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Der Händedruck von Verdun Deutsch-französische Symbolpolitik im Jahre 1984

Ulrich Pfeil

/ 16 Minuten zu lesen

Das Foto ist eine Bildikone. Es entstand am 22. September 1984 beim Treffen des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Verdun. Wie kam es dazu?

Historische Geste: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand. (© picture-alliance/dpa, Wolfgang Eilmes)
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„Helmut Kohl war der Kanzler der Einheit, aber für die Franzosen ist er vor allem der Kanzler der Versöhnung. Mit dieser Geste in Verdun beginnt in Wahrheit erst die deutsch-französische Freundschaft. Alles andere vorher waren vorsichtige Versuche der Annäherung. 1963, als Konrad Adenauer und General Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag unterschrieben hatten, zensierte der Präsident Jean Ferrats Chanson „Nuit et brouillard“ (Deutsch: Nacht und Nebel), das im Fernsehen und Radio nicht gesendet werden durfte. Ferrat, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war, hatte damit an die französischen Opfer des Naziregimes erinnern wollen. Man fürchtete damals tatsächlich, ein Chanson könnte das aufkeimende Pflänzchen der deutsch-französischen Freundschaft in Gefahr bringen.“

Dieser Presseartikel am Tag des Todes von Bundeskanzler Helmut Kohl spannt nicht alleine einen emotionalen Bogen der deutsch-französischen Beziehungen von den 1940er- bis in die 1980er-Jahre, sondern verdeutlicht ein weiteres Mal, dass die Bonner Außenpolitik ohne die Kenntnis der NS-Vergangenheit nicht zu verstehen ist. Der Nachgeschichte des „Dritten Reiches“ kam auch beim Treffen von Kohl mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand in Verdun am 22. September 1984 ein besonderer Stellenwert zu. Offen ist bis heute, ob es sich hierbei vor allem um ein Medienspektakel handelte – oder ob dieser Geste politisches Gewicht im Rahmen einer transnationalen Geschichtspolitik beigemessen werden muss. Im Mittelpunkt dieses Beitrags soll der historische und geschichtspolitische Kontext stehen, in dem die Gedenkfeierlichkeiten in Verdun seinerzeit von bundesdeutscher Seite vorbereitet und durchgeführt wurden. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die historisch-politischen Vorstellungen des seit 1982 regierenden Bundeskanzlers in Bezug auf seine Außenpolitik ziehen.

Das Gedenken an 40 Jahre Kriegsende im Juni 1984

Die Vorgeschichte des Treffens von Verdun begann mit der Entscheidung des neu gewählten französischen Präsidenten François Mitterrand, sein Wahlkampfversprechen aus dem Jahr 1980/81 einzulösen und den 8. Mai wieder zu einem nationalen Feiertag zu machen. Besondere geschichtspolitische Anstrengungen unternahm er auch im Vorfeld des 40. Jahrestags von Befreiung und Kriegsende 1944/45. Unter seiner Schirmherrschaft wurde im Januar 1984 ein Comité d’honneur eingesetzt, dessen Aufgabe es sein sollte, die nationalen Zeremonien zum Gedenken an Résistance und Libération sowie an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorzubereiten. Geplant waren elf Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten mit dem Höhepunkt am 6. Juni 1984, an dem eine Gedenkfeier in der Normandie unter Beteiligung der Staatsoberhäupter der westlichen Siegermächte stattfinden sollte. Für die bundesdeutsche Seite stellte sich sowohl die Frage nach der eigenen Teilnahme wie auch nach den Folgewirkungen für das Deutschlandbild in der Welt. Die Pariser Botschaft der Bundesrepublik erkannte die permanenten Bemühungen von Mitterrand für den Ausbau der deutsch-französischen Beziehungen an, zeigte sich jedoch kritisch gegenüber der französischen Tradition, „Heldengedenktage mit einem bei uns unbekannten nationalen Pathos zu feiern“. In dieser Hinsicht war auch das Vertrauen in den französischen Präsidenten begrenzt:

