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Beleuchteter Reichstag

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23.4.2012 | Von:
Peter Löhnert
Emmy Attinger-Goldacker

Dokumentation: Späte Genugtuung

Die Rehabilitierung der Emma Goldacker

Dokument 5: Kommentar von Emmy Attinger-Goldacker

Späte Rehabilitierung

"Berlin: Anfang 1945. Die russische Armee näherte sich der Hauptstadt. Die anfangs fast nur nächtlichen Luftangriffe auf Berlin wurden jetzt auch tagsüber fortgesetzt. Meine Mutter und ich warteten ungeduldig auf das Ende dieses mörderischen Krieges, das Ende der Nazi-Herrschaft. Eine gute Freundin rief mich an und riet mir, sie auf der Flucht vor den Russen zu begleiten: Nimm Dein Rad und komm mit, ich fahre mit Melsene (ihrer damals noch nicht zweijährigen Tochter) Richtung Hamburg". So hatte ich in meinen Erinnerungen notiert. Ich hatte die Aufforderung der Freundin, Berlin zu verlassen, mit der Begründung abgelehnt, dass ich erstens nichts zu befürchten hätte und dass ich zweitens meine damals 60-jährige Mutter nicht allein zurücklassen könnte. Weder meine Mutter noch ich waren jemals in der NSDAP gewesen und mein Vater, Paul Goldacker, war 1938 aus Deutschland geflohen und zum Landesflüchtling erklärt worden. Dadurch hatte ich stets in der Angst gelebt, seinetwegen von der Gestapo verhaftet zu werden. Warum also sollte ich vor den Russen fliehen? Sie kamen ja als "Befreier" von der Nazi-Herrschaft!

Meine Mutter und ich dachten nicht im Geringsten daran, dass mir die Dienstverpflichtung zum Reichssicherheitshauptamt, Amt VI, je zum Verhängnis werden könnte. Eine Diktatur müsse doch die andere Diktatur verstehen und wissen, dass ich dort arbeiten musste, wohin mich die nationalsozialistische Verwaltung beorderte. Welch ein Irrtum!

Unvergesslich ist mir ein Augenblick meines ersten Arbeitstages beim RSHA: Ich saß einem SS-Offizier gegenüber, der mir meine Arbeit erklärte, und sah plötzlich an der Wand hinter dem Schreibtisch das Bild Heinrich Himmlers. Unbeschreiblich, welches Angstgefühl mich überfiel: Sie wissen, wer mein Vater ist … – Niemand durfte mein Erschrecken, meine Angst merken! Als ich das Büro dieses Offiziers verließ, konnte ich es jedoch trotz der überstandenen Angst nicht lassen, zu fragen, ob er nicht noch einige Informationen über mich bräuchte, was er arrogant grinsend mit dem Satz: "Wir ziehen unsere Informationen ohne Sie ein", abtat. Ich war erleichtert, er wusste nicht, dass mein Vater der Landesflüchtling Paul Goldacker war!

Am 23. April 1945 sah ich vom Fenster unseres Hauses die ersten russischen Soldaten. Berlin war umzingelt, und die russische Armee eroberte einen Stadtteil nach dem anderen. Die Waffen schwiegen. Gespenstige Ruhe. Langsam begannen die Überlebenden unter russischer Herrschaft ein neues Leben.

Im Juli 1945 wurde ich von einem Deutschen für eine Stange Zigaretten und eine Flasche Wodka – das Nachkriegszahlungsmittel – den Russen übergeben.

Mir wurde die Dienstverpflichtung beim RSHA, einer derjenigen Institutionen, die von den Russen als zu liquidierende Institution erklärt worden war, zum Verhängnis. Zuerst wurde mir nur Spionagetätigkeit gegen Russland vorgeworfen, später wurde jedoch aus der "Spionin" eine "Terroristin", die versucht hätte, mithilfe von in Deutschland ausgebildeter russischer Soldaten einen bewaffneten Aufstand in Russland zu organisieren. Doch dies alles erfuhr ich erst Mitte 2010, also 65 Jahre nach Kriegsende – dank Peter Löhnerts hilfreicher Initiative.

Am 4. Juli 1945, der Waffenstillstand war bereits am 8. Mai unterschrieben worden, kam ein Mann in die Schule, in der ich als angehende Neulehrerin hospitierte, und bat mich, ihn zur nächsten russischen Kommandantur zu begleiten. Nichts, aber auch wirklich nichts Böses ahnend, folgte ich ihm und befand mich etwa zwei Stunden später als Gefangene der russischen Besatzungsmacht im Kohlenkeller einer requirierten Villa. Das war die erste Station einer über zehnjährigen Gefangenschaft.

Ein Kohlenkeller ist kein normales Gefängnis. Ein leerer Sack, den ich in einer Ecke entdeckte, diente als Sitz- und Schlafgelegenheit auf dem Zementboden. Decke oder gar Kopfkissen gab es nicht. Meine Gesellschaft: ein Mann, der an epileptischen Anfällen litt, und eine sehr schöne deutsche Schauspielerin. Beide wurden nach einigen Tagen abgeholt und kamen nicht mehr in den Kohlenkeller zurück. In einer Ecke ein Eimer für unsere Bedürfnisse. Waschgelegenheit? Überflüssiger Luxus für Gefangene. Die dünne Wassersuppe gab es nur jeden zweiten Tag. Noch immer war ich trotz der inzwischen stattfindenden nächtlichen Verhöre der festen Überzeugung, dass sich meine Verhaftung als Irrtum herausstellen und die Russen mich wieder frei lassen würden. Doch statt entlassen zu werden, wurde ich ins Frauenjugendgefängnis in Berlin-Lichtenberg überführt.

