Beleuchteter Reichstag

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20.4.2012 | Von:
Claudia Simone Dorchain

Jüdischer Humor in Deutschland

Humor als Kulturbrücke, zur Völkerverständigung? Die Kulturwissenschaftlerin Mareike Albers vertritt tatsächlich diese Auffassung und weist insbesondere auf die Bedeutung von Polaks Spiel mit Klischees hin, welches eine vertiefte Aufmerksamkeit für jüdische Kultur in Deutschland bewirken würde.[16] Das Spiel mit Klischees ist jedoch keine Besonderheit von Polak. Auch andere bekannte Komiker kokettieren erfolgreich mit angedichteten Stereotypen über bestimmte Bevölkerungsgruppen – seien es Frauen, Beamte, Lehrer, Politiker oder Porschefahrer. Klischees über jüdische Bürger jedoch bilden dabei eine Ausnahme. Dass Humor "eine ernste Angelegenheit" sei, ein bekannter Ausspruch unter Humoristen, gilt umso mehr, wenn Menschenrechtsverbrechen wie die Gräuel der deutschen NS-Vergangenheit im Hintergrund stehen. Polak hätte als jüngster Sohn einer jüdischen Familie von Überlebenden in Deutschland allen Grund, die Verbrechen der Nationalsozialisten anzuprangern. Seine Darstellungen erheben jedoch nicht den Anspruch, politisch zu sein, sondern sind biografische Anekdoten. Wenn er berichtet, wie er als kleiner Junge im Kindergarten belehrt wurde, dass er bei Gewitter Eichen weichen und Buchen suchen müsse, verbessert er die Kindergärtnerin eifrig: "Aber meine Großmutter ist in einem Buchenwald umgekommen."[17] Das Lachen bleibt dem Zuhörer im Hals stecken. Und dennoch sind Polaks Shows ausgebucht. Vielleicht ist es gerade diese Mischung von schmerzvollem Lachen und grotesker Qual, die einen besonderen Aspekt des jüdischen Humors allgemein ausmacht: "Lustig ist, was unser Dasein berührt"[18], fasst der Jüdische Almanach 2004 zusammen.

Filmplakat zu "Schtonk".Filmplakat zu "Schtonk" von Helmut Dietl (1992). (© Kinowelt)
Dany Levy und Helge Schneider bei der Präsentation des Films "Mein Führer".Regisseur Dany Levy und Hauptdarsteller Helge Schneider bei der Präsentation ihres Films "Mein Führer" am 29. Januar 2007 in Essen. (© picture-alliance/AP)
Bringt also die qualvolle Nähe von verbrecherischer NS-Vergangenheit und anarchischem Witz die seit Platons Zeiten bekannte,und von Levy erneut zitierte strukturelle Nähe von Komödie und Tragödie erneut ins Bewusstsein der Gesellschaft? Könnte man durch die Drastik von Todesnähe und Witz, Unterdrückung und Subversivität, die auf jeden Fall "unser Dasein berührt", auch die Erfolge von Filmen wie "Schtonk" (Helmut Dietl, 1992) oder "Mein Führer" (Dani Levy, 2007) erklären? Ist der Publikumserfolg dieser sehr beliebten cineastischen Werke dadurch zu bestimmen, dass sie mittels Humor einen unverkrampften Umgang mit der NS-Vergangenheit ermöglichen?

