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3.5.2012 | Von:
Anne Wanner

"Erfolge unserer Sportler –
Erfolge der DDR"

Das Leipziger Sportmuseum und die museale Präsentation der (Sport-)Nation DDR

Das Leipziger Sportmuseum

Tausende Besucher waren 1977 zum VII. Turn- und Sportfest der DDR nach Leipzig gereist. Neben den zahlreichen sportlichen Veranstaltungen feierte die Messestadt in diesem Jahr auch die Eröffnung des ersten größeren Sportmuseums der DDR. Bis dahin hatte es lediglich zwei sporthistorische Gedenkstätten (die Guths-Muths-Gedenkstätte in Schnepfenthal und das Jahnmuseum in Freyburg/Unstrut) sowie das Wintersportmuseum in Oberhof und ein sporthistorisches Sammlungszentrum in Ost-Berlin gegeben. Keines dieser Häuser präsentierte Sportgeschichte so DDR-bezogen und umfassend wie das Leipziger Sportmuseum.

Ursprünglich von lokalen Arbeitersportlern initiiert und schließlich von der SED- und Sportführung gebilligt und unterstützt, entstand das Leipziger Sportmuseum unter Beteiligung führender DDR-Sporthistoriker und örtlicher Museumsfachleute. Sowohl die zentrale Sportführung der DDR als auch örtliche Parteifunktionäre nahmen jedoch ebenfalls immer wieder Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung und Gestaltung des Sportmuseums. Der damalige Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig und Leiter der Arbeitsgruppe Sportmuseum, Lothar Wenzel, erinnert sich an verschiedene Besprechungen mit DDR-Sportchef Manfred Ewald, Vertretern des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport und Vertretern des Rates der Stadt Leipzig sowie der SED-Bezirksleitung, in denen diese ihre konzeptionellen Vorstellungen und Änderungswünsche an das Museumskollektiv weitergaben.[9] Der Sport als eines der wenigen Gebiete, auf dem die DDR nicht nur in Propagandaverlautbarungen Weltniveau erreichte, war augenscheinlich zu wichtig, als dass politische Einflussnahme in einem regionalgeschichtlichen Museum ausbleiben konnte.

Die so erarbeitete Zielstellung des Museums fasste Wenzel schließlich folgendermaßen zusammen: "Die gute Kenntnis vom Werden und Wachsen unseres Staates – in unserem Fall am Beispiel des Sports – dient der Förderung des sozialistischen Nationalbewusstseins."
Turn- und Sportfest Leipzig 1977Probe zum Schlussbild der Sportschau des Turn- und Sportfestes 1977 im Leipziger Zentralstadion, in dessen Rahmen auch das Sportmuseum eröffnet wurde. (© Bundesarchiv, Bild 183-S0727-121; Foto: Peter Koard)
Die Ausstellung, so Wenzel weiter, sollte "unseren Bürgern ein Gefühl des berechtigten Stolzes auf unsere Leistungen im Freizeit- und Erholungssport, auf die Erfolge […] des Leistungssports" vermitteln.[10] Die politisch-ideologische Leitlinie war damit eindeutig festgeschrieben. Inwieweit entsprachen diese Formeln aber auch der musealen Realität?

Auf insgesamt 600 Quadratmetern präsentierte das Sportmuseum in drei chronologisch gegliederten Abschnitten die Geschichte des ostdeutschen Sports vom Beginn der Arbeitersportbewegung im 19. Jahrhundert bis in die sozialistische Gegenwart. Die Ausstellung wurde 1991 abgebaut – die Bestände magaziniert. Ausstellungsdrehbücher und Fotos, die im Hausarchiv des Sportmuseums erhalten sind, ermöglichen es jedoch auch heute noch, einen Blick in die Ausstellung von damals zu werfen. Zwei exemplarisch ausgewählte Ausstellungseinheiten zum olympischen Sport sowie zur DDR als Akteur auf internationalem sportpolitischen Parkett geben Auskunft darüber, wie die Leipziger Museumsmacher die "sozialistische Sportnation" DDR museal in Szene gesetzt hatten.

"Olympische Erfolge – Beitrag zum wachsenden Ansehen des Sozialismus"

Kaum ein anderes sportliches Ereignis ließ einerseits die eindrucksvolle Effizienz des ostdeutschen Leistungssportsystems und andererseits die politische Dimension des Sports als Ersatzschauplatz des Kalten Krieges in so konzentrierter Form zu Tage treten wie die Olympischen Spiele. Der enorme Erfolg von DDR-Athleten bei Olympia machte die umfassende Darstellung dieses Themengebiets im Sportmuseum unverzichtbar. Insgesamt zeigte das Sportmuseum in sechs über die Dauerausstellung verteilten Großvitrinen die Erfolgsbilanz der DDR bei den Olympischen Spielen von 1956 bis 1976. Die Spiele von 1952, an denen die DDR mangels Anerkennung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht teilgenommen hatte, erfuhren keine museale Würdigung. Alle Vitrinen, die sich konkret mit den Olympischen Spielen befassten, folgten einem einheitlichen gestalterischen Prinzip: In einer zweigeteilten Großvitrine waren die jeweiligen Winter- und Sommerspiele eines Jahres gemeinsam untergebracht. Ein in jeder Vitrine angebrachter Medaillenspiegel informierte die Besucher über die olympische Erfolgsbilanz der DDR-Sportler. Außerdem enthielt jede Vitrine Nachbildungen der errungen Medaillen, Fotos der siegreichen Athleten sowie deren Sportkleidung und Sportgeräte. Die olympiabezogenen Ausstellungselemente waren aus heutiger Sicht jedoch viel mehr als nur ein Schaukasten realsozialistischer Erfolge: Die Darstellung olympischer Geschichte zwang das sonst auf die Entwicklung von Körperkultur und Sport im eigenen Land beschränkte Sportmuseum dazu, sich mit einem Kapitel deutsch-deutscher (Sport-)Geschichte auseinanderzusetzen, das in vielerlei Hinsicht die politischen Spannungen zwischen den beiden deutschen Staaten widerspiegelte.

Als die DDR 1951 ihr eigenes Nationales Olympisches Komitee gründete, war auch im deutschen olympischen Sport der Kalte Krieg ausgebrochen: Die Gründung eines eigenen NOK stellte eine klare Kampfansage gegen den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik auf sportlichem Gebiet dar. Das Internationale Olympische Komitee versuchte daraufhin, diesen politischen Fakten mit ganz eigenen Wirklichkeiten zu begegnen. Es forderte die Bundesrepublik und die DDR dazu auf, eine gesamtdeutsche Mannschaft zu bilden, um die offizielle Teilung im Sport und eine klare Stellungnahme des IOC zur Deutschen Frage zu vermeiden. In der Ausstellungseinheit "Im Kampf um Olympisches Lorbeer"[11], die die Teilnahme von DDR-Sportlern im Rahmen einer gesamtdeutschen Mannschaft an Olympischen Wettbewerben thematisierte, fanden diese sportpolitischen Prozesse ihre museale Entsprechung. Mit der – wenn auch nur provisorischen – Anerkennung ihres NOK konnte die DDR 1955 auf sportlichem Gebiet einen Erfolg im Kampf um internationale Anerkennung und gegen den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik verzeichnen. Die damit verbundene Erlaubnis zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 1956 ermöglichte es dem SED-Staat außerdem, sich auf internationaler Bühne als zweiter deutscher Staat zu präsentieren. Fast 20 Jahre vor der diplomatischen Anerkennung der DDR durch westliche Staaten und nur zwei Jahre, nachdem sich die SED-Diktatur am 17. Juni 1953 mit der Niederschlagung des Volksaufstandes durch sowjetische Truppen international in Verruf gebracht hatte, bedeutete auch eine vorläufige Anerkennung auf sportpolitischer Ebene einen enormen Erfolg. Der in der Vitrine angebrachte Ausstellungstext wies ausdrücklich auf diesen Triumph hin: "Nach jahrelangem Kampf bewirken die wachsenden Erfolge des DDR-Sports sowie die solidarische Haltung der sozialistischen Ländern und anderer demokratischer Kräfte des Weltsports 1955 die Anerkennung des NOK der DDR durch das IOC. Bis 1964 erfolgt auf der Grundlage eines IOC-Beschlusses die Teilnahme von DDR-Sportlern im Rahmen gemeinsamer Mannschaften beider deutscher Staaten."

Während dieser Ausstellungstext noch auf die Existenz einer gesamtdeutschen Olympiamannschaft für die Zeit zwischen 1956 und 1964 hinwies, trat dies in den folgenden Ausstellungseinheiten stark in den Hintergrund. Die nationale Ausrichtung des Museums sowie der in der Feinkonzeption des Hauses formulierte Grundsatz, die Rolle von Körperkultur und Sport im "antiimperialistischen Kampf" in der musealen Präsentation hervorzuheben, verbot selbstverständlich die Darstellung der sportlichen Erfolge des "Klassenfeindes", auch wenn diese unter gemeinsamer Olympiafahne errungen worden waren. Unter diesem Blickwinkel verwundert es kaum, dass die in den Vitrinen gezeigten Medaillenspiegel lediglich die von DDR-Sportlern errungenen Medaillen aufführten, obwohl für die Zeit der gesamtdeutschen Mannschaft auch das IOC die olympischen Erfolge gesamtdeutsch führte. Da die DDR sich in den 1970er-Jahren bereits als eigenständige Nation definierte, war es für die Leipziger Museumsmacher nur konsequent, den nationalen Rahmen, in dem sie die Sportgeschichte darstellten, auf die DDR zu beschränken.

