Beleuchteter Reichstag

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3.5.2012 | Von:
Christian Becker

Marginalisierung der Sportgeschichte?

Eine Disziplin zwischen Entakademisierung und wachsender öffentlicher Wertschätzung

Sporthistorisches Arbeiten im außerakademischen Raum

Oben wurde bereits gesagt, dass das öffentliche Interesse an und das Verständnis für Sportgeschichte in den letzten Jahrzehnten erheblich gewachsen sind. Dies äußert sich unter anderem in populären Sachbüchern vornehmlich zur Fußballgeschichte, in Spiel-, Fernseh- und Dokumentarfilmen[29], aber auch in großen Ausstellungen wie
"Wir gegen uns: Sport im geteilten Deutschland""Wir gegen uns: Sport im geteilten Deutschland". Cover des Begleitbuches zur gleichnamigen Ausstellung (© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)
"Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland" im Haus der Geschichte Bonn bzw. Leipzig[30] oder "Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden[31]. Die Kuratorinnen und Kuratoren der letztgenannten Ausstellung verzichten jedoch bei Konzeptionierung und Realsierung auf die Expertise von Sporthistorikerinnen und Sporthistorikern, während diese bei der vorgenannten Ausstellung vom Haus der Geschichte ausführlich zu Wort kamen.

Eigene Sportmuseen mit Dauer- und Sonderausstellungen und breitem Sammlungsschwerpunkt existieren mittlerweile in Köln (Deutsches Sport- und Olympiamuseum), Leipzig (Sportmuseum Leipzig) und Berlin (Sportmuseum Berlin). Darüber hinaus sind zahlreiche kleinere Museen entstanden, die sich einzelnen Sportarten, einem spezifischen Raum oder einem bestimmten Verein (zumeist im Fußball) widmen.[32] Daneben ist in den letzten Jahren eine "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgebaut worden, die allerdings bislang vornehmlich virtuell unter www.hall-of-fame-sport.de zu besichtigen ist.

Und schließlich haben sich vielerorts professionelle, halb-professionelle und autodidaktische Sporthistorikerinnen und Sporthistoriker zusammengefunden, die in überwiegend ehrenamtlicher Arbeit zumeist in eingetragenen Vereinen wert- und verdienstvolle Leistungen für die Sportgeschichtsschreibung erbringen. Dazu zählen das Niedersächsische Institut für Sportgeschichte (1981 gegründet) und das Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg (gegründet 1993). Beide haben sich der Sammlung, Bewahrung und Dokumentation von sporthistorisch relevanten Materialien verpflichtet. Darüber hinaus unterstützen, schulen und beraten sich Vereinsarchivare und -chronisten bei ihrer Arbeit und der Erstellung von Festschriften und tragen auf diese Weise ein Geschichtsbewusstsein in die Turn- und Sportvereine.

In Berlin ist 2004 das Zentrum für deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg e. V. gegründet worden, das vor allem mit zahlreichen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hat und für seine Arbeit 2010 mit dem Einheitspreis der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet wurde.[33] Daneben veranstaltet das Zentrum Führungen und Exkursionen im öffentlichen Raum und bemüht sich darum, Sportgeschichte stärker im Geschichtsunterricht an den Schulen zu verankern.[34]

Die außeruniversitären sporthistorischen Einrichtungen und Vereine haben sich mittlerweile in der "Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Sportmuseen, Sportarchive und Sportsammlungen" organisiert, die ebenfalls jährliche Tagungen zu unterschiedlichen Aspekten der Sportgeschichte ausrichtet.

