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23.4.2012 | Von:
Lutz Sartor

Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau am 18. Juli 1946

Die "Hungerdemonstration" von Olbernhau verweist nicht nur auf die angespannte Versorgungslage in Nachkriegsdeutschland, insbesondere in der SBZ; die Reaktionen auf die "Hungerdemonstration" zeigen vielmehr, wie die sowjetische Besatzungsmacht und die Kommunisten mit Unmutsbekundungen und politischen Gegnern umgingen.

1. Die Versorgung nach 1945 in der SBZ

Bereits während des Zweiten Weltkrieges hatte sich die Versorgungslage in Deutschland erheblich verschlechtert. Nach Kriegsende nahm sie zum Teil dramatische Züge an. Die Hungerdemonstration im Sommer 1946 in Olbernhau zeigt nicht nur die Verzweiflung der einheimischen Bevölkerung, die Reaktionen darauf sind zudem ein beredtes Zeugnis für den Umgang der sowjetischen Besatzungsmacht und der von ihr geförderten Kommunisten mit Unmutsbekundungen und mit anderen politischen Kräften.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bevölkerung in Deutschland mit durchschnittlich 3.000 Kilokalorien (kcal) in ausreichender Menge und zufriedenstellender Zusammenstellung ernährt und gehörte damit zur Spitzengruppe in Europa.[1] Die substantielle Ausgangslage von 1939 war jedoch nur wenig besser als die von 1914 vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges gewesen.[2] In den Kriegsjahren sank die reale Versorgung bis zum Frühjahr 1945 langsam auf etwas über 2.000 kcal.[3]

Schwarzmarkt in Berlin.Schwarzer Markt im Berliner Tiergarten, nahe dem Brandenburger Tor, 1945. (© Bundesarchiv, Bild 183-M1205-332)
Nach Kriegsende 1945 verschlechterte sich die Ernährungslage in ganz Deutschland rapide. Für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) wurde für Juli 1946 für Arbeiter (Gruppe 3) außerhalb von Berlin und den Großstädten der Satz von 1.639 kcal ermittelt[4] und für Ende des Jahres für den "Normalverbraucher" 1.282 kcal angegeben.[5] Hinzu kam eine qualitative Verschlechterung der Nahrungsmittel wie zum Beispiel des Brotes. Die Rationen des Eiweißes sanken von 85 auf 35 Gramm und diejenigen der Fette von 120 auf 13,5 Gramm pro Tag.[6] Selbst diese geringen Mengen wurden häufig durch nicht gleichwertige Ersatzprodukte abgedeckt, wie beispielsweise Käse anstelle von Fleisch oder Sirup für Fett. Unter- und Fehlernährungen waren mit dieser Versorgung unausweichlich.

Die Ursachen der Ernährungskrise lagen zu großen Teilen in der Produktionsschwäche der Landwirtschaft in der SBZ. Sie wurde durch Kriegszerstörungen, Mangel an Düngemitteln und Transportmöglichkeiten, die vorrangige Versorgung der sowjetischen Truppen, Reparationen und die Auswirkungen der Bodenreform verursacht. Die mangelhafte Versorgung mit Nahrungsmitteln wurde durch den strengen Winter 1946/47 und die darauf folgenden Missernten 1947 verstärkt.[7]

Ebenso katastrophal war die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs: Die Belieferung war bis 1948 fast vollkommen zusammengebrochen. Die Ursachen waren hauptsächlich, dass zum Beispiel "bei Lederschuhen und Geweben fast die gesamte Produktion, bei Socken und Trikotagen etwa vier Fünftel an die Besatzungsmacht geliefert" wurden. Ähnlich sah es bei der legalen Versorgung mit Hausbrand aus. 1947 wurden nur ca. fünf Prozent des Normalbedarfs an Waren des täglichen Bedarfs ausgegeben.[8]


Fußnoten

1.
Günter J. Trittel, Ernährung, in: Wolfgang Benz (Hg.), Deutschland unter alliierter Besetzung 1945–1949/54, Berlin 1999, S. 115–122, hier 115.
2.
Karl-Heinz Rothenberger, Die Hungerjahre nach den Zweiten Weltkrieg. Ernährung und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945–1950, Boppard 1980, S. 32.
3.
Horst Gaertner, Materielle Versorgung und das Versorgungssystem in der SBZ/DDR 1945 bis 1961/1963, Diss. Bochum 1991, S. 32.
4.
Wolfgang Zank, Wirtschaft und Arbeit in Ostdeutschland 1945–1949. Probleme des Wiederaufbaus in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, München 1987, S. 67.
5.
Trittel (Anm. 1), S. 118.
6.
Ebd., u. Paul Erker, Ernährungskrise und Nachkriegsgesellschaft. Bauern und Arbeiterschaft in Bayern 1943–1953, Stuttgart 1990, S. 118.
7.
Zank (Anm. 4), S. 71.
8.
Eine Ausnahme bildete lediglich die Versorgung mit Schuhen und Textilien für Kinder: ebd., S. 75.

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