergeschossigen Gelenkbau, in dem mehrere Gaststätten untergebracht wurden. Im Erdgeschoss gewährleistete eine verglaste Passage die wettergeschützte Verbindung beider Warenhausflügel. Die schräggestellten, in drei Stufen aufsteigenden Restaurants mit ihren Glasfronten markierten wirkungsvoll den Eingang des Warenhauses, dessen niedrigere Baukörper mit vorgefertigten strukturierten Platten aus Weißzement verkleidet waren; sie wurden von gelbgerahmten Fenstererkern unterbrochen. Eine wesentliche Neuerung neben dem Verzicht auf einen Kompaktbau für alle Sortimente war die Belichtung und Erschließung des Gebäudes. Die Grundrisse der beiden Warenhausteile waren um zentrale Lichthöfe gruppiert. Jeder Hof wurde durch eine Aussparung von vier Feldern des vorgefertigten rechteckigen Stahlbetonrasters erreicht. In Erd- und Obergeschoss befanden sich die durch den Lichthof und Fenster in den Fassaden belichteten Verkaufsräume. Die Fensterflächen dienten auch als Be- und Entlüftungen, um den Aufwand für Lüftungstechnik gegenüber konventionellen Warenhäusern zu verringern. – Das Warenhaus wurde 2003 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Die parallel entwickelten Entwürfe für weitere Neu- und Erweiterungsbauten der beiden großen Warenhausunternehmen wurden angesichts der schwierigen Wirtschaftslage zu Makulatur. Allerdings zeigen die aufwendige Restaurierung des historischen CENTRUM-Warenhauses in Görlitz in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre wie auch die seit den frühen 1970er-Jahren für Berlin entwickelten Passagenprojekte am Marx-Engels-Forum und in der Friedrichstraße, dass die Auswirkungen der Freizeitgesellschaft auch im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat Einkaufserlebnisse wichtig werden ließen.[48] In der Zeitschrift "Architektur der DDR" wurde die Renaissance der Passagen vorausgesehen, deren Funktion im "realexistierenden Sozialismus" nicht auf reinen Kommerz beschränkt sein durfte, sondern im Kontext neuer urbaner Konzepte in Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit stehen sollte.[49] Im Kern sah man das klassische Warenhaus in seiner durch die hermetischen Fassadengestaltungen bedingten Abgeschnittenheit vom öffentlichen Stadtraum als überholt an.

In der Bundesrepublik hatte diese Entwicklung bereits mit dem Bau des Main-Taunus-Zentrums zwischen Frankfurt am Main und Wiesbaden im Jahr 1964 begonnen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands setzte sie sich im ganzen Land in Form der nun die Innenstädte und autobahnnahen Stadtrandlagen prägenden Einkaufszentren fort. Mit diesem Prozess ging der Niedergang des Warenhauses als Verkaufseinrichtung einher.


