Beleuchteter Reichstag

17.12.2020 | Von:
Wolfgang Herzberg
Charlotte Misselwitz

Jüdische Überlebende, NS-Täter und Antisemitismus in der DDR Teil I

Gegen DDR-Zerrbilder westdeutsch dominierter Geschichtsschreibung

Als Sohn von jüdischen Emigrant_innen, die 1947 ganz bewusst in die SBZ/DDR gegangen sind, um ein besseres Deutschland aufzubauen, leistet Wolfgang Herzberg einen Debatten-Beitrag aus seiner subjektiven Sicht zur Rolle der jüdischen Remigrant_innen, NS-Tätern und Antisemitismus in der DDR. Er stellt in Teil I vor allem dar, wie Jüdinnen und Juden die DDR in führenden Positionen mitgestalteten. Dazu hat er umfangreiche Recherchen unternommen und zahlreiche biografische Interviews geführt.

Das Foto zeigt das Mahnmal von Buchenwald mit der Plastik von Fritz Cremer, im Hintergrund der Glockenturm.Das Mahnmal von Buchenwald mit der Plastik von Fritz Cremer, im Hintergrund der Glockenturm. (© picture-alliance/dpa)

Ich wurde 1944 in der englischen Emigration meiner jüdisch-deutschen Eltern geboren. Als ich drei Jahre alt war, kehrten sie mit mir in die Trümmerstadt Berlin zurück. Sie wollten, als politische Antwort auf die NS-Menschheitsverbrechen, nicht zuletzt an ihren Herkunftsfamilien, wie etliche Antifaschist_innen und jüdische Überlebende auch, am Aufbau eines neuen, antifaschistisch-demokratischen und sozial gerechten Deutschlands mitwirken. Ich wurde zunächst, im Sinne der linken Ideale meiner Eltern, säkular erzogen und fand deshalb keinen Zugang mehr zum religiösen Judentum, aber später durchaus zum kulturellen Reichtum und zur Tragik meiner familiären Herkunft und der jüdischen Gesamtgeschichte.

Bereits Ende der 1950er Jahre wurde mir zudem langsam klar, dass zwischen den heroischen Werten meiner Eltern, ihrer Partei und der Wirklichkeit, nicht nur in der DDR, tiefe Abgründe klafften. Aber ich hielt es, wie die meisten innenpolitischen Kritiker_innen der DDR vor 1989, für dringend geboten, mich für mehr Demokratie und politische Teilhabe und nicht für die Übernahme westlicher Herrschaftsverhältnisse einzusetzen. Ich bin diesen linken Idealen auch nach 1989 treu geblieben, weil ich die nationale und globale soziale Spaltung, nach wie vor, für das entscheidende, Gewalt auslösende, Grundübel unseres Zeitalters halte.

Meine Eltern kehrten, wie andere jüdische Überlebende auch, aus tief empfundenem politischen Idealismus und einer innigen Bindung zur deutsche Sprache und Kultur nach 1945 zurück. Dabei unterdrückten sie ihre Vorbehalte gegenüber den Deutschen, um gerade sie für neue, antifaschistische und sozialistische Einstellungen zu gewinnen. Ich kann nicht umhin, schmerzhafte Trauer darüber zu empfinden, dass sie am Ende ihres Lebens vor dem Scherbenhaufen ihrer einstigen Lebensentscheidungen standen. Aber ich empfinde auch Empörung, wie wenig ihre und nicht nur ihre, Gesellschafts- und Lebensleistungen in der DDR, trotz des mir verständlichen Scheiterns, dennoch bis heute nicht angemessen, öffentlich kritisch gewürdigt, ja sogar überwiegend durch Vorurteile und Halbwahrheiten abgewertet und kriminalisiert wurden. Die aus meiner Sicht staatlich hochsubventionierte, oft tendenziöse, DDR-Geschichtsschreibung arbeitet, mit ihren Pauschalabwertungen, bisher vielfach den Rechten in die Hände, weil sie die ernsthaften Bemühungen um die Zurückdrängung sozialer und ethnischer Antagonismen nicht anerkennt, sondern herabwürdigt.

Meine Innenansichten und Gegendarstellungen zu einigen der folgenden Stereotype speisen sich aus familiären Selbsterfahrungen, aus meinem jüdischen Freundeskreis in der DDR, aus umfassenden Recherchen und biografischen Interviews, die ich seit Mitte der 1980er Jahre publizierte. Zudem zeige ich erste Verallgemeinerungen aus den etwa 50 biografischen Gesprächen, die ich mit jüdischen Überlebenden und ihren Nachfahren aus der DDR in den vergangenen Jahren für das Archiv des Leo-Baeck-Instituts in New York durchführte.

Spielten jüdische Überlebende in der DDR nur eine marginale Rolle?

Ein besonders eklatantes Zerrbild, das entweder auf ideologisch bedingter Blindheit oder skandalös mangelnder Sachkenntnis, sowie Defiziten an umfassenden biografischen Befragungen zeugt, spiegeln folgende Aussagen meist westdeutscher Wissenschaftler_innen über die Rolle jüdischer Überlebender in der DDR wider.

