Beleuchteter Reichstag

counter
23.4.2012 | Von:
Peter Löhnert
Emmy Attinger-Goldacker

Dokumentation: Späte Genugtuung

Die Rehabilitierung der Emma Goldacker

Nachdem mein Buch ins Russische übersetzt und veröffentlicht worden war, entdeckte ich zufällig im Internet, dass dieses Buch im Sacharow-Museum in Moskau hinterlegt wurde und dass das Museum auch meine Biografie besaß. Diese Biografie enthält die Bemerkung, dass die Sowjets 1955 versucht hätten, mich als Agentin anzuwerben. Heute kann ich mit Stolz sagen, dass ich beide diesbezüglichen Versuche abgelehnt habe – den ersten, wie oben erwähnt, 1945 noch im Berliner Gefängnis und den zweiten in Moskau 1955 – ohne zu wissen, welche Folgen diese Ablehnung für mich haben könnte. Unmittelbar nach meiner ersten ablehnenden Antwort wurde ich verurteilt. 1955, in Bikowa bei Moskau, noch immer Gefangene, wurde ich nach West-Berlin entlassen. Am 27. August 1955 stand ich wieder vor der Tür unseres Hauses in Berlin-Britz. Zehn Jahre und zwei Monate, nachdem ich verhaftetet worden war.
Emma Goldacker mit Mutter.Emma Goldacker mit ihrer Mutter, kurz nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, September 1955. (© Emmy Attinger-Goldacker)
Das Wiedersehen mit meiner inzwischen 70-jährigen Mutter war ergreifend. Ich war so dankbar, dass sie auf mich gewartet hatte, obwohl sie neun Jahre lang nicht wissen konnte, ob ich überhaupt noch lebte. Als politische Gefangene hatte ich, im Gegensatz zu Kriegsgefangenen, erst 1954, also neun Jahre nach meiner Verhaftung, dank des Roten Kreuzes die Möglichkeit erhalten, meiner Mutter eine Karte zu schreiben.

Nach einer kurzen Zeit des Einlebens – was genauso schwer war, wie das Annehmen des Gefangenendaseins, als ich mich von allem, was mein Leben vor der Gefangenschaft ausmachte, innerlich lösen musste, um überleben zu können – versuchte ich, einen Arbeitsplatz in Berlin zu finden, um wieder ein normaler, freier Mensch zu werden. Erst dann, wenn ich wieder Arbeit hätte, würde ich mich einleben können. Ich schrieb Bewerbungen, antwortete auf Zeitungsinserate und erhielt nur negative Antworten. Oft mit der Begründung, dass man jemanden bevorzugt hätte, der keine zehn oder elf Jahre lang seinen Beruf nicht ausgeübt hätte. Es war zum Verzweifeln, besonders nachdem ich erfuhr, wie schnell meine ehemaligen Vorgesetzten des RSHA es verstanden hatten, ihre Gesinnung zu wechseln und sich fast jeder Bestrafung zu entziehen, um wieder glänzende Stellungen zu bekleiden, sei es als Direktoren in der Industrie oder als höhere Beamte in der Verwaltung, oder auch im Auswärtigen Amt. Ich empfand nichts als Wut und Ekel. Für mich war kein Platz mehr in Deutschland. Als sich mir die Möglichkeit bot, beim Ökumenischen Institut in der Nähe von Genf zu arbeiten, nahm ich dieses Angebot an und verließ 1956 Berlin.
Ökumenisches Institut in Celigny.Ökumenisches Institut in Céligny. (© Emmy Attinger-Goldacker)
Genau zehn Monate nach meiner Heimkehr aus Russland begann ich meine Arbeit in der Schweiz und bin noch heute dankbar, mit welcher Geduld und Nachsicht ich hier behandelt wurde. Es war sehr schwer für eine ehemalige Gefangene – zehn Jahre sind unendlich lang –, sich wieder in einem normalen Leben zurechtzufinden. Ich hatte große Mühe, mich zu konzentrieren und Texte zu übersetzen, die andere vor mir gedacht und geschrieben hatten.

1959 heiratete ich Fred Attinger, einen Schweizer. Ich musste mich in dieser Zeit oft in den Arm zwicken, um sicher zu sein, dass dieses Leben Wirklichkeit sei. Wenn ich erwachte, wäre ich bestimmt wieder in Inta, im hohen Norden Russlands.

Ich lebe noch heute zusammen mit meinem Mann in der Schweiz und bin glücklich, die schwersten Jahre meines Lebens nicht etwa als verlorene Jahre zu betrachten, sondern als Jahre einer Lebensschule, die mich gelehrt haben, dankbar zu sein für das wiedergeschenkte Leben. Bei aller Dankbarkeit und Lebensfreude blieb im Hintergrund stets die Erinnerung an die Gefangenschaft.

Mein Mann zwang mich eines Tages förmlich, endlich die Geschichte meines Lebens aufzuschreiben. Daraus wurde dann das Buch "La Valise en Bois" ("Der Holzkoffer"), das 1976 in Paris veröffentlicht wurde und das ich erst später ins Deutsche übersetzte.

Bevor ich Peter Löhnert kennenlernte, hatte ich nicht an eine mögliche Rehabilitierung gedacht. Hier in der Schweiz hatte ich nichts von dieser Möglichkeit gehört, die es in Deutschland gab. Ich bin Peter Löhnert zu großem Dank verpflichtet, dass er sich für mich an die Sächsische Stiftung Gedenkstätten gewandt hat. Durch seine Vermittlung erhielt ich 65 Jahre nach der Verurteilung und 55 Jahre nach meiner Entlassung aus russischer Gefangenschaft nicht nur die Bescheinigung meiner Rehabilitierung, sondern ich bekam ebenfalls den auf meinen Namen ausgestellten Haftbefehl, einige Verhör-Protokolle und eine Kopie meiner Verurteilung, die am 25. September 1945 in Berlin von einem sowjetischen Militärtribunal ausgesprochen worden war.

Abschließend möchte ich es nicht versäumen, noch einmal der Stiftung Sächsische Gedenkstätten herzlich für ihre so wertvolle Hilfe zu danken. Besonderer Dank gilt Klaus-Dieter Müller, Alexander Haritonow und Ute Lange, die es ermöglichten, dass ich nicht nur meine Rehabilitation erhielt, sondern auch den von den Sowjets frei erfundenen Grund meiner Verurteilung erfuhr.


Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 21. Januar 1993
    Kabinettsumbildung und Affären:Günter Rexrodt (FDP) löst Wirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann (FDP) ab, der am 3. 1. 1993 wegen der »Briefbogenaffäre« - er hatte für das Produkt eines Verwandten auf Behördenpapier geworben - zurückgetreten war. Jochen... Weiter
  • 21. Januar 1997
    Nach zweijährigen Verhandlungen unterzeichnen Bundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Václav Klaus in Prag die deutschtschechische Aussöhnungserklärung. Im Geiste des Nachbarschaftsvertrages (27. 2. 1992) sollen die beiderseitigen Beziehungen... Weiter
  • 20./21. Jan. 1990
    Der Vorstand der SED-PDS entscheidet mehrheitlich, die von Krisen geschüttelte Partei nicht aufzulösen, sondern als radikal reformierte »Partei des Demokratischen Sozialismus« (PDS) fortzuführen. Sie verzichtet daher auf ihren alten Namen, aber auch auf das... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen