Beleuchteter Reichstag

counter
23.4.2012 | Von:
Jürgen Koller

Eklat beim Ersten (gesamt-)Deutschen Schriftstellerkongress in Ost-Berlin

Der US-amerikanische Journalist Malvin J. Lasky und der kulturelle Kalte Krieg

"Geistige Freiheit"?

Die 83-jährige Ricarda Huch fungierte als Alterspräsidentin des Kongresses. Für ihre Eröffnungsrede erhielt Huch von allen Seiten viel Zustimmung, als sie sagte: "Die Schriftsteller sind die Verwalter der Sprache, sie bewahren und erneuern die Sprache. Sie bewegen durch ihre Sprache die Herzen und lenken die Gedanken. (…) Kaum je in unserer Geschichte ist die Aufgabe der geistigen Führung so schwer gewesen wie jetzt. Es hat wohl auch früher schon scharfe Konflikte gegeben (…), aber am schwersten ist es doch in einer Zeit, in der fast alles fragwürdig geworden ist, und wo alle Bemühungen auf Hoffnungslosigkeit, Verbitterung, die Gleichgültigkeit der Entkräftung stoßen."[1]

Neben der kommunistischen Autorin Anna Seghers, die erst kurz zuvor aus dem mexikanischen Exil in die sowjetische Besatzungszone (SBZ) zurückgekehrt war und die in ihrem Redebeitrag hervorhob, dass die "geistige Freiheit (…) vielleicht das Teuerste für den Schriftsteller" sei, war es der Germanist Hans Mayer, der Abstand von der Forderung nach einer "schrankenlosen Freiheit" für Schriftsteller nahm. Mayer forderte die Schriftsteller auf, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt – katholisch, sozialistisch, bürgerlich, neoliberal oder existenzialistisch –, "die geistige Spaltung" der Gesellschaft zu überwinden.[2]

Auch wenn Wolf Jobst Siedler in seinem Erinnerungsband "Wir waren noch einmal davon gekommen" (2004) davon spricht, dass Seghers nichts gesagt hätte, "was provozieren konnte", und dass überhaupt die Reden auf dem Kongress "sehr gutwillig, voller Friedensliebe und voller Absage an die Barbarei der Nationalsozialisten" gewesen seien, und weiter ausführt, es mache "die Zeit die Dokumente interessant, nicht der Inhalt", so ist doch auf das beachtenswerte Referat von Johannes R. Becher einzugehen.[3]

Becher war, gleich nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil, zur Schlüsselfigur des kulturellen Neuanfangs nach 1945 in Berlin geworden. Auf seine expressionistischen "O-Mensch"-Wortkaskaden der frühen Zwanzigerjahre waren Dichtungen von "quasi-religiöser Pathetik" gefolgt.[4] Becher war zutiefst davon überzeugt, dass es eine "antifaschistisch-demokratische Erneuerung" nur gemeinsam mit den bürgerlich-intellektuellen Kräften geben konnte, immer vorausgesetzt, dass selbige während der Jahre der Hitler-Diktatur keine Bannerträger der nationalsozialistischen Ideologie gewesen waren. Bechers Kulturkonzept konnte einerseits von vielen Bürgerlichen mitgetragen werden, da alle weltanschaulichen und ideologischen Fragen vorerst ausgeklammert blieben, und andererseits tangierte dieser kulturelle Neuanfang die anfänglich liberal zurückhaltende Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in der SBZ. In der Wiedererlangung verschüttgegangener humanistischer Grundwerte sah Becher eine wesentliche Voraussetzung, um die Hoffnungslosigkeit und geistige Zerrüttung des deutschen Volkes zu überwinden.

xErste Bundeskonferenz des Kulturbundes 1947Erste Bundeskonferenz des Kulturbundes in Berlin, Bürgermeister Ferdinand Friedensburg bei der Begrüßung, rechts Johannes R. Becher und Paul Wandel, 20. Mai 1947. (© Bundesarchiv, Bild 183-S75742)
Sein Tatendrang und seine Zielstrebigkeit hatte bereits am 3. Juli 1945 im zerstörten Berlin zur Gründung des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" geführt. Zu dessen Präsidenten war Becher gewählt worden, zu Vizepräsidenten der Schriftsteller Bernhard Kellermann, der Maler Karl Hofer und der Wissenschaftler Johannes Stroux. Das Hauptaugenmerk des Kulturbundes galt der Vertrauensbildung. In den sieben Leitsätzen, die man zur Grundlage zukünftigen Wirkens gemacht hatte, waren neben der "Vernichtung der Naziideologie als wichtigste Aufgabe" solche unverbindlichen Festlegungen wie "Verbreitung der Wahrheit, Wiedergewinnung objektiver Maße und Werte" zu finden. "Es hätte viel Skepsis dazugehört (und politische Erfahrung im Umgang mit Kommunisten), um in den insgesamt vertrauenserweckenden Zielsetzungen die Fußangeln zu entdecken, also zu vermuten, die 'nationale Einheitsfront der deutschen Geistesarbeiter' sei letztlich eine Kampfansage gegen den bürgerlichen Pluralismus und die 'streitbare demokratische Weltanschauung' eine verhüllende Metapher für den Marxismus-Leninismus."[5]

Finanziert hat sich der Kulturbund über den Aufbau Verlag, gegründet im August 1945, der sofort in Großauflagen antifaschistische Bücher herausbrachte, so etwa "Das siebte Kreuz" von Anna Seghers mit 60.000 Exemplaren. Daneben lag noch die Zeitschrift "Aufbau" in der Verantwortung des Kulturbundes.