Harry Waibel etwa schrieb: „Es gab so gut wie keine jüdische Bevölkerung [in der DDR] mehr ...[1] Der Historiker Michael Wolffsohn behauptete: „Die DDR war praktisch ‚judenrein‘. Hitlers Wille war hier weitgehend Wirklichkeit … Vom Antifaschismus der DDR und der vermeintlichen Judenfreundlichkeit bleibt nichts. Nichts bleibt.“[2] Wolfgang Benz, führender Antisemitismus-Forscher folgerte: „... innenpolitisch bildeten Juden [in der DDR] keine relevante Größe, die Rücksichtnahme erfordert hätte.“[3] Micha Brumlik meinte: Juden in der DDR wären zwar „ ... eine Art staatstragendes kritisches Bildungsbürgertum [gewesen], das jedoch systematisch von jedem politischen Einfluss ferngehalten wurde – und dies auch akzeptierte … mit verordneter politischer Ohnmacht sowie grundsätzlicher Loyalität zur SED-Parteiherrschaft … die Grundhaltung [lässt sich] als ‚distanzierter Konformismus` bezeichnen.“[4] Selbst der ehemalige, durchaus kenntnisreiche DDR-Historiker Mario Keßler verallgemeinerte: „So wenig die Kommunisten in Amerika auf die Gestaltung Nachkriegsdeutschlands Einfluss nehmen konnten, so wenig konnten sie dies nach ihrer Rückkehr ...[5] , der Hauptanteil dieser Rückkehrer_innen war jüdisch.

Tatsache jedoch ist, dass es einige Hundert jüdische Überlebende, wie meine Eltern, in der DDR gab, die von den Nazis aus rassistischen, meist auch politischen Gründen verfolgt wurden und in der Emigration, im KZ, im Widerstandskampf, im Spanienkrieg und sogar in den alliierten Armeen mitwirkten. Sie waren aus der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich, Nord-, Mittel-, und Südamerika, Australien, aber auch aus Schweden, Israel und Schanghai nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hatten sich bewusst entschieden, in der SBZ/DDR und nicht in der BRD zu leben. Mehr noch: Sie gehörten nach 1945 zum Kern der SED-Parteiintelligenz und ihres beruflichen Wirkungskreises.

Sie waren es, die die weitgehend NS-belastete Intelligenzschicht in entscheidenden politischen und geistig-kulturellen Lebensbereichen ersetzten und seit Anbeginn den kulturellen Diskurs in der DDR, in Pro und später auch teilweise Contra, zur Richtlinienkompetenz der SED-Spitze, substanziell prägten. Ohne ihr leidenschaftliches Engagement, ihre Ideale, ihre politischen und fachlichen Kompetenzen und Vorkenntnisse, ihre internationalen Erfahrungen, zu denen auch oft die Beherrschung einer Fremdsprache gehörte, sowie ihre starken antifaschistischen und sozialistischen Überzeugungen, die gewiss auch von heroischen Illusionen geprägt waren, wären die intellektuellen Grundlagen des politischen, juristischen, gesellschaftswissenschaftlichen, pädagogischen, schriftstellerischen, künstlerischen sowie journalistischen Lebens in der DDR nicht entstanden!

Im Folgenden werde ich zeigen, dass jüdische Überlebende und ihr Umfeld oft unverzichtbare, streitbare Persönlichkeiten und geistige Impulsgeber_innen in ihren Berufen waren. Sie wirkten als Vorbilder, als neue moralische Instanzen für eine antifaschistische und soziale Neuorientierung der Ostdeutschen, insbesondere auch der Intelligenz – oft sogar mit Impulsen auch für die geistige Erneuerung in der Bundesrepublik. Sie wurden, darüber hinaus, seit der Chruschtschow-Ära, vielfach bereits in der Gründer- und Aufbaugeneration, aber besonders in der Zweiten Generation, zu konfliktreichen Wegbereiter_innen, zu Vorkämpfer_innen einer dringend notwendigen Demokratisierung der DDR und trugen so auch zu den Ereignissen von 1989 bei. Es kam nicht von ungefähr, dass auf der Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz auch Stefan Heym, Gregor Gysi, Steffi Spira und Markus Wolf sprachen.

Ich behaupte sogar, die mentalen Wirkungen für die Ostdeutschen waren viel umfassender, als die Einflüsse von zurückgekehrten jüdischen Überlebenden auf die Entwicklung in der Bundesrepublik, etwa aus dem akademischen Umkreis der „Frankfurter Schule“. Jürgen Habermas beschreibt sie als die Impulsgeber für die 68er-Bewegung: „Nach meinem Eindruck verdankt die politische Kultur der alten Bundesrepublik ihre zögerlichen Fortschritte in der Zivilisierung ihrer Einstellungsmuster ... zu einem ausschlaggebenden Teil jüdischen Emigranten.[6] Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Helmut Plessner, Karl Löwith, Ernst Bloch seien dabei unersetzliche Lehrer gewesen. „Wer, wenn nicht sie?

Dazu gehörten auch Hannah Arendt, Ossip Flechtheim, Hans Jonas, Fritz Bauer, später Daniel Cohn-Bendit, Heinz Galinski und Ignatz Bubis. Harald Kretzschmer schrieb hingegen 1995 über die gesellschaftlichen Beiträge jüdischer Überlebender in der DDR: „Juden in der DDR waren in ihrer Aktivität unüberhörbar, unübersehbar, unüberlesbar ... Viele haben in aufopferungsvoller Arbeit ihre Ideale gelebt. Aber es gab genauso Enttäuschung, Anpassung und Repressionen. Sie waren geachtet, die Älteren geehrt … Für mich als Porträtzeichner waren sie auffällig… sie waren agil, verrieten eine komplexere Sicht auf die Dinge des Lebens … legten weniger teutonische Vasallentreue an den Tag, als einen kritischen Geist der Skepsis.“[7] Wie lässt sich also der größere oder zentralere Einfluss die Jüdinnen und Juden in der DDR im Vergleich zur BRD beschreiben? Wie immer man auch die Gesellschafts- und Lebensleistungen jüdischer Überlebender für die DDR im Einzelnen differenziert erforschen und kritisch würdigen sollte, im Folgenden und ausführlich auf meiner Webseite präsentiere ich eine unvollständige Namensliste, die ich für meine biografischen Interviews recherchiert habe. Sie beweist, dass jüdische Überlebende in der DDR, in der Ersten und Zweiten Generation, sowohl auf der politischen und kulturellen Führungsebene, als auch ganz überwiegend in ihren jeweiligen Berufen in der DDR, sehr präsent waren und substanzielle, politische und kulturelle Wirkungen entfalteten. Sie ließen einen ‚distanzierten Konformismus` kaum zu. Im Gegenteil, sie haben die Ostdeutschen vom Anfang bis zum Ende in ihren mentalen Einstellungen antifaschistisch, sozial, kulturell, demokratisierend, das heißt, emanzipatorisch inspiriert.

