Beleuchteter Reichstag

counter
3.5.2012 | Von:
Christoph Lorke

"Ungehindert abreagieren"

Hooliganismus in der späten DDR im Spannungsfeld von Anstandsnormen, Sozialdisziplinierung und gesellschaftlichen Randlagen

Ausschreitungen randalierender Fans waren seit den 1980er-Jahren in einem wachsenden Maße auch bei Sportveranstaltungen in der DDR zu beobachten. Eine Annäherung an den Hooliganismus in der DDR, die sowohl die Perspektive der Staatsmacht als auch die soziale Bedeutung dieses gesellschaftlichen Phämonens zu berücksichtigen versucht.



Einleitung

Seit dem Ende der 1970er-Jahre ließ sich europaweit ein Phänomen feststellen: Bei Sportveranstaltungen, besonders im Fußball, mehrten sich Ausschreitungen randalierender "Fans". Ausgehend vom Westen des Kontinents, wie zunächst England[1] und später der alten Bundesrepublik,[2] schwappten gewaltsame Verhaltensweisen von Fußballfans bald zunehmend in die sozialistischen Staaten über, die auch hier zu illegitimen, teils staatsfeindlichen Gewaltritualen führten.[3] Auch wenn es bereits früher Krawalle bei Fußballspielen in der DDR gegeben hatte,[4] so ist eine Häufung ab Mitte der 1980er-Jahre virulent, wurden vermehrt Vorgänge des "feindlich-negativen Fußballanhangs" registriert. Kunde hiervon geben Quellen verschiedener Provenienz, unter anderem die in jener Zeit deutlich intensivierte Beschäftigung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit diesen Fangruppen.
Union-FC BerlinZehn Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit kam es nach dem Pokalspiel der Lokalrivalen 1. FC Union und FC Berlin (zuvor BFC Dynamo) zu Tumulten zwischen den Fangruppen, 23. September 1990. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0923-300; Foto: Klaus Franke)
So befasste man sich im Zeitraum 1981–1988 mit dem "rowdyhaften Fußballanhang" des staatsnahen BFC Dynamo (Berlin);[5] zur gleichen Zeit kam es zur Bildung einer Arbeitsgruppe der Abteilung XX/2 der Bezirksverwaltung Berlin des MfS zur Überwachung des Fan-Geschehens beim Stadtrivalen 1. FC Union Berlin.[6] Die insbesondere in den Jahren 1982–1989 entstanden Diplom- und sonstigen wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten zum Thema verweisen auf einen offenbar als bedeutsam empfundenen Handlungsbedarf.[7] In den Augen der Staatsmacht handelte sich bei dieser Randgruppe innerhalb der Fußballanhängerschaft um eine Subkultur mit einem inhärenten gefährlichen politischen Potential.

Was heute als skurril-unwesentliche Fußnote der DDR-Geschichte erscheinen mag, ist jedoch nicht zuletzt als ein kaum zu unterschätzender zeitgenössischer Reflex deutsch-deutscher und europäischer Entwicklungen zu verstehen. Denn weit weniger als von der Staats- und Parteiführung gewünscht gelang es, die Menschen in der "geschlossenen" DDR-Gesellschaft von Einflüssen westlicher Jugendkultur abzuschirmen.[8] Ziel der dokumentierenden Behörden war es stets, "abweichendes Verhalten" von Jugendlichen zu erfassen und diese zu einer "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit" umzuformen, notfalls durch Kriminalisierung gar gänzlich auszugrenzen.

Im Folgenden soll auf der Grundlage generalstaatsanwaltschaftlicher Unterlagen aus dem Bundesarchiv[9] ein Schlaglicht auf die Funktionalität des Hooliganismus in der späten DDR insbesondere aus der Perspektive der Staatsmacht geworfen werden. Das so gewonnene Bild versteht sich als komplementäre Ergänzung nicht nur zu den rezenten Bemühungen der (Sport-)Historiografie zur Erhellung der Thematik,[10] sondern auch zu den vorliegenden Selbstaussagen Beteiligter[11] und vermittelt dadurch weiterführende Einblicke in Perzeption, Argumentations- und Handlungspraktiken übergeordneter staatlicher Stellen in ihrer Konfrontation mit gesellschaftlichen Randerscheinungen.

Einen instruktiven übergreifenden Ansatz zur Interpretation von Hooliganismus liefert der Ethnologe Roland Girtler. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei Fußballanhängern ganz unabhängig vom Kulturkreis schlichtweg um Manifestationen einer "Unanständigkeit" handele, die "in einem massiven Gegensatz zu den allgemein akzeptierten Regeln einer Gesellschaft"[12] stünden. Demnach waren gewalttätige Fußballanhänger auch in der späten DDR – so die These der folgenden Ausführungen – ein weiterer antithetischer Gegenpart zu der eingeforderten "angemessenen" Lebensführung im Sinne des "Sozialismus", der sich in Erscheinungen wie bloßer Gewalttätigkeit, dem Skandieren antisemitisch-neonazistischer Parolen und sonstiger Provokation äußern konnte. Mit Thomas Lindenberger kann für die sozialhistorische Bedeutung einer solchen gesellschaftlichen Randlage ähnlich wie bei "Asozialen" für "die Legitimationspraxis der SED-Herrschaft" eine "unverzichtbare symbolische Bedeutung"[13] angenommen werden. Als Negativfolie fungierten auch Hooligans als Kontrast zur übrigen sozialistischen Gesellschaft, an ihr orientierten sich Fingerzeig- und Reparaturversuche des Systems, an ihr definierten sich Verhalten und Lebensweise des gemeinen Arbeiters und Angestellten im "real existierenden Sozialismus".


