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24.4.2012 | Von:
Wolfgang Schlott

Positionen einer europäischen Erinnerungspolitik

Freiheit, ach Freiheit …

Breier/Muschg (Hg.), Freiheit, ach Freiheit …Zsuzsa Breier/Adolf Muschg (Hg.), Freiheit, ach Freiheit … (© Wallstein, Göttingen)
Es ist ein lobenswertes Vorhaben, zwei Mitteleuropäer, die aus Budapest stammende, jetzt in Berlin lebende Leiterin des Dialog-Kultur-Europa e. V., Zsuzsa Breier, und den Schweizer Professor und Schriftsteller Adolf Muschg mit der Herausgabe einer Anthologie zu betrauen, in der die leidvolle Erfahrung mit der jüngsten Geschichte Europas von 37 Schriftstellern, Politikern, Historikern, Journalisten und Bürgerrechtlern aus 17 Ländern aufgearbeitet wird. Grundlage der vorliegenden Publikation bilden die Vorträge der Verfasser, die sie zwischen 2008 und 2010 unter der Leitidee "Geeintes Europa – geteiltes Gedächtnis" in Berlin im Rahmen der Dialog-Gesellschaft gehalten haben. Ausgangsfragen wie: Was haben wir Europäer aus unserer Geschichte gelernt? Wie gehen wir mit unseren Tätern, Opfern und Helden um? Was trennt und was verbindet uns bei der Aufarbeitung unserer jüngsten Vergangenheit? (Breier), und die Inkongruenzen der Erfahrungen im Umgang mit Geschichte (Muschg) stellen die Leitlinien in den Beiträgen dar. Bildimpulse für diese diskursive Auseinandersetzung liefern drei Abbildungen auf dem Buchumschlag, die auf Schlüsselereignisse der europäischen Geschichte verweisen: die Französische Revolution, der Ungarische Aufstand von 1956 und die Errichtung der Mauer 1961. Sie dienen auch als Leitbilder für die thematische Gliederung der Anthologie: Doppelerfahrung Europa; Gräber und Gespenster; Erinnern, Umdichten, Vergessen; "Die Spuren der Geschichte lesen"; "Verzögerte Aufarbeitung"; "Europa atmet wieder mit zwei Lungen".

Von welchen Überlegungen lassen sich die Autoren leiten? Joachim Gauck spricht von den konkreten Erfahrungen mit dem diktatorischen Regime der DDR und den Schwierigkeiten mit der Akzeptanz von begangenen Fehlern. Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel fordert, ausgehend von der Asymmetrie der Wahrnehmung (von) und des Interesses an den staatssozialistischen Ländern jenseits der Elbe bis 1989 eine Ausweitung des geschichtlichen Horizonts beim Umgang mit der Vergangenheit. Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry setzt sich mit der Funktionalisierung von Erinnerungskulturen in Ungarn nach 1989 auseinander, indem er auf die rechtsradikal orientierte Politik der Fidesz-Regierung aufmerksam macht, die dem Holocaust-Gedenktag nur unter der Bedingung zugestimmt habe, "dass auch ein Tag der Opfer des Kommunismus in die Liturgie der staatlichen Erinnerungskultur aufgenommen wird." (43) Damit würden Terrorregime gegeneinander ausgespielt und Menschenrechte teilbar gemacht.