Allein unter den Politikern der Ersten Generation finden sich 22 Persönlichkeiten mit jüdischem Hintergrund in der SED-Führungsebene: Albert Norden war von 1958-1981 Sekretär und Mitglied im Politbüro des Zentralkomitees der SED für Agitation zuständig, insbesondere für die Entlarvung von Kriegs- und NS-Verbrechen. Hermann Axen, Chefredakteur des Neuen Deutschlands (ND) und von 1970 bis 1989 Mitglied des Politbüros der SED, war zuständig für die Außenpolitik. Markus Wolf war der stellvertretende Minister für Staatssicherheit, zuständig für Auslandsaufklärung. Weitere Namen sind Klaus Gysi, u. a. Minister für Kultur, Herbert Grünstein, u. a. stellvertretender Innenminister und Sekretär im Ministerium des Innern, Alexander Abusch, u. a. Staatssekretär, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates etc.

In den oberen Rängen der ostdeutschen Justiz sind mir 14 jüdische Persönlichkeiten bekannt. Karl Polak war der Mitverfasser der ersten sowie später auch der zweiten modifizierten Version der Verfassung der DDR und langjähriger Rechtsberater Walter Ulbrichts, dem Chef der SED und späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR. Heinrich Toeplitz war stellvertretender Generalsekretär der ostdeutschen CDU und Präsident des Obersten Gerichtes der DDR. Ein paar wenige Jüdinnen und Juden sind wie Leo Zuckermann, Professor am Institut für Rechtswissenschaft, über die BRD nach Mexiko zurückgegangen. Aber die meisten blieben bis zum Ende in der DDR. Heute kennt man Gregor Gysi, der in den 1980er Jahren als Rechtsanwalt viele Oppositionelle vertreten hat. Meine Mutter, Ursula Herzberg, war Staatsanwältin für Jugend- und Wirtschaftsdelikte u. a. bei der Generalstaatsanwaltschaft.

Der Anteil der führenden Geisteswissenschaftler_innen, die damals noch Gesellschaftswissenschaftler hießen, in der DDR war noch erheblich größer. Insgesamt habe ich hier 50 größere Namensvertreter_innen gefunden. Unter ihnen war Jürgen Kuczynski, Professor für Wirtschaftsgeschichte, Wolfgang Steinitz, Begründer der Volkskunde und Volkslied-Forschung der DDR, Viktor Klemperer, der bekannte Romanist und Germanist. Marie Simon war eine bekannte Professorin für griechische Philosophie und Kulturgeschichte, Rudolf Schottlaender ein Philosoph und politischer Publizist. Viele von ihnen waren als Hochschullehrer_innen oder an der Akademie der Wissenschaften oder Künste tätig, so auch Silvia Schlenstedt, eine Literaturwissenschaftlerin, die sich mit dem Spezialgebiet der Exilliteratur beschäftigte, insbesondere mit dem antifaschistischen, spanischen Exil wie bei Anna Seghers.

Und damit wäre ich bei dem auch sehr einflussreichen Gebiet, der Literatur, aus dem ich sogar 80 Namen nennen kann. Anna Seghers war bekanntlich die Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR, Stephan Heym ist bis heute bekannt. Aber neben weiteren bekannten wie Arnold Zweig als Präsident der Akademie der Künste oder Stefan Hermlin, gab es auch Edith Anderson, Ruth Werner, Vera Friedländer und viele andere Frauen und Männer. Nicht nur Jurek Becker, auch F.C. Weiskopf, Fred Wander oder Walter Kaufmann waren bekannt und sehr erfolgreich. Ich denke, es gab an keinem anderen Ort der Welt eine solche Häufung an jüdischen Schriftsteller_innen wie in der DDR, die beruflich und publizistisch abgesichert waren, was jedoch nicht hieß, dass es keine kulturpolitischen Konflikte gab.

Und im Bereich der Medien hatten die 75 Jüdinnen und Juden in Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen und Radiosendern ebenfalls weitgehend Führungspositionen inne. Gerhard Eisler war der Vorsitzende des Rundfunkkomitees der DDR. Hilde Eisler war die Gründerin und langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift Das Magazin. Ebenso war die Gründerin des Frauenmagazins Sybille, Sybille Boden-Gerstner jüdisch. Hans Herzberg, mein Vater, war stellvertretender Chefredakteur des Radio Berlin International, wo er für die englischsprachigen Sender zuständig war. Rudolf Singer war der Chefredakteur vom ND. Max Kahane war der Chefredakteur des Neuen Deutschlands (ND) und der Zeitschrift horizont. Christopf Kirschnek war der Intendant von Radio Berlin International und Ernst Melis der Chefredakteur der Zeitschrift Einheit. Kurt Goldhammer war Chefredakteur des Berliner Rundfunks, Peter Nelken der Chefredakteur des Satireblatts Eulenspiegel. Es ginge noch weiter mit den Führungsebenen der DDR-Medien, aber ich ende mit Hans Nathan und Hilde Neumann, Chefredakteure der Neuen Justiz.