Fußnoten

29.
Werner Prendel, Gesellschaftliche Bauten. Einrichtungen der Bildung, Kultur, Versorgung, Gesundheit und Erholung, Berlin 1974, S. 10.
30.
Vgl. zu den Fassadengestaltungen in der Bundesrepublik: Pfeifer (Anm. 8), S. 74–88; Schramm (Anm. 8), S. 128–160.
31.
Den Wandel des Architektenberufs stellt Topfstedt (Anm. 20), S. 7–23, anschaulich dar. Durch die spätere Hinwendung zum industriellen Bauen verstärkte sich dieser Effekt, auch wenn einzelne Architekten sich weiterhin als Baukünstler verstanden, wie Hermann Henselmann in seinen 1962 publizierten Tagebuchnotizen, in denen er zwischen Massenproduktion und Baukunst unterscheidet: vgl. Durth u.a., Bd. 1 (Anm. 12), S. 533.
32.
Vgl. die Ausführungen bei: Wolf, Bedrohtes Erbe (Anm. 5).
33.
Vgl. zum Karstadt-Haus in Celle: Schramm (Anm. 8), S. 146–148.
34.
Vgl. Irrgang (Anm. 8), S. 318f u. 345.
35.
Vgl. ebd., S. 169f; Pfeifer (Anm. 8), S. 90.
36.
Vgl. ebd., S. 100–102; Schramm (Anm. 8), S. 171–173.
37.
Vgl. ebd., S. 173–176. Vgl. auch: Pfeifer (Anm. 8), S. 94–98.
38.
Grundlegend zum Städtebau der DDR: Thomas Topfstedt, Städtebau in der DDR 1955–1971, Leipzig 1988.
39.
André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Bonn 2007, S. 165–196; Wilhelm Kaltenborn, Zwischen Resistenz und Einvernahme. Die Konsumgenossenschaften in der DDR, Versuch einer Bestandsaufnahme, Berlin 2002, S. 27f; Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 394–398.
40.
Karl-Ernst Zorn, "CENTRUM"-Warenhaus in Magdeburg, in: Architektur der DDR 23 (1974) 10, S. 624–629.
41.
Werner Wunderwald/Lothar Jahn, CENTRUM-Warenhaus in Dresden, in: Architektur der DDR 28 (1979) 11, S. 669–675; Oliver Elser, Die Solitäre am Nordrand. CENTRUM-Warenhaus und Rundkino, in: Bauwelt 95 (2004) 11, S. 24–27; Cordula Zeidler, Geschichte der Prager Straße, in: ebd., S. 14f; Matthias Lerm, Prager Straße in Dresden 1965–72 … in die Jahre gekommen, in: Deutsche Bauzeitung 137 (2003) 4, S. 68–72.
42.
Die Grundsatzentscheidung für den Neubau erfolgte 1976, unmittelbar nach Fertigstellung des Warenhauses am Alexanderplatz, die Bauausführung bis 1979. Das Warenhaus wurde nicht in der Zeitschrift "Architektur der DDR" publiziert.
43.
Der Bau wurde ab 1974 projektiert und 1978–1985 nach Plänen des Bau- und Montagekombinates Ost ausgeführt. Eine Wiederverwendung des Typenprojektes war u.a. für Berlin-Marzahn und Schwerin vorgesehen. Vgl. zum Warenhaus u.a.: Ekkehard Böttcher, Das Konsument-Warenhaus Berlin, Leninallee-Fennpfuhl, in: Architektur der DDR 36 (1987) 7, S. 16–21.
44.
So wurde durch das ZU konsument bereits 1971 die Möglichkeit von konsument-Märkten untersucht: Konzeption zum Bau von "konsument"-Märkten mit 8.700 oder 5.000 m2 Verkaufsraumfläche, Karl-Marx-Stadt, 15.11.1971, Zentralkonsum, Archiv Berlin, Nr. 1552.
45.
Kaltenborn (Anm. 39), S. 60f; Abschrift des Schreibens des ZHU konsument, Büro für Rationalisierung an den Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder), Abt. Handel und Versorgung, 21.10.1968; Schreiben des Bezirksbauamts an die Abt. Handel und Versorgung, 28.10.1968; Untersuchungen zur Entscheidungsfindung für den Bau eines "konsument"-Marktes […] in der Bezirksstadt Frankfurt/O., 17.7.1972; Stellungnahme der Stadt Frankfurt (Oder), 28.7.1972; Untersuchungen zur Entscheidungsfindung für den Bau eines "konsument"-Marktes […] in der Bezirksstadt Frankfurt (Oder), 23.8.1972, Brandenburg. Landeshauptarchiv Potsdam (BLHA), Rep. 601, Nr. 20768; Neubau konsument-Einkaufszentrum Frankfurt (Oder), 1976–1985, Zentralkonsum, Archiv Chemnitz, Bestand ZU konsument, Nr. 29/1; Dokumentation zur Grundsatzentscheidung für das "konsument"-Einkaufszentrum Frankfurt (Oder), ebd., Nr. 253/10; Warenhaus-Neubau Frankfurt (Oder), Berlin Leninallee 1983–1986, ebd., Nr. 137.
46.
Hartmut Leonhard u.a., "CENTRUM"-Warenhaus Halle/Halle-Neustadt, in: Architektur der DDR 31 (1982) 9, S. 542–548.
47.
Wolf-Rüdiger Eisentraut, Der gesellschaftliche Hauptbereich in Berlin-Marzahn. Ein neuer Stadtbezirk erhält seinen Mittelpunkt, in: Architektur der DDR 37 (1988) 12, S. 9–19.
48.
Vgl. zum Centrum-Warenhaus Görlitz: Andreas Bednarek/Hans-Jürgen Treppe, Historisches Warenhaus Karstadt Görlitz, 2. Aufl., Regensburg 2002. Vgl. zu den Passagen: Kwasnitza (Anm. 18), S. 42; Lange (Anm. 3), S. 9; Florian Urban, Berlin/DDR – neo-historisch. Geschichte aus Fertigteilen, Berlin 2007, S. 163 u. 172–177.
49.
Gerd Zimmermann, Passagen. Zur Wiederkehr eines Bautyps, in: Architektur der DDR 37 (1988) 8, S. 24–29.

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