Eine Antwort auf diese Fragen fällt – auch aufgrund der Vielschichtigkeit der Filmmotive – schwer, doch eine Analyse der sie begleitenden Gefühle liefert oft richtige Aufschlüsse über Art und Richtung von Humor. Polak zum Beispiel spielt gekonnt auf der Klaviatur der Scham, der Überraschung, der Verlegenheit, des Unbehagens. Bei diesem virtuosen Spiel mit dem Grauen, das in Lachen umschlägt und umgekehrt gibt es in der Tat einen vergleichbaren Komiker von Weltrang: den jüngst verstorbenen Wiener Juden Georg Kreisler, dessen satirische Lieder ("Everblacks") vor schwarzem Humor nur so strotzen und beim Zuhörer eine Gänsehaut hinterlassen.
Georg Kreisler in der Berliner Akademie der Künste.Georg Kreisler bei einer Lesung in der Berliner Akademie der Künste, 8. November 2005. (© Wikimedia, Akademie der Künste, Berlin)
Die bittere Dimension der NS-Verbrechen ist für Kreisler in seinen satirischen Werken, die vorrangig in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren entstanden, stets gegenwärtig: "Auschwitz ist in diesen Liedern so gegenwärtig wie in den Gedichten Paul Celans, ihr Schmerz nicht weniger echt, auch sie sind eine Antwort auf die Frage, wie sich danach und darüber noch schreiben lässt."[19] Die existenzphilosophische Bedeutung des Witzes ist für den vertriebenen Wiener stets immanent und stellt eine Bewältigungsstrategie dar, um das Unerträgliche erträglich zu machen – Witze als Überleben. Kreisler als der Grand Seigneur jüdischen Humors? Immerhin, der 88-jährige Liederdichter hat sich noch kurz vor seinem Tod mit dem über 50 Jahre jüngeren Polak zu einer Art privatem Gipfel des jüdischen Humors getroffen.[20] Zwei jüdische Künstler verschiedener Generationen mit unterschiedlichem Lebenslauf, geeint durch Humor, und doch bleibt auch in ihrem wechselseitigen Interview die Frage offen, was an ihrem Werk eigentlich biografisch, politisch, speziell dem Judentum oder allgemein der Ironie des Daseins geschuldet ist, zumal es Querverbindungen zwischen dem Privaten und dem Politischen gibt. Für Dani Levy ist es, wie er dem "Zeit-Magazin" sagte, die Nähe des jüdischen Humors zu den Unterdrückten[21] und die daraus erwachsende Sensibilität für das Subversive, doch Polak vertritt eine andere Meinung, indem er bewusst die Perspektive des Mangels und der Unterdrückung künstlerisch verfremdet. Polaks Humor ist eher offensiv als subversiv. Hajo Schumacher interviewte den Komiker 2011 für die Deutsche Welle über "politische Korrektheit"[22] und erhielt die Antwort, der jüdische Humor enthielte vor allem Wahrheit, Sarkasmus und Mut – Eigenschaften, die dem deutschen Humor seit langer Zeit eher mangelten. Schumacher folgerte, unsere Kultur brauche Komiker vom Format eines Oliver Polak.

Was ist es also, was Oliver Polak in Deutschland macht, als ein Beispiel von vielen Künstlern, die jüdische Lebenswelt in einer satirischen Perspektive schildern? Es sind keine "Judenwitze", es sind keine "jiddischen" Witze, es ist vielleicht nicht einmal das, was von Landmann als "jüdischer" Humor definiert wurde – aber es ist ein erfrischender Bruch mit Tabus. Vielleicht gerade zur richtigen Zeit, wie die begeisterten Zuschauerreaktionen zeigen.

Fußnoten

16.
Mareike Albers, Unkosher Jew-queer – New Jewish Comedies in Germany, in: Claudia Simone Dorchain/Felice Naomi Wonnenberg (eds.), Contemporary Jewish Reality in Germany and its Reflection in Film, Berlin/New York 2012, S. 40 – 49.
17.
Tagesthemen (Anm. 11).
18.
Gisela Dachs (Hg.), Jüdischer Almanach Humor, Frankfurt a. M. 2004, Einleitung.
19.
Ebd.
20.
Film von Benjamin Hensler, http://www.youtube.com/watch?v=sRSW6yt6x4U [6.2.2012].
21.
"Komödien …" (Anm. 8).
22.
Deutsche Welle 21.2.2011, http://www.youtube.com/watch?v=pSdYTX0KA0w [6.2.2012].

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