Die weiteren Bereiche nun kurz zusammenfassend: Allein 19 Namen von Filmemacher_innen sind mir bekannt, unter anderem Konrad Wolf, Kurt Maetzig oder Inge Kleinert. Und fast 30 Namen von Theaterleuten von Hans Rodenberg über Wolfgang Heinz, Helene Weigel oder Steffi Spira. Im Musikbereich gab es neben dem berühmten Komponisten und Präsidenten des Musikrates der DDR Hans Eisler, Lin Jadai, eine Sängerin jiddischer Lieder, Paul Dessau und weitere 15 Namen. Im Bereich der Bildenden Kunst gäbe es mindestens 13 Namen zu nennen: neben Lea Grundig, eine Grafikerin und Malerin und Präsidentin des Verbandes Bildender Künste in der DDR (VBK) auch John Heartfield, der die Fotomontage groß machte.

Alles in Allem: Für eine grobe Skizze von jüdischen Vertreter_innen in den Führungsebenen der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche, meist aus der Ersten Generation, sollten diese Namen genügen. Sie sollten auch genügen, um verständlich zu machen, warum allein zahlenmäßig ihr Einfluss in Ostdeutschland weitaus größer war als der in der Frankfurter Schule. Dabei gab es auch eine jüdische DDR-Intelligenz der Ersten und Zweiten Generation, die vor 1989 in den Westen ging: Ernst und Karola Bloch, Julius Mayer, Alfred Kantorowitz, Horst Selbinger, Friedrich Katz, Hans Mayer oder Rudolf Schottlaender gehörten zur Ersten Generation. Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann, einem Liedermacher mit jüdischem Hintergrund, 1976 kamen auch andere aus der Zweiten Generation dazu: Jurek Becker, Günter Kunert, Barbara und Peter Honigmann, Thomas Brasch, Fred Wander, Irina Liebmann und etliche andere, die aufgrund ihrer intellektuellen Nonkonformität und aus Protest gegen die restriktive Ideologie- und Kulturpolitik der SED-Führung die DDR verließen oder verlassen mussten.

Gab es keine „Wiedergutmachung“ für jüdische NS-Opfer?

Dass der DDR immer wieder vorgeworfen wird, keine „Wiedergutmachung“ für die NS-Verbrechen an den Jüdinnen und Juden geleistet zu haben, ist ein gängiger Topos seit vielen Jahrzehnten. Was die Restitutionsforderungen für jüdische Überlebende betraf, die auch später von Israel an die SED-Führung gestellt und von ihr abgelehnt wurden, muss, abgesehen von der unangemessenen SED-Gegenpropaganda Ulbrichts, zugleich berücksichtigt werden, dass die DDR sich immer in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage befand. Hatte sie doch anfangs durch die UdSSR erheblich unter der Demontage zu leiden, die 46 Prozent der SBZ/DDR-Wirtschaft betraf.

Zudem hatte sie keine so großzügige Aufbauhilfe, wie die BRD, die kaum Demontage zu verkraften hatte und durch den Marshall-Plan von den USA unterstützt wurde, und sich in die Weltwirtschaft integrieren konnte. Abgesehen davon, dass die DDR immer der viel kleinere, rohstoffärmere Teil Deutschlands war und unter dem westlichen Wirtschaftsboykott litt. Zudem fühlte sich gerade die antifaschistische SED-Führung nicht für die Enteignungs- und Völkermordpolitik der Nazis verantwortlich und begründete dies auch damit, dass die DDR sich nicht in der Rechtsnachfolge des einstigen Deutschen Reiches wie die BRD sah und zudem, was Israel anbetraf, nicht die nationalistische Regierungspolitik gegen die Palästinenser unterstützen wollte.

Und doch behaupte ich entgegen der bisherigen Darstellungen über ostdeutsche Wiedergutmachungsbemühungen, dass für jüdische Rückkehrer_innen und für nichtjüdische Antifaschist_innen erhebliche soziale Unterstützungsmaßnahmen in der DDR geleistet wurden, die es in dem Ausmaß wohl nirgends sonst auf der Welt für Jüdinnen und Juden sowie Antifaschist_innen nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Dazu gehörten: bevorzugte und meist unbürokratische Zuweisung von solidem und bezahlbarem Wohnraum, oft sogar Einfamilienhäuser und Wochenendgrundstücke, die später zu den üblichen DDR-Spottpreisen käuflich erworben werden konnten; extra Lebensmittelkarten und Lebensmittel; spezielle ärztliche Versorgungen und Kuren; überwiegend universitäre Ausbildungen mit nicht rückzahlbaren Stipendien; schließlich rasche berufliche und politische Aufstiegsmöglichkeiten, einschließlich entsprechend überdurchschnittlicher Gehälter.[8]

Das war eine soziale Mobilität, einschließlich gesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten, wie es sie, schon gar nicht, innerhalb von zwei Generationen, an Lebenschancen bisher in der deutschen Geschichte für Jüdinnen und Juden sowie deren Familien, ohne größere Privatvermögen, gegeben hat. Diese Maßnahmen, die in der Regel über die Organisationen der Antifaschist_innen erfolgten, betrafen auch ausdrücklich Nachkommen der Ersten Generation[9] . Als eingetragene Nachkommen der „Opfer des Faschismus“, beziehungsweise des „Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer“, bekamen auch Menschen wie ich preiswerte Mietwohnungen und extra Stipendien für Studienplätze. Die meisten sind auch in ihren akademischen Wunschberufen gelandet. Bei jüdischen Überlebenden und Antifaschist_innen konnten Frauen bereits mit 55 Jahren in Rente gehen und Männer mit 60 Jahren. Unter Honecker wurde die kostenlose Benutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel in der DDR für Antifaschist_innen, sogar mit einer Begleitperson, eingeführt. Es gab zudem Zusatzrenten für sie. Allerdings gab es absurderweise 300 Mark mehr Rente für „Kämpfer gegen den Faschismus“, als für „Opfer“. Das bedeutete unter Umständen, wer in der Emigration politisch tätig war, bekam mehr Zusatzrente, als diejenigen, die „nur“ aus rassistischen Gründen im KZ waren.

