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Beleuchteter Reichstag

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20.6.2012 | Von:
Peter Wurschi
Leonard Schmieding

"Hallo?! – Hier kommt die DDR"

Bericht über das Halbtagesseminar "Somewhere – Das Land hinter dem Zaun" mit Thüringer Schülern

10.00–11.00 Uhr: Block II

Nach Assoziation und einem einführenden Vortrag zum (auch punkigen) Jungsein in der DDR, widmen wir uns einer speziellen Jugend(sub)kultur genauer. Mit dem Beispiel HipHop lässt sich die grenzübergreifende Ausstrahlung von Jugendkulturen gut verdeutlichen.

In einem kurzen Vortrag und begleitet von einer multimedialen Präsentation mit Quellen aus der Geschichte der HipHop-Kultur führt Leonard Schmieding in das Thema HipHop als Jugendkultur in der DDR ein. Ausgehend von ihrer Entstehung in der Bronx (New York) geht er auf die politischen, sozialen und kulturellen Funktionen von Breakdance, Graffiti, DJing und Rap ein: die Verbindung von Party, Unterhaltung, Alltagsbewältigung, Selbstverwirklichung, künstlerischer Betätigung und Protest, und das alles in einer selbstorganisierten Gemeinschaft von Jugendlichen. Diese Dynamik faszinierte auch ostdeutsche Jugendliche, und sie begannen, ihre eigene Version von HipHop östlich des Eisernen Vorhangs zu praktizieren, immer mit dem Ziel, ihren amerikanischen Vorbildern möglichst nah zu kommen. (Eine Inspiration bot ihnen dabei der Film "Beat Street" von 1984, produziert von Harry Belafonte, der in der DDR als eine Symbolfigur des afroamerikanischen Widerstandes in den USA galt.) Kraft ihrer Imagination setzten sie dabei die Grenze außer Kraft – sie begingen sozusagen eine Art virtuelle "Republikflucht": Wenn sie sich in selbstkreierter HipHop-Mode gekleidet zum B-Boying (Breakdance) zusammenfanden, auf der Straße rappten oder auf ihren nächtlichen Streifzügen Graffiti sprühten, nahmen sie an einer transnationalen Jugendbewegung teil und befanden sich gefühlsmäßig in der Bronx. Im Unterschied zu Punks stießen sie dabei nicht auf eine kategorische Ablehnung, sondern konnten durchaus mit einer auf dem sozialistischen Bekenntnis zur internationalen Solidarität basierenden Akzeptanz rechnen, auch wenn diese immer an ein Kontrollbedürfnis und die entsprechenden Überwachungspraktiken gekoppelt war. Darüber hinaus verpackten die jugendlichen HipHopper ihre Botschaften verspielter und weniger konfrontativ als die Punks, sodass sie nicht als Provokation wahrgenommen wurden.

Mit diesem Überblickswissen und einer anschließenden Fragerunde, in der die Schülerinnen und Schüler sammeln, was sie nun bei der Bearbeitung des Materials im Detail herausfinden möchten, gehen wir über in den nächsten Block.

11.15–12.30 Uhr: Block III

Nach den Vorträgen und Überlegungen, wie HipHop und Punk nun in die DDR kamen, ist es aber gut mit Frontalunterricht. Wir haben unser Wissen geteilt, und die Jugendlichen sollen sich nun selber zu Experten weiterbilden. Das bisher Gehörte lässt bei ihnen viele Fragen offen: Wie sind die damals an die Klamotten rangekommen? Woher hatten sie die Musik? Wieso gingen Teenager bis zu 30-mal in "Beat Street"? Warum war Punkmusik so gefährlich? Und was haben sie eigentlich gesungen?

Wieder bündeln wir die Fragen, fassen zusammen und formulieren aus der Neugier der Schüler Arbeitsaufträge für die Quellenarbeit.

Somewhere-ProjektarbeitGruppenarbeitsphase (© Stiftung Ettersberg)
Wir haben genügend Quellen und Material mitgebracht, und je nach Gruppengröße und Klassenstufe werden sie variiert. Allerdings bleiben die zwei Themenschwerpunkte der Quellen gleich:

1. Selbstinszenierung der Jugend(sub)kulturen

Ausgehend von Songtexten, Fotos und Selbstbeschreibungen der HipHopper und Punks in den 1980er-Jahren erarbeiten sich die Jugendlichen ein Verständnis für die Situation der subkulturellen Protagonisten in der DDR. Alleine anhand der Songs "Care" (TJ Big Blaster Electric Boogie) und "Prügelknaben" (Schleimkeim) lassen sich Unterschiede, Gefühlslagen und Ideen der Musiker nachvollziehen. Ihre Haltung zur Macht der SED und ihr Umgang damit, wird ebenso deutlich.