Die museale Präsentation der Olympischen Spiele zwischen 1956 und 1964 konnte insgesamt den Eindruck erwecken, als sei die DDR von Anfang an mit einer eigenen Mannschaft angetreten. Die Bildlegende eines Fotos, das DDR-Athleten bei den Winterspielen von Squaw Valley 1960 zeigte, lautete "DDR-Mannschaft zu den Olympischen Winterspielen 1960" und überging damit die Tatsache, dass es 1960 de facto keine selbstständige DDR-Mannschaft gegeben hatte. So wenig die gesamtdeutsche Olympiageschichte Teil der musealen Präsentation war, so ausführlich widmeten sich die folgenden Ausstellungseinheiten einer selbstständigen DDR-Olympiamannschaft sowie den wachsenden und fortan "rein sozialistischen" Erfolgen des ostdeutschen Sports bei olympischen Wettbewerben. Immer wieder verwiesen Ausstellungstexte und Bildunterschriften auf die nunmehr selbstständige DDR-Mannschaft während in den vorherigen Ausstellungseinheiten stets von einer deutschen, nicht aber von einer gesamtdeutschen Mannschaft die Rede gewesen war.

Olympiavitrine Sportmuseum LeipzigVitrine zu den Olympischen Sommerspielen 1972 in München in der Dauerausstellung des Leipziger Sportmuseums (© Stadtgeschichtliches Museum/Sportmuseum Leipzig)
Die Olympischen Sommerspiele in München 1972 bildeten mit Sicherheit einen der Höhepunkte des deutsch-deutschen "Kalten Krieges auf der Aschenbahn"[12]. Das erklärte Ziel der SED für München war es gewesen, eine Platzierung der DDR vor der Bundesrepublik zu erreichen und so "dem westdeutschen Imperialismus bei den Olympischen Spielen im eigenen Land eine sportliche Niederlage beizubringen"[13]. "Staatsziel: Medaillen" – so lautete fortan das Motto der ostdeutschen Sportpolitik. Die politische Aufladung der Spiele manifestierte sich jedoch nicht in der Darstellung des Sportmuseums: Die betreffende Vitrine zeigte die Mannschaftskleidung von 1972, Fotos erfolgreicher Sportler und weitere sportliche Originalobjekte.[14] Bis auf rein informativ gehaltene Bildunterschriften enthielt die Vitrine keinen erläuternden Ausstellungstext, der darauf hinwies, dass die DDR Westdeutschland in der Nationenwertung überflügelt hatte. Der unglaubliche sportliche Erfolg – die DDR-Athleten hatten insgesamt 66 Medaillen errungen – bedurfte aber letztlich auch keiner weiteren Erklärung. Die Leipziger Vitrine zeigte eine Nachbildung jeder einzelnen in München erkämpften Medaille der DDR und demonstrierte so in Gold, Silber und Bronze eindrucksvoll deren olympischen Triumphe. Auch ohne den Hinweis auf die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems, als dessen Ausdruck die Staatsführung die sportlichen Erfolge wertete, beeindruckte diese Medaillenschau sicherlich die Museumsbesucher.

Insgesamt zeigten sich die zahlreichen Ausstellungselemente zum Thema Olympische Spiele im Leipziger Sportmuseum immer wieder als Mikrokosmos ostdeutscher (Sport-)Politik. Die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz und das Anerkennungsstreben der DDR auf internationaler Ebene wurden in den Museumsvitrinen greifbar. Die Kernaussage der Vitrinen und Wandelemente fassten die Museumsmacher schließlich am Ende des dritten Ausstellungsteils noch einmal in einer Überschrift zusammen, die eine ganze Ausstellungswand zierte: "Olympische Erfolge – Beitrag zum wachsenden Ansehen des realen Sozialismus."[15]

Fußnoten

9.
Telefoninterview d. Vf. m. Lothar Wenzel, 2.7.2010.
10.
Lothar Wenzel, Sportmuseum Leipzig – eine neue kulturelle Einrichtung der Stadt Leipzig, in: Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig, Hg. Museum für Geschichte der Stadt Leipzig, Leipzig 1978, S. 237–245, hier 244.
11.
Für die gesamte Ausstellungseinheit vgl. Drehbuch Dauerausstellung (II. Teil), Hausarchiv Sportmuseum, S. 68ff.
12.
Vgl. Uta A. Balbier, Kalter Krieg auf der Aschenbahn. Deutsch-deutscher Sport 1950–1972, Paderborn u.a. 2007.
13.
SED-ZK, Westabt., Sportpolitische Argumentation für die weitere Vorbereitung unserer Olym-piakader auf die Olympischen Spiele 1972 […], BArch DY 30/IVA2/1002, Bl. 14.
14.
Für die gesamte Ausstellungseinheit vgl. Drehbuch Dauerausstellung (III. Teil), HA Sportmuseum, S. 102–105.
15.
die gesamte Ausstellungseinheit vgl. ebd., S. 113.

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