Natürlich hatten diese Vergünstigungen auch ihre Schattenseiten. Denn offen ausgetragene, politische Konflikte mit der SED-Parteilinie, etwa auch über die Westmedien, konnten unter Umständen die günstigen Bildungs- und Berufsbiografien durchkreuzen. Andererseits hatten jüdische Überlebende und ihre Nachkommen entschieden mehr politische Spielräume als andere, wie ich aus eigenen Erfahrungen und denen meines jüdischen Umkreises weiß. Sie waren nämlich nicht wie nichtjüdische Oppositionelle oder Regimekritiker automatisch dem Faschismusverdacht ausgesetzt. Wie widersprüchlich diese sozialen Vergünstigen auch gewirkt haben mögen, es kann der SED-Spitze nicht vorgeworfen werden, keinerlei „Wiedergutmachung“ geleistet zu haben, im Gegenteil.

Auch diese nach 1945 politisch sinnstiftenden und außerordentlich günstigen Arbeits- und Lebensbedingungen in der SBZ/DDR waren, trotz aller politischen Konflikte, ein entscheidendes Motiv dafür, dass sich relativ viele dieser Familien in der kriegszerstörten SBZ/DDR wieder ansiedelten und nicht in der BRD. Dort gab es diese sozialen Fördermaßnahmen nicht und zudem gehörten unvergleichlich mehr NSDAP-Mitglieder weiterhin zu den Funktionseliten. Hier mussten Restitutionen oft langwierig juristisch erstritten werden und hingen in der Höhe vom enteigneten Vermögen in der NS-Zeit ab.

NS-Aufarbeitung in der DDR durch jüdische Überlebende

Thomas Haury schrieb über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR: „Eine Auseinandersetzung um Schuld und Verantwortung an den Verbrechen der Nationalsozialisten, wie sie in der Bundesrepublik ab Ende der 1950er Jahre zögernd begann, wurde in der DDR nie geführt ... Daher lautete das Angebot an die Millionen ehemaliger Mitglieder und Sympathisanten der NSDAP: wer sich loyal zum neuen Regime verhält, über dessen Vergangenheit wird hinweggesehen ... [ Schuld sei nur] ... das Finanzkapital ...[10] Ähnlich heißt es bei Monika Grütters, derzeit Vorsitzende der Berliner CDU und Staatsministerin für Kultur und Medien, angesiedelt bei der Bundeskanzlerin: „So kam es in der Bundesrepublik zu heftigen Auseinandersetzungen um die Verstrickung eines Teils der Eliten in die Shoah. In der DDR konnte und sollte über diese Frage kein Diskurs stattfinden.[11]

Erst einmal sind solche Sätze auch ohne ein Wissen der weitreichenden Mitarbeit von jüdischen Intellektuellen in der Aufbauzeit der DDR von viel Ignoranz gezeichnet. Es gab, wie der Politikwissenschaftler Michael Lausberg schrieb, sofort nach 1945, im Gegensatz zur BRD, über 260 Entnazifizierungskommissionen in der SBZ/DDR, an denen insbesondere auch KZ-Überlebende mitarbeiteten. Dadurch wurden über 520.000 NS-Belastete aus öffentlichen Verwaltungen entfernt. Es wurden über 71 Prozent der NS-Lehrer_innen entlassen und dafür unbelastete Neulehrer_innen ausgebildet und eingestellt. Lausberg schlussfolgerte: „Insgesamt muss aber festgestellt werden, dass die Verfolgung von NS-Tätern in der DDR, insbesondere im Vergleich zu den Anfängen der Bundesrepublik, mit größerer Konsequenz der Institutionen und Verwaltungen durchgeführt wurden.[12] Er bezieht sich dabei auch auf Forschungsbeiträge, die von Jürgen Kocka und Martin Sabrow herausgegeben wurden und Wolfgang Grams ergänzt, dass in Westdeutschland die in der DDR gefeuerten Lehrer ehemals ostdeutsche, aber auch rechte Lehrerverbände bildeten.[13]

Vor diesem Hintergrund soll nun herausgehoben werden, dass viele der Jüdinnen und Juden, ob in hohen und niedrigen Funktionen, sich an der NS-Bewältigung beteiligten. Innerhalb der damals betriebenen Remigrationspolitik wurden jüdischen Rückkehrer_innen oder unpolitischen jüdischen Überlebenden oft und schnell wichtige Positionen anvertraut. Eine Verwandte, Florence Singewald, Auschwitz-Überlebende, parteilos, berichtete über ihre Nachkriegszeit in Erfurt:

Das Gute war, dass wir jüdische Bürger wieder Menschen unter Menschen waren. Zuerst habe ich bei der Entnazifizierung im Rathaus mitgearbeitet. Wir haben die ganzen Akten durchgesehen, wer Parteigänger war und wer nicht, wer gegen die Menschlichkeit gehandelt hat oder nur Mitläufer war. Wir haben damals fast rund um die Uhr gearbeitet. Ich konnte mithelfen, zwei Menschen dingfest zu machen, die Freunden von mir den Weg nach Treblinka verschafft hatten … Nachher habe ich noch Akten der Eisenbahner durchgesehen. Wir waren ein Gremium von mindestens zwölf Personen… Ich habe mich bei dieser politischen Tätigkeit sehr wohl gefühlt, weil ich etwas tun wollte, um einen neuen Staat mit aufzubauen…[14]

Gewiss, eine „Stunde Null“ hat es auch in der SBZ/DDR nie gegeben. Man konnte auch dort nicht alle Mitglieder von NS-Organisationen und die Mitläufer_innen dauerhaft in Kriegsgefangenenlager einsperren oder in Quarantäne halten, bis das NS-Virus vollständig abgeklungen war. Wer sollte also den Wiederaufbau leisten?

