Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Jürgen Koller

Eklat beim Ersten (gesamt-)Deutschen Schriftstellerkongress in Ost-Berlin

Der US-amerikanische Journalist Malvin J. Lasky und der kulturelle Kalte Krieg

"Rot gleich braun"?

Wer war nun dieser Melvin J. Lasky, der von Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur der amerikanischen Zone, beinahe (nach Laskys eigener Aussage) wegen seines provokanten Auftretens auf dem Schriftstellerkongress aus Berlin ausgewiesen worden wäre? Clay hatte zum damaligen Zeitpunkt kein Interesse an der Verschärfung des Konflikts mit den Sowjets.

Melvin J. Lasky wurde 1920 als Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer in New York geboren. Seine Eltern führten in Manhattan einen kleinen Textilbetrieb. Er lebte mit Eltern und zwei jüngeren Schwestern in der Bronx, wie viele jüdische Einwandererfamilien aus Osteuropa. Geprägt wurde Lasky schon in frühen Jahren von drei Konstanten, die nachhaltigen Einfluss auf seine Entwicklung hatten: "Zum einen spielte die Zeitungslektüre, vor allem der 'New York Times', eine zentrale Rolle im Alltagsleben der Familie; zum anderen gab es mitunter heftige Diskussionen in der Großfamilie. (…) Thema dieser Diskussionen waren immer wieder die politischen Entwicklungen in Europa und speziell in Deutschland nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933. Die dritte Konstante war (…) die grundsätzliche Wertschätzung der deutschen Kultur und Sprache, die (…) in erster Linie vom Vater ausging."[17]

Nach der High School, wo er schon für Schülerzeitungen berichtete, schrieb er sich 1935 in dem bei den Söhnen jüdischer Einwanderer beliebten City College of New York ein, das er nach dem Studium der Sozialwissenschaften im Jahre 1939 abschloss. Die Bekanntschaft mit dem Geschichtsprofessor B. N. Nelson prägte Lasky ebenso wie die Zugehörigkeit zur Diskussionsrunde der Sozialisten und Trotzkisten am College, denen er in dieser Zeit nahe stand. Ab 1938 schrieb er Rezensionen und Artikel für die linke Zeitschrift "Partisan Review", Sprachrohr der antistalinistischen New York Jewish Intellectuals. Anschließend ging er ab 1939 für ein Jahr zum Geschichtsstudium an die Universtiy of Michigan. Im Herbst 1942 bekam er von Daniel Bell das Angebot als Redakteur für die politisch links ausgerichtete Zeitung "New Leader" zu arbeiten.

Einberufen in die US-Armee – im November 1943 –, wurde er 1945 nach Europa verschifft und marschierte mit der 7. US-Armee im Rang eines Hauptmannes in Frankreich und Deutschland ein. Als Armeehistoriker hatte er Kämpfe zu dokumentieren, US-Soldaten und die Zivilbevölkerung zu befragen. Da er sich relativ frei bewegen konnte, lernte er Deutschland und die zerstörten Städte kennen. Lasky war aber auch einer der ersten US-Soldaten, die das KZ Dachau nach der Flucht der SS betraten. Seine antitotalitäre Überzeugung und seine Ablehnung der Einparteienherrschaft wurden durch solche Erlebnisse weiter ausgeprägt. "Die umstrittene Gleichung 'Rot gleich Braun' freilich unterschrieb er nur zögerlich: Was den Juden Europas angetan wurde, blieb ihm, dem Sohn polnisch-jüdischer Emigranten, unvergleichbar."[18] Anfangs diente er als Kulturoffizier der US-amerikanischen Kommandantur des amerikanischen Sektors in Berlin, war aber zugleich auch für New Yorker linke Blätter journalistisch tätig.

Sein Auftritt auf dem Schriftstellerkongress 1947 in Ost-Berlin hatte Lasky so bekannt gemacht, dass die amerikanische Militärverwaltung ihn angesichts der politisch zugespitzten Lage im März 1948 mit der Herausgabe eines Kulturmagazins beauftragte. Zusammen mit seinem deutschen Mitherausgeber Helmut Jaesrich startete er ein Magazin, das die intellektuelle Elite Deutschlands ansprechen sollte. Am 1. Oktober 1948, während der Berlin-Blockade,
Melvin J. Lasky im Redaktionsbüro des "Monat"Melvin J. Lasky, der Herausgeber des "Monat", vor den ersten Ausgaben im Redaktionsbüro, Dezember 1948. (© Charlotte A. Lerg/Maren M. Roth, Cold War Politics. Melvin J. Lasky: New York, Berlin, London, München 2010, S. 19.)
erschien die erste Ausgabe des "Monat", knallrot, in einer Auflage von 20.000 Exemplaren. Lasky, der "mit seinem vehementen Antikommunismus prinzipiell auf Regierungslinie lag, war einer dieser Mittler" zwischen der amerikanischen Seite und den Erwartungen der deutschen Adressaten und wurde als "talentierter Kommunikator mit seinen zahlreichen europäischen und amerikanischen Kontakten zu einem der am besten vernetzten intellektuellen Agenten der USA im kalten Krieg."[19]

