Beleuchteter Reichstag

counter
3.5.2012 | Von:
Christoph Lorke

"Ungehindert abreagieren"

Hooliganismus in der späten DDR im Spannungsfeld von Anstandsnormen, Sozialdisziplinierung und gesellschaftlichen Randlagen

Schlussbemerkung

Was sagen die skizzierten Entwicklungen aus über die DDR-Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch? Jugendliche sahen sich in der DDR einem besonderen Spannungsfeld ausgesetzt: Es ging auf der einen Seite um politischen Konformismus, um unbedingte Unterordnung, dezidierte Erwartungen an Richtigkeit der Lebensführung und um eine fremdbestimmte Biografie. Andererseits existierte eine deutliche Orientierung an westlichen Trends im Bereich der Konsumwelt, Freizeit, Mode, Musik und auch dem Fußball. Dieser verhieß einen einigermaßen ideologiefreien Raum fernab sozialistischer "Anständigkeit". Auch wenn man einen Kulturtransfer nicht auf eine bloße Übernahmepraxis reduzieren und die Eigenheiten einer diktatorisch verfassten Gesellschaft und ihren jeweiligen systemspezifischen Lebenswelten nicht verkürzen sollte, lassen sich doch erstaunlich parallel laufende kulturelle Erscheinungen festhalten: Viele junge Menschen suchten – hüben wie drüben – im Fußball ihre "Nische"; gerade in der DDR sehnten sie sich nicht selten nach einem "Ausbruch aus dem stinklangweiligen Alltag".[58]

Wie die staatsanwaltschaftlichen Überlieferungen verdeutlichen, stand die Staats- und Parteiführung diesen "unanständigen" Erscheinungen mit einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber. Hooligans wurden als "wesensfremde" Erscheinungen perzipiert und mit entsprechenden negativen Images stilisiert. Dieser ohnmächtig-verfehlte Umgang mit abweichendem Verhalten verstellt dabei den Blick auf die eigentlichen Ursachen: In den vollen Stadien und unter Einfluss von Alkohol gab es für eine Anzahl junger Menschen Ablenkung vom Betrieb; das berauschende Gefühl des Singens von Verbotenem, von sonst undenkbaren Slogans verlieh dem Einzelnen eine ungekannte Stärke und war offenbar eine einfache Möglichkeit, gegen die Spannungs- und Reizlosigkeit, gegen Indoktrination, Gängelung und Kontrolle, gegen die Enge und Provinzialität im "entwickelten Sozialismus" zumindest im Kleinen aufzubegehren. Mit dem Aussprechen von Untersagtem und mit der offenen Gewaltanwendung verletzte man nicht nur gezielt ein Tabu in einer stark reglementierten Gesellschaftsordnung, man durchkreuzte die propagierten Ziele der Staats- und Parteiführung und schuf somit einen Akt "herrschaftsfreier Kommunikation".[59] Sportereignisse wie Fußballspiele boten nicht nur den Schutz der Masse, Einzelne konnten sich so wenigstens teilweise der Kontrolle der Staatsmacht entziehen. Ausschreitungen verbaler wie körperlicher Natur zeugten nicht zuletzt von grenzüberschreitenden Strömungen, die mit all ihren geschilderten Implikationen keineswegs vor der Mauer Halt machten und lange nach deren Fall bis heute nachwirken.

Fußnoten

58.
Interview mit einem Anhänger von BFC-Dynamo Berlin in: Willmann (Anm. 3), S. 33.
59.
Wolfgang Engler, Private Gewalt als politischer Akt, in: Willmann (Anm. 3), S. 120.

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 24. - 26. Juli 1953
    Das ZK der SED bestätigt den »Neuen Kurs« mit den Hauptzielen, den Lebensstandard und die politischen Verhältnisse zu verbessern. Die Investitionen für die Konsumgüterproduktion und die Landwirtschaft sollen erhöht werden. Ulbricht festigt seine... Weiter
  • 24. Juli 1967
    Das Parteiengesetz regelt Status, Struktur und Aufgaben der politischen Parteien, die im Grundgesetz verfassungsrechtlich privilegiert sind (Art. 21). Es enthält - von den Grundsätzen der Gründungs- und Betätigungsfreiheit ausgehend - Bestimmungen über Rechte... Weiter
  • 24. Juli 1990
    Die Liberalen treten aus der Regierungskoalition des Ministerpräsidenten de Maiziére aus, ziehen jedoch ihre zwei Minister (Preiß und Viehweger) aus dem Kabinett nicht zurück. Vorausgegangen waren Koalitionsstreitigkeiten: Während die CDU den Beitritt der DDR... Weiter