„Nicht zuletzt ist Präsident Mitterrand selbst ein überzeugter Nationalist und als ehemaliger Kriegsgefangener, Widerstandskämpfer und Minister für Kriegsteilnehmer in der ersten franz. Nachkriegsregierung unter de Gaulle hier persönlich engagiert und motiviert.“

Die Pariser Botschaft äußerte gar die Sorge, dass es zu einem „verspäteten Fest der Sieger über die Besiegten ausarten“ könnte: „Ein solche Veranstaltung – ohne deutsche Teilnahme – könnte in der gesamten Welt in dem Sinne verstanden werden, dass die Bundesrepublik Deutschland im Endergebnis immer noch nicht zu den klassischen Ländern der freien Welt zählt.“

Aus diesen Erwägungen heraus entschied sich die bundesdeutsche Seite, Einfluss auf die Verantwortlichen in Paris auszuüben: „Es geht darum, vor allem den Gastgeber Frankreich, aber auch die eingeladenen Verbündeten (…) darauf hinzuweisen, dass diese Feiern nicht nur gegenwartsbezogen sein dürfen. Sie müssen für die Gegenwart klarmachen, dass der Gegner von damals heute ein geachtetes demokratisches Mitglied der Völkergemeinschaft und insbesondere ein zuverlässiger Partner in der Zehner-Gemeinschaft und ein wichtiger Verbündeter in der Atlantischen Allianz ist und dass die Bundesrepublik Deutschland die stetige und konsequente Politik für den Frieden in Freiheit in diesem doppelten Verbund aktiv mitträgt.“

Es mag Bonn beruhigt haben, dass die französische Seite den 8. Mai unter das Motto „Friede, Freiheit und Völkerverständigung“ stellte. Am 3. Mai 1984 wusste die Pariser Botschaft zu berichten, dass „bei keiner der zahlreichen Veranstaltungen (…) der ‚Sieg über Deutschland‘ gefeiert“ würde. Was sollte aber wenige Woche später begangen werden, als der 40. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie anstand? Die Botschaft sah vor allem die Gefahr, dass bei der Programmgestaltung Erwägungen der französischen Innenpolitik Priorität haben könnten: „Mitterrand, der sich in einem für amtierende Präsidenten bisher unbekannten Popularitätstief befindet, verfolgt damit offensichtlich das Ziel, die innenpolitisch zunehmend gespaltene franz. Öffentlichkeit um dieses Ereignis zu sammeln und sein angeschlagenes Prestige aufzubessern. Bekanntlich sind Franzosen mit ihrem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein für derartige Feiern empfänglich. Allerdings könnte der gewünschte Erfolg beeinträchtigt werden, da nicht auszuschließen ist, dass die Opposition – nicht aus historischen, sondern ebenfalls aus innenpolitischen Gründen – Mitterrand diesen Vorgang als die deutsch-französischen Beziehungen belastend, vorwerfen wird.“ Bonn befürchtete, dass der Wandel Deutschlands nach der Niederlage des „Dritten Reiches“ und das Engagement für Verständigung, europäische Integration und westliche Bündnistreue aus dem Blick der internationalen Öffentlichkeit geraten könnte. Dass Mitterrand in der Normandie nach Informationen des Auswärtigen Amtes (AA) „auf die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft Bezug nehmen“ und „Deutschland nicht erwähnen, sondern ausschließlich von ‚den Nazis‘ sprechen“ wolle, sorgte für eine gewisse Beruhigung, doch hielt die Bonner Diplomatie die Gestaltung der Feierlichkeiten für „unbefriedigend und der Qualität der deutsch-französischen Beziehungen unangemessen“. Mitterrand stand jedoch zu seinem Wort und vermied soweit wie möglich die Wörter „Deutsche“ und „Deutschland“, sprach eher von der „Nazi-Tyrannei“ und betonte ausdrücklich die Verdienste des deutschen Widerstands. Insbesondere hob er den Wandel in den deutsch-französischen Beziehungen hervor:

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„Der Feind von gestern war nicht Deutschland, sondern die Regierungsgewalt, das System und die Ideologie, die sich des Landes bemächtigt hatten. Wir würdigen die toten Deutschen, die in den Kämpfen fielen. Ihre Söhne wie die unsrigen bezeugen, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Die Gegner von gestern haben sich versöhnt und gestalten gemeinsam das Europa der Freiheit“.

