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Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Lutz Sartor

Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau am 18. Juli 1946

3. Olbernhau

Olbernhau 1935.Olbernhau (Erzgebirge), Luftbild von 1935. (© Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden, 10852 Technisches Oberprüfungsamt, Nr. 1052, Bild Nr. 4)
Olbernhau ist eine kleine Industriestadt im östlichen Erzgebirge im Landkreis Marienberg, die vor allem durch die 1537 gegründete "Saigerhütte" im Ortsteil Grünthal bekannt geworden ist.[18] Die Stadt wurde nach 1945 zu einem der führenden Industriestandorte im Erzgebirge.

Unmittelbar nach dem Krieg sank zunächst die Einwohnerzahl. Wurden am 30. Juli 1945 noch 13 346 Einwohner ermittelt (davon waren 10.038 Einheimische)[19], so waren es am 4. November des folgenden Jahres nur noch 11.849. Von den knapp 5.500 Beschäftigten in Olbernhau wurden 4.111 Arbeiter gezählt (ca. 75 Prozent). Die große Mehrheit der Einwohner war evangelisch.[20]

Im Gemeinderat herrschte nach der Wahl vom 1. September 1946 trotz starker Behinderung der LDP[21] ein Patt: 15 Vertretern der SED standen acht der LDP und sieben der CDU gegenüber.[22] Die gewerbliche Wirtschaft wurde 1945/46 von Textil-, Spiel- und Holzwarenfabriken bestimmt.[23]

Bekannt wurde Olbernhau auch durch den massiven Protest eines Jugendlichen:
Hermann Joseph Flade.Hermann Joseph Flade (1932–1980), Aufnahme Anfang der 1950er-Jahre. (© Robert-Havemann-Gesellschaft, Matthias-Domaschk-Archiv)
Hermann Joseph Flade (1932–1980), Oberschüler in Olbernhau, protestierte mit Flugblättern Anfang Oktober gegen die Volkskammer-"Wahlen" am 15. Oktober 1950 und gegen das DDR-Regime insgesamt.[24] In der Nacht vor den Wahlen wurde er gestellt, verletzte einen Volkspolizisten, entkam und wurde zwei Tage später verhaftet. Am 10. Januar 1951 wurde er in öffentlicher Verhandlung in Olbernhau wegen "Boykotthetze", Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Mordversuchs zum Tode verurteilt. Nach massiven Protesten, auch aus dem Ausland, wurde das Urteil vom Oberlandesgericht Dresden am 29. Januar 1951 in 15 Jahre Zuchthaus abgeändert. Ende 1960 wurde Flade im Rahmen einer Amnestie entlassen und übersiedelte in die Bundesrepublik.

Obwohl der Pfarrer Arthur Langer aus Olbernhau als Mitwisser zu acht Jahren und in zweiter Instanz zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, war Flade ein Einzeltäter. Seine Tat war jedoch ein Beispiel für viele andere Oberschüler, von denen die Gruppen in Altenburg, Senftenberg und Werdau[25], die bekanntesten sind. Letztere protestierte auch explizit gegen das Todesurteil für Flade.[26]

Einer der großen Betriebe in Olbernhau war die 1899 gegründete und sequestierte Wachsblumenfabrik Otwin Jehmlich, die seit dem 1. Juli 1946 von Otto Meyer geleitet wurde. Der Betrieb beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 153 Frauen sowie eine große Zahl von Heimarbeiterinnen.[27] Neben der Wachsblumenfabrikation gehörten zur Firma eine verpachtete Strohreifenfabrik, eine kleine Sägemühle, eine kleine Landwirtschaft sowie ein Gartengrundstück mit Treibhäusern.[28] Die Wachsblumenproduktion vor dem Krieg belief sich auf täglich 2.000 Kartons, ein erheblicher Teil wurde exportiert. Im Krieg wurden Bunkerkerzen hergestellt.

Eine Besonderheit stellte die vom Landrat genehmigte Weiterbeschäftigung des Gründers und früheren Besitzers Otwin Jehmlich als technischer Leiter dar. Er war der einzige Techniker im Betrieb, der Betriebsleiter Otto Meyer war von Beruf Kaufmann.[29]


Fußnoten

18.
Vgl z. B. Hanns-Heinz Kasper, Saigerhütte Olbernhau: Grünthal und Technisches Museum Kupferhammer, Regensburg 1997.
19.
Stadtarchiv Olbernhau, 90/117-0585.
20.
Ebd., 90/117-0523.
21.
Vgl. dazu unten unter 4. den Abschnitt »Reaktionen«.
22.
Schreiben des Stadtarchivs Olbernhau a. d. Vf., 18.1.2008.
23.
Stadtarchiv Olbernhau, 90/117-0585.
24.
Vgl. Karl Wilhelm Fricke, Überzeugt von seiner gerechten Sache. Der politische Widerstand des Hermann Joseph Flade, Oberschüler in der DDR, in: Sächsische Justizgeschichte, Hg. Sächs. Staatsministerium der Justiz, Bd. 8, Dresden 1998, S. 139–159.
25.
Vgl. z. B. Achim Beyer, Urteil: 130 Jahre Zuchthaus. Jugendwiderstand in der DDR und der Prozess gegen die »Werdauer Oberschüler« 1951, Leipzig 2003.
26.
Karl Wilhelm Fricke, Widerstand und Opposition von 1948 bis Ende der fünfziger Jahre, in: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1999, Bd. 7, S. 1–26, hier 21.
27.
Bericht Ordnungspolizei v. 30.7.1946, StA-D 11376, Nr. 100, Bl. 250. – Zum 3.1.1948 wird die Zahl von 180 Frauen und 280 Heimarbeiterinnen genannt, Tribüne, 31.1.1948.
28.
Besuchsbericht v. 27.8.1946, StA-D 11541, Nr. 73.
29.
Ebd.

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