Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Fabian Riedel

"Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten

Der Jurist Dr. Walter Neye (1901–1989). Eine Fallstudie

Neye als "rector magnificus"

Am 3. Juli 1951 wandte sich Kuczynski, zu dieser Zeit Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, in einem Brief an Ulbricht und empfahl sich für die 1952 neu zu besetzende Rektorenstelle: "Lieber Walter, wie man mir sagte, hat mich das Staatssekretariat für Hochschulwesen zum Rektor für die Humboldt-Universität zu Berlin an das Sekretariat des ZK vorgeschlagen. Ich möchte Dir nur sagen, dass ich, wenn die Partei zustimmt, diese Funktion sehr gerne übernehmen würde, zumal an meiner Fakultät, wo ich Dekan bin, alles ganz ordentlich (ohne mein Verdienst) läuft." Ein weiterer Brief Kuczynskis an Ulbricht vier Tage später war merklich zurückhaltender formuliert und voller Selbstkritik. Kuczynski gestand darin ein, dass die "Parteileitung mit Recht festgestellt hat, dass meine Arbeit in vielerlei Beziehung ernste Mängel und Schwächen zeigt: in der Dekanatsführung, in der Kaderpflege, in der Verbundenheit mit der Fakultät. Die subjektiven Ursachen sind natürlich von mir mit Hilfe der Partei zu beseitigen. Du hast in den letzten 15 Jahren all meine Funktionen bestimmt, und ich hoffe, daß es so bleiben wird. Selbstverständlich werde ich jede Entscheidung die Du fällst, ohne Diskussion als die richtige annehmen und dementsprechend handeln."[66]

Kuczynskis aufrührerisches Temperament und die antizionistischen Tendenzen innerhalb der DDR führten beim Staatssekretariat für Hochschulwesen möglicherweise zu einem Umdenken. Das hatte sich – laut Kuczynskis erstem Brief – zunächst für ihn ausgesprochen. Ein Jahr später, am 30. Juli 1952, gab das Staatssekretariat eine positive Beurteilung von Walter Neye ab, wenngleich es diesen nicht ausdrücklich für den Rektorposten vorschlug: Der aus "kleinbürgerlichem Haus" stammende Neye habe sich "ausserordentlich grosse pädagogische Fähigkeiten angeeignet. […] Prof. Dr. Neye hat sich sehr für die Demokratisierung der Universität eingesetzt und ist in Vorlesungen und Übungen ständig sehr scharf und offen parteilich für die antifaschistisch-demokratische Ordnung gegen den Imperialismus aufgetreten."[67] Aus einer Sperrdatei des Ministeriums für Staatssicherheit von 1982 geht hervor, dass dem MfS Neyes NSDAP-Mitgliedschaft bekannt war.[68] Neyes Biografie war der DDR-Führung womöglich nicht unrecht, machte er sich damit doch als Rektor der wichtigsten Universität im Lande erpressbar.

Letztlich entschieden sich die Abteilung Wissenschaften des SED-Zentralkomitees und Walter Ulbricht trotz persönlicher Bekanntschaft und devoter Bitte gegen den – vermeintlich nicht erpressbaren – jüdischen Altkommunisten Jürgen Kuczynski: Das ehemalige NSDAP-Mitglied Walter Neye wurde zum Rektor gewählt und übernahm die Rektoratsgeschäfte im September 1952.[69]
Walter Neye.Walter Neye (3. v.l.) bei einer Feier der Humboldt-Universität anlässlich des 36. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution. 5. v.l.: Robert Havemann. (© Bundesarchiv, Bild 183-22168-0002)
Neye behielt den Posten als Rektor der Humboldt-Universität zunächst bis 1954 und blieb nach einstimmiger Bestätigung bis 1957 im Amt.[70] 1960 wurde er mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet und im Mai 1963 Vorsitzender der Kommission für die UNESCO-Arbeit der DDR, zudem Mitglied der SED. Zum 1. September 1966 wurde er emeritiert. Walter Neye starb am 12. August 1989, drei Monate vor dem Mauerfall.

Schluss

Walter Neyes berufliche Laufbahn und politische Einstellung waren auf den ersten Blick geprägt von Widersprüchen. Eine erste tiefer greifende Betrachtung seiner Biografie offenbart, dass Neye ein opportunistischer Karrierist war, der sich die jeweiligen politischen Systeme geschickt zu Nutze machte.

Zu Beginn seiner Karriere arbeitete Neye erfolgreich als Rechtsanwalt und war als treues Parteimitglied der NSDAP in die "Arisierung" des Unternehmens von Karl Wolffsohn in Berlin involviert. Offenbar war Neyes Handeln damals von Gewinnstreben bestimmt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Neye, wegen des weitverbreiteten Mangels an Dozenten einen Lehrauftrag an der Berliner Universität zu erhalten. Dabei verleugnete er von Beginn an seine NSDAP-Mitgliedschaft. Sein ausgeprägtes Machtstreben zeigte sich in besonderer Weise, als er die Universitäten Rostock und Berlin gegeneinander ausspielte. Ohne jemals eine Habilitationsschrift verfasst zu haben, wurde er zum Ordentlichen Professor an die renommierteste Hochschule der SBZ berufen. Auch in den folgenden Jahren spielte Neye seine Gabe, sich politische Verhältnisse und Machtstrukturen zunutze zu machen, geschickt aus. Indem er sich öffentlichkeitswirksam zunehmend für das DDR-Regime und für die Idee des Kommunismus einsetzte, empfahl er sich hier für höhere Aufgaben.

Diese wurden ihm Anfang der 1950er-Jahre ermöglicht, als der Posten des Rektors der Humboldt-Universität vakant wurde. Der Machtkampf um das Amt wurde von politischen Bedenken gegen den unkalkulierbaren jüdischen Gegenkandidaten Kuczynski überlagert. Walter Ulbricht entschied sich letztlich gegen seinen jahrelangen Schützling und Freund Kuczynski und beugte sich mit der Wahl Neyes zugleich den antisemitischen Tendenzen der Sowjetpolitik. So erhielt den wichtigen Posten des mächtigsten Hochschulrektors der DDR Walter Neye, der sich zu den Justiz-Reformplänen der Babelsberger Konferenz bekannte.

Nach seiner Amtszeit als Rektor trat Neye 1960 der SED bei. Was genau ihn bewog, erst am Ende seiner Karriere SED-Mitglied zu werden, bleibt ungeklärt. Sein politischer Kompass hatte jedenfalls zwischen den Extremen der NSDAP-Mitgliedschaft einerseits und der SED-Mitgliedschaft andererseits ausgeschlagen. Ob "braun" vor 1945 oder "rot" danach: Walter Neyes Handlungsmotiv war offensichtlich weniger seine politische Überzeugung, sondern vielmehr sein persönlicher Vorteil, den er mit Stringenz und Geschicklichkeit gesucht hat.

Fußnoten

66.
Carlo Jordan, Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin. Aufbegehren, Säuberungen und Militarisierung 1945–1989, Berlin 2001, S. 52–54.
67.
Staatssekretariat f. Hochschulwesen, Beurteilung, 30.7.1952, HUB-UA, PA Neye, Bd. II, Bl. 59. Jordan (Anm. 66), S. 56f.
68.
Jordan (Anm. 66), S. 56f.
69.
Staatssekretär f. Hochschulwesen, Schreiben, 25.8.1952, HUB-UA, PA Neye, Bd. I, Bl. 86.
70.
Korrespondenz zur Wiederwahl Neyes, HUB-UA, PA Neye, Bd. II, Bl. 67ff.

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