Auf dem Weg nach Verdun

François Mitterrand schien selber nicht überzeugt von der Entscheidung, den Bundeskanzler nicht in die Normandie eingeladen zu haben und brachte Kohl im Vorfeld sein Unbehagen zum Ausdruck. Das Zusammentreffen der damaligen drei Alliierten habe doch etwas „Beleidigendes“ gegenüber den damaligen Kriegsgegnern und heutigen Verbündeten, wie er bei einem gemeinsamen Treffen in Saarbrücken am 20. Mai 1984 bekannte. Zudem fürchte er, dass „ein besonderer Stich in die deutsch-französische Freundschaft getan werde“. Kohl reagierte darauf mit einer „Idee für den Herbst. Könnten nicht der Präsident und er einmal beide auf einem Soldatenfriedhof auftreten? Es gebe Friedhöfe, auf denen Deutsche und Franzosen beerdigt seien.“ Der Kanzler versprach sich davon „eine große Wirkung“ und traf bei Mitterrand auf offene Ohren. Beide Politiker hielten die Idee vorerst geheim und kamen auf das Thema beim deutsch-französischen Gipfel in Rambouillet am 29. Mai 1984 zurück. Kohl fragte dabei den französischen Präsidenten direkt, ob es für ihn „denkbar sei, dass der Präsident und der Bundeskanzler zusammen nach Verdun gingen (…). Der Irrsinn der Kriege sei dort am deutlichsten zutage getreten. Dort lägen 1 Mio. Tote aus beiden Kriegen.“ Mitterrand stimmte sofort zu und teilte diese Entscheidung noch am selben Tag der Presse mit: „Der Bundeskanzler und ich sind übereingekommen, dass wir uns treffen werden, um unserer Toten an einem Ort zu gedenken, der geschichtlich geprägt ist: Ende September werden wir uns vor den deutschen und französischen Gräbern verneigen, besonders in Verdun.“

So ist dem Journalisten und langjährigen ARD-Korrespondenten und Moderator Ulrich Wickert Recht zu geben, dass der „Auftritt von François Mitterrand und Helmut Kohl vor dem Gebeinhaus in Verdun von französischer Seite der Versuch einer Wiedergutmachung“ war. Bonn bereitete das Treffen auf höchster politischer Ebene vor. Die Vertreter des Kanzleramts und der verschiedenen Ministerien trafen dabei auf einen ungeduldigen Kanzler: „Er wolle so rasch wie möglich Vorschläge der Franzosen zum Ablauf der Gedenkstunde am 22.9.1984 in Verdun sehen.“

Auch in der Pariser Botschaft begannen umgehend geschichtspolitische Überlegungen zur Vorbereitung des Treffens. Verständigung und Versöhnung standen dabei im Mittelpunkt, sollte doch die dunkle Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen das nach 1945 Erreichte umso heller erstrahlen lassen:

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„Opfersinn, Leiden und Tod der in den Bruderkriegen verwundeten und gefallenen deutschen und französischen Soldaten lassen sich nicht in Worte fassen. In der Geschichte der beiden Völker ist Verdun Mahnmal für die Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen, wegweisendes Symbol für den Verständigungswillen und die Verständigungsbereitschaft der Menschen beiderseits des Rheins geworden. Im Wissen um die tragende Kraft der deutsch-französischen Aussöhnung als Bestandteil des europäischen Einigungswerks und in dem Ziel, durch die weitere und stetige Festigung der beiderseitigen Beziehungen einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Friedensordnung zu leisten, werden der deutsche Bundeskanzler und der französische Staatspräsident am 22.09.1984 der Franzosen und Deutschen gedenken, die durch ihren Tod auf den europäischen Schlachtfeldern der Vergangenheit den Weg zur Vernunft, Aussöhnung und Verständigung gewiesen haben.“