Über Gräber hinweg, im Kampf mit den Gespenstern aus der kommunistischen Vergangenheit, reden Repräsentanten aus fünf zentral- und osteuropäischen Republiken, deren unterschiedliche Freiheits- und Angstvisionen sich in konkurrierenden Erzählungen und oft auch atomisierten Geschichten niederschlagen (Joachim Scholtyseck). Besonders beunruhigend klingt in diesem Bereich die Stimme des ukrainischen Schriftstellers Jurij Andruchowytsch. Sie beschwört Europa, es möge doch seine Türen – nach den enttäuschenden Ergebnissen der Orangenen Revolution 2004 – zur Ukraine (wieder) öffnen. Während die rumänische Forscherin Germina Nagat voller Stolz über die Öffnung des Archivs der Securitate berichtet, in dem seit 2006 die Opfer des Ceauşescu-Regimes Einsicht nehmen können. Besonders schwerwiegend ist die kollektive Erinnerung der baltischen Völker an ihre von zwei Terrorregimen zwischen 1940 und 1989 besetzten Länder. Der estnische Historiker und Politiker Mart Laar betont im Hinblick auf die verheerenden Verluste der estnischen Bevölkerung nach 1945 und die Auswirkungen der imperialen Sowjetpolitik die besondere Bedeutung der Europäischen Union für die Überwindung der wirtschaftlichen und soziokulturellen Krise seines Landes. Der litauische Philosophie-Professor und Publizist Virgis Valentinavičius appelliert an die Opferverbände seines Landes, sich die Auswirkungen des Nazi-Terrors gegen die jüdische Minderheit und der Liquidation von zehntausenden Zivilisten durch die sowjetische Gewaltherrschaft in den 40er-Jahren in das Gedächtnis zurückzurufen. Ein Prozess, der umso dringlicher sei, als in Litauen eine kollektive Amnesie im Hinblick auf die jüngste Geschichte vorherrsche, ähnlich wie in Russland, in dem, wie die amerikanische Historikerin Anne Appelbaum, Verfasserin einer GULAG-Geschichte, weiterhin eine positive kollektive Erinnerung an den Gewaltherrscher Stalin bewahrt werde. Wie aber soll Gedächtnisarbeit funktionieren, wenn ihr kollektiver Gegenstand, wie der renommierte polnische Publizist Władysław Bartoszewski betont, sich wie ein "rücksichtsloser Autofahrer" benimmt, der wesentliche Ereignisse aus seiner Vergangenheit eliminiert. Umso wichtiger sei die Herausbildung eines "gewissen europäischen Bewusstseins", um die Fähigkeit zu entwickeln, "mit den Augen des Anderen zu sehen." (121)

Allerdings überwiegen die Zweifel an deren Umsetzung, wie andere Referenten bestätigen: Adolf Muschg ("Der Verstand der Europäer steht still"); Andreas Wirsching (es gelte zuerst die Ungleichzeitigkeit der europäischen Erinnerung aufzuarbeiten); Stéphane Courtois, Herausgeber des "Schwarzbuch des Kommunismus", bezieht sich auf ein dreigeteiltes Europa (West-, Ostmitteleuropa und die Sowjetunion mit ihren kolonialisierten Völkern), das seine schwer belastete Vergangenheit aufarbeiten muss, und Horst Möller, deutscher Historiker, verweist auf die Gefahren einer antidemokratischen Entwicklung im "neuen" Europa. Und was wird passieren, wenn "Europa wieder mit zwei Lungen atmet?" Sind Politiker – wider die historische Erfahrung – "unverbesserliche Optimisten"? Wolfgang Schäuble setzt auf die Durchsetzungskraft der Demokratie in Europa, die allerdings "Führung" brauche; Marek Prawda, Botschafter der Republik Polen in Berlin, vertraut auf die positive Energie der Solidargemeinschaft nach 1989; und sein Außenminister Radosław Sikorski beschwört die Verantwortung für Europa, in dem gemeinsame Geschichtsbücher die Fehler vergangener Jahrzehnte korrigieren.

Der thematisch und metaphorisch angeordnete Sammelband bildet ein aufschlussreiches Spektrum von Positionen zu einer europäischen Erinnerungspolitik aus ost- und südosteuropäischer wie auch westeuropäischer Perspektive, in der das bis 1989 geteilte Gedächtnis seit mehr als 20 Jahren eine Reihe wesentlicher Impulse in Richtung einer gemeinsamen Aufarbeitung von Geschichte in Europa erhalten hat. Ob damit seine kollektiven Erinnerungsneuronen aktiviert werden, bleibt – wie immer – abzuwarten.


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