Kurt Goldstein, Spanien-Kämpfer, jüdischer Auschwitz- und Buchwald-Überlebender, der in der DDR Intendant des Deutschlandsenders wurde, berichtete über seine ersten Schritte nach 1945. Er, der durch den Aufstand der illegalen internationalen Lagerleitung, vier Tage bevor die Amerikaner kamen, aus dem KZ-Buchenwald befreit wurde, sagte über die notwendige Integration von Soldaten und jugendlichen Mitläufern der NS-Herrschaft nach 1945:

… Einer der Gründe war, [dass einige in den Westen gingen], dass sie sich von uns nicht immer an die Verbrechen der Nazis erinnern lassen wollten. Fragt eure Eltern ... eure Väter, was sie gemacht haben. Fragt eure Mütter, ob sie Pakete bekommen haben, die eure Väter den Russen, Franzosen, Belgiern, Holländern weggenommen haben. Wir haben den Bürgern die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Faschismus nicht erspart. Wenn manche heute sagen, wir hätten den Widerstand überbewertet, dann sage ich, wir haben den Leute auch ermöglicht, sich mit uns zu identifizieren. Dass es dabei Versäumnisse gegeben hat, wo gäbe es das nicht? Heute sieht man die Versäumnisse klarer. Aber man muss das aus der Sicht von 1945 sehen.“[15]

Die NS-Aufarbeitung war allen Jüdinnen und Juden, die in die DDR zurückkehrten, eine primäre Angelegenheit. Walter Besser wurde nach 1945 Stadtplaner in Ostberlin. Er überlebte zusammen mit seiner ersten Frau, die er mitten im Krieg noch in einer der letzten jüdischen Hochzeiten in Berlin geheiratet hatte. Das Ehepaar konnte sich zwei Jahre [durch Geldzahlungen] in einem engen Kellerraum, in Altlandsberg bei Berlin verstecken und dadurch überleben. Er erzählte über seine Arbeit und sein Leben als Berliner Stadtplaner nach 1945, stellvertretend für die gesellschaftlich relevanten Lebensleistungen und politischen Auffassungen vieler Jüdinnen und Juden der Ersten und Zweiten Generation in der DDR u.a.:

Mein Hauptstreben war damals, [nach 1945] ein einigermaßen gutes Leben zu führen und zu helfen, die großen Zerstörungen des Krieges, die Trümmer zu beseitigen und zu sehen, wie man sein Leben und das Leben der anderen mitgestalten kann. Charakterlich hatte ich mich durch die Nazizeit eigentlich nicht verändert, aber ich bin natürlich politischer geworden ... aber deswegen bin ich hier in der DDR geblieben. Ich hätte noch rüber gehen können, aber ich habe mir gesagt, hier wird was Neues entstehen! Natürlich mussten wir erst das Chaos beseitigen. Der Aufbau war furchtbar schwer, bis in die fünfziger Jahre. Die ganzen Ruinen wegzuräumen und alles neu zu gestalten, auch die sozialen und kulturellen Einrichtungen. Da hatte ich am meisten mit zu tun. Das war der Sinn meines Lebens nach 1945 … Die Nachkriegsentwicklung habe ich insgesamt begrüßt.[16]

Ich will es bei diesen drei Erinnerungen und Narrativen belassen. Aber sehr viele Jüdinnen und Juden, mit denen ich sprach, erzählen aus ihrer Zeit in der DDR ähnliches. Sie alle beteiligten sich auf die eine oder andere Weise am antifaschistischen und sozialistischen Wiederaufbau, es war keine Frage des Ob, sondern nur des Wie.

Wurden Erinnerungen an Juden, Völkermord, NS-Verstrickung in der DDR ausgelöscht?

Konrad Weiß, der selbst zwei staatlich finanzierte und zum Teil prämierte Dokumentar-Filme in der DDR zum Thema drehte, aber durchaus auch Schwierigkeiten dabei hatte, schrieb: „Ich finde mit dieser Politik [damit, dass man nichts über Juden, Judentum und Israel in der DDR wusste] ... hat die SED die Politik der Nationalsozialisten, alles Jüdische auszulöschen, fortgesetzt.“[17] Annette Leo und Anetta Kahane betonen in der Wanderausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung, unter dem Titel „Das hat es bei uns nicht gegeben. Antisemitismus in der DDR“, es habe einen alltäglichen oder strukturellen Antisemitismus gegeben sowie dessen systematische Leugnung durch die SED-Führung[18] . In diesem Fall schreiben hier sogar ostdeutsche Autor_innen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Gewiss hätte es noch mehr Anstrengungen bedurft, um die NS-Zeit und antisemitische Vorurteile aufzuarbeiten, sowie die Verantwortung der Deutschen für das Geschehene zu thematisieren. Aber wie lange hat es in der BRD und weltweit teilweise bis heute gedauert, diese Verbrechen bewusster zu machen? Die Konzentration auf den Wiederaufbau, mit den jeweiligen Gesellschaftskonzeptionen, initiiert durch die Besatzungsmächte und ihre innenpolitischen Verbündeten war, nach der Schockstarre des Kriegsendes, in beiden deutschen Staaten eine bevorzugte identitätsstiftende Überlebensstrategie. Dennoch hat es in der SBZ/DDR von Anbeginn sehr starke kulturelle Bemühungen gegeben, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und zwar viel früher und intensiver als in der BRD, die Verantwortung des Einzelnen für den NS-Völkermord eingeschlossen.