Das Treffen am 22. September 1984

Nachdem Mitterrand die Einladung an den Bundeskanzler am 12. September 1984 offiziell ausgesprochen und Kohl diese „zur gemeinsamen feierlichen Ehrung der Gefallenen beider Weltkriege“ zwei Tage später angenommen hatte, trafen sich am 22. September beide Staatsmänner anfänglich in Metz, um dann gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye zu fliegen, wo beide einen Kranz niederlegten, genauso wie wenige Stunden später auf dem französischen Soldatenfriedhof in Douaumont. Danach begaben sich der Präsident und der Kanzler zum Beinhaus, wo sie vom Bischof von Verdun begrüßt wurden. Im Ablaufprotokoll heißt es nüchtern: „Gemeinsames Schlusszeremoniell: Ossuaire (Beinhaus). Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl schreiten zur Kranzniederlegung. ‚Lied vom guten Soldaten‘, vorgetragen von deutschem Trompeter. ‚Sonnerie aux morts‘, vorgetragen von französischem Trompeter. Deutsche, dann französische Nationalhymne […]. Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl begrüßen die deutsch-französische Parlamentariergruppe und anschließend eine Gruppe deutsch-französischer Verdun-Veteranen und begeben sich dann gemeinsam zur Baumpflanzung.“ Die gemeinsame Erklärung von Kohl und Mitterrand vom 22. September 1984 insistierte auf dem Lernprozess, den beide Länder durchlaufen hätten, nachdem „Millionen deutscher und französischer Soldaten (…) in den erbitterten Schlachten zweier Weltkriege gefallen sind. Der Krieg hat unseren Völkern Trümmer, Leid und Trauer hinterlassen.“

Kohl und Mitterrand beschränkten sich bei ihrem Blick zurück in die Vergangenheit auf die gefallenen Soldaten und verorteten ihr Treffen im Zeichen „des Friedens, der Vernunft und freundschaftlichen Zusammenarbeit“. Darüber hinaus richteten sie den Blick in die Zukunft und platzierten ihr Treffen in einen europäischen Kontext: „Europa ist unsere gemeinsame kulturelle Heimat, und wir sind Erben einer großen europäischen Tradition (…). Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“

Geplant oder spontan?

Der Tag von Verdun ging jedoch nicht wegen der gemeinsamen Erklärung in die Geschichtsbücher ein, sondern wegen des mano a mano zwischen dem Kanzler und dem Präsidenten. Ob er geplant war, bewegt bis heute Historiker und Öffentlichkeit. Ausgehen können wir von gesellschaftlichen Erwartungen an die beide Staatsmänner, wie sie Pierre Homant, Kaplan des Knochenhauses von Douaumont, zum Ausdruck brachte: „Seit langem schlagen wir hier eine moralische Annäherung vor. Ich hoffe, dass dieses Treffen Mitterrand/Kohl eine Geste darstellen wird, dass sie sinnbeladen sein wird (…). Die Versöhnung kann nur auf moralischen Kriterien beruhen, nicht auf politischen. Diese doppelte Vorgehensweise der Staatsmänner muss die Herzen berühren und eine tiefe Bedeutung haben, die bei allen das Gefühl hervorrufen muss, welches die Soldaten in den Gräben empfunden haben: über den Krieg hinaus eine schmerzliche Bruderschaft. Ein Bewusstsein vom menschlichen Dasein.“

Der Historiker Ulrich Lappenküper geht nicht von einem geplanten Akt aus, sondern macht bei Mitterrand ein ausgeprägtes Gespür für die Bedeutung der Geschichte im Leben von Franzosen und Deutschen aus, sodass er plötzlich seine Hand ausstreckt habe, die Kohl erleichtert als Zeichen der Versöhnung annahm und sich damit in eine Linie mit seinem Ziehvater Adenauer stellen konnte.

