Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Lutz Sartor

Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau am 18. Juli 1946

6. Zusammenfassung

Der Beitrag zeigt die vielseitigen Reaktionen auf massive Proteste („Hungerdemonstrationen“) der für die Lebensmittelversorgung zuständigen Stellen. Die deutschen Behörden hatten mit der Leitung der Wachsblumenfabrik und mit der Ortsgruppe der LDP sofort zwei angeblich verantwortliche Personenkreise benannt. Die hektischen Reaktionen auf den Vorwurf mangelhafter Versorgung durch die zuständigen deutschen Stellen und der Existenz eines „schwarzen“ Lebensmittellagers ließen auf entsprechende Mängel schließen, die zudem von den sowjetischen Besatzungsbehörden in ihrem Befehl Nr. 248 bestätigt wurden. Eine konstruktive Reaktion auf die Beschwerden blieb jedoch, wären sie doch auch einem Schuldeingeständnis gleichgekommen.

Vielmehr griffen die Vertreter der Besatzungsmacht zwei verschiedene Arten von Maßnahmen. Einerseits zeigten sie Verständnis für die Forderungen der Demonstrantinnen, hörten diese an und ordneten sofort wirksame Maßnahmen zur Entspannung der Situation an. Andererseits wiesen sie jede Verantwortung für die schwierige Versorgungslage von sich und reagierten mit repressiven Maßnahmen wie Verhaftungen und starker Behinderung der politischen Arbeit der LDP.

Insofern zeigen die geschilderten Vorgänge in Olbernhau aus dem Jahr 1946 beispielhaft das Verhalten der deutschen Behörden und der Besatzungsmacht. Sie sind als typisch für die Zeit der SBZ anzusehen und widerspiegeln in einem Ausschnitt typische Herrschaftsmechanismen: Deutsche Verwaltungsstellen und die SED versuchten, öffentliche Proteste zu verhindern. Wenn dies nicht gelang, wurden rasch Verantwortliche außerhalb der eigenen Reihen benannt, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken. Auf diese Weise konnten missliebige Personen und Institutionen „bekämpft“ werden. Die Unterstützung durch entsprechende Maßnahmen der Besatzungsmacht war dabei sicher und absolut notwendig. Diese reagierte flexibel: Auf der einen Seite bemühte sie sich um ein positives Verhältnis zur Bevölkerung[50], nahm Beschwerden – zumindest in Teilen – ernst und leistete konkrete Hilfe. Andererseits ließ sie durch repressive Maßnahmen, auch auf Anregung der lokalen deutschen Behörden, keine Zweifel an den konkreten Machtverhältnissen zu und war nicht bereit, jegliche Aufbegehren gegen ihre Herrschaft zu tolerieren.

Typisch für solches Herrschaftshandeln war die Ausschaltung der nichtsozialistischen Parteien CDU und insbesondere der LDP. Letztere trat, in noch stärkerem Maße als die CDU, "eindeutig für ein marktwirtschaftliches System mit Privateigentum an Produktionsmitteln" ein[51] und wurde daher als Vertreterin der alten, zu bekämpfenden Ordnung angesehen. Die Anregung zur konkreten Ausschaltung von Personen und Organisation kam dabei wohl von den lokalen Behörden, die Durchführung wurde von der in allen Bereichen bestimmenden Besatzungsmacht unterstützt oder gleich selbst vorgenommen.

Fußnoten

50.
Günter Braun, Auf dem Weg in die zweite deutsche Diktatur – die SBZ 1945–1949, in: Rainer Eppelmann (Hg.), Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003, S. 45–52, hier 51.
51.
Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR, München 1998, S. 101.

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