Fußnoten

1.
Eric Dunning, Zuschauerausschreitungen. Soziologische Notizen zu einem scheinbar neuen Problem, in: Norbert Elias/ders., Sport im Zivilisationsprozeß. Studien zur Figurationssoziologie, Münster 1982, S. 123. – D. Vf. dankt Markus Goldbeck (Münster), Erik Richter (Magdeburg) und Manfred Zeller (Hamburg) für Kritik und Anregungen, für die Fotografien Harald Hauswald (Berlin).
2.
Gunter A. Pilz/Klaus Sengebusch, Hooligans und Skinheads. Die neuen Rechtsaußen der Nation?, in: Gerhard Paul (Hg.), Hitlers Schatten verblaßt. Die Normalisierung des Rechtsextremismus, Bonn 1989, S. 79–100, hier 80–88.
3.
Vgl. Anne Hahn/Frank Willmann, Einleitung, in: Ders. (Hg.), Stadionpartisanen. Fußballfans und Hooligans in der DDR, Berlin 2007.
4.
Vgl. Mike Dennis, Soccer Hooliganisms in the German Democratic Republic, in: Alan Tomlinson/Christopher Young (eds.), German Football. History, Culture, Society, London 2006, S. 56–58.
5.
Vgl. Interview in: Willmann (Anm. 3), S. 133–147.
6.
Vgl. Anne Hahn, Ausbruch aus der Langeweile, in: Willmann (Anm. 3), S. 157.
7.
Vgl. Hans-Jörg Stiehler, Jugendliche Fußballfans. Struktur und Einstellungen, Leipzig 1984 (dies war eine Art Expertise des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung); Dirk Kreklau, Die Gewinnung jugendlicher und jungerwachsener IM aus dem negativ-dekadenten Fußballanhang und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit ihnen, Hochschule des MfS, BV Leipzig, Abt. XX, 31.3.1989, BStU, MfS, JHS 21466; Reiner Veiko, Untersuchungen zu Straftaten und Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit Fußballveranstaltungen, HU Berlin, 6.5.1988, BStU, MfS, JHS 22036; vgl. ausführlich: Hahn (Anm. 6), S. 162–174.
8.
Vgl. Sonja Häder, Selbstbehauptung wider Partei und Staat. Westlicher Einfluss und östliche Eigenständigkeit in den Jugendkulturen jenseits des Eisernen Vorhangs, in: AfS 45 (2005), S. 449–474, bes. 449f.
9.
Bestand BArch DP 3/1214.
10.
Vgl. u.a. Dennis (Anm. 4); Willmann (Anm. 3); Jutta Braun, Sportfreunde oder Staatsfeinde? Fußballfans im Visier der Staatsmacht, in: DA 37 (2004) 3, S. 440–447; dies./Hans Joachim Teichler: Fußballfans im Visier der Staatsmacht, in: Ders. (Hg.), Sport in der DDR. Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003.
11.
Vgl. Willmann (Anm. 3).
12.
Roland Girtler, Randkulturen. Theorie der Unanständigkeit, Wien u.a. 1995, S. 12.
13.
Thomas Lindenberger, "Asoziale Lebensweise". Herrschaftslegitimation, Sozialdisziplinierung und die Konstruktion eines "negativen Milieus" in der SED-Diktatur, in: Geschichte und Gesellschaft 31 (2005), S. 227–254, hier 229.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 21. Oktober 1949
    Bundeskanzler Adenauer betont im Bundestag, die BRD sei »allein befugt, für das deutsche Volk zu sprechen« (Alleinvertretungsanspruch). Sie erkenne daher nicht als verbindlich für das deutsche Volk an, was die »Sowjetzone« u. a. über die Oder-Neiße-Linie... Weiter
  • 21. Oktober 1969
    Der Bundestag wählt Willy Brandt (SPD) mit den Stimmen der FDP (251 von 249 erforderlichen) zum Bundeskanzler. Damit steht erstmals seit 39 Jahren (Kabinett Hermann Müller 1928 1930) und nach 20 Jahren ununterbrochener CDU/CSU-Herrschaft (1949 - 1969) wieder... Weiter
  • 21. Oktober 1987
    Erstmals seit der Teilung der Stadt treffen der West-Berliner Regierende Bürgermeister und der Ost-Berliner Oberbürgermeister zusammen: Eberhard Diepgen und Erhard Krack begegnen sich in der Marienkirche anlässlich der Feierlichkeiten zum 750-jährigen... Weiter
  • 20./21. Okt. 1950
    Die DDR nimmt erstmals an einer Außenministerkonferenz sozialistischer Staaten in Prag teil. Sie protestieren gegen Pläne, Deutschland zu remilitarisieren und in »Aggressionspläne« einzubeziehen. Statt dessen fordern sie, den Rat der Außenminister neu... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen