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3.5.2012 | Von:
Christoph Lorke

"Ungehindert abreagieren"

Hooliganismus in der späten DDR im Spannungsfeld von Anstandsnormen, Sozialdisziplinierung und gesellschaftlichen Randlagen

"Mannbarkeitsrituale"? Neo-Nazismus und Antisemitismus im Stadion

Konnten Ausschreitungen körperlicher Art noch mit jugendlicher "Verirrung" erklärt werden, so fiel dies bei verbalen Entgleisungen ungleich schwerer, zumal bei neo-nazistischen und antisemitischen Sprachhandlungen. Zum einen sind bei DDR-Fußballspiele der 80er-Jahre regelmäßig staatsfeindliche Äußerungen festzustellen, wobei "Stasi raus!"-Rufe erst ab der Saison 1987/88 nachzuweisen[44] sind und damit auf eine frappierende Analogie zu dem Orwellschen double-speak deuten, also den verschiedenen sprachlichen Repräsentationen nach innen und außen. Zum anderen scheint der latente und offene (Neo-)Faschismus wie Antisemitismus eine Konstante in der "Fan"-Welt des Fußballs zu sein.[45] Rechtsradikale Parolen bei Fußballveranstaltungen nahmen in der DDR seit Beginn der 80er-Jahre erkennbar zu und standen damit in enger Verbindung mit gesellschaftsweit zu beobachtenden Vorkommnissen.[46]

Einige wenige Beispiele von Äußerungen mit eindeutig rechtsradikaler Konnotation allein aus den Jahren 1987–1989 dokumentieren die Bandbreite dieses "rituellen Lärms"[47], die Roland Girtler als typisch mit der Fußballanhängerschaft in Verbindung stehende Männlichkeits- bzw. "Mannbarkeitsrituale" bezeichnete. Für derartige Handlungen in der DDR tritt freilich noch ein profundes Provokationspotential hinzu: Bei einem Spiel in Halle am 17. Oktober 1987 – am selben Tag wurde die Berliner Zionskirche von Skinheads gestürmt und zahlreiche Besucher eines dortigen Punkkonzerts zum Teil schwer verletzt – wurden Ordner als "SS-Schweine" beschimpft, mehrere Anhänger zeigten den "Hitler-Gruß" und riefen "Heil Hitler". Nach den Spielen Carl Zeiss Jena gegen Lok Leipzig sowie
Fans von Rot-Weiß ErfurtFans des FC Rot-Weiß Erfurt bei einem Oberliga-Punktspiel in Brandenburg, 9. November 1985 (© Bundesarchiv, Bild 183-1985-1114-302; Foto: Klaus Hirndorf)
Rot-Weiß Erfurt gegen den FC Magdeburg am 3. Dezember 1988 kam es in Großkorbetha bei Halle zu einem Zusammentreffen Leipziger und Magdeburger Radikaler, die den gleichen Zug nutzen mussten. Eine Aufteilung beider Lager durch die begleitende Polizei misslang und in der Folge beschimpften beide Fangruppen die Sicherungskräfte in Halle als "Judenschweine". Am 24. Februar 1989 traten rund 100 BFC-Anhänger, "in klassischer Montur mit Bomberjacke und Schnürstiefeln", am Hallenser Hauptbahnhof mit "Hitler-Gruß" und "Wir sind Deutsche"-Rufen in Erscheinung.[48] Vor dem Spiel Dynamo Dresden gegen den HFC Chemie am 12. August 1989 stellten die Sicherheitskräfte über längere Zeit antisemitische Gesänge fest wie: "Judensäue im Sachsenland, heut' werdet ihr abgebrannt."[49]

Auch Gesänge wie: "Gib Gas, wenn der BFC durch die Gaskammer jagt" oder "Zyklon B für BFC", in denen sich die Ablehnung des "Mielke-Klubs" mit antisemitisch-neofaschistischen Rufen mischten, oder auch "Deutschland den Deutschen", waren bei Fußballspielen mitnichten Raritäten.[50] Gerade die durch die Staatsnähe hervorgerufene breite Ablehnung des BFC, die sich unter anderem darin zeigte, dass man "Schiebereien" zugunsten des Lieblingsvereins von Stasi-Minister Erich Mielke zu beobachten können glaubte[51] und der BFC Dynamo daher mit einiger Berechtigung als der am wenigsten beliebte Fußballklub der DDR gelten kann, verweisen auf die besondere Brisanz solcher öffentlicher Äußerungen. Das Resultat dieser Koinzidenz aus gesellschaftlichen Tabus wie Gewalt, alkoholisierten Jugendlichen, tatsächlich oder vermeintlich problematischen Soziallagen und – zumindest unterschwelligen – rechtsradikalen Implikationen war im Übrigen nicht nur auf den Fußballsport beschränkt. Dies belegt ein Vorfall am 19. Januar 1988 in Weißwasser: Bei einem Eishockeyspiel der SG Dynamo Weißwasser fielen Sprüche wie: "Ihr Judenschweine, schert Euch heim nach Berlin", sowie mehrmals das Wort "Jude".[52] Täter wurden nur selten identifiziert bzw. strafrechtlich verfolgt. Auf die praktischen Schwierigkeiten einer solchen Fahndung verweisen die Erhebungen von Jutta Braun und Hans Joachim Teichler, zumal solche Gesänge nicht nur von einigen wenigen vorgetragen wurden, sondern gelegentlich von mehreren Tausend Anhängern.[53]

