Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Fabian Riedel

"Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten

Der Jurist Dr. Walter Neye (1901–1989). Eine Fallstudie

Vom Reichsluftfahrtministerium nach Eindhoven

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab Neye seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und Notar auf. Am 19. Februar 1940 begann er, als Referent in der Industrieabteilung des Reichsluftfahrtministeriums zu arbeiten,[35] wo er laut Telefonat des Landgerichtspräsidenten mit "auf freiwilligen Privat-Dienstvertrag als Referent im Luftfahrtministerium für die Kriegszeit tätig" war. In der Stellungnahme an den Kammergerichtspräsidenten und der gleichzeitigen Genehmigung für Neyes Vorhaben stellte der Landgerichtspräsident fest, dass "eine Verpflichtung auf Grund der Notdienstverordnung nicht vorliege."[36]

Anfang 1940 verkaufte Neye sein Grundstück am Kurfüstendamm 181 an die Jüdin Bertha Zwicklitz. Mit dem Kauf der Immobilie brachte Zwicklitz sich in große Gefahr, denn seit Inkrafttreten der "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" vom 26. April 1938 mussten alle Juden ihr Vermögen über 5.000 Reichsmark auf speziellen Formularen anmelden. Ab dem 30. September 1938 war es Juden zudem verboten, mit Grundstücken zu handeln, und mit der "Verordnung über dem Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember desselben Jahres wurde es ihnen schließlich untersagt, Grundstücke durch Rechtsgeschäfte zu erwerben. Die Veräußerung an eine "Nichtarierin" zog für Neye massive Probleme mit dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund nach sich: Gegen ihn wurde ein Ehrengerichtsurteil verhängt. Auf Bitte des Kammergerichtspräsidenten in Berlin gab der Landgerichtspräsident und Dienstherr Neyes am 24. Juli 1940 eine Stellungnahme in der Sache ab. Danach erschien ihm das Ehrengerichtsurteil des NSRB bereits für ausreichend, Neye das "Unzulässige seines Verhaltens" aufzuzeigen. Die Verfehlungen des Notars seien nicht außerordentlich gravierend, weshalb "der Gnadenerlass des Führers für Rechtsanwälte und Notare vom 30. November 1939 Anwendung finde, so daß Maßnahmen der Dienstaufsicht nicht in Betracht kommen."[37]

Zum 30. November 1942 wurde Neye in die Niederlande abkommandiert, wo er mindestens bis zum 21. Januar 1944, dem Datum seiner letzten überlieferten Korrespondenz aus Eindhoven, in der Verwaltung des Philips-Konzerns eingesetzt war.[38] Wo Neye sich in den letzten Kriegsmonaten aufhielt, lässt sich nicht rekonstruieren. Möglicherweise war er noch bis zum 18. September 1944, der Befreiung Eindhovens durch die Alliierten,[39] für Philips tätig.

Zwischen Neuorientierung und Vergangenheitsbewältigung

Am 22. Juni 1945 wurde Neye durch den Präsidenten des Stadtgerichts zu Berlin vorläufig als Rechtsanwalt zugelassen und am 5. Juli vorläufig zum Notar bestellt. Im Personalfragebogen, den Neye für seine Zulassung und Bestellung zum Notar auszufüllen hatte, erklärte er am 4. Juli 1945 an Eides Statt, niemals Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, und im beigelegten Kurzlebenslauf, "keinerlei politischer Betätigung" nachgegangen zu sein.[40] Ersteres wiederholte Neye ein Jahr später in einem weiteren Personalfragebogen. In beiden Fragebögen gab Neye außerdem an, bis 1945 im Reichsluftfahrtministerium "dienstverpflichtet" gewesen zu sein,[41] obwohl er 1940 gegenüber dem Landgerichtspräsidenten Gegenteiliges behauptet hatte.


Fußnoten

35.
Walter Neye, Schreiben, 12.2.1940, ebd., Bl. 15.
36.
Landgerichtspräsident, Schreiben, 16.2.1940, ebd., Bl. 16.
37.
Landgerichtspräsident, Stellungnahme, 24.7.1940, ebd., Bl. 23f.
38.
Personalfragebogen, BLHA, Rep. 4A Personalia Nr. 9958, Teil 2, unpag., vor Bl. 1.
39.
Kristin Kleibert, Die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin im Umbruch. Die Jahre 1948 bis 1951, Berlin 2010, S. 63.
40.
Kurzlebenslauf, BLHA, Rep. 4A Personalia Nr. 9958, Teil 2, Bl. 1.
41.
Personalfragebogen (Anm. 5); Personalfragebogen, 25.9.1946, HUB-UA, PA Neye, Bd. I, Bl. 1; Neye, Lebenslauf (Anm. 4), Bl. 5.

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