Es existieren unzählige Buchveröffentlichungen zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen, zum Völkermord an den Jüdinnen und Juden, zur jüdischen Geschichte sowie Kultur. Renate Kirchner, einst langjährige Bibliothekarin und Ehefrau des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Ostberlin, Peter Kirchner, hat diese in einer sehr verdienstvollen Bibliografie veröffentlicht. Sie sind zum Teil in sehr hohen Auflagen, von den späten 1940er Jahren bis zum Ende der DDR erschienen und konnten in den dortigen Bibliotheken auch ausgeliehen werden.[19] In der Bibliografie werden unter folgenden Überschriften 1.078 Titel aufgelistet, die vielfach von jüdischen Autor_innen verfasst wurden, die auch in der DDR lebten. Im Durchschnitt wurde damit alle 14 Tage in der 45-jährigen SBZ/DDR-Geschichte, etwa ein Titel aus den folgenden Themenkomplexen publiziert. Die Zahlen hinter den Stichworten beziehen sich auf die Buchtitel: Nationalsozialismus und Judenverfolgung: 544; Antisemitismus/Rassismus: 14; Jüdische Religion/Philosophie/Kultus/Brauchtum: 94; Jüdische Geschichte: 82; Die Welt der Ostjuden: 84; Palästina/Israel/Naher Osten: 37; Jüdisches Leben in anderen Ländern: 37; Lebens- und Werkbetrachtungen berühmter Jüdinnen und Juden: 122.

Die Spiel- und Dokumentarfilme in der DDR sollen zudem erwähnt werden. Laut einer außerordentlich verdienstvollen, lexikalischen Dokumentation der Filmhistorikerin Elke Schieber wurden in der SBZ/DDR ca. 1.129 Filmtitel, das heißt Spielfilme, Dokumentarfilme und TV-Magazinbeiträge sowie Dokumentationen in dieser Zeit zu thematischen Schwerpunkten wie Jüdinnen und Juden sowie zur NS-Zeit produziert.[20] Diese Filme liefen vielfach im Kino, später auch mehrfach im Fernsehen der DDR und erreichten ein Millionenpublikum. Dazu kommen unzählige antifaschistische Spielfilme aus dem osteuropäischen aber auch dem westlichen Ausland, die im Kino und Fernsehen liefen. Gerade die Filmproduktionen zeigen, dass sie in ihrem Aufklärungsansatz dem westlichen Deutschland weit voraus waren.

Der erfolgreiche erste DEFA-Spielfilm „Die Mörders sind unter uns“ (mit Hildegard Knef/Regie Wolfgang Staudte) ist nur ein Beispiel dafür, wie stark die Aufarbeitung der NS-Zeit im Vordergrund stand: Dies war der erste deutsche Film überhaupt nach dem Krieg, der 1946 in den ostdeutschen DEFA-Studios produziert wurde. „Die Mörder sind unter uns“ erzählt die Geschichte der 1945 aus dem KZ zurückgekehrten Fotografin und Illustratorin Susanne Wallner, die in ihrer ehemaligen Wohnung den traumatisierten Kriegsteilnehmer und Alkoholiker Dr. Hans Merten antrifft. Durch Zufall begegnet Hans dem totgeglaubten Kriegskameraden Brückner, den er einst nicht davon abhalten konnte, 121 Zivilisten, Frauen und Kinder zu erschießen. Er beschließt Brückner durch Selbstjustiz zu töten, wovon ihn Susanne in letzter Sekunde abhalten kann, um am Ende Brückner ins Gefängnis zu bringen. Ähnliche Themen behandelte der Film „Ehe im Schatten“ vom jüdischen Überlebenden und Regisseur Kurt Maetzig; auch bekannt ist „Der Untertan“ von Staudte.

Welche vergleichbaren Filme gab es dagegen in Westdeutschland? Es war ebenfalls der 1958 in den Westen gegangene Staudte, der mit dem Film „Rosen für den Staatsanwalt“ 1959 den Nationalsozialismus thematisierte – also mehr als 10 Jahre nach „Die Mörder sind unter uns“. Sehr aufschlussreich ist auch der Vergleich von Filmen über den Holocaust: Konrad Wolfs Film „Sterne“ von 1959 war einer der bekanntesten Filme, die in der DDR produziert wurden. Es dauerte dagegen bis 1979, als die umstrittene und kommerzialisierte US-TV-Serie „Holocaust“ in den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wurde und Breitenwirkung im Westen zu dieser Thematik erzeugte, aber auch Bombenanschläge von Rechten nach sich zog.

Es gab darüber hinaus auch eine Vielzahl an Theaterstücken, die bereits in der frühen SBZ/DDR zur Erstaufführung gelangten. Sie machen nicht bloß das „Finanzkapital“ für die NS-Verbrechen verantwortlich, sondern verweisen auch auf die Selbstverantwortung des Einzelnen, wie etwa das erste Nachkriegsstück im Deutschen Theater: „Nathan der Weise“ von Lessing. Viele Deutsche erinnerten sich an das Stück noch aus ihrer Schulzeit und die im Stück enthaltene Ringparabel über die Gleichberechtigung der Religionen wurde daraufhin zum Schulstoff in der DDR. Erinnert sei auch an „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht, mit dem er seine Theaterarbeit in Ostberlin eröffnete. Dieses Parabelstück, dass die nationalsozialistische Zeit mit der Frage aufarbeitet, ob die Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren, ihre Kinder für einen falsch versprochenen Wohlstand verkauft hatten, wurde international aufgeführt. Weitere Brecht-Stücke in diesem Sinne waren „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ und „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“.