Welche emotionale Ausstrahlung der Händedruck entfaltete, geht direkt aus dem offiziellen Protokoll der bundesdeutschen Diplomatie hervor: „Minutenlang verharrten Präsident und Kanzler barhäuptig Hand in Hand vor dem Mahnmal gegen die Sinnlosigkeit des Krieges (…). Die Gedenkfeier war eindrucksvoll, die ineinander verschlungenen Hände des französischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundeskanzlers waren symbolträchtig. Wer noch von Emotionen erfasst werden kann – und dies waren nicht wenige der in Douaumont Anwesenden – konnten sich der Wirkung dieses Bildes nicht entziehen. Man wurde unwillkürlich an den Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Brandt in Warschau 1970 erinnert.“ In der deutschen Öffentlichkeit erfuhr der Händedruck von Mitterand und Kohl neben vereinzelten Frotzeleien in jenen Presseorganen, die dem Kanzler seit jeher kritisch gegenüberstanden, allgemein eine positive Resonanz. Es ist sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass die Geste von Verdun heute zu den wichtigsten Bildikonen der deutsch-französischen Verständigungsgeschichte nach 1945 zählt.

Das Urteil der Historiker

Unter den Historikern kontrastieren die Einschätzungen. Edgar Wolfrum kommt zu dem Schluss, dass beide Staatsmänner „eine Symbolpolitik betrieben wie noch niemals zuvor“, habe es doch kein „stärkeres Symbol (…) seit dem ‚Bruderkuss‘ zwischen Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale von Reims“ gegeben. Andere, wie der Kohl-Biograph Hans-Peter Schwarz, überkam angesichts der deutsch-französischen Symbolpolitik ein Gefühl der Übersättigung, „nachdem Adenauer und de Gaulle bereits zwanzig Jahre zuvor alles Erforderliche gesagt und der Öffentlichkeit vor Augen geführt“ hatten. Noch kritischer fällt das Urteil der Wissenschaftler beim Blick auf die von Kohl in Verdun betriebene Geschichtspolitik aus. Hans-Gerd Jaschke sieht beim Kanzler den Versuch, im Namen der Versöhnung rationale politische Ursachenzusammenhänge für das „Dritte Reich“ und den von ihm betriebenen Vernichtungskrieg auszublenden: „Die rituelle Bekräftigung der ‚Versöhnung über den Gräbern‘ hat die Form politischer Ästhetik. Sie konzentriert und verdichtet im metaphysisch-religiösen Kontext eines Friedhofs zentrale Aussagen eines konservativ interpretierten Staatsverständnisses ([…). Das Arrangement hebt Diskursivität auf zugunsten einer durch feierliche Gesten bekräftigten Glaubensdogmatik. Politische Symbole als ‚Rationalitätsersatz‘ (…) verdichtet die kollektiven, teils lebendig-tragischen, teils verdrängten, teils gleichgültig-unwissenden, in der Generationsfolge gebrochenen Erinnerungen an das Dritte Reich auf einen Punkt: Feierliches Gedenken bedeutet metaphysisches Erinnern, plakatives Bekennen, repräsentatives ‚Beschweigen‘ (Lübbe).“ Eckart Conze wirft bei der Wahl des Ortes die Frage auf, ob der Kanzler nicht auch hier das Ziel verfolgte, „die Bundesrepublik und die sie mittlerweile tragende Generation von Nationalsozialismus und von deutscher Schuld zu distanzieren“. Ihn beschleicht die Vermutung, dass Kohl die „Knochenmühle“ Verdun nutzen wollte, diesen Ort der nutzlosen Aufopferung und des sinnlosen Gemetzels des Ersten Weltkrieges, um die deutschen Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges in den Hintergrund zu drängen und schließlich das eigene Verhältnis zur NS-Vergangenheit zu „normalisieren“: „Die Geste von Verdun umging die Problematik einer auf den Zweiten Weltkrieg bezogenen Versöhnung, die sich in jedem Falle mit einer Anerkennung deutscher Schuld hätte verbinden müssen.“