Perspektiven der Sportgeschichtsschreibung

Die Sportgeschichte lebt also noch, und zwar in verschiedenen Bezügen vor allem des außeruniversitären Raums[35]. Eine lebendige Wissenschaft bzw. wissenschaftliche Disziplin benötigt jedoch immer Beides: auf der einen Seite die akademische Verankerung mit ihren Freiheiten und gesicherten Forschungsförderungen, die ein kontinuierliches Arbeiten an einem Thema unter einheitlichen Standards ermöglicht. Dem sollte auf der anderen Seite die gesellschaftliche Rezeption und Öffentlichkeit antworten, die für eine Rückkopplung sorgt und die wissenschaftliche Forschung bereichert, indem sie Bausteine beisteuert und neue Fragen aufwirft. Momentan haben sich für die Sportgeschichte die Gewichte zwangsläufig in Richtung Öffentlichkeit verschoben, da sie als Disziplin der Sportwissenschaften zunehmend aus der akademischen Lehre und Forschung verdrängt wird, ohne dass der Sport als gleichberechtigtes Thema letztlich eine dauerhafte Aufnahme und Berücksichtigung in den Geschichtswissenschaften gefunden hätte.

Ob die rein kulturwissenschaftliche Herangehensweise, wie sie jetzt zum Beispiel dem DFG-Projekt "Sport-Körper-Subjekt" zugrundeliegt, in dem Sportgeschichte vornehmlich als Körpergeschichte verstanden wird und anhand von körperlichen Praktiken und performativen Leistungen Kategorien und Zuschreibungen von "Rasse", "Klasse" und "Geschlecht" erschlossen werden sollen[36], dazu beitragen wird, der Sportgeschichte wieder zu einem besseren Anschluss innerhalb der Geschichtswissenschaften zu verhelfen, erscheint zumindest zweifelhaft. Zugleich besteht die Gefahr, dass sich in einer derart verstandenen Sportgeschichte der Sport im engeren Sinne gleichsam auflöst und als Thema der historisch orientierten Wissenschaften letztlich verloren geht.

Fußnoten

29.
Zuletzt der Fernsehfilm "München 72 – Das Attentat", mit anschl. Dokumentation ausgestrahlt im ZDF, 19.3.2012.
30.
Der gleichnamige Begleitband erschien im Primus-Verlag, Darmstadt 2009.
31.
Vgl. Susanne Wernsieg u. a. (Hg.), Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft, Göttingen 2011.
32.
Eine erste, allerdings sehr unvollständige Übersicht: http://webmuseen.de/sportmuseen.html sowie http://www.dag-s.de [18.4.2012].
33.
Das Zentrum hat u. a. (Wander-)Ausstellungen zum Fußball im geteilten Deutschland ("Doppelpässe – wie die Deutschen die Mauer umspielten"), zur Sportfotografie ("Ästhetik und Politik. Deutsche Sportfotografie im Kalten Krieg") und zur sog. "Republikflucht" von DDR-Sportlerinnen und -Sportlern ("ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht") konzipiert und durchgeführt; z. T. "touren" diese Wanderausstellungen noch. Die Ausstellung "ZOV Sportverräter" (http://www.zov-sportverraeter.de/) ist zzt. bis 1.7.2012 zu sehen in der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) Leipzig in der "Runden Ecke", Dittrichring 24, 04109 Leipzig (tägl. 10–18 Uhr), die Ausstellung "Doppelpässe" (http:/www.doppelpaesse.de/) bis 27.7.2012 in der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität, Holstenhofweg 85, 22043 Hamburg (Mo–Fr, 9–16 Uhr); der Eintritt zu beiden Ausstellung ist frei.
34.
Vgl. hierzu: Jutta Braun/Berno Bahro, Sportgeschichte in Museum, Stadtführungen und Schulunterricht. Erfahrungsbericht des Zentrums deutsche Sportgeschichte e. V., in: Bruns/Buss (Anm. 7), S. 75–86.
35.
Davon zeugt auch die wachsende Buchproduktion mit sporthistorischen Inhalten. Das Programm des Göttinger Verlages Die Werkstatt z. B. wird mittlerweile von Fußballvereinschroniken dominiert, an denen auch etablierte Historiker als Autoren beteiligt sind.
36.
Vgl. hierzu den programmatischen Aufsatz von Jürgen Martschukat/Olaf Stieglitz, Sportgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.2.2012, https://docupedia.de/zg/Sportgeschichte?oldid=81632 [18.4.2012].

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