Beleuchteter Reichstag

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24.4.2012 | Von:
Gerhard Barkleit

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

In ambitionierten Debatten um eine Rückbenennung der Stadt in "Königsberg" greifen die Akteure ebenfalls gern auf emotionale Argumente zurück. So behauptet Evgenij Ju. Vinokurov, dass "alles, worauf wir stolz sind, das ist Königsberg" und nennt beispielhaft "die Parks und das Grün, die Festungsanlagen und das Bernsteinmuseum, den Dom und die Kirchen, [Immanuel] Kant und die Albertina, den Bahnhof und den Kulturpalast der Seeleute" sowie einige Straßen, "den Zoo, den Hafen und den Schifffahrtskanal". Die Sorgen vieler, die Rückbenennung könnte zu einer Regermanisierung der Region und ihrer Abspaltung von Russland führen, teilt er nicht. Er ist überzeugt davon, dass "ein Mensch, der sein ganzes Leben oder einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Kaliningrad verbrachte, auch die andere Architektur in sich aufsaugte: den roten Ziegel, das spitze Dach, das tafelförmige Pflaster, den Dachziegel, den Sockel aus Granit." Gleiches gelte nicht nur der Architektur, sondern auch für "kulturelle und sprachliche Symbole".[3]

In den Thesen zu ihrer Dissertation über "Regionale Identität als Kategorie politischer Praxis" beschrieb Anna M. Karpenko im Jahre 2008 am Beispiel des Kaliningrader Gebietes den Jahrzehnte andauernden, aber nur wenig erfolgreichen Versuch der "Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses der neuen Bewohner der Region, der Umsiedler". Als "zentrales Element des offiziellen Diskurses" habe die Bezugnahme auf das Ende des Zweiten Weltkrieges als Beginn der Geschichte der Region gedient, schreibt sie. Die deutsche Vorgeschichte sei "vergessen oder zielgerichtet zerstört" worden. Allerdings sei diesem "Projekt" bestenfalls ein Teilerfolg beschieden gewesen. Die Lebenswirklichkeit "im Kontext einer 'fremden Kultur', in erster Linie die materiellen Lebensbedingungen", habe "die Suggestivkraft des offiziellen Diskurses begrenzt".[4] In der postsowjetischen Periode sei dann die Debatte über die Herausbildung der "Kaliningrader als Gruppe" zusammen mit der Negierung oder Bestätigung einer "Kaliningrader Eigenheit" durch "innere Experten" zu einem wichtigen Teil des regionalen politisch-kommunikativen Prozesses geworden.

Der von Karpenko analysierte Diskurs, das sollte nicht vergessen werden, fand zu Sowjetzeiten in einem politischen System statt, das Meinungsfreiheit nicht kannte. Totalitäre Herrschaft praktizierte stattdessen in ausgesprochen sensiblen Bereichen die sattsam bekannten "gelenkten" bzw. "verordneten" öffentlichen Debatten. In der postsowjetischen Ära wird dieser Diskurs in einer Gesellschaft geführt, die den Umgang mit der Meinungsfreiheit erst mühsam erlernen muss.

Das erfuhren auch Studenten der Europa-Universität Viadrina, die in einem Oral-History-Seminar im Sommersemester 2005 Erfahrungen zur transnationalen Geschichte Kaliningrads sammelten. Das "offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion" sei unübersehbar "von entscheidender Bedeutung für die Erinnerung von Zeitzeugen", so das Fazit der vier Autoren. Auf Beispiele für Zensur und Selbstzensur stießen sie in den Redaktionen von Tageszeitungen. "Es gibt Sachverhalte über welche ich nie in meiner Zeitung schreiben werden darf", erklärte ihnen ein Journalist.[5] Christian Timm, studentischer Analyst der 750-Jahrfeier, attestiert der gegenwärtigen Geschichtspolitik und lokalen Identität der Stadt, dass sich hier noch "das sowjetische Kaliningrad und das preußisch-deutsche Königsberg in ihrer Symbolkraft gegenüber" stehen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche intensiviert gegenwärtig ihre Bemühungen, das zu ändern. Mit rechtstaatlich bedenklichen Methoden ist sie drauf und dran, die deutsche Vorgeschichte im Bereich der Sakralbauten weitestgehend auszulöschen.[6]


Fußnoten

3.
Vgl. Evgenij Ju. Vinokurov, Kaliningradu dolžno byt’ vozvraŝeno ego preŝnee nazvanie – Kënigsberg [Kaliningrad muss seinen früheren Namen zurückerhalten – Königsberg], in: Baltijskie issledovanija [Baltische Forschungen]. National’nye u religioznye men’šinstva v Baltijskom regione, Bd. 2, Kaliningrad 2004, S. 89–93.
4.
Anna M. Karpenko, Avtoreferat dissertacii na soiskanie učenoj stepeni kandidata političeskih nauk [Thesen zur Dissertation rer. pol.], Moskau 2008. – D. Vf. dankt Anna Karpenko für die Überlassung der Thesen ihrer Dissertation.
5.
Raphael Jung u. a., »Das ist eine heikle Frage …«. Die Nachkriegszeit Kaliningrads im Gedächtnis von Zeitzeugen und Öffentlichkeit, Beitrag auf dem trilateralen Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads, EUV Frankfurt (O.) 2005.
6.
Vgl. Christian Neef, »Wir leben unseren Traum«, in: Annette Großbongardt u. a. (Hg.), Die Deutschen im Osten Europas. Eroberer, Siedler, Vertriebene, München 2011, S. 94–105.

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