Gerade das anonyme Schreien aus einer Masse heraus traf und verletzte die Staatsmacht an einer besonders verwundbaren Stelle, da Sprechchöre wie diese dem Selbstverständnis des "antifaschistischen" Staates diametral entgegenstanden. Wie ein solches Verhalten der Fans zu werten ist, bleibt indessen fraglich. Vermutlich findet sich der Tabubruch als reine Provokation neben tatsächlich vorhandenem neo-nazistischen Tendenzen und Antisemitismus, vielfach wird wohl (auch) ein Kokettieren mit rechtem Pathos aus politisch-ideologischen Gründen ausschlaggebend gewesen sein. Die Interpretationsangebote sind ebenso mannigfaltig wie in der Fan- und Fachwelt umstritten:[54] Beteiligte sahen in diesem subkulturellen Phänomen ernsthafte Rechtsradikalität und tatsächlich vorhandene ideologische Manifestation bei Einzelnen,[55] häufig verbunden mit einer jeweils latenten bis offenen Fremden- und Ausländerfeindlichkeit. Walter Süß dagegen vermutet in den Fan-Milieus der DDR gar eine "Vorreiterrolle" für den späteren organisierten Rechtsextremismus, da es außerhalb der Fanclubs kaum Strukturen gab, welche Treffen mit Gleichgesinnten ermöglicht hätten. Das Umfeld von Fußballspielen der DDR-Oberliga indes bot hierfür eine geeignete Plattform.[56] Oder verbargen sich hinter solchen Handlungen in Verbindung mit passenden Skinhead-Outfits lediglich "Provokationen", um durch aufrührerisch-rebellisches Gebaren schlichtweg "aufzufallen", ähnlich alternativen Verhaltensweisen wie in der Punk-Bewegung? Handelt es sich bei derartigen Erscheinungen gar um anthropologische Konstanten, die – zunächst völlig unabhängig von dem gesellschaftlichen System – beinahe schon zwangsläufig in modernen Industriegesellschaften auftauchen müssen?

Eine überzeugende Deutung solchen Verhaltens bietet wiederum Girtler: Im Stadion bestehe die Chance für den jungen Menschen, zu einer "positiven Identität" zu gelangen und insbesondere durch Siege der eigenen Mannschaft ein stolzes Selbstverständnis entwickeln zu können – besonders dann, wenn die soziale Situation unbefriedigend sei. Vermittels "Mannbarkeitsritualen", im Sinne des französischen Kulturanthropologen Arnold van Gennep auch als Übergangsriten ("rites des passages") auszulegen, gelangte der Einzelne durch Spott- und Hassgesänge sowie mit außerhalb des Sagbarkeitsregimes (Michel Foucault) der DDR liegenden, politisch regelwidrigen und die Selbstlegitimation des Staates konterkarierenden Aussagen gegenüber gegnerischen Fans, der Polizei, oder auch Staatsführung allgemein zu höherem Ansehen innerhalb seiner Gruppe. Fußballspiele wurden offenkundig – und dies ist keineswegs nur ein Spezifikum der DDR – als ein aufregendes Gemeinschaftserlebnis voller "männlichkeitsorientierter Zeremonien"[57], als Gegensatz zum oft tristen Schul- und Arbeitsalltag verstanden. Wie auch immer die Antwort auf die oben gestellte Frage ausfällt, festzustehen scheint nur, dass sich in beiden deutschen Staaten im Verlauf der 1980er-Jahre ein auffällig-gewaltbereites Klientel herausschälte und zur neuen Herausforderung im geteilten, wie auch kurz darauf im wiedervereinigten Deutschland wurde.


Fußnoten

44.
BArch DP 3/1214, n.p.
45.
Vgl. u.a. die antisemitischen Parolen von "Fans" des 1. FC Kaiserslautern gegenüber dem israelischen Spieler Itay Shechter am 25.2.2012: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,817771,00.html [17.4.2012].
46.
Vgl. Braun/Teichler (Anm. 10), S. 571; Siegler (Anm. 14), S. 61–73; Hans-Georg Golz, "Kopien" und "Nachäffer". Rechtsextreme Gewalt im letzten Jahrzehnt der DDR, in: Gisela Helwig (Hg.), Rückblicke auf die DDR. Festschrift für Ilse Spittmann-Rühle, Köln 1995, S. 209–219, bes. 210f.
47.
Girtler (Anm. 12), S. 113.
48.
Vgl. Werner Kern, Skinhead-Terror in der DDR, in: Rheinische Post, 6.5.1989.
49.
Staatsanwalt des Bezirkes Dresden an den Generalstaatsanwalt der DDR, 16.8.1989, BArch DP 3/1214, n.p. Weitere Beispiele bei Dennis (Anm. 4), S. 61f.
50.
Vgl. Willmann (Anm. 3), S. 58, 96, 146.
51.
Vgl. Dennis (Anm. 4), S. 54; Braun (Anm. 10), S. 444.
52.
Vgl. die entsprechende Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft Berlin, BArch DP 3/1214. Weitere Beispiele bei Braun (Anm. 10), S. 443.
53.
Vgl. Braun/Teichler (Anm. 10), S. 572.
54.
Vgl. Thomas König, Fankultur. Eine soziologische Studie am Beispiel des Fußballfans, Münster 2002, S. 23.
55.
Vgl. die Aussagen von Zeitzeugen in den Interviews bei: Willmann (Anm. 3), S. 23, 32, 42, 70, 198.
56.
Vgl. Walter Süß, Zur Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS, in: Heinrich Sippel/ders. (Hg.), Staatssicherheit und Rechtsextremismus, Bochum 1994, S. 43f.
57.
Vgl. Girtler (Anm. 12), S. 122.

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