In dem Augenblick, als sich hinter mir die eisenbeschlagene Tür einer drei Schritte breiten und sieben Schritte lange Gefängniszelle schloss und ich das klirrende Geräusch des sich drehenden Schlüssels vernahm, begriff ich, dass ich tatsächlich Gefangene war. Eine Gefangene ohne Rechte. Ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen. Ohne Anwalt. Ohne das geringste Verbrechen begangen zu haben. Ich schrie und schlug meinen Kopf gegen die eisenbeschlagene Tür – bis ich begriff, dass niemand auf mein Schreien und Klopfen reagierte und dass ich durch derartige Gefühls- und Hassausbrüche nur mir selber schadete, unnötige Kraft vergeudete, die ich zum Überleben brauchte. Denn das war mir sofort klar, diese Zelle darf und wird nicht die Endstation meines Lebens sein. Ich muss überleben. Der Gedanke war wie ein Zwang. Mein Leben wird anders sein, als ich es mir erträumt hatte, das war sicher. Ich musste mich innerlich von allem, was vor diesem Augenblick mein Leben ausmachte, lösen und den Kampf ums Überleben dort anfangen, wo ich mich befand: in der Zelle eines riesigen Gefängnisses. Ich wollte und musste überleben! Die Frage "warum", die in der grellgrünen Gefängniswand eingeritzt war, ließ ich nicht an mich herankommen. Darauf gab es keine Antwort. Ich habe mich dagegen oft gefragt, warum ich nicht? Sollte es mir besser gehen, als den Tausenden während des Hitlerregimes unschuldig getöteten Menschen? Diese Erkenntnis hat mir die zehn Jahre meiner Gefangenschaft erträglicher gemacht.

Die nächtlichen Verhöre wurden wieder aufgenommen. Wie im Kohlenkeller zuvor, war es verboten, sich tagsüber hinzulegen. Die Tage waren unendlich lang. Schreiben? Bücher? Natürlich war es verboten zu schreiben, Bücher gab es auch nicht. Nach einiger Zeit war ich vollkommen verlaust. Meine einzige Beschäftigung bestand darin, Läuse zu knacken. Zuerst waren es nur Kopfläuse, später dann auch Kleiderläuse. Wenn ich mich nicht gerade entlauste, begann ich hin und her zu gehen. In der Ecke stand der übel riechende Eimer. Morgens kurze Waschgelegenheit in der Toilette, bei offener Tür. Immer unter Bewachung. Scham? – ER, der Bewacher sollte sich schämen, fand ich und wusch mich. Einmal innerhalb von vier Monaten konnte ich mich duschen, natürlich unter männlicher Bewachung. Quälender Hunger, fast unerträgliche Müdigkeit und nicht aufzuhaltende Verschmutzung sollten die Gefangenen dazu bringen, all das zu unterschreiben, was der Untersuchungsrichter brauchte, um einen Gefangenen zu verurteilen und somit eine Prämie zu erhalten.

Bei den Untersuchungsrichtern handelte es sich nicht etwa um Juristen, sondern um gute Kommunisten, die für jeden Verurteilten eine Prämie erhielten. Sie wechselten häufig, doch die Fragen wiederholten sich. Ich sollte Namen nennen, Namen von Mitarbeitern des RSHA, Namen von Agenten, mit denen ich in Istanbul oder in Wien zusammengearbeitet hätte, wo ich von 1942 bis 1944 vom RSHA eingesetzt worden war. Ich gab ihnen statt der Namen Nummern, denn sie wussten genau, dass jeder Agent eine Nummer hatte und nie den Namen eines anderen Agenten kannte. Nummern, die uns schützen sollten, und nicht, wie später im Gefangenenlager, wo wir auch Nummern bekamen, die uns zu namenlosen, gedemütigten Geschöpfen machten. Dann wollten sie wissen, ob ich in Istanbul Russen gesehen hätte. Lächerliche, sich immer wiederholende Fragen. Schließlich sagte ich ihnen, dass ich bei einem Hafenspaziergang ein ganzes Schiff voller Russen gesehen hätte. Diese Antwort fand ich natürlich in keinem der Protokolle. Die in diesen Protokollen angegebenen Antworten wurden von den Verhörern völlig frei erfunden oder verdreht.

Die nächtlichen Verhöre schienen kein Ende zu nehmen, bis ich eines Tages einem Offizier vorgeführt wurde, der mir fließend Deutsch sprechend vorschlug, mit einem Funkgerät nach Japan zu gehen, um dort für die Sowjets zu arbeiten. So könnte ich auch wie vorher, viel Geld verdienen und mir schöne Kleider kaufen!! Ich lehnte diesen Vorschlag sehr höflich mit der Begründung ab, dass ich keine Lust hätte, nach russischen auch noch japanische Gefängnisse kennen zu lernen. Dieses merkwürdige Gespräch wurde in keinem Protokoll erwähnt. In der Nacht darauf wurde ich zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ohne dass ich wusste, was mir vorgeworfen wurde. Ohne jede Möglichkeit, mich zu verteidigen, ohne Rechtsanwalt. Nie habe ich irgendein Schuldbekenntnis abgegeben, weder während der Verhöre, geschweige denn anlässlich meiner Verurteilung. Im Gegenteil. Als mir nach der Urteilsverkündung noch einmal das Wort gegeben wurde, benutzte ich diese Gelegenheit, um meinen "Richtern" zu sagen, dass sie mit dem gleichen Recht, mit dem sie mich heute verurteilen, jeden Deutschen verurteilen könnten.



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