Beleuchteter Reichstag

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20.4.2012 | Von:
Claudia Simone Dorchain

Jüdischer Humor in Deutschland

Die Kontroversen von Landmann/Torberg und die aktuelle Frage nach der Selbstverortung jüdischen Humors – als Zynismus bei Allen oder als "Erlösung", wie Levy formuliert – zeigen, wie schwierig dieses Phänomen bleibt. Jüdischer Humor in Deutschland – weitestgehend unbekannt. Bis ein junger Papenburger auf der Bühne Schäferhunde mit SS-Mützen und Davidsternen verkleidete und verkündete: "Ich bin Jude, ich darf das."[11] Fakt ist: Polak füllt mit seinen Comedy-Programmen eine Lücke, denn jüdischer Humor wurde in der deutschen Nachkriegszeit kaum angeboten und nachgefragt. Doch die Art und Weise, wie er seit 2006 jüdischen Humor in Deutschland präsentiert, ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich und somit auch eine Untersuchung wert, welche Rückschlüsse zulässt.

Auffällig ist zunächst, dass Polaks Humor selten dialogisch gestaltet ist. Polak sagt selbst, dass seine großen Vorbilder amerikanische Standup-Comedians wie Sarah Silverman seien[12], die für ihre Monologe bekannt sind. Die amerikanische Tradition des Standup-Humors – ein Alleinunterhalter, der vor Publikum spricht – ist mittlerweile in Deutschland von so unterschiedlichen Komikern wie Anke Engelke, Mira Boes oder Ilka Bessin ("Cindy aus Marzahn") übernommen worden. Doch Polak bricht mit der Übernahme des amerikanischen Konzepts der Standup-Comedy zugleich mit einer Tradition dessen, was Landmann als den jüdischen Humor definierte: Dieser sei – unabhängig von der Sprache, wenn wir die Landmann-Torberg-Debatte des "Jiddischen" außen vor lassen – vorrangig dialogisch. Im "traditionellen" jüdischen Witz geht es häufig darum, wie Figuren mit Übernamen wie Kohn und Levy in witzigen Dialogen ihre Alltagsverständnisse beweisen. So fragt etwa Kohn den Levy im Museum für moderne Kunst: "Levy, ist das ein Porträt oder eine Landschaft?", und der Levy antwortet: "Kohn, das ist doch einfach. Da steht 'Mandelbaum in der Toskana' – also ein Porträt." Durch witzige Dialoge wie diese würde Landmann zufolge das kulturelle Selbst- und Fremdverständnis jüdischer Bürger zum einen dokumentiert, zum anderen ironisch gebrochen, und zuletzt, so möchte ich ergänzen, in einer hermeneutischen Kehrtwendung – die Dialogpartner bleiben unter sich – zurückgeführt. Ich nenne diese Kehrtwendung "hermeneutisch", da die Dialogpartner jüdische Bürger sind und das Verständnis ihrer Dialoge – das, was uns eigentlich zum Lachen bringt – ein Verständnis von jüdischer Lebenswelt voraussetzt. So könnte jemand, der nicht weiß, dass viele jüdische Bürger in Deutschland Familiennamen mit Bezügen auf Bäume oder Blumen haben, den genannten Witz von Kohn und Levy gar nicht verstehen. Das Verständnis der Pointe des dialogischen Witzes setzt also beim Zuhörer eine sichere Kenntnis, zumindest eine orientierende Vorbefassung mit den Gegebenheiten und Konstrukten jüdischer Kultur in Deutschland voraus. Denn auch in diesem Punkt hat Freud mit seiner Kritik Recht behalten: Ein Witz ist dann nicht mehr witzig, wenn man ihn "erklären" muss.[13]

Bei Polaks Comedy-Auftritten hingegen findet zumeist kein Dialog mehr statt, und auch das Vorverständnis beim Zuhörer wird nicht mehr zwingend vorausgesetzt. Der Standup-Comedian monologisiert und macht gerade die relative Unkenntnis seines Publikums zum zusätzlichen humoristischen Faktor, zum "Witz im Witz". Es drängt sich der Eindruck auf, dass die weitestgehende Unvertrautheit des deutschen Publikums mit jüdischer Kultur gerade der entscheidende Schlüssel zur Beliebtheit von Polaks Shows sein könnte. Dabei ist der Komiker nicht nur auf ein deutsches Publikum festgelegt. Er tritt auch mal bei der Bar-Mitzwah eines jüdischen Jungen auf, wenn dieser sich zur Feier des Tages beim Papa einen ganz besonderen Entertainer wünscht. Aber in der Hauptsache schreibt und spricht Polak doch für ein nicht jüdisches Publikum und fragt provokant, was wäre, wenn wir alle jüdisch seien: "Auch du und du und du, du gehörst dazu!"[14]

Der Aspekt des vermeintlich Fremden und der kulturellen Verständigung – und mitunter auch des Kulturschocks – ist also bei Polaks Auftritten immer gegenwärtig und könnte ein Motiv für sein humoristisches Werk sein. Wobei die kulturelle Verständigung weit gefasst ist und nicht nur deutsch-jüdische Tabus bricht, sondern souverän auch mit Klischees über ausländische Bürger spielt. Bezeichnend ist ein Auftritt Polaks, bei dem dieser dem türkischstämmigen Achmed erklären will, was jüdischer Humor sei, und ihm vorschlägt, Witze über seine Mutter zu machen, was eine beliebte Witzkategorie beim jüdischen Humor sei.[15] Die Reaktion: Achmed droht ihm kurzerhand Prügel an, wenn er es wagt, seine Mutter lächerlich zu machen. – Diese kleine Szene kann verdeutlichen, dass Humor tatsächlich einen kulturell aufdeckenden Charakter birgt, indem er kulturspezifische Werte (und ihre ironischen Seiten) zum Ausdruck bringt. Der Witz hat nicht nur, wie Freud bereits in seiner Studie von 1905 feststellte, eine Beziehung zum individuellen Unterbewussten, sondern auch einen Bezug zu sozial geteilten kulturellen Werten, die ihrerseits Tabus begründen können. Für einen traditionell erzogenen muslimischen Mann kann Kritik an der eigenen Mutter nach wie vor eine schwere Beleidigung darstellen, während Witze über die "Mame", die mit ihrer distanzlosen Allgegenwart auch den erwachsenen Kindern noch gewaltig auf die Nerven geht, in der jüdischen Kultur sehr beliebt sind.


Fußnoten

11.
Tagesthemen, 22.3.2009, http://www.youtube.com/watch?v=oaEyNt7SvCc&feature=related [6.2.2012].
12.
Deutsche Welle, 21.2.2011, http://www.youtube.com/watch?v=pSdYTX0KA0w [6.2.2012].
13.
Freud (Anm. 5).
14.
Admiralspalast Berlin, 3.2.2010, http://www.youtube.com/watch?v=MHDKr1br30o&feature=related [6.2.2012].
15.
Oliver Polak, nightwash, 31.3.2009, http://www.youtube.com/watch?v=IXhHowcoyOE [6.2.2012].

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