Was den Literaturunterricht angeht, ist eine Aufzählung ob der Unzahl an Werken zu diesen Themen nicht möglich. Hier zitiere ich lediglich das Fazit zum Literaturunterricht in der DDR, also noch nicht einmal zum Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht, des Publizisten Matthias Krauß:

…es lässt sich begründet behaupten, dass die wichtigsten deutschen künstlerischen Zeugnisse zu diesem Thema [eindringliche und erschütternde Zeugnisse der faschistischen Judenverfolgung] in der DDR entstanden sind und nicht in der Bundesrepublik. Davon war der Deutschunterricht nicht allein berührt, davon war er durchtränkt.[21]

Zitierweise: Wolfgang Herzberg, "Jüdische Überlebende, NS-Täter und Antisemitismus in der DDR Teil I - Gegen DDR-Zerrbilder westdeutsch dominierter Geschichtsschreibung", in: Deutschland Archiv, 17.12.2020, Link: www.bpb.de/324697

Hier geht es zum zweiten Teil von Wolfgang Herzbergs Debatten-Beitrag >>

Fußnoten

1.
Harry Waibel, Kritik am Antisemitismus in der DDR, in: Zukunft braucht Erinnerung. Das Online Portal zu historischen Themen unserer Zeit, 20.09.2006, https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/kritik-des-antisemitismus-in-der-ddr/, letzter Zugriff 07.12.2020.
2.
Michael Wolffsohn, Die Deutschland-Akte. Juden und Deutsche in Ost und West. Tatsachen und Legenden 2. Auflage, München 1996, S. 383 ff.
3.
Wolfgang Benz, Das Feindbild Israel als Erbe der DDR, Der Tagesspiegel, 23.02.2019, https://www.tagesspiegel.de/wissen/antizionismus-das-feindbild-israel-als-erbe-der-ddr/23983022.html, letzter Zugriff 07.12.2020.
4.
Micha Brumlik, In der DDR wurde die NS-Zeit verdrängt, in: Die Zeit, 11, 5.03.2020, https://www.zeit.de/2020/11/nationalsozialismus-aufarbeitung-ddr-bundesrepublik-antisemitusmus-micha-brumlik, letzter Zugriff 07.12.2020.
5.
Mario Keßler, Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR, Wien 2019, S. 475.
6.
Jürgen Habermas zitiert nach Michael Stallknecht, Wie es die Linke mit dem Antisemitismus hält, in: Süddeutsche Zeitung, 01.07.2011, https://www.sueddeutsche.de/kultur/verhaeltnis-zu-israel-wie-haelt-es-die-linke-mit-dem-antisemitismus-1.1114552, letzter Zugriff 07.12.2020.
7.
Harald Kretzschmer zitiert von Vincent von Wroblewsky, Juden und die DDR - eine unheimliche Liebe, Berlin 2001, S. 70.
8.
Mario Keßler, Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967, Berlin 1995, S. 45. Hier wird dies vor allem über die erste Generation Juden bestätigt.
9.
Daniela Dahn, Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit - eine Abrechnung, Hamburg, 2019, S. 170.
10.
Thomas Haury, Antisemitismus in der DDR, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Dossier Antisemitismus, 28.11.2006, bpb.de/ 37957, letzter Zugriff 4.11.2020. Hier fasste Haury offenbar Grunderkenntnisse aus seiner Dissertation zusammen.
11.
Grußwort von Staatsministerin Monika Grütters in: Andreas Apelt, Maria Hufenreuter Antisemitismus in der DDR und die Folgen. Berlin 2016, S. 130. Dem ist eine gleichnamige Konferenz vorausgegangen, die „auf Beschluss des Deutschen Bundestages“ durch die Staatsministerin finanziell gefördert wurde.
12.
Thomas Lausberg, Entnazifizierung in der DDR, in: Onlinezeitung scharf-links, 27.10.2016, http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=58071&tx_ttnews[cat]=27&cHash=9709de4cdd, letzter Zugriff 4.11.2020.
13.
Jürgen Danyel/Olaf Groehler/Mario Kessler, Antifaschismus und Verdrängung. Zum Umgang mit NS-Vergehen in der DDR, in: Jürgen Kocka/Martin Sabrow (Hg.), Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven, Berlin 1994, S. 149; Wolfgang Grams beschreibt diese Entnazifizierungsarbeit ebenfalls anhand des gründlichen Austausches der Lehrer_innen, lässt aber leider aus, dass all diese Entnazifizierung unter einer antifaschistischen Führungsriege stattfand: Wolfgang Grams, Die Nazis hüben und drüben. Wie braun waren beide deutsche Staaten?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5/2020.
14.
Wolfgang Herzberg, Überleben heißt Erinnern. Lebenswelten deutscher Juden, Berlin 1990, S. 64-65.
15.
Ebd. S. 327-328.
16.
Ebd. S. 261-262.
17.
Konrad Weiß, Antisemitismus und Israelfeindschaft in der DDR. Vortrag in der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin. 5.9.2006.
18.
Anetta Kahane/Heike Radvan/Annette Leo, Das hat’s bei uns nicht gegeben! Antisemitismus in der DDR: Das Buch zur Ausstellung der Amadeo Antonio Stiftung, Berlin 2010.
19.
Renate Kirchners Bibliografie: Jüdisches in Publikationen aus DDR-Verlagen. 1945-1990, in: Detlef Joseph, Die Juden und die DDR. Eine kritische Untersuchung, Berlin 2009, S. 264-399.
20.
Elke Schieber, Tangenten. Holocaust und jüdisches Leben im Spiegel audiovisueller Medien der SBZ und der DDR 1946-1990 – Eine Dokumentation. DEFA-Schriftenreihe, Berlin 2016.
21.
Mattias Krauß, Völkermord statt Holocaust, Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR, Leipzig 2007, S. 182.
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