Der "Monat" wurde das Podium der "Renegaten", ehemaliger kommunistischer Parteigänger, aber darüber hinaus lud Lasky führende westeuropäische Intellektuelle, einschließlich der deutschen Geistes-Elite, und amerikanische Autoren als Beiträger ein, stets unter der Voraussetzung, dass "die Artikel durch intellektuelle Qualität, sprachliche Brillanz und antitotalitäre Gesinnung bestechen." – Übrigens: für Johannes R. Becher öffneten sich die Seiten des "Monats" nicht.

Die herausragende Bedeutung Laskys bestand weniger in der "Tiefe seiner Analysen oder der Wortmacht seiner Artikel, sondern in seiner Fähigkeit als Organisator lebendiger und weltanschaulich handlungsfähiger Netzwerke einer zutiefst politisierten intellektuellen Zunft." Nur so wird verständlich, "dass uns Lasky gleich an zwei bedeutenden Schnittpunkten der kulturellen Entwicklungen im Kontext des Kalten Krieges als einer der Hauptakteure begegnet: Bei der Gründung der Zeitschrift "Monat" im Jahr 1948 und im Umfeld des "Kongresses für kulturelle Freiheit" (CFF) zwischen 1950 und 1967.[20]

Was im Oktober 1947 auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress in Ost-Berlin mit Malvin J. Laskys bravourösen Rede als ein Paukenschlag für die kulturelle Freiheit und gegen den Totalitarismus in jedweder Form begann, endete ziemlich abrupt in den späten 60er-, frühen 70er-Jahren aus zweierlei Gründen: Zum einen änderte sich das machtpolitische Klima zwischen den beiden Blöcken. Die nichtkommunistische Linke begann die Idee der Entspannung voranzutreiben. Damit hatte der kulturelle Kalte Krieg mit seiner antimarxistischen Stoßrichtung, wie ihn der "Monat" auf sein Panier geschrieben hatte, seine Funktion verloren und wurde zugunsten der Neuen Ostpolitik unter der Formel "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr) entschärft. Und zum anderen hatten die "New York Times" (1966) und andere Blätter publik gemacht,
Karikatur zum "Kongress für kulturelle Freiheit"Karikatur der "Täglichen Rundschau" vom 25. Juni 1950 zur Finanzierung des "Kongresses für kulturelle Freiheit" (CFF) durch die CIA bzw. den Central Investigation Command (CIC). (© Eine Kulturmetropole wird geteilt, Hg. Kulturamt Schöneberg u.a., Berlin (W.) 1987, S. 41.)
dass der "Monat" auf dem Umweg der Ford-Foundation und des Kongresses für kulturelle Freiheit in verdeckter Form von der CIA mitfinanziert worden sei. Das hatte die internationale Glaubwürdigkeit untergraben, etliche Autoren zogen sich entsetzt zurück. Im März 1971 erschien die letzte Ausgabe der renommierten Zeitschrift. Bis zu seinem Lebensende im Jahre 2004 bestritt Lasky stur und unbeirrt, von der mittelbaren Herkunft der Zuwendungen an die Zeitschrift gewusst zu haben. Zugleich betonte er: "Wir haben gedruckt, was wir wollten."[21]

Fußnoten

17.
Maren Roth, Melvin J. Lasky – Intellektueller Agent, in: Charlotte A. Lerg/dies. (Hg.) Cold War Politics: Melvin J. Lasky, München 2010, S. 6.
18.
Michael Naumann, Feuerkopf des Kalten Krieges. Zum Tod von Melvin J. Lasky, dem genialischen Herausgeber des »Monat«, in: Die Zeit, 23/2004.
19.
Roth (Anm. 17), S. 10.
20.
Michael Hochgeschwender, Die Mission der Kultur im Zeitalter der Extreme: Melvin J. Lasky, der »Monat« und der Kongress für kulturelle Freiheit, in: Lerg/Roth (Anm. 17), S. 18f.
21.
Naumann (Anm. 18).

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