Sowohl innen- wie außenpolitisch wurde Kohl der Vorwurf gemacht, einen geschichtspolitischen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen zu wollen. Stärker noch als in Verdun verdichtete sich dieser Eindruck bei der deutsch-amerikanischen Zeremonie auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg (5. Mai 1985) im Beisein von Ronald Reagan. Unter der Ägide von Kohl wurde hier der Opfergang verheizter und missbrauchter Soldaten als Teil einer gemeinsamen Geschichte rituell in Szene gesetzt.

Dass Kohls Geschichtspolitik von einer Schlussstrichmentalität durchdrungen war, bekannte er selbst bereits im Vorfeld von Verdun gegenüber dem ungarischen Ministerpräsidenten György Lázár: „Er wolle mit Präsident Mitterrand deutlich machen, dass unter die Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen werde.“ Somit muss auch das Treffen von Verdun in den geschichtspolitischen Kontext der „geistig-moralischen Wende“ gestellt werden. Als geschichtspolitischer Akteur in der Diskussion um den Ort der Deutschen in der Geschichte wollte Kohl die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1984/85 wohl dazu nutzen, eine Relativierung der NS-Zeit und eine stärkere Identifikation mit der bundesrepublikanischen „Erfolgsgeschichte“ zu erreichen. Nachdem in der westdeutschen Öffentlichkeit zumindest seit Anfang der 1980er-Jahre „die Frage nach den Ursachen der NS-Herrschaft, der Schuld und Verantwortung nicht mehr nur an Staat und Politik, sondern auch an die Gesellschaft gestellt, die eigene Involvierung zunehmend thematisiert“ worden war, redete Kohl entlastenden und rechtfertigenden Deutungen der deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs implizit das Wort.

Fazit

„Ein Volk, das sich von seiner Geschichte abwendet, gibt sich auf (…). Für die Untaten der NS-Gewaltherrschaft trägt Deutschland die Verantwortung vor der Geschichte. Diese Verantwortung äußert sich auch in nie verjährender Scham. Wir werden nicht zulassen, dass etwas verfälscht oder verharmlost wird.“ Nach seiner Rede vor der Knesset im Januar 1984 („Gnade der späten Geburt“) und den Gedenkfeierlichkeiten in Bitburg hatte die deutsche und internationale Presse Helmut Kohl mit viel Häme überschüttet, weil die Distinktion von Opfern und Tätern zu verwischen drohte. Seine hier zitierte Rede vom 21. April 1985 aus Anlass des 40. Jahrestages der Befreiung des KZ Bergen-Belsen war auch eine Antwort auf diese Kritik und verleitet zu dem Schluss, dass die „Beschäftigung mit dem eigenen Bild im Ausland“ auch in der Ära Kohl „geradezu eine Obsession der Deutschen“ war. Der Kanzler versuchte auf außenpolitischem Terrain, „die prekäre Balance der Geschichtsbetrachtung zwischen nationalsozialistischer Vergangenheit und demokratischer Zukunft“ zu halten, doch obwohl er sich in Bergen-Belsen zur „historischen Haftung“ für die deutschen Verbrechen bekannte, haftete ihm doch – im Gegensatz zu Richard von Weizsäcker – der Makel des Geschichtsrevisionisten an. Während Willy Brandt 1970 bei seinem Warschauer Kniefall der Frage nach den Tätern und der individuellen Verantwortung der Deutschen nicht ausweichen wollte, war bei Kohl auch in Verdun der Wille zum Schlussstrich nicht zu übersehen.

Zitierweise: Ulrich Pfeil, "Der Händedruck von Verdun", in: Deutschland Archiv, 17.09.2024, www.bpb.de/552233. (ali)

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