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24.4.2012 | Von:
Gerhard Barkleit

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

Das Oral-History-Projekt



Grundsätzlich bietet sich für die empirische Forschung zur Wirkung von Invarianten das Instrumentarium der Oral-History an. Das eingangs erwähnte und von Kostjašov geleitete Oral-History-Projekt ist erkennbar nicht nur von dem professionellen Interesse an einer Umbruchsituation von großer Tragweite geleitet, sondern stellt auch den Versuch einer Heroisierung der ersten Generation von Neusiedlern dar. Im Rahmen dieses Anfang der 1990er-Jahre durchführten Projekts wurden 320 Neusiedler befragt, die zwischen 1945 und 1950 in das Kaliningrader Gebiet gekommen waren. Die Interviews wurden verschriftet und archiviert, der Umfang der Transkripte beträgt ca. 2.500 Seiten. 1999 wurden erstmals Ergebnisse dieser Befragungen durch Eckhard Matthes veröffentlicht.[8]

Wenngleich die Fragestellungen dieses Projekts nicht auf die Wirkung der Reste deutscher Kultur auf die Entwicklung der Gesellschaft der Neusiedler gerichtet waren, erwies sich eine Durchsicht dieses Materials im Staatlichen Archiv des Kaliningrader Gebiets im Sommer 2010 als durchaus lohnend. Im narrativen Teil dieser Interviews wurden auch Fragen nach dem Verhältnis der Neusiedler zu den bis 1948 noch geduldeten Deutschen gestellt. Allerdings ist für die hier zu verhandelnde Problemstellung lediglich eine quantitative Auswertung im Sinne einer Ja-Nein-Entscheidung möglich, keine tiefer lotende Analyse. Für einen systematischen oder gar theoriegeleiteten Zugriff erweisen sich diese Interviews aufgrund einer ganzen Reihe von methodischen Gründen als wenig geeignet.

Zum einen wurden sie von mehreren Wissenschaftlern als rein narrative Interviews geführt, wobei allerdings ein abgestimmtes Vorgehen mit im Wesentlichen gleichen Fragen durchaus zu erkennen ist. Ein einheitlicher Fragespiegel mit exakt den gleichen Fragen an alle Probanden indes existierte nicht. Zum anderen, und das erwies sich für die Fragestellung dieses Beitrages als besonders nachteilig, gelang es in vielen Fällen nicht, die Befragten im sozialen Netzwerk der Gesellschaft zu verorten. Angaben zur Herkunft, zu Berufs- und Bildungswegen, ausgeübter Tätigkeit und Karriereverlauf sowie zu den Wohn- und Lebensverhältnissen fehlten in vielen Fällen vollkommen bzw. erwiesen sich als unzureichend. Aufschlussreich sind jedoch die ersten Eindrücke der Neusiedler, in denen oft genau das eine zentrale Rolle spielte, was hier "Invariante" genannt wird.

Eigene Ergebnisse

Es wurden etwa 240 Interviews gesichtet.[9] In 46 dieser Interviews gab es themenrelevante Passagen. Invarianten im Sinne dieses Projekts wurden in 28 Interviews expressis verbis angesprochen und in die nachfolgende Matrix eingeordnet. Auf eine tiefer lotende Analyse der relevanten Interviews wurde wegen der bereits genannten Probleme verzichtet.

Matrix der Invarianten
(in Klammern die Anzahl der Nennungen)
AneignungGebrauchWahrnehmung
Reichweite
IndiviuumWohnungen und Mobiliar (3)
Haushaltsgeräte (2)
Haushaltsgeschirr (1)
Brunnen (1)
Werkzeug (1)
Stallungen, Koppeln (1)
Krankenhäuser (3)
Friedhöfe (2)
Kirchen (1)
Höfe (1)
Vorgärten (2)
ÖffentlichkeitStraßen und Wege (7)
Straßenbahn (1)
Kanalisation (1)
Architektur (12)
Denkmale (7)
Schloss (2)
Dom (2)
Hafen (1)
Melioration (1)
Wald (1)



Fußnoten

8.
Eckhard Matthes (Hg.), Als Russe in Ostpreußen. Sowjetische Umsiedler über ihren Neubeginn in Königsberg/Kaliningrad nach 1945, Ostfildern 1999.
9.
Gosudarstvennyj arhiv Kaliningradskoj oblasti [Staatsarchiv der Region Kaliningrad], fond 1191, tom 1/10, str. 102.

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