Auszug aus TJ Big Blaster Electric "Boogies Care"
(englisches "Original")
Auszug aus TJ Big Blaster Electric "Boogies Care"
(deutsche "Übersetzung")
Schleimkeim
"Prügelknaben"
everytime attack we sack music history with electric b & my key is mystery electric posse still run dis town we're down with hip hop f*** u zig zag thick tag compromize money musicians always playin for your craftsman visions your music is useless we wouldn't choose it for deadly silence cos your rhythms are violent for our souls […]

we're laughing watching the pointer of our sucker seeker fast vibration result of this pigmeat nation termination of culture seems impossible becos of dis sucker invasion […] don't stare with your mouth open sucker just care
ständige attacke wir plündern die musikgeschichte mit electric b und key ist mystery electric posse regiert diese stadt wir machen hiphop verpisst euch ihr zick zack laufenden bescheuerten kompromiss knete musikanten ihr glaubt das handwerk macht alles eure musik ist nutzlos wir würden sie lieber gegen tödliche stille eintauschen denn eure rhythmen sind gewalt für unsere seelen […]
wir lachen und beobachten den zeiger unseres suchgerätes starke vibration resultat dieser schweinefleisch fressenden nation das urlaubsende der kulturhäuptlinge scheint unmöglich wegen dieser invasion von blödmännern […] starr mich nicht so an, pass bloß auf du
Wir wollen nicht mehr, wie ihr wollt Wir wollen unsere Freiheit, Wir sind das Volk, wir sind die Macht Wir fordern Gerechtigkeit Wir sind das Volk, wir sind die Macht Es ist zu spät, wenn es erst mal kracht Das ist die Realität Und du merkst, wie die Zeit vergeht Du merkst, wie du langsam hier verfaulst Und wie eine kranke Katze jaulst Gedanken werden sterilisiert Worte durch Zensur kastriert Bilder verfälscht, um den Schein zu wahren Sich stärker zeigen nach langen Jahren Den Willen nehmen und verformen In Normen durch genormte Normen Aufbegehren durch Gewalt verwehren Sich nur um des Nachbars Fehler scheren Das ist die Realität Und du merkst, wie die Zeit vergeht Du merkst, wie du langsam hier verfaulst Wie eine kranke Katze jaulst.


Es ist immer wieder überraschend, wie akribisch und genau sich die Schülerinnen und Schüler mit diesen Texten und dem Thema auseinandersetzen und Bezüge zu ihrer Lebenswelt herstellen. Doch nicht nur die Texte, sondern auch Fotos, Tagebucheinträge und Filmsegmente öffnen ein Fenster in die damalige Zeit. Entlang der sich selbstgestellten Arbeitsaufgaben werden Vorträge, kleine Präsentationen oder Rollen erarbeitet, die dann in der letzten Gruppenarbeitsphase vorgetragen werden.

2. Wahrnehmung der Jugend(sub)kulturen durch die Herrschenden

Unter diesem Schwerpunkt haben wir Akten des MfS aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), aus Staatsarchiven sowie Radioarchiven zusammengetragen. Zumeist das erste Mal mit der Sprache des MfS konfrontiert (Befehl 11/66 "zur politisch-operativen Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen der DDR" oder Protokolle der Bezirksverwaltung des MfS in Dresden) entsteht bei den Schülerinnen und Schülern oft Sprachlosigkeit, Unverständnis, Nachfragen: Was heißt "negativ-dekadent"? Wieso schreiben die so komisch [in den Akten des MfS]?

Die Konfrontation mit der Staatssicht, den Originalen der Herrschenden öffnet für viele Jugendliche ein neues Feld beim Betrachten der Geschichte. So intensiv, so nah haben sich die meisten noch nicht mit den Gegebenheiten auseinandergesetzt. Sicher, es sind Materialien der Elite, der "Avantgarde der Arbeiterklasse", und viele Menschen aus der ehemaligen DDR nehmen für sich in Anspruch, von diesem Denken, von der Arbeit und den Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit gegenüber Andersdenkenden nichts gewusst zu haben. Doch die von den Schülern untersuchten Akten und Anweisungen waren originäres Machtmittel der SED und ermöglichen einen zusätzlichen und wichtigen Blick auf die DDR-Geschichte.


Das Halbtagesseminar ist konzipiert für die Klassenstufe 9 bis 12 und kann sowohl von Realschulen als auch von Gymnasien gebucht werden. Wir haben die Materialien unterschiedlich stark aufbereitet, sodass von intensivem Studium der Originalakten bis hin zu fragegeleiteten Lesen von sprachlich aufbereiteten Quellen vieles möglich ist. Natürlich sind Unterschiede im Interesse und der Durchdringungskraft der Texte bei den Schülerinnen und Schülern der unterschiedlichen Klassenstufen zu bemerken. Ein Interesse, eine wache Neugier und der Spaß, sich – zumindest kurzzeitig – auf historische Pfade zu begeben, ist jedoch in jeder Schulart und in jeder Klassenstufe gleichermaßen anzutreffen.



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