Im Mai 1947 konstatierte Walter Karsch, Herausgeber des West-Berliner "Tagesspiegels", anlässlich des sich abzeichnenden Verbotes dieser Organisation in den Westsektoren durch die westlichen Alliierten, dass der Kulturbund eine "kommunistische Tarnorganisation" sei.[6] Die anfängliche Personalpolitik mit der vordergründigen Besetzung repräsentativer Funktionen mit "Bürgerlichen", während der Apparat fest in Händen der Kommunisten lag, ließ diese Feststellung zu. Man kann davon ausgehen, dass der Kulturbund als "Alibi-Institution" in das langfristige politische Kalkül der sowjetischen Besatzungsmacht und der deutschen Kommunisten einbezogen worden war.

So war es auch zu verstehen, dass Becher in seiner Rede auf dem Schriftstellerkongress an die Einheit der deutschen Kultur appellierte und darum bemüht war, die unterschiedlichen weltanschaulichen und politischen Positionen der deutschen Autoren aus den vier Besatzungszonen zu glätten, die Gegensätze nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. In seiner Rede unter dem Leitwort "Vom Willen zum Frieden", stellte er sich sogar auf die Position derer, die vor der Indienstnahme der Literatur durch die Politik warnten: "Wir haben erfahren, dass von der Literatur gefordert wurde, sich den politischen Bedürfnissen zu unterwerfen, um so zu einer Art kunstgewerblich aufgeputzten Fassade der Staatsführung zu werden. Die Politik verschlingt die Literatur, wenn nicht die Literatur auf eine ihr eigentümliche und selbständige Art politisch wird".[7]

Doch gerade diese Unterwerfung der Literatur unter die politischen Bedürfnisse wurde wenig später auch von Becher, der in den Fünfzigerjahren Kulturminister der DDR war, nicht verhindert. Dabei war Becher "(u)nzweifelhaft (…) die einflussreichste, widersprüchlichste, vielseitigste, um nicht zu sagen schillerndste Figur innerhalb der Kulturszenerie der SBZ."[8]


Fußnoten

1.
Ost und West, 4/1947, S. 25ff, zit.: Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR, Köln 1982, S. 14.
2.
Ursula Reinhold u. a. (Hg.), Erster Deutscher Schriftstellerkongreß 4.–8. Oktober 1947. Protokoll und Dokumente, Berlin 1997, S. 204 u. 211.
3.
Wolf Jobst Siedler, Wir waren noch einmal davon gekommen. Erinnerungen, München 2004, S. 312.
4.
Jäger (Anm. 1), S. 2.
5.
Manfred Jäger, Literatur und Kulturpolitik in der Entstehungsphase der DDR (1945–52), in: APuZ, 40–42/1985, S. 39.
6.
Eine Kulturmetropole wird geteilt. Literarisches Leben in Berlin (West) 1945 bis 1961, Hg. Kulturamt Schöneberg u. a., Berlin (W.) 1987, S. 24.
7.
Johannes R. Becher, Gesammelte Werke, Bd. 17, Berlin/Weimar 1979, S. 170.
8.
Jäger (Anm. 1), S. 21.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 6. Mai 1974
    Willy Brandt (SPD) tritt als Bundeskanzler zurück: Ursachen sind Amtsmüdigkeit, Regierungskrisen, zeitweilige Depressionen und Führungsschwäche, unmittelbare Anlässe sind sein Privatleben (Frauengeschichten, die ihm vor allem der SPD-Fraktionsvorsitzende... Weiter
  • 6. Mai 1977
    Die DDR vereinbart mit der Mongolischen Volksrepublik einen neuen Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit, am 4. 12. 1977 erstmals auch mit der Republik Vietnam. (25. 12. 1955 und 12. 9. 1968) Weiter
  • 6. Mai 1986
    Nach Verhandlungen von über zwölf Jahren schließen die beiden deutschen Staaten das Kulturabkommen ab. Sie vereinbaren darin, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und auf der Grundlage des beiderseitigen Interesses, in den Bereichen Kultur, Kunst, Bildung und... Weiter
  • 6. Mai 1986
    Das deutsch-deutsche Kulturabkommen wird unterzeichnet. (6. 5. 1986) Weiter
  • 6. Mai 1990
    Erste freie Kommunalwahlen für Kreistage, Stadtverordnetenversammlungen und Stadtbezirksversammlungen in der DDR. Mit der Volkskammerwahl (18. 3. 1990) verglichen, bleibt die CDU stärkste Partei. Sie erleidet aber, wie auch die anderen größeren Parteien, mit... Weiter
  • 6. Mai 1990
    Bei den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR erhält in Ost-Berlin die SPD mit 34,04 Prozent die meisten Stimmen. Danach folgen die PDS mit 30,04 Prozent, die CDU mit 17,68 Prozent und das Bündnis 90 mit 9,67 Prozent. (6. 5. 1990) Am 26. 5. einigen sich SPD... Weiter
  • 6.- 8. Mai 1995
    Weltweit finden Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren statt, vor allem in Europa. Im Zeichen der Aussöhnung überwiegen Feiern, die der Erinnerung und Besinnung dienen: an die Millionen Toten und Opfer des Krieges, an die... Weiter