Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Gerhard Sälter

Zu den Zwangsräumungen in Berlin nach dem Mauerbau 1961

IV.


Volkspolizisten überwachen die Räumung von Häusern in der Bernauer Straße, 24. September 1961.Volkspolizisten überwachen die Räumung von Häusern in der Bernauer Straße, 24. September 1961. (© Picture alliance, dpa)
Diese Aktionen verliefen immer gleich. Am frühen Morgen fuhren an den Nebenstraßen der Bernauer Straße zahlreiche Lastwagen auf, die von FDJlern, Studenten und Angehörigen der Kampfgruppen als Möbelpacker begleitet wurden. Gemeinsam mit Volkspolizisten betraten sie Häuser und Wohnungen an der Bernauer Straße.[22] Zunächst besetzten Bewaffnete die Fenster, damit niemand mehr flüchten konnte, dann wurden die Bewohner aufgefordert, sich – unter den Blicken der Bewacher – anzukleiden und ihre Habe zusammenzupacken. Da es in der Regel nicht möglich war, einen ganzen Hausstand in ein oder zwei Stunden zu packen, übernahmen das die freiwilligen Helfer, die die Möbel und den sonstigen Besitz auf die Lastwagen verluden. Dann brachen die LKW-Kolonnen auf, um die Menschen wegzubringen. Diese wussten, nach den überlieferten Zeitzeugenaussagen zu urteilen, zumeist nicht, in welchen Stadtbezirk und in welche Wohnung sie kommen würden und ob sie überhaupt in Berlin bleiben durften. Nachdem die Bewohner weg waren, rückten am nächsten Tag Maurer an, die die Fenster zu Straße vermauerten, bis im November die ganze Gebäudefront der Bernauer Straße eine geschlossene Steinfassade bildete. Am 7. November wurden die letzten Fenster im Haus Bernauer Straße 13 zugemauert.

Während der Räumungen gelang einigen überraschten Bewohner, teilweise unter dramatischen Umständen, noch die Flucht nach West-Berlin. Eine 57-jährige Frau sprang aus dem zweiten Stock auf den Bürgersteig, weil sie nicht auf die Feuerwehr mit ihrem Sprungtuch warten konnte, da das Räumkommando bereits an ihrer Wohnungstür war.
Am 24. September 1961 flieht die 77-jährige Frieda Schulze aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Bernauer Straße.Am 24. September 1961 flieht die 77-jährige Frieda Schulze aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Bernauer Straße. (© Ullsteinbild, Foto: Alex Waidmann)
Die 77-jährige Frieda Schulze versuchte, sich und ihre Katze aus dem ersten Stock des Hauses Bernauer Straße 29 in ein bereit gehaltenes Sprungtuch der Feuerwehr fallen zu lassen. Während sie noch zögerte, den Sprung zu wagen, drangen Volkspolizisten in ihre Wohnung ein und versuchten, sie unter Abgabe von Warnschüssen am Sprung zu hindern und wieder in die Wohnung hochzuziehen. Junge West-Berliner zogen sie in das Sprungtuch der Feuerwehr.[23] Bei einem Ehepaar verlief der Fluchtversuch tragisch. Zwar konnte die Frau noch springen und sich verletzt in die rettenden Hände der Feuerwehr flüchten, ihr Mann aber wurde, als er eben im Begriff war zu springen, von Volkspolizisten, die just in diesem Moment die Wohnungstür erbrachen, ins Zimmer zurückgerissen. Seine Flucht wurde verhindert und er selbst verhaftet.[24] Als die 80-jährige Olga Segler versuchte, in letzter Minute der Räumung zu entkommen, verunglückte sie bei ihrem Sprung aus dem 2. Stock ins Sprungtuch der Feuerwehr, verletzte sich schwer und verstarb im Krankenhaus.[25] Jedoch gelang am 24. September 13 Menschen die Flucht aus den Fenstern.[26] Zahlreiche weitere Fluchten und Fluchtversuche begleiteten die Räumungen.

Im Osten wurde die Räumungsaktion als menschliche Geste gegenüber den Grenzbewohnern dargestellt, die in ruhigere Stadtviertel umgesiedelt würden, wo sie den Belästigungen durch Lautsprecherwagen und westliche "Rowdies" nicht ausgesetzt seien. Um den deutlich sichtbaren Zwangscharakter der Aktion zu vertuschen, wurden zuschauende West-Berliner sowie die anwesende Presse durch Tränengaseinsatz, Wasserwerfer und Blendspiegel behindert.[27] Dies führte mehrfach zu regelrechten Tränengasduellen zwischen Volkspolizisten und West-Berliner Polizisten. Diese deckten einige der Fluchten, wenn die Volkspolizei sie mit gezogener Waffe zu verhindern suchte, mit ihren Schusswaffen und dem Einsatz von Tränengas.

Dass nicht alle Volkspolizisten und Helfer diese Maßnahmen billigten und nicht alle freiwillig daran teilnahmen, sieht man daran, dass mehrere von ihnen ebenfalls die Fluchtchance nutzten. Am 25. September beispielsweise gelang einem der in den Räumkommandos eingesetzten Männer die Flucht.[28] Auch der Kampfgruppenmann Heinz V. nutzte einen unbeobachteten Moment, um aus dem Fenster zu springen.[29]


Fußnoten

22.
Berliner Morgenpost, 26.9.1961.
23.
Der Tagesspiegel, Der Tag, 26.9.1961; siehe auch Berliner Morgenpost, 15.10. u. 1.11.1961.
24.
Der Telegraf, 26.9.1961.
25.
Der Telegraf, Der Tag, 27.9.1961.
26.
Der Telegraf, 26.9.1961.
27.
Der Tag, 26.9.1961.
28.
Der Tag, 26.9.1961.
29.
Interview mit Heinz V., Gedenkstätte Berliner Mauer.

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