Beleuchteter Reichstag

counter
24.4.2012 | Von:
Karsten D. Voigt

Freiheit und Sicherheit

Die Entwicklung ihres Verhältnisses von den Siebzigerjahren bis heute – eine Retrospektive aus politischer Sicht

V.

Seit diesen Erfahrungen ist es meine Überzeugung, dass eine Auseinandersetzung mit undemokratischen Strömungen und Organisationen in unserer Gesellschaft zuerst einmal in jenem Milieu stattfinden muss, in dem sie glauben, Sympathisanten finden zu können. Vor allem dort muss man sie zurückdrängen, isolieren und marginalisieren. Deshalb ist es richtig, wenn "Die Linke" sich kritisch mit den Auffassungen der ehemaligen Terroristin Inge Viett auseinandersetzt. Es ist aber falsch, wenn sie ihr auf einer Veranstaltung für ihre Auffassungen eine öffentliche Plattform verschafft.

Bei der Auseinandersetzung mit undemokratischen Einstellungen und Organisationen kann man nur erfolgreich sein, wenn man durch undifferenziertes Reden und Handeln keine falsche Solidarität provoziert. Diese Erkenntnis aus den Sechzigern und Siebzigern dürfte auch heute noch bei der Auseinandersetzung mit antidemokratischen Gruppen, die eine völlig andere ideologische Orientierung haben, von Bedeutung sein.

Wenn wir demokratische Linke im Rahmen der generellen "Linksfürchtigkeit" der Sechziger- und Siebzigerjahre in Teilen der Medien in einen Topf mit den Kommunisten geworfen wurden, dann förderte das gerade bei den radikal-demokratisch gesinnten Teilen der Jugend eine gemeinsame Soldarisierung gegen diese Medien. Die gleiche Wirkung erzeugte der Radikalenerlass in Bezug auf die Wahrnehmung des bundesrepublikanischen Staates. Auch ich habe nie billigen können, wenn in meinem Wahlkreis die Tochter eines Mannes, Peter Gingold, der wegen seiner kommunistischen Überzeugungen und seiner jüdischen Herkunft nach Auschwitz deportiert worden war, und die nicht zuletzt deshalb selbst eine Kommunistin geworden war, keine Lehrerin im öffentlichen Dienst werden konnte.

Die Glaubwürdigkeit der Regeln und Institutionen des demokratischen Staates litten in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg darunter, dass in ihm zahlreiche ehemalige Nazis Führungsfunktionen einnahmen. Sie belehrten uns Jugendliche über Vorzüge der Demokratie, ohne zu einer Auseinandersetzung mit ihrer eigenen undemokratischen Vergangenheit bereit zu sein. Willy Brandt sagte mir damals: "Wenn wir nach dem Krieg die Demokratie nur mit denen aufgebaut hätten, die bereits vor dem Ende des Krieges Demokraten gewesen sind, wären wir eine Minderheit gewesen." Dies akzeptierte ich.

Ich wollte kein Berufsverbot für ehemalige Nationalsozialisten. Ich protestierte nicht, als sich in meinem Wahlkreis ein Mitglied der SPD als ehemaliges Mitglied der SS offenbarte: Er konnte mir gegenüber begründen, warum er sich als ehemaliger Nationalsozialist nach dem Krieg besonders aktiv am Aufbau der Demokratie beteiligen wollte. Aber viele hielten es damals nicht für erforderlich, ihren Gesinnungswandel zu begründen. Wer nach der braunen Vergangenheit fragte, galt als Nestbeschmutzer. Wer auf die große Zahl ehemaliger aktiver und zum Teil durch ihre Mitwirkung am nationalsozialistischen Unrechtsregime belasteter Personen in den Führungsetagen deutscher Behörden hinwies, setzte sich dem Verdacht aus, der Propaganda der DDR in die Hände zu spielen.

Als Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mich bat, Zeugen während des Auschwitz-Prozesses durch Frankfurt zu begleiten, erzählte er mir auch, welchen Anfeindungen er immer wieder ausgesetzt war, weil der diesen Prozess initiiert hatte. Meine Lehrer am Gymnasium in Hamburg waren während des Zweiten Weltkrieges alle Offiziere gewesen. Zwei hatten wegen ihres besonders aktiven Engagements für den Nationalsozialismus noch bis 1955 ein Berufsverbot gehabt. Der eine war erst General und dann Leiter einer nationalsozialistischen Erziehungsanstalt, NAPOLA, gewesen, der andere hatte zuerst an der Ostfront gekämpft und dann als Direktor eines humanistischen Gymnasiums seine Schüler jeden Morgen an einem beleuchteten Hitler-Bild vorbei marschieren lassen. Beide waren gute Lehrer. Aber ich hätte mir gewünscht, sie hätten nicht versucht, den Eindruck zu erwecken, als hätten sie die demokratischen Werte des Westens noch vor der Gründung der NATO bei ihrem Einsatz an der Ostfront verteidigt. Nicht die selbstkritische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, sondern der Antikommunismus reichte in der jungen Bundesrepublik vielfach als Nachweis einer demokratischen Gesinnung.



Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 24. Januar 1962
    Das Wehrpflichtgesetz führt die allgemeine Wehrpflicht für männliche DDR-Bürger zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr ein. Der Grundwehrdienst dauert 18 Monate. Im Verteidigungsfall übernimmt der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates den Oberbefehl über... Weiter
  • 24. Januar 1991
    Große Senatskoalition: Wahlsieger Eberhard Diepgen (CDU) wird zum ersten Regierenden Bürgermeister Gesamt-Berlins gewählt; er war 1984 - 1989 bereits Regierungschef im Westteil der Stadt. Gemäß der Koalitionsvereinbarung vom 23. 1. 1991 bildet Diepgen einen... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen